Fleischlos in Westfalen

Marcus Kracht

13. September 2013




Klimafreundlicher Verzehr

Kürzlich erschien in Telepolis der Artikel Fleischlos: klimafreundlich? von Ruth Berger. Der Artikel setzt sich mit der Frage auseinander, ob nun Fleischkonsum wirklich so klimafreundlich ist wie behauptet, wenn wir daneben noch die Frage nach dem Milchkonsum betrachten. Dass die Antwort darauf nicht einfach sein kann, wird schnell klar. Anlass für diesen Beitrag war eine Greenpeace Studie, die just den Verzicht auf Fleisch predigt und dazu aufruft, diesen zu "besteuern". Das, so die Autorin, trifft diejenigen, die wenig Geld haben, obwohl der Nachweis, dass ihr Konsumverhalten klimaschädlicher ist als das der anderen erst einmal zweifelsfrei erbracht werden müsste.

Die einsetzende Debatte im Forum machte noch mehr klar, dass man begründet verschiedener Meinung sein kann. Was aber folgt daraus? Was lernen wir jetzt? Wir lernen:

Siehe zu diesem Thema auch den lesenswerten Beitrag von Tom Murphy: Man Bites EV: Will EV Bite Back?. Er hat sich die Mühe gemacht, am Beispiel seines eigenen Autos die Kosten-Nutzen-Analyse von elektrisch betriebenen Fahrzeugen aufzurollen.

Trotz all dem aber hätte man doch ganz gerne gewusst, was denn nun zu tun ist. Denn dass das Klima in keinem guten Zustand ist, darin besteht ja wohl kein Zweifel. Wenn also der Verzicht auf Fleisch nichts bringt, was wäre denn stattdessen zu tun?

Meine eigene Meinung dazu ist, dass die entscheidende Frage nicht so sehr ist, was wir essen, sondern woher es kommt und wie es hergestellt wurde. Solange wir Landwirtschaft unter dem Einsatz von Energie herstellen, solange ist der Kampf um die Klimabilanz witzlos. Man stelle sich vor: für jede Kalorie auf dem Teller wird ein Mehrfaches (manche sprechen von dem 15 bis 20 fachen, ich halte 5 - 10 für realistisch) an Energie verbraucht. Das geht natürlich nur unter massivem Einsatz von fossilen Kraftstoffen.

Es lohnt sich, das ein wenig zu vertiefen, damit die Dimensionen klar werden. Ein Mensch, der täglich 3000 kcal zu sich nimmt, verbraucht unter diesen Bedingungen (sagen wir, bei einem Faktor 10:1) täglich 30 000 kcal an fossiler Energie, also jährlich etwa 11 000 Mcal. (M = Million. Ich verwende hier reine Schätzwerte. Für genauere Daten siehe D. Pimentel, M. Pimentel: Food, Energy, Society, 1976 oder mit anderen Zahlen Philip Ackerman-Leist: Rebuilding the Foodshed. Dort ist der Faktor nur 7:1.) Das sind 46 GJ (Gigajoule), oder 13 000 kWh. (Siehe auch Wikipedia, wo der tägliche Bedarf mit 13000 kJ, also 3,6 kWh, angegeben wird). Pro Person. Bei 80 Millionen Menschen sind das jedes Jahr 1000 TWh. Unsere fossilen Kaftwerke liefern 100 GW Leistung, das sind im Jahr knapp 880 TWh, falls sie ununterbrochen laufen. Unser Konsum an Essen verbraucht all diese Energie! All das könnte man sparen, wenn die Landwirtschaft anstatt Energie zu verbrauchen, Energie liefern würde. Die Kraftwerke sind natürlich nicht die einzige Energiequelle. Sie liefern mehr als ein Viertel des Gesamtenergieverbauchs. Der Rest geht größtenteils in Heizung und Verkehr. Insgesamt liegt der Primärenergieverbrauch bei 13,65 EJ, das sind 13,65 mal 1018 J oder 3790 TWh siehe Energiebilanz 2012. (Die Kraftwerke liefern die 100 GW natürlich nur um den Preis eines höherern Einsatzes von Primärenergie, den ich hier aber ausgeklammert habe. Der Faktor liegt allerdings — soviel ich weiß — bei etwa 2.5 - 3, sodass die Kraftwerke erheblich mehr Primärenergie brauchen, etwa ein Drittel, sofern sie stets mit Volllast laufen.)

Dies war eine schnelle Überschlagsrechnung aufgrund von einigen offiziellen Zahlen. Sie kommt ziemlich gut an das heran, was man zum Beispiel bei Philip Ackerman-Leist lesen kann: er kommt auf 19 Prozent des Energiebedarfs in Amerika nur für Ernährung. Setzen wir den Faktor von 8:1 statt 10:1 ein, kämen wir auch auf etwa 20 Prozent. Insofern ist die Datenlage recht ähnlich.

In der Tat hat die Landwirtschaft bis vor hundert Jahren Energie geliefert. Was dazu nötig war? Zunächst einmal, dass die Energie nicht von Maschinen kam, sondern von Menschen. Was erzwang, dass ungefähr die Hälfte der Menschen in der Landwirtschaft arbeitete im Gegensatz zu den kümmerlichen 2 Prozent heute. Man schätzt nämlich, dass die Landwirtschaft in der Lage ist, aus der eingesetzten Energie noch einmal so viel Energie zu erzeugen. Das erklärt, warum es mindestens 50 Prozent sein müssen, die in der Landwirtschaft arbeiten. Übrigens sind Menschen viel effizienter als Traktoren!

Man sieht an dieser Betrachtung, dass die Frage, ob irgendwo Kühe weiden anstelle dass dort Getreide wächst, irgendwie sekundär ist. Denn auch das Getreide wird mit massivem Einsatz von fossilen Energieträgern hergestellt (Traktoren, Dünger, Pestizide und so weiter). Glaubt man wirklich, die Umstellung auf fleischloses oder gar veganes Essen wird uns weiterbringen? Vergessen wir nicht: da draußen wartet eine Industrie nur auf die Signale der Vebraucher, um dann ihre Armada von Maschinen in Bewegung zu setzen. So ist es auch beim Biosprit geschehen. Kaum ist die Idee geboren, wird sie nach allen Regeln der Kunst pervertiert. Die Genindustrie wartet nur darauf, die idealen Pflanzen für uns herzustellen und sie auf den Markt zu drücken.

Wir sind in dem gefangen, was man das Jevons Paradox nennt. Solange wir unser Geld dafür einsetzen, dass Energie verbraucht wird, solange wird jede Einsparunswirkung vergeblich sein. Wir sparen Energie, nur um sie an anderer Stelle wieder einzusetzen. So ist das mit der Industrie. Sie besitzt einen Maschinenpark, angefeuert durch ca 90 Millionen Fass Öl täglich, den sie, komme was wolle, in Bewegung setzen will. Wenn es also nicht die Fleischwirtschaft ist, der sie zur Hand geht, dann ist es etwas anderes.

Ein paar neue alte Maßstäbe

Der Weg zum wirklich klimafreundlichen Leben ist anscheinend doppelt schwer. Zum einen wissen wir nicht genau, was wir tun müssen, zum anderen aber ist das, von dessen Erfolg wir einigermaßen gesichert wissen, sehr mühselig. Am Beispiel der Landwirtschaft wird dies sehr deutlich: der Weg in die klimafreundliche Landwirtschaft bedeutet nichts weniger, als dass viele Menschen ihre schönen Berufe hinter sich lassen, aufs Land ziehen und im Schweiße ihres Angesichts den Boden bearbeiten. Und dass Scharen von Schülern und Studenten im Sommer nicht einfach durch die Welt fahren sondern zum Ernteeinsatz.

Diesen Lebensstil wollen aber nur wenige wirklich. Er bedeutet Verzicht. Und harte Arbeit. Im Vergleich dazu sind die Greenpeace Vorschläge — es tut mir Leid — nichts als Ablasshandel. Da wir nicht bereit sind, uns umzustellen, dirigieren wir die Warenströme in einer Weise, die wir als ökologisch verantwortlich ausgemacht haben. Bis uns auffällt, dass die ursprüngliche Idee nicht oder nicht mehr stimmt, weil wir entweder zu kurz gedacht oder die Unternehmen den ursprünglichen Ansatz verdreht haben. Genauso sollte man auch die Rufe nach Elektromobilität und vieles andere mehr sehen. Vergessen sollten wir auch nicht, dass die Begriffe "sparsam" oder "umweltfreundlich" sehr relativ sind. Was uns sparsam vorkommt, ist für die meisten Menschen auf dieser Erde nichts als Luxus. So sind zB umweltfreundliche Verkehrsmittel oder Kühlschränke in der Regel auch umweltzerstörend — nur halt ein bisschen weniger.

Auf der anderen Seite ist die Sache doch wieder ganz einfach. Versuchen wir uns einfach nur vorzustellen, wie viel Schaden die Menschheit anrichten kann, wenn sie nicht über die täglichen 90 Millionen Fass Öl (plus Kohle, Gas und anderes) verfügt. Wohl nicht mehr so viel. Zwar können wir noch effektiv Wälder roden (leider ist die Axt ein sehr guter Helfer), aber das Allermeiste an Verwüstung und Vergiftung wäre dann vorbei.

Und deswegen läuft mein Vorschlag hier wie andernorts auch auf stets dasselbe hinaus: das Einzige, was wir wirksam unternehmen können (und sollen), ist, den Einsatz von fossiler Energie, ja Energie überhaupt, immer weiter zu reduzieren.

Man kann dies unter anderem dadurch tun, indem man sich die Methoden aneignet, die vor hundert Jahren bei uns verwendet wurden. Solche Methoden kann man noch heute in Siebenbürgen bewundern. Dort fahren in den entlegenen Gebieten viele noch mit Pferdekarren durch die Gegend, dort findet man noch die eine oder andere Wassermühle, dort gibt es noch Schäfer und Kuhhirten, die ihre Tiere sogar frei (!) herumlaufen lassen.

Natürlich hat es Gründe gegeben, warum sich die Menschen von eben jenem Leben verabschiedet haben. Wäre das moderne Leben nicht attraktiv gewesen, hätten die Menschen es nicht gewählt. Noch immer ziehen weltweit jedes Jahr Millionen von Menschen in die Stadt. Das würden sie nicht tun, wenn sie das Leben auf dem Land nicht irgendwie als nachteilig empfinden würden.

Trotzdem neigt sich die Waagschale nunmehr in die andere Richtung. Die Landflucht beschleunigt den Bedarf an Maschinen (abgesehen von vielem mehr), und die wiederum wollen mit Treibstoff gefüttert werden. Der will aber nicht mehr werden. Die 90 Millionen Fass am Tag sind das Limit. Was bedeutet, dass mit der Abnahme der fossilen Energie die Städte irgendwann das Nachsehen haben werden. Dann wird Essen merklich teurer werden, was im Gegenzug sogar zu Revolten führen kann wie etwa jüngst in Nordafrika (siehe den jüngst erschienenen Beitrag von Gail Tverberg). Wenn aber der Preis nicht stimmt: freiwillig werden die Bauern aber ihre Ernte dann nicht an die hungrigen Städter abgeben. Man kann sie zwingen, aber auch dann wird man sich der Tatsache beugen müssen, dass auch die Bauern leben können müssen. Im Besten aller Fälle wird die Einsicht wachsen, dass das Landleben nunmehr die bessere Option ist.

Vor einiger Zeit hörte ich davon, wie Tesco (und sicher andere Ketten) ihre Lieferanten behandeln. Sie zahlen so wenig, dass das kaum für ein Auskommen reicht. Wenn der Bauer nicht liefern will, wird er gesperrt. Das bringt dann viele Bauern dazu, aufzugeben. Das Land liegt dann entweder brach oder wird von hungrigen (Wortspiel beabsichtigt) Investoren aufgekauft. Zur Zeit noch kein Problem: mit genug Geld kann man alles kaufen, auch Nahrung.

Anstelle von immer neuen Ausreden, warum der Status Quo eben doch irgendwie gut ist, sollten wir den Weg zurück in das maschinenlose Leben begrüßen. Ich weiß, dass das bedeuten würde, viele Produktionszweige zu schließen. Aber was solls? Hat die industrielle Revolution nicht auch zahlreiche Berufe weggeräumt und Arbeitsplätze vernichtet? Warum eigentlich drücken wir uns vor den offensichtlichen Wahrheiten, wo wir doch sonst immer so rational und wissenschaftlich tun?

Noch ein bisschen forschen

Womit wir bei dem nächsten Thema wären: der Forschung bzw dem Wissenschaftsbetrieb. Natürlich kann man aus dem obengenannten Beitrag ein wunderbares Forschungsthema machen. Eine Doktorarbeit, die ergründet, wieviel CO2-Emissionen eingespart werden könnten, wenn die ganze Menschheit sich entschließt, hier und jetzt sich vegetarisch oder sogar vegan zu ernähren. Könnten. Sollten. Im Bestfall. Oder so ähnlich.

Und was wäre dann gewonnen? Für alle Beteiligten wäre erst einmal Zeit gewonnen. Solange eindeutige Forschungsergebnisse nicht auf dem Tisch liegen, lohnt sich ja die ganze Anstrengung nicht. Und dann weiß man ja nicht, was man genau machen soll. Besser also, man wartet ab.

Wenn die Studie fertig ist, geht es allerdings erst richtig los. Wie es sich gehört, sind die Fragen weder abschließend geklärt, noch sind die Daten hinreichend aussagekräftig, noch ist die Methode über allen Zweifel erhaben. Es muss also noch viel mehr Forschung her. Auf dass sich am Ende dann doch nichts tut (Achtung Indikativ!).

Und da wäre noch die klitzekleine Frage nach den Geldgebern solcher Studien. Ob man sich auf die Ergebnisse verlassen sollte, hängt nicht unwesentlich davon ab, wer die Studie bezahlt hat.

Man erkennt unschwer, dass sich unser modernen Wissenschaftsbetrieb an den fundamentalen Fragen totläuft. Was wir wissen müssen, wissen wir bereits. Auch die Wissenschaft ist lediglich nur noch ein Alibi oder Nothelfer. Weil wir nicht tun wollen, was wir als richtig erkannt haben, rennen wir zu den Wissenschaftlern und betteln sie um Alternativen an. Denn nichts wäre schlimmer, als der Tatsache ins Auge zu blicken, dass wir täglich wider besseres Wissen die Umwelt zerstören und dass nichts anderes als die Umkehr uns aus dieser Lage hilft. Stattdessen hoffen wir, die Wissenschaft werde uns dereinst in die Lage versetzen, diesen Lebensstil ohne Reue weiterleben zu dürfen. (Wie wär's zum Beispiel mit kalter Fusion?) Bis es soweit ist, geben wir bei ihr noch einige Studien in Auftrag. Sicher ist sicher.

Und so gibt es für den modernen aufgeklärten Menschen stets Bedarf, sich aufs Neue zu bilden und Studien zu durchforsten, damit man in den Debatten nicht mit leeren Händen dasteht. Nichts wäre für die eigene Position fataler, als die neuesten Ergebnisse der xy-Studie außer Acht gelassen zu haben. Was, Sie kennen diese Studie nicht? Na dann, ...

Als jemand, der selber im Wissenschaftsbetrieb arbeitet und den Kampf um die Zitate aus eigener Erfahrung kennt, ist das eine frustrierende Erfahrung. Die meisten Studien sind nämlich von sehr begrenztem Wert. Und zu jeder Studie gibt es eine Gegenstudie. Und, wie wir oben gesehen haben, kommt es sehr auf die Frage an, die man stellt. Aus diesen Gründen kommt man nicht umhin, selber nachzudenken. Und das ist oft die Krux: Studien werden nämlich sehr gerne dazu gebraucht, um genau das zu verhindern. Wer denkt, Wissenschaft diene der Wahrheitsfindung, ist leider ziemlich naiv. Das gilt höchstens dann, wenn keine finanziellen Interessen im Spiel sind.

Fleischlos — oder doch nicht?

Soviel ich weiß, war die traditionelle Landwirtschaft nicht fleischlos, aber Fleisch gab es selten. So sollte es eigentlich sein. Das Fleisch an sich ist nicht das Problem, die Frage ist wie so oft, wie viel man isst. Dass es durchaus weniger sein sollte, ist aus vielen Gründen klar, angefangen von der Gesundheit. Das Geheul um den von den Grünen befürworteten Veggie Tag kann man sich getrost schenken. Erstens ist das keine Zwangsmaßnahme sondern ein Vorschlag. Somit ist unsere freiheitliche Grundordnung keineswegs gefährdet. Zweitens kennt die christliche Religion sogar strengere Formen des Fleischverzichts: die Fastenzeit. Und das Freitagsgebot. Die haben soviel ich weiß eher positive Auswirkungen auf die Gesundheit. Das nur so nebenbei.

Fleisch bedeutete bis vorgestern Reichtum. (Fisch übrigens nicht.) Man musste es sich leisten können. Heute ist das irgendwie umgekehrt. Heute muss man sich die fleischlose Kost leisten können. Insofern ist die Frage des Fleischverzichts auch irgendwie eine Einkommensfrage (wie auch die Biokost). Dass sich eines Tages die Lebensmittel verteuern werden, daran wird wohl nicht viel zu ändern sein. Bis es soweit ist, sollte man sich aber den Kleinkrieg um die bessere Lebensführung — jedenfalls, was das Klima angeht — sparen. Wir haben Wichtigeres zu tun. Zum Beispiel die sinnlosen Subventionen für die maschinelle Landwirtschaft zu beseitigen. Oder das Sterben der bäuerlichen Kleinbetriebe zu stoppen.



Marcus Kracht 2013-09-13