Autos im Jahre 2030

Marcus Kracht, 20. Oktober 2016

Es geisterte in verschiedenen Meldungen herum. Angefangen hat es mit einer Forderung der Grünen, ab dem Jahr 2030 sollten keine Pkw mit Verbrennungsmotor mehr zugelassen werden dürfen. Dann kam eine Drucksache des Bundesrats, die (wohl irrtümlich, so sagte es Herr Wissmann im Interview) als Beschluss der Länder gedeutet wurde. Dann die Reaktionen von den einzelnen Betroffenen, vornehmlich der Autoindustrie. Der Vorsitzende ihres Lobbyverbandes, Matthias Wissmann, wurde denn auch im Deutschlandfunk dazu befragt und hat sich im Handelsblatt vom 14. Oktober noch einmal dazu geäußert.

Man kann sich lebhaft vorstellen, was die einzelnen Protagonisten dazu gesagt haben. Dazu gehört wenig Phantasie. Die Grünen werden darauf hingewiesen haben, dass die CO2-Emissionen nur dadurch wirkungsvoll gesenkt werden können, dass der Individualverkehr auf erneuerbare Energien umgestellt wird. Die Autoindustrie wiederum wird darauf pochen, dass Zwang etwas völlig Verbraucherfeindliches ist und nicht in unsere Gesellschaft passt. Und dass die Industrie stets und immer verantwortungsvoll handelt und sich den Herausforderungen selbstverständlich stellt und ganz stark in zukunftsfähige Technologien investiert.

So oder so ähnlich war es denn auch. Ich könnte mich jetzt damit beschäftigen, inwiefern jetzt die Industrie nicht recht hat. Das ist aber eigentlich gar nicht so interessant. Viel interessanter ist, warum die ganze Debatte überflüssig ist und letztlich die Grünen sich diese Grabenkämpfe sparen könnten, wenn sie es denn wollen.

Das zentrale Argument, das ich nirgendwo gelesen habe, ist nämlich dieses. Laut einer im Jahre 2013 erstellten Studie der Hills Group wird der nutzbare Anteil des Öls bis zum Jahr 2030 auf nahe Null gesunken sein, siehe die Besprechung der ASPO Deutschland.

Ich wiederhole: im Jahre 2030 wird der Gesellschaft (unserer zum Beispiel) die Energie aus dem Öl nur für folgende Dinge reichen: Förderung, Raffinierung, Verteilung und Herstellen von Infrastruktur und Fahrzeugen.

Nicht reichen wird sie dann also für Transport, Energieerzeugung (in Kraftwerken), Heizen und noch einige Anwendungen mehr.

Mit anderen Worten: wir werden vielleicht noch Autos besitzen, aber fahren lassen können wir sie nicht mehr, weil dazu keine Energie in Form von Benzin mehr bereit steht. Und dies nicht, weil die bösen Grünen es gefordert haben oder irgendwelche Regierungen versagt haben, sondern weil die Nettoenergie des Öls abnimmt. Und dies wiederum ist so, weil die Förderung immer mehr Energie verbraucht. Die Ingenieure würden das liebend gerne verhindern, wenn sie nur wüssten, wie man das anstellt.

Man könnte meinen, irgendwer würde diese Erkenntnis an die große Glocke hängen. Aber es scheint so, als hätten selbst die Grünen davor Angst, sofern sie überhaupt von diesen Studien wissen. Denn es würde ja bedeuten, dass es nicht der Intervention umweltbewusster Menschen (also der grünen Politiker oder ihrer Wähler) geschuldet sein wird, dass jetzt fortschrittliche Politik gemacht würde, sondern dass es ganz einfach von selbst so kommen wird.

Dabei ist dies nicht das erste Mal. Ich hörte unlängst in einem Interview, dass es nicht unbedingt der Störfall von Three Mile Island war, der das Umdenken in der Kernkraft angestoßen hatte, sondern dass bereits in den 1970er Jahren den Firmen Zweifel gekommen waren. Und dies deshalb, weil der Umstieg auf größere Reaktoren ganz neue Techniken und damit eine ganz neue Kalkulation erforderlich machte. Kernkraft begann, sich nicht mehr zu lohnen. Nur nebenbei: der neue Reaktortyp, der in Europa gebaut wird, der sogenannte European Pressurized Reactor (EPR), kämpft mit exorbitanten praktischen Risiken. Ob je einer dieser Reaktoren ans Netz gehen wird, ist noch nicht ausgemacht.

Doch zurück zum Auto. Man stelle sich vor, dass die Forderung eigentlich ganz zahm war: soviel ich weiß, geht es nur um Pkw. Und zwar aus gutem Grund. Denn wie man den Lastverkehr auf elektrische Energie umstellen soll, ist alles andere als klar. Batterien sind zum gegenwärtigen Zeitpunkt zu schwer. Und Oberleitungen wären zwar möglich, würden aber das elektrische Netz überfordern (siehe die Aufsätze von Alice Friedemann über den Energiehunger und den Mangel an Batterien). Das einzige, was man heute also mit dem freiwilligen Verzicht sinnvoll einschränken kann, ist der Pkw-Verkehr.

Allerdings geht der Energiemangel nicht rational vor und schon gar nicht in unserem Sinne. Wenn also die Energie aus Öl derart rapide abnimmt, dann wird es bald nicht nur den Individualverkehr treffen sondern auch den Lieferverkehr. Das bedeutet, dass es recht bald nicht nur darum gehen wird, wohin wir mit dem Auto fahren sondern eben auch darum, ob all die vielen Waren, die wir so haben wollen, auch angeliefert werden können. Ob wir bis dahin mit unseren technologischen Entwicklungen soweit sind, Alternativen bieten zu können, ist der Thermodynamik herzlich egal. Die Zeit tickt, und wenn es nicht gelingt, dann ist unser Wirtschaftsmodell ernsthaft in Gefahr.

Den ganzen Zank, den die Grünen da vom Zaun gebrochen haben, könnten wir uns eigentlich sparen, wenn dieses Argument nicht auf den Tisch kommt. Das Argument mit dem Klimaschutz, dem Lärm und den Emissionen ist ja durchaus richtig. Es war aber abzusehen, was die Autoindustrie dazu sagen würde (und Herr Wissmann hat es gesagt). Viel spannender ist daher die Aussage, dass es gar nicht von unseren Gesetzen abhängen wird, dass 2030 keine Benzin- oder Dieselautos mehr auf die Straßen kommen werden. Sondern aller Voraussicht nach wird es ganz von alleine dazu kommen.

Ich gehe davon aus, dass die Autoindustrie das sehr wohl weiß. Aber auch sie hütet sich, davon zu sprechen. Denn im Augenblick lebt sie gut davon. Und auch das sollte erwähnt werden: Manager dürfen nichts tun, was den unmittelbaren Interessen ihrer Firma widerspricht. Insofern ist es an der Zeit, dass andere in die Bresche springen, um das zu sagen, was es zu sagen gilt.



Marcus Kracht 2016-10-20