Noch einmal das Jahr 2015

Marcus Kracht

18. August 2014




Peak Tight Oil

David Archibald schreibt auf Peakoilbarrel.com, dass der Peak für Tight Oil im Jahr 2015 sein wird. Damit wird auch die US Ölförderung wieder abnehmen. Noch so eine Bestätigung dafür, dass der Abwärtsdruck zunimmt. Viel wichtiger als dieses Detail ist natürlich die Großwetterlage. Wie ich schon öfter ausgeführt habe, lohnt es sich nicht besonders, die offiziellen Wachstumsdaten anzuschauen, weil sie geschönt sind. Stattdessen verrät uns die verfügbare Energiemenge etwas darüber, wie viel Wachstum wir eigentlich haben. Auch wenn einige (etwa Steve Kopits) einen Effizienzgewinn einrechnen, der auch dann zu wachsen erlauben würde, wenn die Energiemenge nicht wächst, ist auch dort der Freiraum begrenzt: soundsoviel Effizienz ist in der Summe möglich, irgendwann nutzen die größten Anstrengungen nichts. Und wenn das westliche Verbrauchsmodell überall in der Welt sich verbreitet, dann wird der Effizienzgewinn — jedenfalls pro Kopf gerechnet — keine Erleichterung bringen. Vor diesem Hintergrund also ist die Tatsache, dass die weltweit verfügbare Energiemenge sich nicht nach oben bewegt, bescheiden gesprochen, sehr bedeutsam.

Und noch etwas: es sieht so aus, als sei die Arktis zu schwieriges Gelände. Exxon und andere Firmen haben ihre Explorationslizenzen fürs Erste auslaufen lassen. Die enttäschenden Manövrierversuche mit den Bohrplattformen haben den Appetit etwas gezügelt. Die Explorationskosten sind auch so immer weiter in die Höhe gegangen, aber der Ölpreis steigt nicht mehr. Es scheint 110 Dollar pro Fass eine Art magische Grenze zu ein. Die Kosten können deswegen nicht mehr abgewälzt werden. Es wird wohl noch ein wenig dauern, bis der Preis wieder steigen wird. Ob es dann zu einer Neuauflage der Exploration kommen wird, sei dahingestellt. Schließlich wird dies wahrscheinlich auch zu einem Rückgang in der Nachfrage führen. Es ist ebenfalls nicht ausgeschlossen, dass es bis dahin einige Öfirmen vom Markt gefegt hat.

Das Ende des Wachstums

Werfen wir dessenungeachtet einen Blick auf die offiziellen Zahlen. Da sieht es — ungeachtet aller Versuche, die Zahlen aufzuhübschen — nicht gut aus. Fast die gesamte EU (nicht nur die Eurozone) ist in der Rezession: die neuesten Kandidaten sind neben Frankreich auch Italien. (Man lese etwa die neueste Zusammenfassung auf theautomaticearth.com. Der Guardian setzt vorsichtshalber schon mal Deutschland auf die Warteliste. Da Deutschland vornehmlich in die EU exportiert, wirkt sich die EU Krise naturgemäß auch auf die duetschen Exporte aus. Die Russlandkrise hat da vergleichsweise geringe Auswirkungen, auch wenn das gerne so gesehen wird. Und außerhalb der EU? Da haben wir Japan, dessen Leistungsbilanz (Exporte minus abfließendes Kapital) seit Neuestem negativ sind. Denn da Japan seine Atomkraftwerke abgeschaltet hat, muss es andere fossile Energieträger einkaufen. Die Politik des schwachen Jen hat diese erheblich verteuert. Dass auch die USA und China ihre eigenen Probleme haben, sollte nicht verwundern. Die Entwicklung in China verläuft ähnlich (nur schneller) wie in der BRD. Nach anfänglichen hohen Wachstumsraten wurde die drohende Ankühlung mit Konjunkturprogrammen aufgefangen, die allerdings viel Geld kosteten. Diese stoßen inzwischen in China auf Probleme. Es gibt schon Simmen, die vor einer asiatischen Schuldenkrise warnen. China jedenfalls sei gut beraten, die Wachstumserwartungen nicht zu hoch anzusetzen (siehe hier).

Das alles zeigt also deutlich, dass auch die offiziellen Zahlen nicht mehr verheimlichen lassen, dass das Wachstum sich verabschiedet hat. Die Frage ist wie so oft, was man dagegen unternehmen kann. Wirtschaftswissenschaftler und Finanzexperten sehen dabei stets den Fehler in der Wirtschaftspolitik, ohne zu fragen, ob eine andere Politik überhaupt etwas anderes hätte herausholen können. Möglicherweise hat genau diese Sichtweise uns zwar einen globalen Finanzcrash 2008 erspart, weil man zu außergeöhnlichen Wirtschaftsmaßnahmen gegriffen hat; aber man hat die Ursachen daür nicht bekämpfen können. Und zwar weil der Wachstumsdruck systemimmanent ist. Es hätte eines Systemwechsels bedurft, der nicht alleine eine Bankenreform beinhaltet hätte. Doch nicht einmal die letztere hat es letztlich gegeben. Die Zeit aber läft uns davon. Die außergewöhnlichen Maßnahmen verlieren so langsam ihre Wirkung. Wie ich schon hervorgehoben habe, wird Quantitative Easing in seiner Wirkung bei Null angekommen sein.

Das Wirtschaftssystem ist also von allen Seiten unter Druck: Wachstum muss sein (sonst können wir die Schulden nicht tilgen), aber es ist nicht da. Stattdessen wird die Milch mit allen Mitteln aufgeschäumt: Quantitative Easing, Qualitative Easing, Nullzinspolitik und so weiter. Wenn nun dieses System zu kollabieren droht, gibt es eigentlich keinen Weg mehr, das Ganze aufzuhalten.

Der verschobene Kollaps

Ich gehe also davon aus, dass es zu einer Finanzkrise kommen wird, wesentlich größer als die von 2014. Wie diese exakt vor sich gehen wird, vermag ich nicht abzuschätzen. Allerdings gibt es wohl zwei wichtige Punkte:

  1. Finanzkrisen sind an sich keine Produktionskrisen: die Produktion kann im Prinzip weiterlaufen. Finanzkrisen sind Allokationskrisen: das Geld wird umverteilt. Diejenigen Geldbesitzer, deren Werte seit 2008 durch die weltweite Intervention der Banken geschützt wurden, müssen nun wieder um ihr Geld fürchten.
  2. Da die primäre Ursache eine Energiekrise ist, bleibt zu vermuten, dass insbesondere Gebiete mit ausreichender eigener Energieversorgung die Krise am Besten abwehren können, da sie die Energie wenigstens nicht bezahlen müssen. (Voraussetzung dafür ist, dass die Verteilungsmechanismen rechtzeitig angepasst werden.) Dazu gehören: die USA, China und Russland. Europa gehört definitiv nicht dazu, Japan auch nicht. Diese werden deswegen wohl die großen Verlierer sein.
Um es noch deutlicher zu sagen: es gibt momentan keinen ausreichenden Grund für den hohen Lebensstandard in Europa. Dazu müsste ja irgendwie die Wertschöpfung so hoch sein, dass sie diese Unterschiede rechtfertigt. Von dem Bildungsniveau beziehungsweise den Fertigkeiten her sind allerdings Absolventen aus sagen wir China oder Indien keineswegs mehr zweitrangig. Die Industrie hat darauf längst mit Auslagerung der Produktion reagiert. Als zweiter Schritt erfolgt die Auslagerung der Gewinnabschöpfung (diese ist bereits im Gange). Ab dann kann sich Europa zwar als Traditionsmarke verkaufen, aber die Technik kommt überwiegend von anderswo her.



Marcus Kracht 2013-08-18