Das Jahr 2015

Marcus Kracht

26. Juli 2013




Konfluenz vieler Trends

Prognosen haben immer den Mangel, dass man nie genau weiß, ob sie stimmen. Deswegen ist natürlich immer fraglich, ob sie eine Basis für unser Handeln sein sollen. Sollen wir uns zum Beispiel auf den Ölmangel einstellen, wenn Peak Oil noch gar nicht da ist? Wenn er erst in 10 oder 20 Jahren kommt? Oder sollen wir uns um das Klima sorgen, wenn gar nicht klar ist, wie sehr sich die Atmosphäre aufheizen wird?

Meine Antwort darauf ist einfach: manche Dinge können wir mit solcher Gewissheit sagen und sie werden solche immensen Folgen haben, dass Nichthandeln sträflich ist. Ich rede hier speziell von der Energie- und Rohstoffkrise. Es ist gar nicht mehr die Frage, ob sie kommt. Eher ist die Frage, wie schnell sie uns erwischen wird. Die Chance, dass durch ein Wunder alles irgendwie noch anders kommt, ist sehr klein. Daher die Frage: Wann wird diese Entwicklung an einen Kipppunkt kommen, an dem alles anders wird?

Dieser Zeitpunkt scheint so gut wie gekommen. Ein oder zwei Jahre noch wird das alte System aushalten, dann wird es unter der Last zusammenbrechen. Spätestens also im Jahr 2015. Das Jahr 2015 ist mir in der letzten Zeit mehrfach über den Weg gelaufen. Es scheint für viele Entwicklungen eine Art von magischer Grenze darzustellen, jenseits derer wir in eine ganz andere Phase laufen. Hier eine Übersicht.

Beginnen wir mit der Wirtschaft. Die Politik des billigen Geldes ist anerkanntermaßen gefährlich, aber ein Umdenken ist nicht in Sicht, weil die Nutznießer der Politik sich mit allen Mitteln sträuben. Dabei zeigt sich in der oben verlinkten Grafik, dass der volkwirtschaftliche Effekt von Quantitative Easing (gemessen in Erhöhung des Bruttosozialprodukts relativ zu der Erhöhung der Verschuldung) linear gegen Null tendiert. Im Jahr 2015, so legen die Daten nahe, ist Schluss.

Intuitiv ist einsichtig, warum die Ausdehnung des Kreditvolumens bzw. die Erhöhung der Verschuldung irgendwann wirkungslos bleiben muss: das zusätzliche Geld erwirtschaftet ja keinen Mehrwert. Nur weil eine Bank oder ein Staat mehr Geld vergibt, wird es nicht leichter, Autos herzustellen. Das bereitgestellte Geld kann lediglich dazu dienen, die Hemmnisse für die Produktion zu eliminieren oder die Nachfrage zu stabilisieren. Was man damit nicht erreichen kann, ist, die Produktion selbst zu erhöhen, denn dafür muss man mehr Energie zur Verfügung stellen. Wenn man also davon ausgehen, dass wir nicht wirklich eine Wirtschaftskrise haben sondern eher eine Energiekrise, dann ist mehr als offensichtlich, warum Quantitative Easing oder Abenomics (die japanische Variante) wirkungslos werden muss: es gibt nur begrenzt viele Produktivkräfte, die man freisetzen kann. Sind sie freigesetzt, verschwindet der Effekt.

Der große Rahmen

Was bedeutet all das? Ich fange mal mit der EU an. Immer mehr Länder sind in einer Rezession. Frankreich hat gerade bei der dritten Ratingagentur die Bestnote verloren. Italien steht angeblich kurz vor Ramschniveau. Die Kürzungen erweisen sich zudem in vielen Ländern als Bumerang. (Nur mal so nebenbei: wo ist eigentlich der große Unterschied, wenn die Häfen oder das Fernsehen in Griechenland nicht mehr staatlich sondern komplett privat sind? Muss das dann nicht auch irgendwie bezahlt werden? Glaubt hier irgendwer, die privaten Investoren seien vom Sozialamt?) Was immer man den Ratings an Bedeutung beimessen will: die Einschätzungen sind nicht aus der Luft gegriffen. Eher kommen sie mit einer gewissen Verzögerung. Die Märkte haben schon längst verstanden, weswegen der Schub an der Börse aufgrund dieser Nachrichten meist ausbleibt. Und die Märkte wissen vermutlich auch, dass ein Land wie Deutschland sich auch nicht mehr lange oben halten wird. Die abnehmenden Exporte nach Europa werden — noch — durch Exporte nach China kompensiert. Doch die Angst bleibt, dass die demnächst auch nicht mehr wachsen. Wann sich das in einer offiziellen "Ansage" niederschlägt, ist eine andere Sache. Auf Ratings kann man natürlich pfeifen, aber die unterliegenden Probleme bekommt man davon nicht weg.

Eins sollte man hierbei festhalten: eine Ausdehnung der Produktion ist nur noch marginal möglich. Sich also vorzustellen, die schwindende Kaufkraft durch irgendwelche Steuerprogramme abwenden zu können, ist wenig hilfreich. Die gesamte Produktionsmenge ist durch die vorhandenen Rohstoffe und die Energie begrenzt. Wobei man über die Verteilung der Vermögen und Gehälter natürlich durchaus reden muss.

Deswegen kann China nicht in dem gewohnten Maße weiter wachsen. Dort versucht man gerade, die Bremse zu ziehen. Das ist natürlich nicht so ganz freiwillig. Die Ankündigung, man werde den CO2-Ausstoß ab dem Jahr 2016 einfrieren, ist ebenso wie die Begrenzung der Neuzulassungen in Städten nur der Versuch, ohnehin notwendige Reformen als freiwillige Maßnahme darzustellen. Die Wachstumsraten in China, so sagt Tom Whipple, liegen ohnehin eher bei 3 denn bei 7 Prozent, da sie maßgeblich durch Konjunkturmaßnahmen mit zweifelhaftem Nutzen erzielt wurden. (Wolfgang Münchau zitiert die Zahl von 4 Prozent, aber das macht keinen großen Unterschied.) Jetzt wird sogar erklärt, China müsse sich neu erfinden. Man sieht hier, dass viele Entwicklungen im Westen der vergangenen Jahrzehnte sich nun dort wiederholen. Auch Deutschland hat mit riesigen Wachstumsraten angefangen, die dann allmählich schrumpften, sodass man mit Konjunkturprogrammen nachhelfen musste. China wird aber als Wachstumsmotor allein deswegen ausfallen, weil die Energiemenge kaum noch nennenswert gesteigert werden kann. Schon jetzt verbrennt China mehr als die Hälfte der weltweit geförderten Kohle! Man braucht verdammt viel Phantasie, wenn man erklären möchte, wie das chinesische Wirtschaftswunder noch weiter anhalten kann.

Es gibt eigentlich kein Land mehr, dass sich diesem Sog entziehen kann. Japan kämpft mit einer drohenden Rezession und damit, dass die Rentenkassen mehr auszahlen als sie einnehmen, was hierzulande sicher auch schon der Fall sein dürfte, nur wird es nicht an die große Glocke gehangen. Raúl Ilargi Meijer schreibt des öfteren über die Probleme der Rentenversicherer, zum Beispiel in Why and How the Young Are Screwed. Auf dem Energiesektor vollzieht sich ebenfalls eine Wende. Indonesien sieht sich gezwungen, die Subventionen auf Benzin zu streichen, auch in Ägypten ist die Subventionierung von Treibstoff ein Problem. Fast alle Staaten kämpfen derzeit mit dem Problem, dass die Ausgaben wachsen, die Einnahmen dagegen nicht.

Was werden die Folgen sein?

Die Evidenz dafür, dass die Wirtschaft (und die Gesellschaft) in eine völlig neue Phase eintauchen wird, ist also erdrückend. 2015 erscheint zumindest mir als realistischer Zeitpunkt des Übergangs.

Ich bin kein Wirtschaftsfachmann, insofern kann ich nicht viel Konkretes dazu sagen, was dann geschehen wird. Als sicher darf aber Folgendes gelten: je mehr die Krise Gestalt annimmt, umso mehr werden die Menschen Geld sparen. Es werden weniger Konsumkredite ausgegeben, und die Nachfrage wird schrumpfen, allein schon, weil die Kaufkraft sinkt. Das wiederum führt zu Firmenpleiten, Entlassungen und damit einer weiteren Verschärfung der Lage. Langfristig führt die Krise also zu einer Deindustrialisierung.

Das alte Rezept dagegen hieß Konjunkturprogramm. Wie schon angedeutet, ist die Ausgangslage dafür aber denkbar schlecht: die Programme werden immer wirkungsloser. Das ist ganz natürlich so. Sie können lediglich eine Starthilfe sein für die Industrie, damit sie neue Wege gehen kann. Das Problem dabei ist, dass der Staat oder die Unternehmen dabei vorab eine Idee davon entwickeln müssen, in welche Richtung man sinnvollerweise gehen kann. Sonst wird so ein Programm nichts weiter als verschwendetes Geld sein. Den Abbau der Industrie stoppen zu wollen, ist aber utopisch. Das wird nur punktuell gelingen. Für die meisten wird es in einem Fiasko enden. Leider ist die dabei verwendete Energie unwiederbringlich verloren.

Die Deindustrialisierung bedeutet nichts weiter, als dass die jedem Arbeiter zugeteilte Energiemenge schrumpft. In einem Artikel von Alexander Ač mit dem Titel The decline of an empire gibt es eine schöne Grafik, die die Abnahme der pro Kopf verfügbaren Energiemenge in den USA zeigt. Interessanterweise setzte diese Entwicklung bereits 1979 ein. Auf die Prognosen der sogenannten Olduvai Theorie müsste man noch einmal detailliert eingehen, sieht die Theorie doch einen Scheitelpunkt der technischen Zivilisation um 1979. Dass die Energiemenge pro Kopf abnimmt, wird daran zu erkennen sein, dass es immer weniger Maschinen geben wird, die für uns Arbeit verrichten werden. Wir bewegen uns also wieder auf das Handwerk zu. Ich vermute mal, dass dies binnen 20 Jahren geschehen wird, also in etwa einer Generation. Das deckt sich mit den Voraussagen der Olduvai Theorie, wonach das elektrische Zeitalter etwa um 2030 enden wird (was nicht bedeutet, dass es keinen Strom mehr geben wird). Wobei ja schon lange vor seinem Ende die Bedeutung des Stroms sich radikal wandeln wird, insofern benötige ich für meine Prognose nicht das Ende des Stroms sondern nur eine großflächige Abnahme seiner Verfügbarkeit. Selbst eine Ende um 2050 würde bereits jetzt eine riesige Umstellung erfordern.

Wem aber kann man das als Zukunftsstrategie verkaufen? Wer wird angesichts der Prognose, der Bäcker werde die Brötchen irgendwann wieder selber formen, und die Schuhe würden demnächst von einem Schuster in Handarbeit hergestellt, ins Jubeln kommen? Wer möchte schon zurück aufs Land, wenn die Aussicht lockt, die nötige Arbeit werde jedenfalls nicht mehr der Traktor machen?

Es wird wohl kein Programm dieser Art geben. Zurück zum Handwerk! klingt gut, ist aber — noch — nicht durchsetzbar. Sinnvoll wäre es allemal. Die einzige Art, wie es funktionieren wird, wird vielleicht in Städten wie Detroit zu besichtigen sein. Die Industriebauten verschwinden und lassen urbane Wüsten zurück, in denen die Menschen dann versuchen, mit wenig Mitteln ein kleine Landwirtschaft aufzubauen. Solange jedenfalls, bis irgendwelche Investoren dies für sich entdecken, werden sie sich dort halbwegs frei entfalten können. Wir können nur hoffen, dass mehr solcher Freiräume in Zukunft entstehen.



Marcus Kracht 2013-07-26