Eine typisch deutsche Affäre

Marcus Kracht, 19. April 2016

Die Regierung betritt Neuland

Es war neulich in den Nachrichten: die Regierung möchte das Verfallsdatum abschaffen. In Zukunft soll nicht mehr stehen: Mindestens haltbar bis siehe Deckelboden. Wunderbar, dachte ich, als Nächstes kommt dann, was in Frankreich und Italien Gesetz ist: es dürfen einfach keine Lebensmittel mehr weggeworfen werden. Und wenn kein Datum draufsteht, kann man ja auch niemanden per Gesetz dazu zwingen.

Das Ganze hat allerdings einen Haken: Lebensmittel verderben, und dann sind sie unverkäuflich. Egal, ob jetzt ein Haltbarkeitsdatum draufsteht oder nicht. Früher war das dann so eine Sache. Der Händler war natürlich daran interessiert, die Ware trotzdem loszuwerden, also hat er getan, was er konnte, um die Ware an den Mann oder die Frau zu bringen. Umgekehrt musste man als Kunde halt wissen, was die Tricks sind. Joel Salatin plädiert in seinem Buch This Ain't Normal, Folks! für die Abschaffung jeglicher Gängelung. Sein Argument: erst, wenn die Leute keine Garantien mehr bekommen, werden sie sich wirklich dafür interessieren, woher ihr Essen kommt und wie sauber die Verhältnisse sind. So wie früher, wo derlei normal war.

Aber will man im Ministerium tatsächlich zu diesen Zuständen zurückkehren? Will man wirklich die Industrie all ihrer staatlich abgesegneten Instrumente berauben? Das kann natürlich nicht sein. Und so hat das Ministerium sich etwas Feines ausgedacht, etwas, das ganz auf den nationalen Geschmack zugeschnitten ist: die Intelligente Verpackung muss her. Flächendeckend, versteht sich. Zum Schutze des Verbrauchers. Wer wissen möchte, wie es geht, wird zum Beispiel bei der Fraunhofer Gesellschaft fündig.

Christian Schmidt, Minister für Ernährung und Landwirtschaft, erklärt in einem Interview, was er damit bezweckt.

Intelligente Lösungen, soweit das Auge reicht

Seit ich zur Schule gehe, kenne ich das schon: wir brauchen intelligente Lösungen. Früher war damit eigentlich immer gemeint, dass der Mensch, also wir, sich intelligent benehmen muss. Doch das war natürlich zunehmend eine Last. Mit steigenden Anforderungen und immer mehr Stoffen und Geräten umzugehen, erfordert eine Menge Lernbereitschaft, und natürlich auch die Fähigkeit dazu. Mit der Zeit aber wurde der Computer so flexibel, dass er uns die meiste Mühe abnehmen konnte. Zunehmend heißt "intelligent" nicht mehr, dass wir irgendetwas richtig machen müssen. Wir müssen gar nichts mehr. Wir lehnen uns bequem zurück. Denn der Computer und die intelligente Technik sind für uns da.

Mit intelligenten Lösungen kennen wir uns also aus in Deutschland.

Genauso war es übrigens auch mit der Autobahngebühr. Während anderswo eine schlichte Schranke die Autos aufhält und die Fahrer zum Zahlen bringt, hatte man sich hier etwas ganz Neues ausgedacht. Eine ganz flexible Gebühr, zu entrichten je nach gefahrenen Kilometern, wahrscheinlich auch gestaffelt nach der Haarfarbe des Fahrers. Aber eben nicht an einem Schrankenhäuschen sondern bei einer Zentrale, selbstverständlich auch bargeldlos. Weitere Informationen findet man auf Wikipedia, beziehungsweise, wer es detailliert mag, auch bei Heise. Es fällt auf, dass dank fehlender Kassenhäuschen sehr wenig Mitarbeiter erforderlich sind (etwa 600), aber dafür das System einen saftigen Preis hatte. Intelligenz ist eben teuer.

Wer weiß, vielleicht fehlt uns nur die Flexibilität, um uns mit der neuen Technik anzufreunden. Genauso wie wir Schwierigkeiten haben, flexibel mit den Kosten oder dem Einweihungsdatum des Berliner Flughafens umzugehen. Schon mal was von pay-as-you-go gehört? Eben. Man sollte sich zurücklehnen und die Technik machen lassen. Die Nörgler haben eigentlich jeden Fortschritt immer nur verhindern wollen.

Gadgets

Es ist ja schon soweit, dass viele Leute die Milch wegschütten, weil sie über dem Datum ist. Obwohl sie gut riecht und saure Milch keineswegs gesundheitsschädlich ist, eben nur sauer. Solche Leute werden diese Verpackungen sicher begrüßen. Denn endlich gibt es auf die Frage, ob die Milch noch gut ist, eine objektive (intelligente!) Antwort.

Die High-Tech-Landschaft wird also mit einem weiteren Spielzeug gefüllt. Nach dem obligatorischen GPS, beziehungsweise dem intelligenten Telephon als Wegweiser (gerne auch mit Hinweis auf nahegelegene Einkaufsmöglichkeiten) braucht niemand mehr altbackene Karten. Dementsprechend werden nirgendwo welche aufgehängt. Und Addressen findet man auf Webseiten ohnehin nicht mehr. Einfach auf die Tiny-URL zeigen, abspeichern, fertig. Den Rest erledigt unser Telefon.

Wie schwierig war dagegen die Zeit früher, wo man sich so verdammt viel merken musste. Wo man sich manchmal verirrt hat und bei einer Haltestelle einen Stadtplan aufsuchen musste, um sich zu orientieren. Wo man nicht wusste, ob das Brot jetzt verschimmelt ist oder nicht. Das war dann ein Wagnis, einfach reinzubeißen. Früher sind Leute daran gestorben, Sie wissen schon. Und die Autosteuer war ziemlich einfach gestrickt, genauso wie die Versicherungstarife. Überhaupt nicht auf den Kunden zugeschnitten. Das hat sich jetzt grundlegend geändert.

Genauso auch bei der Verpackung. Was für eine Verschwendung, einfach pauschal davon auszugehen, dass ein Lebensmittel so-und-so-lange hält, anstelle dies individuell an Ort und Stelle zu prüfen! Die intelligente Verpackung ist schon aus Sparsamkeitsgründen ein Muss.

Aber um eines bitten wir: bitte werfen Sie die Verpackungen nicht in den Hausmüll. Sie sind voll mit elektronischen Sensoren, die aus verschiedenen Metallen bestehen, die auch das Trinkwasser belasten können. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass es sich hierbei um Sondermüll handelt. Selbstverständlich wird dieser umweltschonend in Ghana weiterverarbeitet. Dafür bürgen wir mit einem neuentwickelten Gütesiegel. Es erlaubt Ihnen, den Weg Ihres Mülls per App bis zur Verwertungsstation zu verfolgen.

Und bitte haben Sie Verständnis dafür, dass in Zukunft grundsätzlich alle Lebensmittel abgepackt werden müssen. Zu Ihrer Sicherheit, versteht sich. Da alle verwendeten Rohstoffe recyclelt werden, entsteht garantiert kein zusätzlicher Verpackungsmüll. Und, nur so nebenbei, beim Verbrennen von Verpackungen entsteht erneuerbare Energie. So wird also durch die Einführung der intelligenten Verpackung unsere Umweltbilanz sogar noch wesentlich verbessert!



Marcus Kracht, 2016-4-19