Der große Selbstbetrug

Marcus Kracht

1. Juni 2014

Was bleibt also?
Die Erkenntnis, dass gehandelt werden muss, damit etwas bleibt in der digitalen Welt.
Paul Klimpel: Was bleibt?




Sprache und Wirklichkeit

Es ist eine der Grunderfahrungen, die man in der DDR (und natürlich nicht nur dort) machen durfte: wenn die Wirklichkeit nicht mehr mitspielen will, wenn sie nicht mehr so sein will, wie wir sie haben wollen, so wird einfach der Lautsprecher aufgedreht. Denn da der Instinkt der Menschen sagt, dass die Sprache die Wirklichkeit so beschreibt, wie sie ist, das heißt, weil wir aus irgendeinem Grund irgendwie doch geneigt sind, anderen zu glauben in dem, was sie sagen, so genügt es eben, die Wirklichkeit passend zu reden und die Menschen werden weiterhin glauben, alles sei wie vorher.

Das Schönreden der Verhältnisse kann aus verschiedenen Gründen geschehen. Wenn es ein Fall von verordneter Sprachregelung ist, nennt man so etwas gemeinhin Propaganda. Aber es muss eben nicht verordnet sein. Es kann auch sein, dass wir uns gegenseitig immer die gleiche Geschichte erzählen, ohne zu merken, dass sie längst jeden Wirklichkeitsbezug hinter sich gelassen hat. Das ist dann ein Fall von kollektiver Selbsttäuschung.

Genau das ist es, was im Augenblick vorgeht. Wir alle ahnen, dass etwas nicht stimmt, dass die Rohstoffe zur Neige gehen und dass deswegen die Tage unseres üppigen Lebens gezählt sind. Aber deswegen steuern wir jetzt gegen! Wir ändern unser aller Lebensstil.

Wir werden jetzt umweltschonend, wir werden biologisch, und — immer mehr — nachhaltig und resilient. Wir, die Gesellschaft, und nicht zuletzt die Wirtschaft werden nachhaltig. Umweltbewusst sind wir alle sowieso schon.

Das einzige Problem daran: es sind nichts als Wunschformeln. Rituelle Beschwörungen einer Existenz, die wir für uns nicht bekommen können.

Als bloße Leitlinien ist sicher nichts dagegen zu sagen. Die Richtung ist gut. Allein, es stellt sich die Frage, wie weit wir auf dem Weg gekommen sind. Und die Frage ist auch, was wir im Ernstfall damit meinen. Ist zum Beispiel der umweltschonende Tourismus wirklich so umweltschonend? Wäre nicht vielleicht das umweltschonendere gar kein Tourismus? Inwiefern ist ein Hybridfahrzeug gegenüber einem gewöhnlichen Auto energie- oder ressourcensparend?

Sprachlich gesehen wäre es besser, statt vom umweltschonendem Verbrauch von unmweltschonenderem Verbrauch zu sprechen. Denn in Wirklichkeit können wir meist nur nachweisen, dass unser Verbrauch weniger Umweltzerstörung mit sich bringt (was im Falle von Hybridautos wohl auch nicht gehen wird, dafür ist die Herstellung zu ressourcenintensiv), aber nicht, dass es so wenig sei, dass die Umwelt das problemlos wegstecken kann. Natürlich lädt das wiederum zur Gegenfrage ein: umweltschonender als was? Wo ist der Vergleichsmaßstab?

Nachhaltigkeit

Nachdem die zahlreichen Umwelt- und Ökolabels abgegrast und fest etabliert sind, bedarf es eines neuen Begriffs, um die Aufmerksamkeit der Menschen zu fesseln. Die neuen Begriffe heißen Resilienz und Nachhaltigkeit. Sie meinen natürlich etwas anderes als ihre Vorgänger, und deswegen sind sie nicht einfach überflüssig. Aber sie sind gerade im Begriff, den gleichen Weg von bio- und öko- zu gehen. Da nämlich jeder Hersteller von sich behaupten will, umweltschonend zu produzieren, hat man dafür gesorgt, dass die Vorsilben (wenigstens im offiziellen Gebrauch) nichts mehr bedeuten. Das äußert sich dann darin, dass praktisch alle Produkte inzwischen ganz offiziell öko- und bio- sind, selbstverständlich zu einem unschlagbaren Preis, mit dem ein rechter Biobauer nicht mithalten kann.

Das Ganze wird natürlich durch offizielle Verordnungen abgesegnet. Aber nicht nur die Unternehmen sind es, wir alle bescheinigen uns selbst und anderen gerne, dass wir ökologisch verantwortungsbewusst sind.

Und weil diese Begriffe uns ein wenig abgenutzt erscheinen, erobern jetzt die neuen Bergiffe unsere Herzen, wie etwa die Nachhaltigkeit. Ist es doch unser aller Wunsch, Unternehmen mögen nicht nur umweltschonend produzieren sondern auch nachhaltig. Jedoch, was das jetzt genau ist, ist offenkundig eine Frage der Definition. Unternehmen haben natürlich kein geoßes Aufklärungsinteresse. Für sie genügt es, dass es sich gut anhört.

Nachhaltige Datenspeicherung

Als wäre das nicht genug, macht der Begriff auch in Bereichen die Runde, wo man ihn niemals vermutet hätte. Zum Beispiel in der Informatik. Im Bereich der Datensicherung findet sich jetzt Begriffe wie nachhaltige Datenspeicherung bzw. nachhaltige Datenformate. (Zum Beispiel in dieser Werbung für Speicher.) Wie weit aber reicht die nachhaltige Speicherung im Vergleich zur herkömmlichen Speicherung? Von welchen Daten können wir garantieren, dass sie zukünftig noch lesbar sind und wie lange wird das sein?

Gehen Sie in ein beliebiges Museum und schauen Sie sich alte Manuskripte und Handschriften an. Die haben gut und gerne mehrere Jahrhunderte überdauert und sind mit etwas Geschick heute noch lesbar. Heute dagegen können wir zufrieden sein, wenn Daten ein paar Jahrzehnte halten. Die Haltbarkeit nimmt dramatisch ab. Und nicht nur das. Auch die ständige Innovation setzt der Haltbarkeit der Daten enge Grenzen. Denn wo das Format nicht mehr unterstützt wird, wo der Datenträger nicht mehr ausgelesen werden kann, endet der Nutzen der Daten, egal wie intakt sie ansonsten sind. Archivierungs- und Digitalisierungsprojekte, die länger als ein Jahrzehnt dauern, müssen am Ende bereits ihre eigenen Daten auf neue Träger oder Formate umwälzen.

Das ist natürlich nicht unbemerkt geblieben. So hat etwa der Sammelband Was bleibt? Nachhaltigkeit der Kultur in der Digitalen Welt von Paul Klimpel und Jürgen Keiper einen Versuch unternommen, die Herausforderungen der Digitalisierungen zu benennen. Der darin enthaltene Berliner Appell ist der durchaus ernsthafte Versuch, die Gesellschaft und ihre Entscheidungsträger mit den Problemen zu konfrontieren und sie zum Handeln zu bewegen.

Trotzdem muss man sich natürlich fragen, was hier mit Nachhaltigkeit überhaupt gemeint sein kann. Will man ernsthaft sagen, es sei dereinst möglich, die Daten in einer Art dematerialisiertem Zustand zu halten, indem man die permanente Umwälzung so organisiert, dass Daten weder verlorengehen noch unlesbar werden? Wie soll das angesichts immer kürzerer Lebenszeit der Datenträger und angesichts der immer weiter ausufernden Archivierungstendenzen überhaupt gehen? Wer will all diese Exabyte an Daten versorgen? Wer wird dazu überhaupt in der Lage sein?

Man tut so, als sei das nur eine Frage des Willens. Man müsse sich nur ein Herz nehmen, ein wenig Geld und Erfindungsgeist dazu, und dann könne man da schon was machen. Wie gesagt, das obige Zitat fragt, wie wir es anstellen, damit etwas bleibt in der digitalen Welt.

Dahinter steckt die unausgesprochene Prämisse, dass die digitale Welt selbst Bestand hat. Denn nur dann, wenn es eine Zukunft für den digitalen Raum gibt, lohnt sich die Mühe. Wenn aber die Frage eher die ist, ob die digitale Welt selbst eine Zukunft hat, dann gilt es wohl nicht, die Bücher in die digitale Welt zu retten, sondern umgekehrt die digitale Welt in die Bücher.

In der heutigen Zeit ist das eine ketzerische Vorstellung. Es hieße ja, rückwärts zu denken und uns jede Hoffnung auf Fortschritt zu nehmen. Warum sollten wir akzeptieren, dass so etwas altbackenes wie Papier am Ende das Rennen machen soll? War es nicht bisher immer so, dass das Neue mit zahlreichen Vorteilen ausgestattet war? Will man ernsthaft auf die Vorteile der digitalen Daten verzichten?

Das Ende der Nachhaltigkeit

Meine Antwort darauf: vielleicht wollen wir ja nicht, aber wir werden es wohl müssen. Die digitale Welt hat keine Zukunft. Wir betrügen uns schlicht selbst. Wir glauben, dass es so etwas wie Nachhaltigkeit für jede menschliche Technik geben kann, warum nicht auch für das Internet.

Dieser inflationäre Gebrauch des Begriffs Nachhaltigkeit setzt voraus, dass man die Technik dematerialisieren kann. Bei Daten ist das aber ebensowenig der Fall wie bei Autos. Computer verbrauchen horrende Mengen an Stoffen, deren Verarbeitung wiederum einiges an Energie schluckt. Wie wollen wir die gegenwärtige Produktion von Elektronik aufrechterhalten? Wer will alle zwei, drei Jahre Geld für einen neuen Computer, ein neues Smartphone hinlegen? Vor allem aber: wer wird das noch können?

Vielleicht, wird man mir sagen, überschätze ich einfach das Problem. Die meisten Daten sind ja nicht so wichtig, die kann man ja irgendwie wegwerfen. Das würde das Problem schon lösen können.

Schön wär's. Wir heben doch die Daten zumindest für ein Paar Jahrzehnte auf. Wer will schon all die Bilder wegwerfen, die er gemacht hat? Wer trennt sich denn effektiv von seinen Daten? Wir sind doch eine riesige Datengesellschaft geworden, die das Wort Löschen schon gar nicht mehr kennt. Und bei den gegenwärtigen Mengen, die jährlich anfallen, gehen die Archive mehr und mehr in die Knie. Und weil ja elektronische Daten immer noch günstiger sind als papierene, schaffen Bibliotheken immer mehr von ihnen an. Denn die müssen schon ganz kräftig sparen. Natürlich wissen Bibliothekare um die Probleme der elektronischen Daten, aber auch sie unterliegen dem ökonomischen Diktat, das sie zu der günstigeren Lösung zwingt.

Das Umdenken wird wohl erst dann einsetzen, wenn nichts mehr geht. Wenn es efektiv zu spät ist, sich um Ersatzlösungen zu kümmern. Wenn die ganze Speicherung zu viel Geld kostet. Dann gehen hier und da die Server vom Netz und das angeblich auf ewig angelegte Archiv ist auf einmal nicht mehr verfügbar. Es trifft sicher zunächst einmal irgendwelche entlegenen Ecken (wie etwa diesen Blog), aber irgendwann dreht sich das Karussel immer schneller. Die Kosten steigen, die Datenmengen auch, und die Schere schließt sich. Immer weniger Daten werden online sein. Und die eigenen Festplatten quillen über und quittieren nach ein paar Jahren ebenfalls den Dienst. Und dann versickern die Daten im Nirvana.

Man stelle sich vor, was mit all den schönen Forschungsergebnissen ist, die heute noch auf unzähligen Servern abrufbar sind. Kein Projekt kommt heute ohne Speicherung riesiger Mengen an Daten aus, die natürlich ebenfalls gespeichert sein wollen, damit jederman die Ergebnisse nachrechnen kann. Wenn aber die Server stillstehen, kann man das alles abrufen noch nachrechnen.

Alles ist dann in kurzer Zeit vergessen. Wehe der Institution, die nicht auch noch mit Papier umzugehen gelernt hat.


Marcus Kracht 2014-06-01