Der Club of Rome und das Wachstum der Weltwirtschaft

Marcus Kracht, 15. September 2016

Der Club of Rome hat sich wieder einmal zu Wort gemeldet und zwar mit einer Liste von Vorschlägen, wie dem drohenden Kollaps der Zivilisation begegnet werden könnte. Es meldet sich prompt ein Wirtschaftswissenschaftler zu Wort; Marcel Fratzscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung und Professor für Makroökonomie, schreibt im Spiegel Online unter der überschrift Die verquere Logik des Club of Rome, was er von den Vorschlägen hält: so gut wie nichts. Gewiss mag er dem einen oder anderen etwas abgewinnen, aber die Idee, Frauen Geld gegen weniger Kinder zu zahlen, hält er für unsinnig. Das ist auf der einen Seite vielleicht nicht falsch. Auf der anderen Seite ist der eigene Beitrag ein weiterer in einer Serie von vielen, die uns immer die gleichen falschen Diagnosen liefern und damit den Menschen suggerieren, eigentlich ist Wirtschaftswachstum ganz okay und in Sachen Umweltschutz laufe alles in die richtige Richtung. Mit anderen Worten: eigentlich besteht kein Handlungsbedarf. Jedenfalls nicht jetzt.

Herr Fratzscher macht sofort deutlich, dass ihm der Club of Rome nie behagt hat: Der Club of Rome ist sich seit seinem berühmten Bericht über "Die Grenzen des Wachstums" im Jahr 1972 in seinem pessimistischen und menschenfeindlichen Ausblick treu geblieben. Der neue Bericht folgt der gleichen Logik, es gäbe zu viele Menschen auf unserem Planeten, dies überfordere die natürlichen Ressourcen und müsse unweigerlich sehr bald zu Armut und zum Zusammenbrechen der Zivilisation führen. Und gleich danach heißt es: Seit 44 Jahren werden die Thesen des Club of Rome widerlegt.

Man kann zu den Vorschlägen stehen, wie man will, aber erst einmal sollte man sich diese Grafik ansehen:

Diese Grafik ist der sogenannte Normallauf des Weltsystems, bei dem die Parameter so eingestellt wurden, wie sie damals (1972) bekannt waren. (Es gibt in dem Buch noch viele andere Läufe um zu sehen, wie sich das System unter anderen Parametern verhalten wird.) Wie wir sehen, steigen die wesentlichen Wirtschaftskurven (Produktion pro Kopf, Nahrung pro Kopf, Dienstleistungen pro Kopf) bis etwa 2015 an, um dann wieder zurückzufallen. Was daran ist seit 44 Jahren widerlegt worden? Offensichtlich wird stillschweigend unterstellt, es sei damals der sofortige Kollaps der Weltwirtschaft vorhergesagt worden. Wie so oft hat die Gegenpropaganda Wirkung gezeigt. Alle glauben heutzutage ohne das Buch noch einmal zur Hand zu nehmen, das sei alles widerlegt. Dabei gibt es massive Zweifel an dieser Widerlegung.

Die Problematik ist, wenn man sie sehen will, überall augenfällig. Wir betonieren das Land zu (zweimal schneller als gesetzlich erlaubt) und vernichten das Ackerland, das uns eigentlich ernähren soll. Die Weltmeere werden ebenfalls leergefischt. Bisher habe ich keine praktische Lösung gesehen wie man das ändern kann. Das kann doch nicht gut enden. Wieso ist es menschenverachtend, daran zu erinnern? Warum ist man Pessimist, wenn man diese Zahlen auf den Tisch legt? Sind Optimisten besser für uns, weil sie das nicht wissen wollen?

Wirtschaftswissenschaftler als neue Astrologen

Was ich mich dabei zum wiederholten Mal frage, ist, warum es ausgerechnet Wirtschaftswissenschaftler sind, die zu diesen Themen gefragt werden, und die dazu Auskunft geben anstelle sich über die Problematik sachkundig zu machen. Liebe Zeitungsmacher, es gibt massenhaft Foren und Gesellschaften, die man auch mal fragen könnte, wie etwa die ASPO (Association for the Study of Peak Oil and Gas), die Foren Peak Oil, Resilience.org, dieser hier, Cassandra's Legacy und und und. Einfach mal googlen. Die Gesellschaft (und die Wirtschaftswissenschaftler selber auch) meinen aber offenkundig, sie wüssten, wie es demnächst weitergeht. Dabei geht es bei dem Wirtschaftswachstum beileibe nicht nur um Finanzfragen, sondern zuallererst um physikalische, chemische und geologische Fragen, wie: welche Stoffe sollen erzeugt werden, wieviel Energie benötigt man dazu und wo kommt diese her? Herr Fratzscher sagt, Wirtschaftswachstum sei notwendig für Wohlstand und dass die Lösung für die resultierenden Umweltprobleme in in der Nutzung der wichtigsten Ressourcen des Menschen, seiner Kreativit├Ąt und Innovationskraft liege.

Genau das ist dann wohl die Domäne der Wissenschaftler. Was uns zu der Frage bringt, ob die eine Idee haben, wie es weiter gehen kann.

Da sieht es offenkundig ziemlich schlecht aus für das Wachstum und damit, nach Herrn Fratzscher, auch für unseren Wohlstand; worin ich allerdings durchaus übereinstimme. Anders als in früheren Zeiten, als man einer Energieknappheit mit der Erschließung einer neuen, größeren Ressource gegegnen konnte, sind die beteiligten Wissenschaftler momentan ziemlich ratlos, woher wir in Zukunft unsere Energie bekommen können. Ein paar Hinweise mögen genügen.

Dem Club of Rome in diesem Zusammenhang Menschenverachtung vorzuwerfen, ist mehr als ein Lapsus. Es ist die Fortsetzung der ewig gleichen Weigerung, zur Kenntnis zu nehmen, dass die Probleme real sind. Es grenzt dagegen an Gleichgültigkeit unserem Schicksal gegenüber, sich nicht zu fragen, wo der Schuh wirklich drückt. Die Weltbanken doktern seit Jahren an der Wirtschaft herum und versuchen verzweifelt, sie wieder in Gang zu bringen. Warum aber geht es nicht? Sind wirklich die Schulden das Problem, das Bargeld oder sonst irgendein Zinssatz? Könnte es nicht sein, dass das Wachstum einfach nicht mehr erzeugt werden kann, rein aus natürlichen Beschränkungen heraus wie etwa Mangel an Rohstoffen oder Energie?

Immer wieder wird betont, unsere Gesellschaft sei eine Wissensgesellschaft, und wie wichtig die Experten seien. Nun denn, warum fragt man die Experten denn nicht?



Marcus Kracht 2016-09-15