Das ungeliebte Bargeld

Marcus Kracht, 24. Mai 2015

Bargeld ist des Teufels

Das Getuschel wird lauter. Larry Summers will es abschaffen, Kenneth Rogoff sowie Regierungen wollen es loswerden und nun auch der "Wirtschaftsweise" Peter Bofinger. Nicht das Geld. Sonst könnten die Ökonomen sich eine andere Arbeit suchen. Sondern das Bargeld. Denn das Bargeld ist für sie offenkundig nicht nur ein Anachronismus — es ist des Teufels und muss deswegen verschwinden.

Im Wesentlichen werden zwei Gründe dafür genannt. Keiner vermag mich so richtig zu überzeugen. Der erste ist, dass wir damit endlich endlich die Steuerhinterziehung bekämpfen können. (Siehe Griechenland, wo man vorhat, mittels reduziertem Steuersatz die Leute zu bargeldloser Bezahlung zu animieren.) In einer Welt, wo mehr und mehr Leute Geld nur noch auf irgendwelche Festplatten oder Chips verbucht bekommen, sind nicht nur Geheimdienste auf die Idee gekommen, dass man Geldströme bis in das Letzte verfolgen könnte. Der Staat tut dies ebenso, indem er sich bei Bedarf komplette Übersicht über die Konten verschafft. Das funktioniert flächendeckend, vorausgesetzt, das letzte (?) noch existierende Loch wird gestopft: das Bargeld. Denn es wechselt den Besitzer, ohne dass die e-Sphäre dieser Welt etwas mitbekommt. Das ist schade, und manche Ökonomen weisen darauf hin, dass damit der Steuerhinterziehung Tür und Tor geöffnet sind. Beziehungsweise schon immer waren, nur eben kann man jetzt endlich das Tor schließen. Denn das Bargeld hat elektronische Konkurrenz bekommen. Niemand kann mehr behaupten, er könne nicht zahlen, weil es kein Bargeld gibt.

Der zweite Grund ist ziemlich perfide, kommt aber der realen Motivation näher. (Steuerhinterziehung vermittels Bargeldzahlung ist sicher das kleinste Problem in dieser Welt angesichts riesiger Steuerschlupflöcher.) Es geht darum, dass einige Banken dazu übergangen sind, Staatsanleihen zu Negativzinsen zu kaufen. Da das ein miserables Geschäft ist, dem niemand aus freien Stücken zustimmen würde, muss man die Menschen irgendwie dazu zwingen. Und hier kommt das elektronische Geld wie gerufen. Wenn nämlich Geld automatisch entwertet werden könnte, dann würden derartige Geschäfte durchaus wieder Sinn machen. Denn wenn das Geld automatisch an Wert verliert, sind manche Verlustgeschäfte deswegen profitabel, weil sie weniger Verlust abwerfen als die anderen. Und Geld auf dem Konto parken, auch bekannt als Sparen, kann jetzt als Investitionsverweigerung mit automatischer Entwertung bestraft werden. Dies ist insbesondere dann interessant, wenn die Wirtschaft nicht mehr wächst.

Das klingt alles irgendwie nach Freigeld. Also der Idee, dass Vollbeschäftigung dadurch erreicht werden könnte (so die Theorie), dass man das Parken des Geldes wahlweise auf der Bank oder unter dem Kissen mit einem Abschlag bestraft (sogenannte Demurrage). Wobei ich nicht sicher bin, dass die Ökonomen sich in eine Reihe mit Querköpfen wie Silvio Gesell stellen wollen. Mir will scheinen, dass das noch eine andere Agenda existiert, die die Ökonomen dazu bringt, derartiges vorzuschlagen. (Vielleicht ja ein Verständnis für die Zwangslage von Regierungen siehe auch das Interview mit Robert Halver.)

Die wuchernde e-Sphäre

Ich gebe diesen Ideen keine große Chance. Die Leute werden wohl revoltieren. Das sieht auch Wolfgang Münchau so. Das ist für ihn der einzige Grund, am Bargeld festzuhalten. Dabei gibt es noch einige andere. Man kann Kontrolle nämlich auch zu weit treiben. Wenn das Auskundschaften ihres Privatlebens die Menschen noch nicht in Rage gebracht hat — die Vorstellung, ihr Geld nicht mehr frei ausgeben zu können, wird es vollbringen. Außerdem wird die angekündigte Zwangsentwertung den Leuten üerhaupt nicht schmecken. Sie ist zunächst einmal eine Zwangsmaßahme und zum zweiten nicht transparent. Denn niemand kann sicher sein, dass sie allgemein und gleichmäßig durchgesetzt wird. Denn Computerprogramme tun nur das, wozu sie programmiert wurden, und das kann letztlich alles Mögliche sein. Wer stellt sicher, dass die Zwangsentwertung alle gleichmäßig trifft?

Vor allem aber: will irgendjemand, außer irgendwelchen Techno-Optimisten leugnen, dass Geldscheine dem Besitz von Geld eine Form von Realität geben, die allen Bits dieser Welt abgeht? Schließlich kann man sie lesen und ganz einfach in der Tasche behalten, wohingegen Elektrogeld immer irgendwie fiktiv anmutet. Worin sollte Dagobert Duck dann noch baden können? Doch lassen wir auch hier die Möglichkeit offen, dass sich die Menschen an die Abwesenheit von Bargeld gewöhnen können. Mich beunruhigt etwas ganz anderes.

Ich sorge mich um das Ende des digitalen Zeitalters.

Und das hat es in sich. Die e-Sphäre, wie ich sie oben nannte, expandiert immer mehr. Alles wird jetzt elektronisch gestaltet. Die Wissenschaft, die Läden, die Buchführung, die Filme — und jetzt eben auch das Geld. Alles, was irgendwie auf Information hinausläuft und dematerialisiert werden kann, wird jetzt dematerialisiert. In Zukunft bekommen wir unsere Diagnose gewiss auch vom e-Arzt und werden ein Studium an der e-Universität absolvieren.

Nun also auch das Geld. Das klingt zunächst wunderbar. Warum nicht all diese altbackenen Papierlappen auf den Müll geben? Warum nicht all das schöne Metall anderen Zwecken übergeben als unsere Hosentaschen auszubeulen? Nie mehr Bundesdruckerei, das spart zu allem Überfluss sicher auch eine Menge Geld, weil man das Drucken von Scheinen und Prägen von Münzen sein lassen könnte. Geld könnte man von nun an durch simples Umsetzen von ein paar Bits entstehen lassen. Und das Finanzamt hätte endlich volle Einsicht in die Transaktionen. Wer bekommt von wem wieviel Geld und wofür — das ist endlich durchgehend ersichtlich. Steuerhinterziehung wäre endlich ein Ding der Vergangenheit.

Und dann fällt der Strom aus.

Die Festplatten stehen auf einmal still und geben keine Auskunft mehr. Die Wissenschaftler können nicht mehr recherchieren, die Online-Händler nehmen keine Aufträge mehr entgegen, Filme gibt es nicht zu sehen und der Supermarkt nebenan gibt Ihnen nichts zu Essen, weil Sie es nicht bezahlen können. Wahrscheinlich wird man der Kasse noch nicht einmal in der Lage sein auszurechnen, wieviel Sie überhaupt bezahlen müssen.

Spätestens dann wird klar, dass den Vorteilen des bargeldlosen Lebens auch Nachteile gegenüberstehen. Und die sind, je länger sich die Menschen an das Leben ohne Bargeld gewöhnt haben, um so drastischer. Denn wie soll man mit Geld umgehen lernen, wenn das nunmehr der Computer für einen tut? Früher hat man den Jugendlichen ein Konto aufgeschwatzt, weil sie damit angeblich lernen, mit Geld umzugehen. So fadenscheinig das war, immerhin konnte man sich das Geld ab und zu in die Hand geben lassen und dann durchzählen. Die physische Präsenz von Scheinen hatte etwas Berauschendes, vorausgesetzt, man konnte sich genug von ihnen auszahlen lassen. Und ihr Schwinden konnte man mit den Augen sehen oder mit den Händen greifen. Damit wäre es dann vorbei.

Gewiss hat das auch früher die Menschen nicht davon abgehalten, mehr Geld auszugeben, als ihnen gut tat. David Graeber weist in seinem Buch Schulden. Die ersten 5000 Jahre darauf hin, dass es Schulden bereits gab, bevor es Geld gab (und nicht etwa danach). Aber immerhin wussten sie um die Mechanik von physischem Geld. Wenn es verschwindet, geht dieses Wissen verloren.

Die Schattenseiten des elektronischen Zeitalters

Das elektronische Zeitalter stellt uns vor zwei Arten von Problemen. Die eine Art von Problemen ist gewissermaßen die Schattenseite seines Erfolgs, sie stellen sich unweigerlich dort ein, wo Menschen Technik schaffen und nutzen. Die anderen Probleme aber erwarten uns am Ende des elektronischen Zeitalters.

Jede neue Technik löst nicht nur Probleme, sie schafft immer auch welche. Das ist wie bei der Evolution. Jede Neuerung ist immer nur eine gewisse Zeit im Vorteil, irgendwann wird sie von anderen Neuerungen überholt. Und es auch nicht so, dass alle die Technik in dem ursprünglich vorgeschlagenen Sinne verwenden wollen. Elektronische Dienste sind zum Beispiel immer mehr das Ziel von Hackern, die noch viel mehr als der normale Bankräuber unsichtbar sind. Und ob jetzt irgendein neuer Bezahldienst reibungslos funktioniert, ist stets mehr eine Frage von raffinierten Programmen, die neben Zuverlässigkeit auch Sicherheit garantieren müssen. Die zahllosen Meldungen über irgendwelche Sicherkeitslücken in Plattformen oder Anwenderprogrammen lassen eine dunkle Ahnung davon aufkeimen, welchen neuen Risiken Bankkunden gegenüberstehen, wenn es absolut kein Bargeld mehr gibt. Nicht zu sprechen von einer nicht geringen Zahl von Menschen, die gar keine Computer oder Geräte haben, mit denen sie bezahlen können.

Soviel zum Alltag des elektronischen Geldes. Um es aber immer wieder zu sagen: die Vorstellung, man müsse ergeben die Segnungen des elektronischen Zeitalters annehmen und sofort seine Praxis umstellen macht nur Sinn, wenn das Überleben dieses Zeitalters garantiert ist. Wenn nicht, wird alles zu einer Gratwanderung. Denn mit jeder App und jeder Neuerung in der e-Sphäre wird die Fallhöhe größer. Wir gewöhnen uns den Umgang mit den Dingen ab, auf die wir in naher Zukunft angewiesen sein werden.

Aus diesem Grund ist die massenhafte Einführung von Computern in den Schulen, ist die Vernachlässigung der Handschrift, und eben das Abschaffen von Bargeld schlicht Wahnsinn: ein kurzfristiger Vorteil, gewiss, den wir mit Verlust einer Kultur bezahlen, die weit mehr Jahrhunderte überlebt hat, als der Computer Jahrzehnte überleben wird.

Denn soviel ist gewiss: Computer werden wohl nicht lange mehr in Gebrauch sein. Ich gebe ihnen noch eine Generation (20 Jahre für den privaten Bereich). Wer die Diskussionen um die Energiewende verfolgt, wer sich die Mengen an Strom ansieht, die wir verbrauchen, deren Erzeugung aber mit der Zerstörung der Erde und ihres Klimas einhergehen, dem wird bald klar werden, dass es mit unserer digitalen Zukunft nicht weit her ist. Sie ist ein Wunschtraum, und der wird nicht allein deshalb wahr, weil wir uns nichts anderes vorstellen können.






Marcus Kracht, 2015-5-24