Atomkraft oder: wie wir mit Risiko umgehen

Marcus Kracht

9. Januar 2014




Renaissance oder nicht?

Er geht offenkundig wieder los, der Kampf um die Atomkraft. Der Spiegel meldete, James Hansen habe sich offen mit den Umweltverbänden angelegt, weil die seiner Meinung nach vor den Spendern kuschen und sich gegen Kernkraft aussprechen. Dass die Ansichten der Wissenschaftler (und aller anderen) zur Kernkraft gespalten sind, belegt auch das Buch von Konrad Kleinknecht von 2007 (Wer im Treibhaus sitzt. Wie wir der Klima- und Energiefalle entkommen, Piper Verlag). Kleinknecht, hoher Politikberater und Physiker, stellt die Kernkraft als eine der Säulen dar, auf denen wir stehen können, während wir auf das Zeitalter der erneuerbaren Energien hinarbeiten. Die Argumente dafür sind etwa wie folgt: während die Verbrennung von Kohle und anderen Kohlenwasserstoffen die Erde aufheizt und deswegen so schnell als möglich beendet werden muss, sind die erneuerbaren Energien noch nicht so weit, um die entstehende Lücke zu füllen. Da aber die Menschheit Energie braucht, bleibt offenkundig nichts anderes, als auf Kernkraft zu setzen.

Dieses Argument habe ich in dieser Form übrigens schon von Carl Friedrich von Weizsäcker gehört, als er in seiner Rede vor dem Bundestag die Einführung der Kernkraft befürwortete. Es war schon damals klar, dass die Kernkraft lediglich eine Brücke darstellen würde. Zu der Zeit (wir reden von den 1970er Jahren) war der Traum vom schnellen Brüter zumindest in Deutschland eigentlich schon ausgeträumt, sodass sich die Reichweite des nuklearen Brennstoffs (also fossiles Uran) auf wenig über 100 Jahre verkürzte. Insofern war bald klar, dass Kernkraft nicht die endgültige Lösung des Energieproblems ist sondern nur eine vorläufige.

Die Befürworter drängen darauf, dass der Menschhheit gar nichts anderes übrig bleibt als die Kernkraft, will sie nicht in ein Chaos stürzen, weil sie die Energieversorgung nicht mehr garantieren kann.

Fukushima

Dass jede Bereitstellung von Energie stets auch die Nachfrage erzeugt, die dann ihrerseits den Druck erzeugt, sie weiter zu verwenden, will ich hier außen vor lassen. Ebenso die Tatsache, dass wir in den vierzig Jahren seit der Rede von von Weizsäcker offenkundig versäumt haben, uns auf das neue Zeitalter der erneuerbaren Energien gründlich einzustellen.

Stattdessen will ich einen Punkt beleuchten, der gerne beiseite gewischt wird. Es geht um das Risiko, das von dieser Technik ausgeht. Gleichzeitig möchte ich ein Buch vorstellen, das sich genau mit dieser Frage auseinander setzt. Die Rede ist von Peter Bernard Ladkin, Christoph Goeker & Bernd Sieker (Hrsg.): The Fukushima Dai-Ichi Accident, LiT Verlag, 2013. Man sollte dieses Buch zur Pflichtlektüre für alle machen, die sich mit Risiko und Technik befassen müssen. Dieses Buch ist zum Teil aus Beiträgen zu einer Tagung entstanden, deren konkreter Anlass die Entdeckung war, dass der Unfall bei Fukushima vorhergesagt worden war. Und zwar von Charles Perrow in seinem Buch The Next Catastrophe. Reducing Our Vulnerabilities to Natural, Industrial and Terrorist Disasters. Princeton University Press, 2007. Was Perrow voraussah, war, dass es einen sogenannten station blackout, also das Ausfallen sämtlicher Stromversorgung inklusive der Notstromaggregate, geben kann, und dass unter anderem eine Flutwelle einen solchen Ausfall verursachen kann, der lang genug anhält, um zu einer Katastrophe zu führen. Konkreter geht es eigentlich gar nicht.

Wenn also die Risiken bekannt waren, warum hat sich niemand darum gekümmert? Warum musste es erst zu einer nuklearen Katastrophe kommen, damit diese Frage in den Vordergrund rücken konnte? Und was haben wir nun tatsächlich gelernt? Wie sicher sind denn jetzt Kernkraftwerke und die Kernkraft überhaupt? Diese Fragen behandelt das Buch. Es geht darin nicht nur um Fukushima, sondern es geht darum, welcher Art die Behandlung von Risiko in unserer Gesellschaft ist und welcher Art sie sein sollte.

Nehmen wir den Fall einer Tsunami. Es ist ja nicht so, dass nicht vorher Fragen da gewesen wären. Auch innerhalb Japans gab es Fragen bezüglich der Sicherheit. Immerhin hat man ja Fukushima Dai-Ichi durch eine Wand zu schützen versucht. Nur war diese eben nicht hoch genug. Dabei hat es im 9. Jahrhundert schon eine Tsunami gegeben, die diese Mauer überwundern hätte. Deswegen redet man auch gerne von einer Jahrtausendflut, die da 2011 über die Küste herfiel. Machen wir nun eine Rechnung: falls eine solche Flut einmal alle Tausend Jahre vorkommt, ein Jahr rund 10000 Stunden hat, so liegt das Risiko bei 1 zu 10 Millionen Betriebsstunden. Klingt gut. Ladkin führt aber auf Seite 34 an, dass für eine Zulassung eines Flugzeugs eine Wahrscheinlichkeit von 1 zu 1 Milliarde garantiert sein muss, dass es zu einer Katastrophe kommt. Die Schätzungen der Eintrittswahrscheinlichkeit für einen GAU wurden übrigens zu Anfang mit 1:20000 angegeben, das ist zwanzigmal besser als Fukushima, aber immer noch fünfmal schlechter als in der Luftfahrt. Wenn man das weiß, fragt man sich, warum wir eigentlich mit einem so großen Risiko zufrieden sind. Immerhin sind derzeit etwa 400 Kerkraftwerke in Betrieb, sodass bei einem Risiko von 1:20000 Jahre (also 1:200 Millionen Betriebsstunden) ein GAU statistisch im Mittel alle 50 Jahre auftreten wird. Da es wohl eher 25 Jahre sind, liegt die Wahrscheinlichkeit eher bei 1:10000 Jahre.

Risiken und ihre Wahrnehmung

Zusammendfassend ergibt sich aus dem Buch folgendes Fazit.

Das zentrale Anliegen des Buches ist es gar nicht, sich detailliert mit Fukushima auseinander zu setzen, auch wenn es das natürlich tut. Die unterliegende und viel wichtigere Frage ist: wie gehen wir mit Risiken um und wie sollten wir eigentlich damit umgehen?

Manchen der Autoren (insbesondere Perrow) wurde gerne vorgeworfen, dass sie nicht von Fach sind (er ist Soziologe). Das ist eine sehr eigentümliche Sichtweise, wenn man bedenkt, dass (1) die Warnung sehr konkret und daher durchaus nachvollziehbar war und (2) Risiko ohnehin nicht alleine ein technisches Problem ist sondern ein gesellschaftliches. Es ist schön, wenn wir von Physikern bestätigt bekommen, dass man Kernkraftwerke sicher betreiben kann; jedoch ist die Frage, die uns auch noch interessieren sollte, die, ob sie tatsächlich sicher betrieben werden. Nicht erst seit Einzug des Neoliberalismus gibt es das Problem der Wirtschaftlichkeit, die gerne dazu führt, dass Sicherheitsmßnahmen unterbleiben, wenn sie teuer sind. Und nicht nur in der Sowjetunion gibt es Fahrlässigkeit und Schlamperei. Und nicht nur in Japan gibt es Hierarchien, die Kritik von unten unterdrücken. Niemand sollte denken, die Sicherheit von Kernkraftwerken ist ein Problem, dessen Behandlung wir allein Physikern überlassen sollten.

Die nächste Katastrophe

Natürlich weiß niemand, was uns als nächstes ereilt. Aber so viel ist sicher: es ist nichts sicher. Wir hantieren immer weiter mit Bomben, Gefahrenstoffen und hochriskanten Praktiken. Und stets läuft derselbe Film ab. Experten erklären die Risiken für beherrschbar, aber sobald die Technik eingesetzt wird, entscheiden nicht sie sondern das Management darüber, was gemacht wird. Wer weiß schon, dass das Management von TEPCO den Leiter von Fukushima Dai-Ichi angewiesen hat, auf eine Kühlung mit Meerwasser zu verzichten? Er hat uns vermutlich dadurch das Schlimmste erspart, dass er sich nur scheinbar dem Druck gebeugt hat, heimlich aber weiterpumpen ließ. Wollen wir wirklich in dieser Weise von der Geradlinigkeit einzelner abhängen? Was wäre, wenn er sich geirrt hätte?

Die nächste Katastrophe muss aber nicht in Japan passieren, und es muss auch nicht ein Kernkraftwerk sein. Wie wäre es mit einem Unfall in einem Labor, wo mit hochansteckenden Viren experimentiert wird? Vor solch einem Unfall haben Wissenschaftler kürzlich sogar explizit gewarnt, siehe den Artikel in der FAZ. Sie weisen im Übrigen auf etwas hin, das gerne ebenfalls vergessen wird: auch Forschung ist riskant. Jedes Labor ist ein Gefahrenherd. Und, ich betone es noch einmal, Sicherheit ist nicht einfach nur eine technische Frage. Es ist auch die Frage, ob das, was technisch möglich ist, auch tatsächlich gemacht wird oder ob es, aus welchen Gründen auch immer, unterbleibt.

Oder was ist mit all den Giften, die täglich in den Boden gepumpt werden, sei es mit Hilfe von Fracking, sei es auf anderem Wege? Ist wirklich alles so sicher wie behauptet oder wird gerne mal etwas lockerer gearbeitet? Was ist, wenn auf einmal ein Trinkwasserreservoir einer Großstadt wie New York vergiftet wird? Man lese, was Lee Clarke (I'm Warning You) auf Seite 68-69 über Benzen sagt, welches gerne von der Ölindustrie benutzt wird. Benzen ist hochgiftig, es gibt bis heute keine anerkannten sicheren Höchstwerte. Und dennoch sind die Vorschriften alles andere als streng. Ein kleines Anschauungsbeispiel ist der Fall eines Lecks in Colorado. Die betroffene Firma wird nicht kontrolliert, darf den Schaden selber aufräumen und muss keinen Pfennig Strafe zahlen, weil es sich um einen Fall von technischem Versagen handelt und nicht um Nachlässigkeit. Konsequenzen für das allgemeine Fracking Geschäft kann man wohl ebenfalls ausschließen.

Martingale

Vor diesem Hintergrund mutet es etwas befremdlich an, wenn James Hansen oder andere die Kernkraft befürworten. Das Spiel, das sie mit uns spielen, heißt Martingal. Mit jedem Verlust, den man erleidet, erhöht man das Risiko, damit man mit dem dann erzielten Gewinn den erlittenen Verlust wieder ausgleichen kann. (Siehe dazu den Beitrag von Ugo Bardi: Fukushima: the Nuklear Martingale.) Irgendwann ist der zu erwartende Schaden so hoch, dass man am Besten die Lösung bleiben lässt, da man Risiken ohnehin nie ausschließen kann.

Man mag geneigt sein, nunmehr alles in die Waagschale zu werfen, weil wir an einem kritischen Punkt angekommen sind. Hansen will die Kernkraft offenkundig, weil er die Gefahren des Klimakollapses für viel größer hält. Dennoch gebe ich zu Bedenken, dass alle Vorschläge, die den Druck von uns nehmen, Gefahr laufen, die wesentlichen Entscheidungen lediglich zu verschieben. Ähnlich wie etwa jede Steuermehreinnahme nicht etwa zur Haushaltskonsolidierung genutzt wird sondern sofort in Steuersenkungen übersetzt wird. Die Kernkraft würde wohl gewiss nicht zum Abbau von Kohlekraftwerken genutzt. Sie würde uns nur erlauben, weiter zu wurschteln. Jedenfalls was das bis jetzt so.

Warum sollte es diesmal anders sein?



Marcus Kracht 2014-1-9