Der Erinnnerungshorizont

Marcus Kracht, 21. Oktober 2012

Jede Ansammlung von Materie birgt in ihrem Inneren eine Singularität, in welcher die Gravitation in unermeßliche Höhen geht. Normalerweise hat das keine Konsequenzen, außer diese Ansammlung ist so groß, dass die Schwerkraft im Inneren dieser Singularität die Materie völlig auflöst. Übrig bleibt dann ein schwarzes Loch, ein Gebilde, das nur noch aus einem Massenpunkt besteht, der von der übrigen Welt durch den sogenannten Ereignishorizont getrennt ist. Wer dort hindurchgeht, kommt nie wieder zuück. Er wird von dem schwarzen Loch verschluckt.

Auf uns Menschen hat das weiter keine Auswirkungen. Schwarze Löcher sind sehr weit weg. Wir werden wohl nie in die Verlegenheit kommen praktisch auszutesten, ob die Theorie der schwarzen Löcher nun stimmt oder nicht. Es gibt aber einen anderen Horizont, den zu überschreiten sich die Menschheit von Zeit zu Zeit anschickt: den Erinnerungshorizont. Überschreitet man ihn, so schwindet das Erinnern an alles, was davor war. Es wird unwiederbringlich hinter einem Schleier verborgen bleiben.

Wie kann so etwas möglich sein?

Unsere Erinnerung organisieren wir in Form von Texten und Bildern, die wir irgendwo archivieren. Je mehr es zu archivieren gibt, um so größer werden die Archive. Genügten anfänglich ein paar Steine, um alles Wissenswerte aufzuschreiben, müssen es heute schon ganze Gebäude sein, um unsere Aufzeichnungen zu beherbergen. Nationalbibliotheken sind riesige Archive, aber beileibe nicht die einzigen, die zur Speicherung herhalten müssen. Alle möglichen Institutionen haben ihre eigenen Zimmer voller Aktenschränke, welche zusammengenommen sicher sämtliche Bibliotheken in den Schatten stellen würden.

Die Zerstörung dieser Archive bedeutet den Gedächtnisverlust der Gesellschaft. Dabei gehen neben wissenschaftlichen und religiösen Texten jede Menge Verwaltungsdokumente verloren. Auch wenn deren Inhalt meist nur wenige interessiert: ihr Verlust bedeutet immer auch ein einschneidendes Ereignis. Manchmal ist es erwünscht, etwa wenn Schulden getilgt werden und die entsprechenden Tontafeln zerbrochen, Papiere oder Kerbhölzer den Flammen übergeben werden.

Manchmal aber ist es auch nicht erwünscht und dann geht die Zerstörung als Katastrophe in die Geschichte ein. So der Brand der Bibliothek von Alexandria oder der Klosterbibliotheken in Tibet. Danach ist nichts mehr wie vorher. Was nicht vorher kopiert worden ist, ist danach unwiederbringlich verloren.

Mit der Miniaturisierung von Speichern hat sich die Menschheit einen Wunschtraum erfüllt. Die ganze Bibliothek von Alexandria kann man in eine Tasche stopfen und mit sich herumtragen. Einen ganzen Schatz an Ideen! Mehr, als ein Leben hergibt, um es zu verstehen. Und Kopieren kann man ihn im Handumdrehen. Allerdings hat dies einen Preis: solche Speicher sind viel weniger dauerhaft als die Pergamentrollen von damals, welche zum Teil Jahrhunderte überdauert haben. Heutige Speicher halten 10 bis 30 Jahre, Tendenz fallend.

Der Trend zur Anhäufung von Daten aber hält ungebrochen an. Keine Verwaltung baut mehr auf Papier, alle speichern alles in ein zentrales Datenregister, welches in irgendwelchen kühlen Katakomben vor sich hinsummt. Und weil die Daten immer mehr werden, wächst der Bedarf an kleineren Speichern, die wiederum noch fragiler sind als die, welche sie ersetzen. Wir können immer mehr für immer kürzere Zeit speichern.

Zwar kann man dem entgegenwirken, indem man die Daten stets umkopiert. Aber diese Umwälzung hat natürlich ihre Grenzen. Außerdem muss man den Datenverlust erst einmal diagnostizieren und dann verhindern können.

Das Rad dreht sich immer schneller. Immer kürzere Gedächtniszeiten, in denen wir immer mehr Daten umwälzen müssen zwingen uns irgendwann eine Geschwindigkeit auf, mit der wir und unsere Maschinen nicht mehr mithalten können.

Mit anderen Worten: wir überschreiten den Erinnerungshorizont.

Es muss nicht plötzlich über uns kommen wie ein Stromausfall. Es kann auch ganz schleichend sein, wie Gedächtnisschwund. Es beginnt damit, dass irgendwo jemand in wichtigen Daten sucht und nicht fündig wird. Und dass auch die Backups, wenn sie nicht auch schon kaputt sind, ebendiese Lücke aufweisen und niemand sie schließen kann. Wer einmal versucht hat, seine Backups selbst zu organisieren, weiß, wovon ich spreche. Die Sicherheit, die wir da erzeugen, kann sehr schnell zur Illusion werden. Vielleicht stellt sich ja heraus, dass irgendein Hersteller bei den Speicherchips am falschen Ende gespart hat. Oder dass irgendwelche hochgelobten neuen Speichermedien eine viel kürzere Haltbarkeit haben, als vorher prophezeit (wie sich das bei den CDs genauso ereignete) aber niemand rechtzeitig Kopien angefertigt hat.

Ich überlasse es jedem, sich auszumalen, was dann passiert. Vielleicht pfeift ja die Gesellschaft auf all die Daten, die sie da angesammelt hat. Wahrscheinlich ist es aber nicht. Viel wahrscheinlicher ist, dass ein großes Chaos ausbricht, bei dem niemand mehr so recht weiß, wie er sich verhalten soll, weil die Grundlage des Handelns verschwunden ist. Man stelle sich nur mal vor, wie Gerichte noch zu einem vernünftigen Urteil kommen sollen, wenn eine Nachprüfung der Behauptungen nicht mehr möglich ist.

Die Menge dessen, was da auf einmal verschwinden kann, ist gewaltig. Ich habe sie ausführlich in meinem Buch beschrieben. Der Trend zur elektronischen Verwaltung ist ungebrochen, aber er liefert uns in eine immer größere Abhängigkeit von elektronischem Feinstaub, dessen Herkunft und Wirkungsweise den meisten ein ewiges Rätsel sein wird.

Wenn der Wind ihn eines Tages wegweht, wird all das Wissen mit ihm gehen, auf das wir heute so stolz sind.