Die Weissagung des Yoshimaru Higa

Marcus Kracht

21. März 2011



Wir hoffen, die Welt mit unseren Gebeten und unseren Zeremonien
wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Wir fahren an die Küsten,
ins Gebirge und an die Seen -- meistens aber zu Atomkraftwerken.
Denn Yoshimaru hat einst eine Offenbarung erhalten, dass eine
Naturkatastrophe einen Unfall in einem Kernkraftwerk auslösen
wird, der unvorstellbare politische und ökonomische
Veränderungen nach sich ziehen wird, die schließlich
in einem Weltkrieg münden werden.
-- Rica Higa, zitiert aus Heiliges Feuer. Schamanen
und Älteste für die Welt.
(Sven Nieder, Angela Babel, Angaangaq Angakkorsuaq,
Dr. Christoph Quarch, Aurum Verlag, 2010)

Yoshimaru Higa

Yoshimaru Higa ist der Sohn einer Überlebenden von Hiroshima. Seine Mutter war Shamanin, und er hat von ihr das Amt vor einigen Jahren übernommen. Sein Leben lang verfolgen ihn Alpträume über das Ende unserer Zivilisation. Seine Vision verheißt nichts Gutes, weswegen er unermüdlich durch das Land fährt und heilige Handlungen vornimmt. Er selbst sagt zu dem Unglück in Japan in Today's Report: I saw the current situation of the nuclear power plant at Fukushima and the helicopter's trial to sprinkle sea water over the nuclear power plant. I also saw the horrible situations of the strong and big tsunami coming and assaulting the houses and swallowing cars and others all at once. Some parts of them are exactly the same with the visions I saw in myself before. The fact that it actually happened is something that I cannot take so easily. ("Ich sah die gegenwärtige Situation am Atomkraftwerk Fukushima und die Hubschrauber, wie sie versuchten, Meerwasser auf auf Kernkraftwerke zu sprühen. Ich sah auch die schrecklichen Bilder von der starken und großen Tsunami, wie sie kam und sich auf die Häuser stürzte und auf einmal Autos und andere verschluckte. Einige Teile davon sind genauso, wie ich sie vorher in meinen Visionen gesehen hatte. Die Tatsache, dass es jetzt wirklich so abläuft, kann ich nicht so leicht verarbeiten.") Er hat bereits bei dem Erdbeben in Christchurch gewarnt, es habe etwas mit Japan zu tun. Auch wenn die Weissagung nicht bedeutet, dass es ganz genau so kommen muss, sind doch Schritte nötig, um das zu verhindern.

Auch wer nichts mit Weissagungen zu tun hat, sollte sich vorsehen: es gibt jede Menge anderer Leute (zum Beispiel Nicholas Stern), die vor Katastrophen und Kriegen in der Zukunft warnen. Wir sollten das ernst nehmen. Wenn die Weissagungen stimmen, ist der erste Teil bereits Wirklichkeit: die Naturkatastrophe und das Atomunglück. Der zweite Teil ist vorprogrammiert: die politischen und ökonomischen Veränderungen. Von ihrer Größenordnung hängt unser weiteres Geschick ab. Werden sie so unvorstellbar, wie er es voraussieht? Da zur Zeit in der Welt ein weiterer Konflikt ausgebrochen ist, dessen Folgen wir nicht übersehen, wird es nicht möglich sein, genau abzuschätzen, welche Folgen allein das Beben in Japan hat. Dennoch möchte ich hier ausführen, dass die Welt eine schwerwiegende Zäsur erlebt. So schwerwiegend, dass sie das Leben der Menschen bis in den letzten Winkel der Erde verändern wird.

Riskantes Verhalten

In seinem lesenswerten Artikel Fukushima: the nuclear martingale lehrt uns Ugo Bardi noch einmal die dunkle Seite der modernen Technik: das Risiko. Und die Tatsache, dass das bisherige Spiel immer darin bestand, ein Risiko dadurch auszuschalten, dass man eine noch massivere oder kompliziertere Technik aufgefahren hat, deren Tücken durch eine weitere Technik aufgefangen werden muss, die ihrerseits noch größer ist, als die anderen vor ihr, und so weiter. Was aber ist das Ende?

Wenn kleine Kinder mit gefährlichen Dingen spielen, ermahnt man sie, es lieber nicht zu tun. Wenn ihnen dann ein Unglück passiert, dann rechtfertigen sie sich damit, dass sie sagen: "Aber ich habe das doch gar nicht gewollt!" Dass man Missgeschicke nicht einfach dadurch verhindern kann, dass man vorsichtig ist, sondern vielleicht dadurch, dass man gewisse Dinge einfach gar nicht tut, müssen sie erst noch lernen. Sie müssen lernen, dass es etwas gibt wie riskantes Verhalten.

So ähnlich ergeht es uns mit der Kernkraft; eine sichere Technologie gibt es nicht. Unglücke passieren, und die Idee, dass man es irgendwie hätte verhindern können, hätte man nur besser aufgepasst, ist zwar nicht falsch, erzeugt aber in letzter Konsequenz eine falsche moralische Entlastung: nicht die Technik ist das Problem, beim nächsten Mal müssen wir nur besser aufpassen. Und so machen wir wie unsere Kinder einfach weiter, weil wir ja das Unglück nicht wollten und sehr, sehr vorsichtig waren.

Nun ist es mit den Autos, den Flugzeugen, dem Transrapid, den Kohlekraftwerken und anderen Dingen im Prinzip nicht anders. Der einzige Unterschied liegt in der Größe der Katastrophe und den Schäden an Mensch und Natur. Und deshalb bleibt die eine Frage: wie groß sind die möglichen Folgen, und können wir sie wirklich verantworten? Wie wir nun noch einmal, 25 Jahre nach Tschernobyl, sehen, sind die Folgen gewaltig. Dass die Risiken nicht nur in den Reaktoren sondern auch in den Abklingbecken lauern, ist eine zu mindestens für den Laien neue Erkenntnis. Wir müssen selbst nach dem Abschalten aller Kernkraftwerke die Brennstäbe noch Jahrezehnte gezielt kühlen, bevor sie überhaupt in irgendwelche Behälter verpackt werden können. Können wir das also alles verantworten? Sehr viele haben diese Frage schon immer mit Nein beantwortet und haben bisher der Entwicklung zusehen müssen. Die Regierungen haben sich gegen den Widerstand vieler Menschen durchgesetzt, die nun ebenfalls von den Folgen betroffen sind. Nun aber ändert sich aller Voraussicht nach die Debatte. Denn wenn es Japan trifft, so kann es eigentlich jeden treffen. Niemand behauptet ernsthaft, dort sei man nachlässig gewesen, auch wenn das letztlich stimmen mag. Wer aber meint, anderswo ließe sich das vermeiden, den erinnere ich hier nur einmal daran, dass in Asse nicht die versprochenen 9 kg Plutonium lagern sondern 28. Ein kleines Versehen, nicht der Rede wert, heißt es. Das spricht für sich, und die Schlamperei (und Kungelei) der Atomindustrie wie der Politik in der 70er Jahren ist längst aktenkundig. Der Spruch "In Deutschland wär' das nicht passiert." zieht nicht mehr. So oder so nicht. Es ist vorbei.

Japan als Vorreiter

Das Für und Wider der Kernkraft wird also jetzt erneut diskutiert. Viel weniger dagegen wird im Moment noch darüber gesagt, was die Folgen für Japan sein könnten. Diese werden zugleich Herausforderung und Chance sein. Um es gleich vorwegzunehmen: es wird keinen Wiederaufbau zu einstiger Größe geben. Das wird gar nicht möglich sein. Dies zu erkennen und daraus die Konsequenzen zu ziehen, ist die Aufgabe der Stunde.

Zunächst einmal ist der Bau von Kernkraftwerken teuer: man muss mit mehreren Milliarden Euro pro Stück rechnen. Die Schätzungen liegen bei mindestens 3000 EURO pro kW installierter Leistung, also 3 Milliarden EURO für 1 GW Leistung. Da in Japan Kraftwerke mit einer Kapazität von 10 GW derzeit kaputt sind, dürfte allein der Neubau der Kraftwerke 30 Milliarden EURO kosten, von den übrigen Kosten des Unglücks ganz zu schweigen. Zweitens ist der Bau wie bei allen Großprojekten sehr langwierig; Olkiluoto 3 in Finnland benötigt voraussichtlich 8 Jahre ab Baubeginn, sodass man also mit gut zehn Jahren für den Wiederaufbau der Kraftwerke rechnen muss. Zwar sind Genehmigungsverfahren in Japan bisher sehr viel schneller durchgegangen. Aber einerseits könnte sich das auch ändern, andererseits sind schon 5 Jahre eine lange Zeit. Was passiert aber in der Übergangszeit? Die LA Times zitiert einen Mitarbeiter der Elektrizitätswerke in Tokio, dass die rotierenden Stromsperren noch mindestens ein Jahr lang dauern werden.

Ein Blick auf die Recherchen der Energy Watch Group in Bezug auf Uran macht deutlich: die Kernkraft hat die beste Zeit hinter sich. In etwa 5 Jahren Jahren wird das waffenfähige Uran aus den Raketen und die sonstigen Reserven verkauft sein, und dann wird es einen Engpass geben. Da insbesondere China, Indien und sogar Pakistan auf Kernkraft setzen, wird sich der Preis erhöhen und letztlich auch eine Knappheit eintreten. Das gerade in China diskutierte Moratorium für die 25 (!) geplanten Kraftwerke erscheint mir daher eher dem zukünftigen Mangel an Uran oder der mangelnden Wirtschaftlichkeit geschuldet zu sein, sodass das Unglück in Fukushima den Behörden in China vielleicht sehr gelegen kommt, um einigermaßen problemlos die Bremse ziehen zu können.

Leider sieht es bei Öl, Kohle und Gas nicht anders aus. Die Deutsche Bank hat einen Preisanstieg von 12 Prozent für Kohle in diesem Jahr vorhergesagt, getrieben unter anderem von dem sich ausdehnenden Bedarf in China. Zwar will China neuerdings das Wachstum drosseln, auf 7 Prozent. Aber das ist allerdings noch immer ein beachtliches Plus.

Das alles macht Folgendes wahrscheinlich:

Auf diese Weise könnte Japan tatsächlich als Zukunftsmodell dienen. Schon in ein anderen Weise hat man sich in Japan den Erfordernissen der Zukunft gestellt: statt wie anderswo immer mehr Kinder zu fordern, hat man sich ernsthaft Gedanken gemacht, wie eine alternde Gesellschaft funktionieren kann. Dies ist umso wichtiger, als eine weiter wachsende Menschhheit das Hauptproblem ist. Die Versorgung mit Nahrungsmitteln und die relativ stabilen Strukturen haben allen die Illusion verschafft, dass es damit immer so weitergehen kann.

Was hat das mit uns zu tun?

Auch bei uns gibt des Kernkraft, auch wir denken über unsere Ölabhängigkeit nach. Doch wie so oft verharrt die Debatte bei wirklich zentralen Problemen in einer unproduktiven Starre. An die Grundlagen traut man sich eben nicht heran. Und eine davon ist die Mobilität. Wer einmal darüber nachdenkt, wieviel Energie täglich beim Transport von Menschen ausgegeben wird, der kann darüber schon ins Grübeln kommen. Dabei sind die meisten Fahrten unnütz und könnten bei sorgfältiger Planung vermieden werden. Aber so läuft es nun einmal nicht. Man mache mal den eigenen Kindern klar, dass das Auto stehen bleibt und sie gefälligst Bus fahren sollen. Und wie wir eingangs gesehen haben, gilt für Erwachsene ebenso das, was für Kinder gilt. Denen kann man mehrheitlich auch nicht klar machen, dass das eigentlich eine große Verschwendung ist. Viele betrachten Mobilität als ein Bürgerrecht.

Und so wird angesichts der drohenden Ölknappheit nicht etwa ans Sparen gedacht sondern an Alternativen. Und die heißen dann Hybridantrieb oder Elektroauto. Wenn's hoch kommt Bahn und Bus. Fahrrad heißen sie auf alle Fälle nicht. Laufen auch nicht. Und so denkt der moderne Mensch weiter in den bekannten Schienen. Die nicht verbrauchte Energie wird man ja schließlich im Fitnessstudio los oder beim Nordic Walking.

Unter Zwang allerdings stellen sich die Dinge anders dar. Wenn erst einmal der Strom nicht immer zur Verfügung steht (und diese Zeiten werden unweigerlich kommen), dann blicken die Menschen vielleicht doch wieder in den Keller, ob sich nicht noch ein Fahrrad findet. Denn das fährt schließlich ohne Strom oder Benzin. Das Auto, und sei es ein Hybrid- oder Elektromobil, wird sich nicht von der Stelle bewegen. In Tokio haben die Fahrradhändler das Geschäft ihres Lebens gemacht, ein Beweis dafür, dass die Krise die Menschen sehr rasch zur Besinnung kommen lässt. Niemand muss angesichts von Strommangel lange überlegen, ob er noch ein Elektroauto kaufen möchte.

Alles nur Schwarzseherei?

Ökonomen sagen uns, dass wir nur genügend Geld ausgeben müssen, dann bekommen wir alles, war wir wollen. Andere sagen, der Technik wird schon etwas einfallen. Aber ein kurzer Blick ins Physikbuch lehrt das Gegenteil. Es ist eine einfache Rechnung: für soundsoviel Transport, soundsoviel Heizung und was sonst noch wird soundsoviel Energie aufgewendet werden müssen. Und die muss irgendwo herkommen. Das ist reine Physik, das hat mit Wirtschaft nichts zu tun. Im Übrigen sollte jedem Wirtschaftswissenschaftler klar sein, dass das Geld einem Zweck dient. Dieser ist außerwirtschaftlich und benötigt Energie und menschliche Arbeit. Beides will zwar bezahlt sein, unterliegt aber insbesondere bei der Energie, anderen Gesetzen. Wer sagt denn, dass nur indem wir mehr bezahlen, auf einmal mehr da ist?

Nun sagen einige, die Sonne liefert schon genug für uns, man muss die Energie einfach nur nutzen. Das ist zwar richtig, aber leider scheitert diese Idee an anderer Stelle: die Maschinen, die die Sonnenergie (direkt oder indirekt) nutzen, können nicht in beliebiger Zahl hergestellt werden. Die gegenwärtige Energiemenge, die der Menschheit zur Verfügung steht, ist nach dem, was wir wissen, so ungefähr das Maximum, was sich herausholen lässt.

Das Wissen darüber, dass dem so ist, haben wir nicht aus den Physikbüchern. Das verdanken wir der Arbeit der Energie Watch Group und anderen Organisationen. Es lohnt sich, sich damit zu befassen. Es kuriert einen hoffentlich von der Illusion, dass es weiter bergauf geht. Denn das hat ganz klare Auswirkungen. Wenn China wächst, werden andere schrumpfen. Das Auto, das am einen Ende neu in den Verkehr geht, macht, dass ein anderes nicht mehr fahren kann. Weil das Benzin fehlt oder der Strom.

Und erneuerbare Energien sind schön und gut, aber niemand hat bisher glaubhaft nachweisen können, dass wir die gegenwärtige Energiemenge allein aus regenerierbaren Quellen erzeugen können. Selbst Großprojekte wie Desertec sind vermutlich nicht mehr als Aktionspläne, deren praktische Ausführung erst noch kommen muss, und die, wie ich höre, ihre eigenen Tücken haben, zm Beispiel, dass sie nicht ohne zusätzliche Energie auskommen, etwa aus Gas (!). Sie erscheinen mir letztlich nur als Manöver, allen einzureden, dass Energiesparen nicht nötig ist. Oft hört man, dass Sparen nicht gehen kann, weil niemand es will. Es mag sein, dass die Menschen nicht sparen wollen. Allein, sie (pardon: wir) werden es müssen.



Marcus Kracht 2011-03-21