Innovation!

Marcus Kracht, 29. Dezember 2016

Deshalb des Heiligen Menschen Regierung:
Tut er das Ohne-Tun,
ist Nichts, das nicht regiert würde.
Lao-Tse: Tao Te King

Innovation

Innovation war für Jahrzehnte das Zauberwort. Innovation, Schlüsseltechnologien und so weiter sind die Dinge, um die sich alle meinten kümmern zu müssen. Weil davon angeblich das Leben von morgen abhängt. Die Zukunftsfähigkeit. Wir müssen deswegen im Wettbewerb der Ideen mithalten können. Alle kennen das sicher: Diese Meldungen, wonach Deutschland mal wieder einen Trend verschlafen hat, die Innovation an uns vorüberzieht, wir wieder mal zusehen, wie in Amerika (oder Asien) eine gute Idee aus Deutschland vermarktet wird. Und dass die reichsten Unternehmen in Amerika zuhause sind. Überhaupt ist Deutschland bekanntlich innovations- und technikfeindlich, weiß ja jeder. Bei der Bildung ist es genauso. Anderswo hat bereits jeder Grundschüler einen PC und programmiert darauf innovativ und kreativ herum, bei uns hingegen wird noch mit Papier und Stift gerechnet.

Und jetzt die entscheidende Frage: Warum ist Deutschland bei aller Innovationsfeindlichkeit nicht längst in der Versenkung verschwunden? Warum läuft bei uns der Laden, wo wir doch seit Jahrzehnten fast jeden Trend verschlafen haben?

Kann es sein, dass all dieses Gerede von Innovation etwas übertrieben ist? Kann es sein, dass man manche Trends durchaus ungestraft verschlafen kann?

Viele haben es sich insgeheim gedacht. Aber lange wurden derartige Bedenken abgewimmelt. Wer nicht an die Innovation glaubte, wurde als ewiggestrig oder gar technikavers abgeurteilt. Aber kürzlich fiel mir etwas in die Hände, was mit dem Innovationshype abrechnet. Andrew Russel und Lee Vinsel haben einen lesenswerten Aufsatz geschrieben: Innovation is overvalued, Maintenance often matters more, zu Deutsch: Innovation bringt viel weniger, als man uns weismacht; in Wirklichkeit ist oft die Erhaltung der Substanz wichtiger. Das war auch höchste Zeit. Was die Autoren unter anderem sagen, ist, dass Kapitalismus zwar gut ist für Innovation, aber für die meisten Menschen ist Stabilität wichtiger. Und dass sie damit auch gar nicht so falsch liegen. Denn die ganze Innovation beruht im Kern darauf, dass es eine Basis gibt, auf der die Dinge stehen, die man gerade abreißt, und die auch die neuen Dinge tragen wird, die man an deren Stelle setzen will.

Diese Innovation ist der Kern der Idee, die Schumpeter so populär gemacht hat. Schumpeter bestand darauf, dass die eigentliche Bestimmung des Unternehmers ist, die — wie er es nannte — schöpferische Zerstörung zu organisieren, die allen am Ende mehr Wohlstand schafft. (Natürlich kommt der Wohlstandsgewinn zuerst dem Unternehmer selbst zugute, aber er wird langsam verallgemeinert, sobald die Idee Nachahmer findet.) Die Zerstörung ist aber immer wieder auch genau dies: Zerstörung. Sie birgt das Risiko, dass die neuen Strukturen die alten nicht wirklich ersetzen können, sie aber im Vorfeld schon mal abgerissen haben. Und natürlich nehmen sie den Menschen die Sicherheit weg, dass das Leben in von ihnen kontrollierbaren Bahnen weiterläuft. Dass als Folge Menschen entlassen und viele Schicksale gewendet werden, wird dabei als Kollateralschaden hingenommen. Dabei musste sich natürlich irgendwer um die Verlierer dieser Umstrukturierung kümmern. Das war zu Schumpeter's Zeiten die Familie; heute, nachdem diese auf Kleinstformat geschrumpft ist, soll es deswegen der Sozialstaat richten. Er unterstützt die Menschen mit Arbeitslosengeld, mit Fort-, Um- und Weiterbildungsmaßnahmen.

Wie bei einer ordentlichen Pleite eines Unternehmens werden die Folgekosten der Gemeinschaft auferlegt.

Das Unternehmen als Leitzentrale

Der Sozialstaat hat im Moment aber nicht so rechte Lust, für alles geradezustehen. Aber darum soll es jetzt nicht gehen. Was mich hier interessiert ist die Frage, wieviel die Innovation tatsächlich bringt bzw bringen kann, vor dem Hintergrund, dass im Augenblick von vielen sogenannten Zukunftsprojekten (das Internet der Dinge, Industrie 4.0) wahre Wunder erwartet werden.

Nehmen wir als Beispiel Uber, das Taxiunternehmen. Dieses Unternehmen wäre nichts wert, wenn niemand Autos besäße. Ein Taxiunternehmen klassischer Prägung besitzt Autos, hat Fahrer unter Vertrag mit einem Personenbeförderungsschein (was mehr ist, als ein normaler Führerschein) und bezahlt nach festgelegtem Tarif. Und das würde es als sein eigentliches Geschäft sehen: Die Beförderung von Menschen. Uber interessiert dies alles nicht; es tut so, als sei all dies nur umständliches Gedöns, auf das man im Zweifel verzichten kann, denn die Leute wollen ja auch nur fahren bzw gefahren werden und interessieren sich nicht für die Hintergründe; alles, was zählt, ist in den Augen von Uber die Bereitstellung eines Fahrdienstes in Form einer App.

Das wird dann als hochinnovativ gewertet. Und wieder wird in alle Welt berichtet, wie hochproduktiv man im Silicon Valley unterwegs ist. Gewiss, die Programme sind kompliziert. Jedoch was ist, wenn jetzt ein Fahrdienst nicht kommt, weil das Auto unterwegs kaputtgeht? Oder wenn der Fahrer plötzlich krank wird oder einen Unfall hat? Was soll denn eine Fahrleitzentrale im schicken Silicon Valley eigentlich ausrichten können, wo die Fahrer doch auf der ganzen Welt verteilt sind? Wir ahnen es: Diejenigen, die im eigentlichen Sinne den Betrieb konstituieren, werden mit ihren Problemen alleine gelassen. Sie müssen sich mit allerlei praktischen Problemen herumplagen, bei denen ihnen die Zentrale nicht helfen kann und will. Und — ganz wichtig — Uber setzt den Tarif für seine Dienste selber fest, da gibt es selbstverständlich kein Mitspracherecht. Was der Fahrer bekommt und wie er das eintreibt, ist seine Sache. Was wir hier erleben, ist die Reduktion des Betriebes auf seine Verwaltung. Nur sie gilt plötzlich als produktiv, nur sie schafft die exorbitanten Börsengänge. Economy of scale, Skaleneffekte in der Wirtschaft, nennt man das. Nur eben lässt sich vieles nicht skalieren, und deswegen wird es ja auch in den Schatten gedrückt.

Eine gründliche Kritik dieser Geschäftsmodelle findet man übrigens in Philipp Staab: Falsche Versprechen. Wachstum im digitalen Kapitalismus. Hamburger Edition. 2016.

Neue Wachstumsfelder

Es gibt viele Formen der Innovation. In den vergangenen Jahrhunderten waren es vor allem die Physik, Chemie und die Verfahrenstechnik, also die Ingenieurskunst, mit denen man Produktivitätsfortschritte erzeugte. Das gibt es zwar immer noch, aber in kleinerem Umfang, vor allem, weil die Rohstoffe immer schwerer zu bekommen sind. Denn die Industrialisierung hat die Wohlstandsmehrung nur zum Teil einer effizienteren Energie- und Rohstoffnutzung zu verdanken. Der Löwenanteil geht auf die immer ausgedehntere Nutzung, spricht, zunehmenden Energie- und Rohstoffverbrauch. Und das bedeutet, dass im Augenblick Schluss ist mit Wachstum.

Das ist nun wiederum schwer zu verdauen in einer Gesellschaft, die Wachstum zu benötigen scheint. Also muss sie neue Wachstumsfelder erschließen. In der Tat hat man seit einiger Zeit zwei neue Felder gefunden: Management und Computerisierung. Sehen wir uns etwas genauer an, wie das gehen kann.

Seit einigen Jahrzehnten wird immer wieder versucht, mit neuen Strukturen auf Organisations- und Managementebene Unternehmen profitabler zu machen. Wir müssen dabei zwischen individuellen Lösungen und Philosophien unterscheiden. Es ist unbestreitbar, dass Unternehmen unprofitabel sein können, wenn sie die falsche Struktur oder das falsche Personal haben. In diesem Fall sollte sie sich einen Unternehmenberater ins Haus holen. Was aber nicht klar ist, ist, ob man überhaupt mit der Umstellung auf eine neue Unternehmensphilosophie nennenswert Wachstum erzeugt oder ob nicht einfach Probleme verlagert und Kosten ausgelagert werden. Vergessen wir nicht: Ein Unternehmen, das Angestellte entlässt, gesundet, indem es einen Teil der Kosten auf die Allgemeinheit umschichtet. Das muss nicht unberechtigt sein. Aber die Gesellschaft als Ganze sollte nicht meinen, die Profitabilität ihrer Unternehmen sei alles, was zählt.

Insbesondere die 1990er Jahre waren voll von Übernahmeschlachten und Restrukturierungen von Unternehmen, jeweils mit dem Ziel, mehr herauszuholen. Wobei sehr oft kein Wachstum entstand sondern eine Kaste von Geldgebern, die mit der Zerlegung von Unternehmen Geld verdient haben. Wenn man so will, haben sie die Gewinnströme der Unternehmen in ihre Taschen umgeleitet. Genauso wie heute der Banken- und Finanzsektor lediglich am Geldfluss verdient, ohne der Gesellschaft eine Leistung zu bringen, die diese nicht schon vorher erbracht hat.

Und der Erfolg der Computerisierung?

Diese beschränkte sich bis vor Kurzem auf immer gekonntere Verwaltung. Lassen wir uns nicht irremachen: Was der Computer für uns alles leistet ist in der Regel nichts, was nicht ohne ihn gegangen wäre. Nur dass wir zunehmend neue Aufgaben ersonnen haben, wohl wissend, dass sie durch den Computer gelöst werden können. Da wäre das Bankenwesen zu nennen mit seinen immer komplizierter werdenden "Finanzprodukten" (was wird da eigentlich produziert?), die Steuergesetzgebung und die Logistik, die es schafft, Produkte aus Einzelteilen unterschiedlichster Herkunft zusammenzubauen und dabei stets genau zu wissen, wie viel von welchen Teil benötigt wird und wann es geliefert werden kann. Just in time ist da nur ein Stichwort. Lagerhaltung ist ein anderes. Wer weiß schon wie modern Lagerhallen geworden sind, seitdem sie von Computern organisiert werden?

Seit es Computer gibt, gibt es sicherlich viele wertvolle Dinge: Tomografen, DVDs, Internet. Aber machen wir uns nichts vor: Die Produktivitätsfortschritte durch den Computer sind vorbei. Ab jetzt geht es eigentlich nur noch rückwärts. Ich selber muss sehr viel am Computer erledigen, und die Formulare werden mit jedem Tag immer komplizierter. Sie zu verändern ist kein Problem mehr. Nur für die Anwender ergibt sich steter Lernbedarf. Und immer Mausklicks, immer mehr Wahlen, die man tätigen muss, bis man sich durchgearbeitet hat. Die Innovationsschübe betreffen die Software, aber sie führen nicht dazu, dass diese einfacher zu handhaben ist (das wäre ja langweilig), sondern dass das Design verbessert wird (Himmel hilf!) und wie schon gesagt mehr Funktionalität hinzukommt und die Bedienung insgesamt schwieriger wird.

Gesellschaftliche Innovation

Die meisten wursteln sich angesichts dieser Entwicklung durch. Aber das ist oft nicht so einfach. Denn nicht nur die technischen Bereiche, auch die gesellschaftlichen werden stets umgeworfen. Oben auf dem Türschild steht zwar immer was von Verbesserung, aber die Menschen wissen schon: Meist geht es ums Sparen, oft auch um Macht.

Wissen Sie, wie viel Jahre Kinder heute bis zum Abitur benötigen? 11 1/2, 12 oder 13 Jahre? Und was es mit der Inklusion auf sich hat, warum es sie gibt und was sie bringen soll? Warum alle naslang ein neuer Schultyp und eine neues Studienmodell kreiert wird?

Es gibt besonders in Deutschland einen Glauben an die seligmachende Wirkung von Strukturen. Es geht also im Kern längst nicht mehr darum, die Menschen dahin zu bringen, sich in einem gesellschaftlichen System zurechtzufinden, sondern das System ständig so zu reformieren, dass es die jeweils gewünschten Eigenschaften besitzt. Was dazu führt, dass man jetzt bei den Menschen nicht mehr auf Wissen abzielt (das ist altbacken) sondern auf Kompetenzen. Denn — das ist wohl der Grund — Wissen in Bezug auf Strukturen veraltet leider sehr schnell, wohingegen Kompetenzen erhalten bleiben. Zum Beispiel die Problemlösekompetenz.

Wir müssen deswegen unsere Studiengänge alle fünf Jahre akkreditieren lassen, wobei de facto nicht ganz geklärt ist, was das rechtlich bedeutet, wenn der Studiengang nicht akkreditiert wird. Aber wichtig ist dabei, dass vor allem die formalen Vorgaben erfüllt werden, von denen es immer mehr gibt. Eine davon ist, dass wir stets zwischen Inhalten und Kompetenzen unterscheiden. Und ich frage mich stets, wie das wirkungsvoll geschehen kann. Mal ehrlich: Wie soll ich Kompetenzen beibringen, ohne sie an Inhalten festzumachen? Was ist denn, sagen wir, eine Sprechkompetenz, wenn sie sich nicht im Sprechen einer konkreten Sprache äußern kann? Oder was ist die Kompetenz, in komplexen Zusammenhängen denken zu können? Genauer: Ich weiß schon, was damit gewollt wird, ich weiß nur nicht, wie ich das beibringen kann. Sorry, aber ich glaube allen Ernstes, man versucht, der Intelligenz auf die Sprünge zu helfen. Als wenn jeder ein geborenes Talent dazu hätte. Ich kenne Bücher, die versuchten, kreatives Denken zu fördern. Wie das ohne Inhalte, ohne spezielles Wissen gehen kann, ist mir allen Ernstes ein Rätsel.

Und doch müssen wir mitmachen. Und weil das nicht klappt, weil irgendwie der ersehnte Erfolg ausbleibt, wird immer weiter reformiert. Mit dem Ergebnis, dass immer mehr Energie darauf verwendet wird, mit den Reformen mitzuhalten als mit der eigentlichen Vebesserung im Rahmen des Systems.

Doch es geht weiter. So wenig, wie es intellektuelle Grenzen zu geben scheint, darf es wenigstens offiziell für nichts mehr Grenzen geben. Alle Kinder dürfen alle Schultypen besuchen, niemand ist für irgendwas zu jung oder zu alt, und zwischen Männern und Frauen dürfen keine Unterschiede mehr bestehen. Nicht etwa nur rechtlich, was sich irgendwie von selbst versteht, sondern gesellschaftlich in Form von, sagen wir, Rollenerwartung.

Und so wird ein Projekt angeschoben, das für Mädchen typische Männerberufe interessant machen soll und für Jungs typische Frauenberufe. Und Universitäten werden belohnt, wenn sie es verstehen, mehr Frauen in Fächern anzulocken, die bisher von Männern dominiert wurden.

Was aber gerne verschwiegen wird, ist, dass die damit gemeinte Veränderung den Menschen etwas abfordert. Wenn ich jetzt keine Rollenerwartung mehr haben bzw erfüllen darf, wird es schwierig zu wissen, wie ich mich verhalten soll. Rollenerwartungen haben nämlich eine Schutzfunktion. Sie sagen uns, wie wir uns zu verhalten haben, was richtig und angemessen ist und was nicht. Fallen diese weg, müssen wir improvisieren. Das kann gelegentlich zu großen Konflikten hochkochen. Der noch immer schwelende Kampf, wie man sich angesichts genusmarkierter Nomina im Deutschen zu verhalten hat, ist nur der unfreiwillig komische Teil dieses Problems. Inzwischen ist das Binnen-I (StudentInnen) out, man wählt jetzt das Gerundium (Studierende), aber angesichts der Vielfalt von Identitäten wurde erst der Unterstrich (Student_innen), dann der Stern (Student*innen), schließlich der Doppelpunkt gefordert (Student:innen). Oder wie wärs mit dem Wechselmodell: mal die männliche mal die weibliche Form? Wer in diesen Kreisen mithalten will, muss einiges an Zeit und Geduld mitbringen.

Es ist klar, dass die meisten dafür weder Zeit noch Lust haben. So wie die Arbeiterklassen in der westdeutschen Republik nicht gegen die Kapitalisten revoltieren wollte, so will der Durchschnittsmensch mit der angestrebten Sozialrevolution nur so viel wie unbedingt nötig zu tun haben. Dies führt dann dazu, dass die offizielle und die private Moral beginnen auseinanderzuklaffen, siehe dazu den Kommentar von Walter Hollstein in der NZZ.

Aus gutem Grund, denn Revolutionen sind anstrengend und haben selten den Erfolg, den man sich von ihnen verspricht. Heute redet man gerne davon, wie halsstarrig die Menschen sind und wenig aufgeschlossen gegenüber Veränderungen sie sind. Angeblich belegen dies auch die jüngsten Wahlergebnisse (wobei ja der Brexit tatsälich eine große Veränderung wäre). Ich soll zwar nicht altersdiskriminieren, aber es sind natürlich hier die älteren Semester gemeint, insbesondere heutzutage die sogenannten zornigen weißen Männer, die bei den Reformen ständig mauern. Wobei mir als weißem Mann jetzt nicht klar ist, ob ich dazu gehöre, wo ich doch nicht zornig bin, nur halt dann und wann gegen etwas, was als fortschrittlich gilt. Es wird nämlich stets davon ausgegangen, dass die Veränderung zum Guten ist. Wer aber garantiert uns das? Was, wenn das Neue nicht immer besser ist? Wäre es dann nicht klug, sich das Ganze erst einmal in Ruhe zu besehen und dann zu entscheiden, ob man es will?

Es wäre an der Zeit, auch das Nichtreformieren zu würdigen.





Marcus Kracht, 2016-12-29