Web 2.0, der 3D Drucker und die Industrie 4.0

Marcus Kracht, 11. Januar 2016

Industrie 4.0

Als irgendwann das K├╝rzel "2.0" aufkam, gab es eine richtige Mode. Aus allem wurde plötzlich eine 2.0-Version, sobald sich irgendwer aufmachte, es zu verändern. Die Mode ist irgendwann abgeebbt, denn es war klar, dass mit der "Schule 2.0" oder der "Ausbildung 2.0" oder was auch immer nicht viel mehr los war als mit der Institution, die sie gerade ablösen sollten.

Doch bei der Industrie soll es nun anders sein. Dafür spricht, dass man jetzt gar nicht einmal von "Industrie 2.0" spricht (irgendwie war das zu der Zeit der Initiative schon altbacken) und gleich "Industrie 3.0" auslässt. Denn es geht hier um einen Qantensprung; um die Revolution der Industrie, weg von der klassischen Industrie mit den Fabrikhallen und den Lieferketten, die die Autobahnen verstopfen. Die neue Industrie ist die "Industrie 4.0" (siehe Wikipedia) und sie verspricht, alles ganz anders zu machen. Nur so am Rande: wer wissen will, warum es ausgerechnet 4.0 sein musste, lese mal hier.

Da geht es also um jede Menge Technik. Die Grundidee ist, Produkte sozusagen von Geburt an gleichzeitig in die reale wie die virtuelle Welt zu stellen. Laut VDI Nachrichten verbindet das Ganze also die Industrieproduktion mit dem Internet der Dinge. Denn beim Internet der Dinge wird die reale Welt im Internet gedoppelt. Jedes Ding hat seine Spur im Internet, von wo aus es geortet, gewartet und verwaltet werden kann. Die Möglichkeiten sind wie immer enorm. Da Teile nunmehr im Internet zu "finden" sind, kann man ihre Spezifikation überall abrufen. Theoretisch ließe sich die Konstruktion von der Fertigung völlig trennen. Und dies nicht nur für die Produktlinie, sondern theoretisch für einzelne Produkte. So, wie man Computer aus der Ferne warten kann, ließe sich dann ein einzelnes Auto, ein Bagger, sogar ein Kraftwerk aus der Ferne beobachten und steuern.

Natürlich gibt es das nicht nur in Deutschland, wo man offenkundig das Kürzel erfunden hat. Wer immer sich heutzutage nach Silicon Valley aufmacht, kommt offenkundig mit der Idee zurück, uns erwarte nichts mehr als die Revolution der Produktion durch Informationstechnik. So zitiert der Spiegel den Ökonomen Thomas Straubhaar mit den Worten "Der klassische Güterhandel ist ein Auslaufmodell". Straubhaar begründet dies unter anderem damit, dass der Handel mit Fertiggütern abgelöst wird durch eine lokalisierte Produktion mittels 3D Druckern.

Es gilt, wie immer, den Trend nicht zu verschlafen. Denn die Konkurrenz schläft nicht. Was das langfristig mit uns machen wird, weiß natürlich niemand so richtig. Bei der FAZ klingt die Bilanz etwas weniger euphorisch: "Geld verdienen von der Couch aus" heißt es da. Es geht um einen neuen Trend, die Arbeiten in kleine Teile zu stückeln und dann auf einer Plattform weltweit zu versteigern. Man kann schon erahnen, wie sich Firmen in aller Welt die Hände reiben: die Arbeit wird selbstverständlich dorthin gehen, wo sie am günstigsten ist. Damit werden die Produktionskosten gesenkt, die Ware wird billiger und alle sind glücklich.

Das leidige Problem mit der Energie

Wovon in all diesen Diskussionen nicht geredet wird, ist dies: egal, wo und wann produziert wird, die Menge an Gütern, die wir am Ende haben wollen, bestimmt ganz wesentlich die Energie, die wir in den Prozess hineingeben müssen. Wenn nicht mehr die Arbeiter in Chicago oder Stuttgart die Arbeit erledigen sondern irgendwer in Bangladesh oder Burkina Faso, so ändert dies im Prinzip erstmal nichts am Energieverbrauch. Dass die Letzteren weniger Geld bekommen, mag für die Unternehmer ein Vorteil sein, an der Tatsache, dass die industrielle Zivilisation als solche ein Auslaufmodell ist, ändert sie rein gar nichts.

Im Gegenteil. Die Idee, mittels intelligenter Produktionsmaschinen die Produktentwicklung auch von der Hardware beliebig zu verlagern, wo man bisher lediglich die Softwareentwicklung hat auslagern können, kostet mehr Energie als vorher. Flexibilität hat ihren Preis. Kris de Dekker hat im Low Tech Magazine einmal die Kosten von flexiblen computergesteuerten Fräsen analysiert. Ergebnis: die flexiblen Fräsen verbrauchen sehr viel mehr Energie. Sein Fazit: Choosing fewer automated technologies is the key to sustainable manufacturing. Man muss sich das sehr oft aufsagen, damit man versteht, wie wenig die die groß angekündigten Zukunftsprojekte mit unserer Zukunft zu tun haben. Diese Fräsen sind ja nicht irgendein Werkzeug, sondern Kernelement der flexibilisierten Produktion im Metallbau.

Die Vorstellung von Herrn Straubhaar, dass der Containerhandel aufgrund der neuen Produktionsbedingungen ausgedient hat, geht an der Wirklichkeit vorbei. Er stellt sich allen Ernstes vor, dass die Lieferströme deswegen versiegen, weil Waren nicht mehr hin und hergefahren werden müssen. Denn sie werden ja zukünftig am Ort produziert. Aber woher die Rohstoffe dafür kommen sollen, ist sein Geheimnis. Und man darf auch gespannt sein, wieviel Energiekonsum der heutigen Gesellschaft durch die neuen Produktionsweisen abgeschafft wird. Beim Bau von Härsern und Straßen sehe ich da wenig Spielraum, und das ist immerhin ein riesiger Anteil am Energieverbrauch. Oder möchte man Dachziegel per 3D Drucker beschaffen? Und was ist mit elektronischen Teilen? Gerade hochspezialisierte Technik wird, man darf es annehmen, weiterhin zentral produziert werden.

Energiesparen 4.0

Dass der Containerhandel im Augenblick ziemlich schlecht läuft, hat weniger den Grund, dass die Industrie 4.0 ihm zusetzt, als vielmehr den, dass die Produktion insgesamt abnimmt. Man schaue sich nur die folgende Grafik an. Das Wachstum nimmt fast überall rapide ab. Und wenn man nur das letzte Jahr nimmt (die Grafik zeigt das Wachstum der letzten zwei Jahre im Vergleich zu 2010-2014 bzw 2000-2007), so sieht es noch schlechter aus. Die größte Wachstumsmaschine, China, ist eher eine Schrumpfungsmaschine geworden. Das mag gut für das Klima sein, gut für die Rohstoffpreise (die gehen durchweg in den Keller), aber es hat nichts mit einem neuen Trend in der Produktion zu tun.

Es mutet schon etwa surreal an. Aber angesichts einer realen Bedrohung des Wirtschaftssystems durch den Energie- und Roststoffmangel einerseits und den Verwerfungen des Finanzmarktes andererseits geht man unbeirrt weiter den Weg in Richtung Fragmentierung des Produktionsprozesses. Ökonomen wie Herr Straubhaar schauen halt nur auf die Finanz- und Wirtschaftsstrukturen; für sie scheitert das Wachstum lediglich an strukturellen Problemen. Aber der 3D Drucker lätet ganz und gar nicht die Relokalisierung der Produktion ein. Die Dinger müssen ihrerseits gefertigt, programmiert und mit Rohmaterialien gefüttert werden. Ich möchte zu gern wissen, wie man sich in Zukunft die Produktion von Kühlschränken, Handys, Tischen oder Hemden mittels 3D Druckern vorstellt, ohne dabei stillschweigend auf eine weltweite Produktionsbasis zurückzugreifen.

Und wenn jetzt Firmen sich ihre Arbeit von irgendwelchen Menschen auf dem Globus machen lassen, von denen sie womöglich nichts weiter als ihre Bankverbindung kennen, dann hat man den Arbeitsort zwar augenscheinlich vom Produktionsort gelöst, gleichzeitig aber wächst die Abhängigkeit vom Funktionieren eines Informationsnetzes. Und dieses will immer mehr Energie. Der Informationsaustausch ist nicht zum Nulltarif zu haben. Und es braucht immer mehr Ersatzteile und Rohstoffe. Das Illusionskino läuft also weiter.

Wer sich an den Zukunftsaussichten der Industrie 4.0 freut, der sollte auch wissen, dass auf diesem Wege keine höherwertigen Kompetenzen mehr getauscht werden können. Das muss wohl offenkundig auch bald nicht mehr sein, maschinelles Lernen ersetzt inzwischen jede Menge Fachkunde. Der Mensch wird dann auf lange Sicht nur der Lehrmeister sein, allerdings auf kurze Sicht, bis die Maschine ihn eingeholt hat. Man träumt ja inzwischen schon vom fahrerlosen Taxi. Ob man Parlamentarier oder Manager auch durch lernende Algorithmen ersetzen kann, dazu habe ich allerdings noch keine Studie gelesen.

Was die Menschen tun sollen, die da durch intelligente Technik um ihren Arbeitsplatz gebracht werden, habe ich auch noch nicht verstanden. Man hat immer argumentiert, Rationalisierung schaffe Arbeitsplätze. Das ist zwar falsch, hat aber bisher niemanden so recht interessiert. Die Arbeitsplätze verschwanden natürlich, bisher wurden durch die fortschreitende Technisierung immer neue geschaffen. Im Augenblick zeichnet sich allerdings ab, dass dieser Prozess erlahmt. Die Arbeitsplätze fallen weg, und es kommen keine neuen.






Marcus Kracht, 2016-1-11