Das Ende des Wachstums (Teil 1)

Marcus Kracht, 2. Juni 2016

The claim of central bankers and economists to vast powers on vital
and complex matters, beyond the ability of citizens to understand, is
now challenged.
Satyajit Das: The Age of Stagnation

Die Ära der Stagnation

Noch vor einigen Jahren konnte man die Bücher an einer Hand abzählen, die offen von dem Ende des Wachstums redeten. Nun kommen sie vermehrt auf den Markt. Auch mehr und mehr Zeitungsartikel stellen die Frage, ob vielleicht das Wachstum abhanden gekommen sei. Allerdings vermisse ich noch eine tieferliegende Diskussion darüber, was denn die Ursachen sein könnten. Während der Chor der (neo)liberalen Kommentatoren kleiner wird, die das Problem in einer überbordenden Regulierungswut sehen oder gar in einem zu mächtigen Staat, kommen jetzt die Keynesianer und alternative Wirtschaftler zu Wort, die das Ganzen als Ergebnis einee fehlgeleiteten Geld-, Sozial- oder Arbeitsmarktpolitik betrachten.

Diese Wirtschaftskommentatoren der zweiten Sorte verstehen zwar, dass Ungleichheit nicht vom Himmel fällt sondern erzeugt wird. Sie verstehen auch, dass unser Wirtschaftssystem auf Gleichheit angewiesen ist: die Massenproduktion kann nur angesichts eines Massenkonsums funktionieren, und für diesen Massenkonsum muss eine große Käuferschicht mit ausreichend Geld ausgestattet sein, die Güter zu kaufen. Eine kleine Oberschicht reicht dazu nicht aus.

Jedoch ist die Dimension des Problems viel größer und dementsprechend schwerer zu behandeln. Denn es hat sich herausgestellt, dass die Grundlage unserer Massenproduktion in Frage gestellt ist. Weder haben wir ausreichend Energie, noch ausreichend Rohstoffe, um das Wachstum weiter zu fördern. Dass das Wachstum mit immensen Schäden an Umwelt und Gesundheit daher kommt, will ich mal außen vor lassen. Es genügt schon zu wissen, dass das Wachstum gemessen als Wachstum des Bruttosozialprodukts linear korreliert ist mit dem Wachstum im Energieverbrauch. Darauf weist Gail Tverberg in ihrem Blog Our Finite World immer und immer wieder hin. Das ist eine empirische Tatsache, gewiss. Aber die Idee einer Entkopplung von Wachstum und Energieverbrauch scheitert regelmäßig daran, dass das, was wir als normales Leben auffassen (eine warme Wohnung, regelmäßig ausreichendes Essen, Reisen) nun mal sehr, sehr viel Energie verbraucht und dieser Verbrauch dermaßen systemisch eingewebt ist, dass der Einzelne fast nichts dazu beitragen kann, seine Bilanz zu verbessern. Nur ein Beispiel unter vielen: eine Photovoltaikanlage verbraucht in Deutschland annähernd so viel an Energie zur Herstellung ind Installation, wie sie erzeugt (Charles Hall rechnet mit einem Erntefaktor von 2,5, wobei dies ein Durchschnitt füonnenreiche Länder ist). Recycling steht im Moment noch auf dem Papier, es gibt keine Anlagen dazu. Gleichzeitig existiert ein riesiger Kraftwerkspark, der den Strom ebenfalls liefern würde, wenn wir ihn nur abnähmen. Was also nützt die PV-Anlage der Umwelt effektiv? Wir wissen es nicht. Momentan wenig, und was in Zukunft daraus wird, hängt von sehr vielen Entwicklungen ab. Die Unwägbarkeiten sind enorm. Letztlich würde nur der radikale Verzicht wirklich etwas nützen. (Negawatt hieß das mal.)

Aber versuchen Sie, das mal innerhalb der Familie durchzusetzen. Das gibt Aufstand.

Es geht mir nicht darum, die Anstrengungen kleinzureden. Es geht mir darum, zu zeigen, wie wenig wir eigentlich wirklich wissen, was wir tun müssen und tun können. Und darin sind wir den Politikern nicht unähnlich. Sie würden sicher auch oft anders handeln — und können es nicht oder fürchten die perönlichen Konsequenzen.

Die Wirtschaftssysteme sind am Ende alle gleich

Nun also zum entscheidenden Punkt: die Wirtschaft wächst nicht deswegen nicht, weil wir die falschen strukturellen Ansätze verfolgen. Sondern weil sie im Wesentlichen nicht mehr wachsen kann. Sie kann nicht wachsen, weil die Energieausbeute sinkt. Die sinkenden Extraktionsmengen von Öl und Gas, die sinkenden Energierenditen bei grundsätzlich allen Energieträgern sind der Gegenwind, der uns ins Gesicht bläst. In seinem Buch Die Abstiegsgesellschaft weist Oliver Nachtwey darauf hin, dass alle Theoretiker des Kapitalismus (Smith, Mill, Ricardo, Schumpeter, Marx) sahen, dass der Kapitalismus zu sinkenden Profitraten führt. Man hat es nur in der großen Zeit des Aufstiegs (1930 - 1970) gerne vergessen. Als dann die Werkzeuge stumpf zu werden drohten (hier: die antizyklische Konjunkturpolitik von Keynes), sah man sich nach neuen Methoden um und fand die Deregulierung, Globalisierung und schließlich den Neoliberalismus. Man hat sie alle ohne weitergehenden Erfolg ausprobiert.

Allerdings ist mir irgendwie nie ganz klar geworden, wie man eigentlich den Erfolg der Wirtschaftspolitik von dem der Energieextraktion trennen kann. Genauso wie es früher nicht immer die besseren Manager gab, sondern die Verhältnisse schlicht besser waren. Es drängt sich mir der Verdacht auf, dass der Sozialismus / Kommunismus nur einige Jahrzehnte früher angesichts derselben Probleme kapitulieren musste. Der Westen war um einiges geschickter in der Motivation der Menschen. Letztlich muss aber auch er sich den physikalischen Tatsachen beugen. Weniger Energie bedeutet weniger herstellbare Güter.

Seit 2012 sind die Wachstumsraten in Westeuropa auf Null geschrumpft. Wir haben Stillstand. Larry Summers nannte es die säkulare Stagnation. Satyajit Das nennt es die Ära der Stagnation. Sein Buch The Age of Stagnation. Why Perpetual Growth is Unattainable (Prometheus Books, 2016) ist der Anlass für diesen Beitrag. Das geht offen mit den Problemen der gegenwärtigen Wirtschaft um. Und anders als die meisten Ökonomen benennt er auch die in meinen Augen wahren Ursachen für die Misere und die Folgen verfehlter Politik. Das stammt aus Indien, seine Familie ist ausgewandert. Er hat also zwei verschiedene Lebenswelten erlebt. In diesem Fall ein riesiger Vorteil. Er spricht an einer Stelle zum Beispiel über das Rentensystem. Und weist vorsorglich darauf hin, dass es in den meisten Ländern so etwas überhaupt nicht gibt; und er sagt deutlich, dass Ruhestand eigentlich eine rämlich wie zeitlich sehr eng umgrenzte Erscheinung ist. In der Tat ist die Situation in gewissem Maße singulär, gibt es doch eine allgemeine Rente erst seit hundert Jahren und auch nur in den entwickelten Ländern. Was aber noch nicht gerne gesagt wird, ist, dass die Rentensysteme in ihrer gegenwärtigen Form auf exorbitanten Wachstumsraten basieren (7 - 8 Prozent). Da diese eigentlich nicht zu erzielen sind, sind diese System eigentlich kaputt. Die Beiträge werden de facto von einer Generation bezahlt, die aller Voraussicht nach keine vergleichbaren Anrechte genießen wird. In Australien hat ein Renter in seinem Leben 180 000 Dollar (Männer) bzw 100 000 (Frauen) angespart. Ausgezahlt bekommen sie davon ein Vielfaches: 50 000 Dollar über 15 Jahre sind 750 000 Dollar!

Auch wenn die Zahlen anderswo andere sind, es ist weltweit das gleiche Szenario. Das Rentensystem benötigt Wachstum, und dieses Wachstum bleibt aus. Da zugleich die nachfolgende Generation immer weniger ausgezahlt bekommt bzw immer schwieriger überhaupt Arbeit findet, dienen die Renten in manchen Ländern (zB Griechenland) de facto als Arbeitslosenversicherung. Wie lange kann das gut gehen? Wenig bekannt ist übrigens, dass die sogenannten Geier, also die gierigen Finanzinvestoren, die in den 1990er Jahren in Deutschland so viele Immobilien aufkauften, um daraus satte Gewinne zu machen, ihr zu großen Teilen Rentenkassen waren oder ihr Geld von Rentenkassen hatten. So gibt es eine nicht zu leugnende Verbindungen zwischen dem oft beschworenen wohlverdienten Ruhestand und dem Raubtierkapitalismus. Wer sein Kapital für sich arbeiten lassen will, muss nicht nur Kapital haben. Es muss auch jemanden geben, der den Mehrwert erarbeitet. Die Erwartung des Rentiers, die Versicherung möge ihre Verträge erfüllen, zwingt diese, auf Raubzug zu gehen. Denn die sinkenden Profitraten lassen eine gemäßigte Form des Wirtschaftens nicht zu. In diesem Punkt ist Das illusionslos. Er zählt munter auf, welche krummen Wege Staaten nehmen, um irgendwie noch an liquide Mittel zu gelangen.

Natürlich ist das nicht zwangsläufig so und es gibt viele Wege der Finanzierung. Nur müsste man die Zusammenhänge klar benennen, damit nicht die alten Reflexe eine Veränderung verhindern. Dass man zum Beispiel über eine Erhöhung des Rentenalters nachdenkt, ist nicht notwendig unsozial. Die Rentenempfänger berufen sich zwar auf geschlossene Verträge; andererseits gehen ebendiese zu Lasten der Rentenzahler, und deren Lage verschlechter sich ebenfalls. Denn was gerne übersehen wird, ist, dass womöglich im gegenwärtigen System eine ganze Generation von Rentenzahlern leer ausgehen könnte. Diejenige, die jetzt Verträge abschließen, bekommen dann eben schlechtere Konditionen. Den Letzten beißen die Hunde, wie man so schön sagt. Was aber, wenn die neuen Rentenzahlen wegbleiben? Nicht jeder will zu diesen Bedingungen "privat vorsorgen".

Sinkendes Vertrauen

Während also die Finanzierungssysteme immer waghalsiger werden, während die Kluft zwischen dem, was ist und dem, was man eigentlich gerne hätte, immer größer wird, wächst die Neigung zu Zwangsmaßnahmen und schlichter Propaganda. Zu den ersten gehört die Überlegung, das Bargeld abzuschaffen. Dies wurde, wie Das berichtet, von einem Notenbankchef Englands unverhohlen als eine Maßnahme bezeichnet, Geld von den Menschen einzuziehen. Eine andere Zwangsnaßnahme sind die Arbeitsmarktreformen in Frankreich, die weder das Parlament noch die Bevölkerung will, und die deswegen per Präsidialdekret in Kraft gesetzt wurden. Was das noch mit Demokratie zu tun hat, wagt man gar nicht mehr zu fragen.

Die Begleitrhetorik ist immer die gleiche. Es ist nicht so, wie die Kritiker es darstellen, heißt es. Oder es sei schlicht alternativlos. Da werden dann schon mal hemmungslos Zahlen geschönt, wie etwa Inflations- oder Wachstumsraten oder Statistiken zur Arbeitslosigkeit. Und dies nicht nur in China, wo das Wachstum offiziell immer so um die 7 Prozent liegt, obwohl nicht einmal die eigene Regierung dies glaubt. Dies alles untergräbt das Vertrauen. Das zitiert den Investor Paul Singer (der mit dem Rechtsstreit mit Argentinien!) mit den Worten, alles sei basiert auf falschem Wachstum, falschem Geld, falschen Jobs, falscher Finanzstabilität, falschen Inflationsraten und falschem Wachstum von Einkommen und er warne davor, dass wenn das Vertrauen verloren gehe, so könne dieser Verlust einschneidend, plötzlich und gleichzeitig über viele Märkte und Sektoren kommen. Der Investor Hugh Hendry klagte einmal, seine Prognosen und damit seine Investmentstrategie seien durch die Notenbanken immer wieder durchkreuzt worden (We don't have Capitalism). Und die haben sehr wohl im Interesse Dritter gehandelt. Ein anderer Investor klagte, dass es sich nicht mehr lohne, Fundamentaldaten zu betrachten. Er studiere eigentlich nur noch Marktbewegungen, um dann rechtzeitig auf das richtige Gleis zu wechseln. Das zitiert dazu John Maynard Keynes: When the capital development of a country becomes the by-product of a casino, the job is likely to be ill-done. Mehr muss man nicht hinzufügen.

Mit anderen Worten, wir wiegen uns (zumindest in Deutschland) in einer Scheinsicherheit. Die Fundamentaldaten weisen in eine andere Richtung als diejenige, die uns öffentlich verkauft wird. Wir sind aber gerne bereit, den öffentlichen Zahlen zu glauben, weil alles andere unseren Wohlstand in Frage stellt. Sollte aber der Fall eintreten, dass wir die Zweifeln Raum geben, dann kann sich die Lage sehr abrupt ändern. Man erinnere sich nur an 2008!

Das Buch von Satyajit Das ist lesenswert. Wer nicht so viel lesen mag, kann auch das Interview im Extraenvironmentalist anhören. Das ist sehr amüsant und lehrreich. Der Podcast ist über 2 Stunden lang, aber das Interview nimmt nur die erste Hälfte ein.



Marcus Kracht, 2016-6-2