Gigantomanie

Marcus Kracht, 22. September 2012

Als in Frankreich die Nationalbibliothek aus den Nähten zu platzen drohte, reagierte François Mitterand mit der für das Land eigenen großen Geste: es musste eine neue Bibliothek her, aber nicht irgendeine, sondern die TGB (Très Grande Bibliothèque), am Rande von Paris (wo sonst?) einschließlich neuer Métro. Für mich war das ein Ausdruck typisch französischer Gigantomanie, wenn auch sympathisch, denn immerhin ging es um Kultur.

Irgendwann kam mir allerdings die Erkenntnis, dass die Großmannssucht eigentlich keine Grenzen kennt. In Deutschland will man auch alles perfekt, flexibel, allumfassend und so weiter machen. Als Beispiel sei nur das Mautsystem genannt. Oder der Flughafen Berlin-Brandenburg, dessen Herzstück, die Brandschutzanlage, zwar ein technisches Meisterstück sein soll, aber bisher nur auf dem Papier funktioniert. Die ZEIT wusste denn auch zu berichten, dass die Baukosten von geplanten 2,8 Milliarden Euro auf 4,2 Milliarden gestiegen sind. Die Faustregel, geplante Baukosten mal 2, ergibt 5,6 Milliarden. Die werden mit Sicherheit erreicht. Ganz genau wie die 10 Milliarden bei Stuttgart 21 (4,5 Milliarden sind es offiziell), welches sich hier nahtlos einreiht. Alain Devalpo fasst es so zusammen: Hauptsache groß und teuer.

Aber wie gesagt, Großmannssucht gibt es überall. Heute las ich, der Staat Kalifornien plane einen Hochgeschwindigkeitszug zwischen Los Angeles und San Francisco. Das lag in der Luft, schließlich hat es insbesondere in Kalifornien schon immer Bewunderer der Eisenbahn in Europa gegeben. Und in fortschrittlichen Kreisen (Leser des Energy Bulletin aus Santa Rosa in Kalifornien erinnern sich sicher) wird schon lange gedrängelt. Nun also soll es losgehen. Baubeginn Januar 2013, wie der Spiegel heute berichtete. Klingt eigentlich alles ganz gut. Nur sind einige Leute inzwischen abgesprungen, weil sie fürchten, die Trasse werde nie fertig. Bevor man sie für verrückt erklärt, sollte man sich die Zahlen dazu ansehen. Denn die Bahn kostet — bitte festhalten — 100 Milliarden Dollar! Das klingt realistisch, gibt doch Wikipedia die geplanten Kosten (2008) mit 42 Milliarden an, jetzt geht man offiziell von 68 Milliarden aus. Also dürfen wir nach der Daumenregel die realen Kosten irgendwo zwischen 84 und 136 Milliarden ansetzen. Sagen wir der Einfachheit halber 100 Milliarden. Zum Vergleich: der Haushalt Kaliforniens für 2012/2013 liegt bei 93 Milliarden Dollar (siehe Budget Summary). Oder auch so: auf jeden Einwohner Kaliforniens (37 Millionen) kommen knapp 3000 Dollar Kosten zu. Fertigstellung ist für 2020 geplant.

Rechnen wir mal nach. Sagen wir, das Fahrgastaufkommen liegt bei 10 Millionen Fahrten pro Jahr (etwas weniger als bei dem TGV, siehe die Fahrgastzahlen) und wir wollen die Strecke in 10 Jahren zurückbezahlen. Dann entspricht das einer Summe von 1000 Dollar pro Fahrt, die zusätzlich erhoben werden muss. Wollen wir 100 Jahre warten, müsste jede Fahrt immerhin nur noch 100 Dollar abwerfen. Das klingt nicht sehr vertrauenserweckend. Um das zu gegenzuprüfen, schauen wir noch mal ins Internet. Wikipedia liefert die geplanten Umsatzzahlen gleich mit: 1 Milliarde Dollar. Wenn Umsatz gleich Gewinn ist (!), dann müsste diese Bahn also 100 Jahre fahren, bis die Investitionskosten eingefahren worden sind.

Die gute Nachricht ist: so schlimm wird es nicht kommen. Die offiziellen 42 Milliarden (2008, geschätzt von Goldmann Sachs, wem sonst) kommen vom Staat Kalifornien (10), dem Bund (12 - 16) und von den Städten und Gemeinden (10). Die restlichen 7,5 Milliarden kommen dann von Privatinvestoren. Kurz mitrechnen: ein Investor, der 7,5 Milliarden zu, sagen wir, 5 Prozent gibt, will also pro Jahr 375 Millionen bekommen. Der Umsatz von 1 Milliarde reicht also, wenn's hoch kommt dafür, die Investoren auszuzahlen. Alle anderen zahlen drauf. Wie immer bei solchen Geschäften bekommen die privaten Investoren ihre Rendite, während die Allgemeinheit ihr Geld nie wiedersieht. (Kleine Erinnerungshilfe: genauso war es mit der Atomkraft.)

Und wofür das Ganze? Natürlich, um die Umwelt zu schonen. (Und ein paar Arbeitsplätze zu schaffen.)

Ob es dazu kommt, wage ich zu bezweifeln. Das Problem ist, dass auch Eisenbahnen Energie verbrauchen. Und das nicht zu knapp. Ich habe einige Studien gelesen, die insbesondere eines belegen: Hochgeschwindigkeitszüge sind zwar vorteilhafter als das Flugzeug, aber der Vorteil hält sich in Grenzen. Man lese etwa das Buch von Wolfgang Zängel. Die beste Analyse ist meiner Meinung nach die von Randal O'Toole, welche auch die Kosten in den Blick nimmt. Laut O'Toole sind auch die Hochgeschwindigkeitsbahnen in Europa sämtlich defizitär, was niemanden erstaunen sollte. Die Privatisierungen sind in der Regel eine Farce, bei der die von der Allgemeinheit aufgebauten Werte verhökert werden. Ebenso nimmer man es bei der öffentlichen Beteiligung (sogenannte Public Private Partnership) mit der Rendite für den öffentlichen Anteil nicht so genau. Und immer geht es um Geld und nicht etwa um den offiziell angestrebten Nutzen, wie hier etwa die Energieeinsparung. Grundsätzlich ist bei allen Gefährten die Auslastung das entscheidende Problem, und die lässt sich bei solchen Projekten immer nur schätzen. Wie dem auch sei, der Vorteil einer Bahn gegenüber dem Flugzeug oder dem Auto ist nicht so massiv, wie man meinen möchte. Und das wird über kurz oder lang auch die Begeisterung für solche Züge dämpfen. Die fahren zudem noch mit Strom, und der will auch erst einmal erzeugt werden. Kalifornien bewegt sich da auf dünnem Eis, behauptet zumindest Gregor McDonald.

Und wie in Deutschland, so auch anderswo: Hochgeschwindigkeitszüge mögen schick aussehen, wer etwas für die Umwelt tun will, sollte eigentlich alles eine Nummer kleiner planen. Die heißt Intercity, Interregio oder Regionalexpress. Die brauchen auch keine neuen Trassen — außer in Amerika, wo es meist eh keine gibt. Und sie verbinden nicht nur Zentren der Metropolen. Man kann bei ihnen auch zwischendurch aussteigen.

Aber das ist uncool. Und so steigt man lieber in die Vollen. Statt Mondlandung und Marssimulationscamp gibt es jetzt also ultraschicke Züge zu einem Wucherpreis. Große Nationen müssen einfach große Pläne machen, sonst fühlen sie sich rückständig und klein.