Das Ende des Wachstums (Teil 2)

Marcus Kracht, 17. Juni 2016

Letztlich konnten weder der Neoliberalismus noch die
Finanzialisierung das Versiegen der Wachstumskräfte
aufhalten.
Oliver Nachtwey: Die Abstiegsgesellschaft

Reprise: Die Wirtschaftssysteme sind am Ende alle gleich

Nach dem Fall der Mauer waren sich nicht nur im Westen alle sicher: der Kapitalismus (oder die Marktwirtschaft, was auch immer) ist das bessere System. Jetzt konnte es deswegen nur noch darum gehen, die Ostblockstaaten in die Gemeinde des Westens aufzunehmen. 25 Jahre später zeigt sich nicht nur, dass von Anfang Machtfragen eine Rolle spielten, nicht nur Wirtschaftsfragen. Es zeigt sich auch: der Kapitalismus schafft es auch nicht. Ein Rendite von sage und schreibe 0.19 Prozent — das ist das Ende des Kapitalismus.

Viele mögen vergessen haben oder nie erzählt bekommen haben, mit welchen Hoffnungen auch im Ostblock nach dem Krieg alles angefangen hatte, wie der Wohlstand überall wuchs, bis eines Tages — ja, was eigentlich? Bis eines Tages die Kräfte erlahmten, vielen klar wurde, dass es nicht gehen würde, dass man den Konkurrenzkampf verlieren würde. Das hatten die meisten damals als eine Systemfrage gedeutet. Offenkundig hatte der real existierende Sozialismus abgewirtschaftet. Er hatte seine eigenen Leute verraten und war deswegen zum Untergang verurteilt. Dass vielleicht der Sozialismus in seiner eigentlichen Form die Ausbeutung der Arbeitskraft der Menschen nie so weit treiben würde wie der Kapitalismus und deswegen auf der materiellen Ebene immer unterlegen sein musste, dieser Gedanke wurde meines Wissens nie wirklich zugelassen.

Im Jahr 1990 dann der Neuanfang. Auch er begann mit großen Hoffnungen, um dann, recht bald, wieder einer Lähmung Platz zu machen. Inzwischen hatte nämlich auch das westliche System Kratzer bekommen. Das Wachstum verlangsamte sich spürbar. Und wiederum wollte man darin nichts Anderes sehen als eine Systemfrage. Der Staat sei überreguliert, hieß es. Er schaffe es nicht mehr, die Menschen zu motivieren. Die Privaten können es besser. Und so weiter. In dieses Horn haben letztlich im Westen alle geblasen. Man glaubte einfach daran.

In dieser Zeit ging es in China gerade steil bergauf. Und so konnte man noch woanders hin zeigen und sagen: Seht her, es geht! Allerdings lauerte da im Hintergrund die Systemfrage: sollte am Ende ein kommunistisches Land uns vormachen können, wie man sich hocharbeitet?

Aber inzwischen ist auch diese Illusion verflogen. China wächst nicht mehr, es durchläuft sämtliche Krisen entwickelter Wirtschaften im Schnellverfahren. Und ob nun Kommunismus oder Kapitalismus, irgendwie schafft niemand mehr so recht die Kurve.

Im Westen hatte man dagegen die Abwanderung nach Osten oder gar nach China erfolgreich als Keule eingesetzt, um die Menschen zu motivieren, mehr zu arbeiten. Die Deregulierung unter Carter und Reagan war der Anfang. Sie sollte die Produktivkräfte freisetzen und den Staat ausbremsen. Die Euphorie war allerdings meist nur auf Seiten der Unternehmer, konnten sie doch endlich freier agieren. Bei den Arbeitern kam das irgendwie anders an. De facto wurde ihnen erklärt, dass ihr Motiv der Erhalt des eigenen Arbeitsplatzes ist. Würden sie sich anstrengen, könnte die Firma überleben, und dann wäre auch ihr Arbeitsplatz gesichert.

Und natürlich haben sich die Leute angestrengt. An diese Zeiten kann ich mich sehr gut erinnnern. Dass der Arbeitsplatz dann am Ende doch nach Ungarn, Rumänien oder gar China ging, hatte die Leute am Ende allerdings entmutigt. Die Stimmung wäre sicher gekippt, hätte nicht die Arbeitsmarktreform und die Einführung des Euro Deutschland einen kleinen Boom beschert. In der Folge gibt es Arbeit, allerdings nicht zu den Bedingungen von früher.

Doch schlussendlich gibt es auch hier kein Wachstum mehr, im Rest der EU schon gar nicht. Es hat alles nichts genützt. Die Deregulierung nicht, der Neoliberalismus nicht und die Bankenrettungen auch nicht. Man hat den Eindruck, dass der Kapitalismus lediglich ein freundlicheres Gesicht aufgesetzt hatte, um so aus den Menschen noch etwas mehr herausholen zu können als der Sozialismus.

Die Systemfrage

Das oben zitierte Buch von Oliver Nachtwey versucht, den Tendenzen nachzugehen, die sich gerade daraus ergeben. Nachtwey dokumentiert, wie in den 50er und 60er Jahren die Arbeiter den Produktivitätsfortschritt ausgezahlt bekamen und wie sich dann langsam die Schere öffnete. Wenn es heute noch Produktivitätsfortschritt gibt, so haben davon die Aktionäre etwas oder die Manager. Die meisten Menschen haben nichts davon, dass sie mehr erwirtschaften als vorher. Der Effekt ist, dass die Klassengesellschaft wieder an die Oberfläche kommt. Während die Moderne versucht, sämtliche Ausgrenzungsmechanismen zu hinterfragen und daraus ein großangelegtes Gleichheitsprojekt macht (siehe zum Beispiel Diversität und Inklusion), werden die Einkommensunterschiede immer größer. Die Gleichheit wird also nur horizontal geschaffen, vertikal gesehen gehen wir rückwärts.

Das ist ein wichtiger Gedanke. Nachtwey betont, dass die gegenwärtigen Solidarisierungen nicht darüber hinwegtäuschen dürfen, dass es da auch noch andere Unterschiede gibt. Wenn man darauf hinweist, wie schön es wäre, eine Frau im Weißen Haus zu haben, dann sollte man mitbedenken, dass Hillary Clinton aus der Oberschicht ist. Es könnte sein, dass ihre Politik eher den Interessen der Oberschicht zugute kommt denn denen irgendwelcher anderen Minderheiten.

Es ist, wenn man näher hinschaut, eigentlich egal, was für ein System wir offiziell haben. Sozialismus, Kommunismus, Kapitalismus; sie alle operieren gegenwärtig etwa ähnlich. Sie alle haben in ihrem Inneren Klassen, und es gibt viele Verlierer mit wenigen Gewinnern. Und alle haben riesige Banken, bei denen man alles tut, damit sie um Gottes Willen nicht pleite gehen.

Jenseits der Struktur

Gerade in Deutschland gibt es den Gedanken an die seligmachende Wirkung der Struktur. Das erlebe ich gerade an der Universität. Die wird in immer schnelleren Bewegungen umstrukturiert, um noch besser an die Bedingungen angepasst zu sein. Wenn man das zu Ende denkt, dann ist es wie mit den Wirtschaftssystemen. Wer nicht reformiert, geht unter. Aber woher nimmt man den Glauben, dass die Reformen überhaupt etwas bringen? An den Universitäten und den Schulen jedenfalls bringen sie nicht viel.

Das hat auf der einen Seite etwas damit zu tun, dass die Reformen immer auch nach sachfremden Vorstellungen durchgeführt werden. Die Inklusion zum Beispiel wird wohl scheitern, weil die Reformen alles dürfen nur nicht Geld kosten. Auf der anderen Seite kosten Reformen Kraft und funktionieren eigentlich nur, wenn die Beteiligten an ihre Wirksamkeit glauben. Wenn sie diesen Glauben verlieren, denken sie nur darüber nach, wie sie die Reformen sabotieren können.

Natürlich kann man es den Beteiligten vorwerfen. Nachtwey zitiert die Schulreform in Hamburg, die die Parteien alle wollten, die aber von den Bürgern abgelehnt wurde. Er sieht darin einen bildungskonservativen Reflex. Ich habe darin eigentlich eher die Weigerung gesehen, noch mehr Reformen über sich ergehen zu lassen. Dabei ist es den Leuten egal, ob die Grundintention in Ordnung ist. Sie wollen ihre Ruhe haben.

Aber genau das sollen sie nicht. Weil das ja bedeuten würde, sie würden es vorziehen, in Ruhe irgendwo einen Kaffee zu trinken und miteinander zu diskutieren, anstelle, dass sie ihre Energie in den Fortschritt investierten.

Als wenn dadurch mehr gewonnen wäre. Die Erkenntnis setzt sich zunehmend durch, dass diese Reformen Energie vernichten. Die Reformen sind ja selbst ist schon ein Kostenfaktor. Und in der gegenwärtigen Lage bringen sie nichts, weil sie wohl nichts bringen können. (Von dem Sinn und Zweck will ich gar nicht reden. Warum immer mehr geforscht und produziert werden soll, ist eigentlich gar nicht klar.)

Erkenntnisverweigerung

In diesem Zusammenhang gibt es so etwas wie eine Erkenntnisverweigerung. Irgendwie denken alle immer noch, da ist mehr drin. Nehmen wir das Thema Burn Out. Das hat es sicher schon immer gegeben, nun aber ist es eine Mode. Dann beeilt man sich zu sagen, es sei ja nicht unbedingt die Arbeit, das müsse man differenziert sehen. Da gebe es viele Faktoren, die Familie, die Gesundheit, und alle hätten einen Einfluss. Diese Argumentationsfigur ist notwendig, denn wenn sich am Ende herausstellen sollte, dass die Reformen und der Arbeitsstress krank machen, wäre die Geschäftsgrundlage der Bundesrepublik dahin. Also muss man darauf hinweisen, dass es noch viel mehr Faktoren geben kann.

Gewiss ist das so. Wie bei den Bienen. Die sterben wohl nicht nur an den Neonicotinoiden und auch nicht daran, dass sie durch die Gegend gefahren werden, sondern auch an der Varroamilbe, oder daran, dass der Proteingehalt des Pollen sinkt (kein Witz, das habe ich neulich gelesen).

Also immer so: das ist eine multifaktorielle Geschichte, man muss es differenziert betrachten. Aber natürlich ist jeder Faktor eben auch ein Faktor. Und wenn die Arbeit mehr wird, ist das Leben anstrengender. Und wenn es anstrengender wird, dann steigt das Risiko von Krankheit. Wie viel der Faktor beiträgt oder nicht, wie sehr die Faktoren miteinander verwoben sind, das können wir gewiss fragen. (Da gibt es dann viel Raum für Forschungsprojekte mit Drittmitteln...)

Effizienz ist ein weiteres Thema. Es scheint den Glauben zu geben, wenn man nur effizient genug ist, dann kann man der Energieknappheit trotzen. Als wenn Effizienz eine einfache Sache wäre. Als wenn es keine Rolle spielte, wie viel Energie man letztlich sparen kann.

Je nach Interessenlage werden die Zusammenhänge schlicht geleugnet oder wenigstens wird ihnen die Kausalität abgesprochen. Bis dann alles in einem Nebel verschwindet und nichts mehr klar ist.

Dabei ist es so klar, dass man sich fragt, warum man dazu überhaupt Experten braucht. Wo keine Energie zur Verfügung steht, kann man keine Massenfertigung mehr hinkriegen. Wo kein Geld ist, kann man nicht einkaufen. Da hilft keine Reform, die Systemfrage muss man auch nicht stellen. Aber vielleicht müssen wir da erst wieder hinkommen, um zu begreifen, dass es tatsächlich so einfach ist.



Marcus Kracht, 2016-6-17