Reflektionen über die Konjunkturzyklen

Marcus Kracht, 14. September 2016

Joseph A. Schumpeter war mehr noch vielleicht als Adam Smith der Apologet des Unternehmertums. Er sah im Gegensatz zu Marx einen Unterschied zwischen dem Kapitalisten qua Eigentümer des Kapitals und dem Unternehmer, dem die eigentliche Rolle zufällt -- oder besser, der sie für sich auserwählt -- ein Unternehmen zu führen. Schumpeter unterschied dabei streng zwischen der bloßen Verwaltung eines Unternehmens oder dem, was man heute als business as usual bezeichnen würde, und der schöpferischen Seite, die neue Wege der Produktion, des Transports oder des Verkaufs entdeckt und für sich zu nutzen versteht. Diese Seite des Unternehmertums interessierte ihn am meisten. Er schrieb dazu in Das "Kommunistische Manifest" in der Soziologie und in der Ökonomik:

Der Kapitalismus ist ein Prozeß, stationärer Kapitalismus wäre eine contradictio in adjecto. Dieses Prozeß besteht jedoch nicht einfach in der Zunahme an Kapital — geschweige denn in der Zunahme des Kapitals durch Ersparnisse —, wie die Klassiker gemeint haben. Er besteht nicht darin, dem existierenden Bestand an Postkutschen weitere Postkutschen hinzuzufügen, sondern in deren Verdrängung durch die Eisenbahn. Die Zunahme von physischem Kapital ist ein Bestandteil dieses Prozesses, sie ist aber nicht ihr Propeller.
Das ist sehr plastisch beschrieben und sicherlich bis heute richtig, bis auf eine Kleinigkeit, auf die ich gleich zu sprechen kommen werde.

In seiner Theorie der Konjunkturzyklen weist Schumpeter ferner darauf hin, dass Abschwung und Aufschwung, sofern sie innerhalb der Wirtschaft selbst verursacht sind, verschiedene Phänomene sind. Der Abschwung, also die Depression, ist die Folge eines vorangegangenen Aufschwungs. Nunmehr werden die Verhältnisse nivelliert und Übertreibungen gedämpft. Wie etwa, wenn gewisse Sektoren (z.B. die Bauwirtschaft in Berlin am Beginn des 20. Jahrhunderts) über das nötige Maß wachsen und danach durch fallende Preise wieder zurechtgestutzt werden. Das, erklärt Schumpeter im Anschluss an Pigou, ist ein notwendiger Prozess, in dem der Unternehmer eher der Getriebene ist. Der Aufschwung aber gehört dem Unternehmer. Er existiert nur, weil es Wirtschaftssubjekte gibt, die neue Möglichkeiten (oder, wie Schumpeter es manchmal sagt, neue Kombinationen) finden, vorteilhafter Güter herzustellen. Schumpeter ist sich bewusst, dass manche Gewinne dem Unternehmer unverdient zufallen, aber im Großen und Ganzen sind sie ihm zufolge Marginalien im wirtschaftlichen Prozess. Und auch dann muss man sie auszunutzen wissen.

Nachdem die Kombination einmal gefunden wurde, wird sie sich verbreiten. Sie findet sofort Nachahmer, die Profitrate sinkt, und die Unternehmer sind gezwungen, neue Wege zu finden, falls sie die hohen Profitraten halten wollen.

Das ist, in Kürze die Theorie, die Schumpeter in Die Erklärung des Konjunkturzyklus unterbreitet.

Sie ist, wie ich schon sagte, sehr plausibel. Als Nichtökonom möchte ich hier keine ökonomische Kritik äußern. Das wäre sicher vermessen. Allerdings können wir in der historischen Rückschau sehen, dass die Euphorie Schumpeters nicht ganz berechtigt war. Er blendet völlig aus, dass zu der unternehmerischen Kombinatorik noch zwei Dinge gehören, die unmittelbar den Zauber verursachten, in welchem Schumpeter und seine Zeitgenossen standen. Das eine war der technisch-wissenschaftliche Fortschritt; eine stetig wachsende Zahl an Menschen, die mit unendlicher Geduld irgendeine neue Formel, Theorie oder Maschine ausbrüteten, die der Unternehmer letztendlich verwerten konnte. (Es gibt dazu den Spruch: "Der Ingenieur ist das Dromedar, auf dem der Kaufmann reitet".) Das andere war die stetig wachsende Zunahme an Rohstoffen und Energie, die der industriellen Welt zur Verfügung stand, und die sie sich zunehmend aus den anderen Ländern holte, weil sie zu Hause zur Neige gingen, so etwa die Kohle in England. Die Erschöpfung der Kohle trieb bereits Stanley Jevons, den Autor von The Coal Question und Namenspatron des Jevons-Effekts, um. Europa, die Wiege des Kapitalismus, ist heute so gut wie leergefegt, was Rohstoffe angeht. Damals war das noch nicht abzusehen. Wie Robert Gordon in seinem Buch The Rise and Fall of Growth in America darlegt, waren die Wachstumsraten damals exorbitant. Der wissenschaftlich-technologische Fortschritt war enorm, stets wurden neue Dinge erfunden, die den Menschen die tägliche Arbeit erleichterten. Die Erleichterung war damals, als Arbeit noch im Wesentlichen physische Arbeit bedeutete, enorm. Dass die physische Arbeit durch Maschinen erledigt wurde, kümmerte damals niemanden. Auch nicht, dass dazu immer mehr Energieträger aus dem Boden geholt werden mussten. Es gab sie ja in Hülle und Fülle. Das Öl war zur Zeit des Erscheinens dieses Aufsatzes (1927) gerade erst dabei, seinen Siegeszug zu erringen.

Einige Jahrzehnte weiter jedoch wurde klar, dass die Energie nicht weiter wachsen konnte. Und dies musste also unmittelbare Folgen haben. Unter anderem die, dass die Rolle des Unternehmers nicht mehr darin bestehen kann, für Wachstum zu sorgen, jedenfalls nicht, insofern Wachstum mit Energieverbrauch gekoppelt ist, was in den letzten zwei Jahrhunderten immer der Fall war. Der Unternehmer Schumpeterscher Prägung ist nunmehr in der Defensive. Natürlich kann er hier und da noch neue Wege finden, aber genauso wie der Wissenschaftler und der Ingenieur lässt ihn das Energieproblem ratlos zurück. Gewiss, noch feiert man die Kreativität der Informatiker im Silicon Valley, aber ob das, was sie da inszenieren, Wachstum ist, bezweifle ich. Ein Taxiunternehmen, das lediglich als Mittler zwischen Privatleuten auftritt, ist jedenfalls nicht mehrere Milliarden wert. Der Mehrwert, den es schafft, ist nur ein Bruchteil davon. Das trifft auf eigentlich alle Unternehmen dort zu. Schon gar, weil elementare Bedürfnisse damit gar nicht befriedigt werden können. Im Silicon Valley mag man Informationen auf immer neue Weise verbinden können, davon wird weder die Wohnung warm noch kommt dadurch Essen auf den Tisch. Die Wirtschaft aber ist die gesamte Wirtschaft des Landes, und der ständige Blick auf die schöne Informationswelt lenkt nur davon ab, wie es an anderen Stellen aussieht.

Aber das ist nicht das Thema. Das Thema ist, dass die gegenwärtige Energieproduktion stagniert. Am Beispiel des Öls können wir dies gut sehen. Die Ölmenge ist nur marginal eine Funktion des Preises. Aus technischen Gründen lässt sie sich nicht beliebig ausdehnen oder zurückfahren. Und neben der Tatsache, dass die Menge nunmehr nur noch wenig wächst, sinkt ihr gesellschaftlich nutzbarer Teil stetig gegen Null. Von der im Öl enthaltenen Energie kann die Gesellschaft nur 20 Prozent nutzen (siehe die Definition des sogenannten externen EROI). Insofern die Energieaufwendungen zur Förderung steigen (momentan sind wir bei 10 Prozent, diese sind in den 80 Prozent eingerechnet, die dem Öl auf dem Weg zur Tankstelle "entzogen" werden), vermindert sich der Prozentsatz stetig. Rückläufiger Energienutzen ist aber für unsere energieintensive Wirtschaft ein riesiges Problem. Die Arbeitsproduktivität (und damit die Rechtfertigung entsprechender Löhne) hängt ja wesentlich davon ab, wieviel Energie jedem Arbeiter im Produktionsprozess zugeteilt wird.

Was bedeutet dies für die Theorie Schumpeters? Sie bedeutet zunächst nicht, dass die Erklärung falsch ist. Sie bedeutet aber dies: anstelle einer zyklischen Aufwärtsbewegung, bei der der Unternehmer jeweils in den Aufschwungphase eine gewisse Neuerung einbringt, die die nachfolgende Depression nicht mehr wegnehmen wird, kommt jetzt der katabolische Kollaps (John Michael Greer). Der Unternehmer wird immer noch damit beschäftigt sein, neue Kombinationen zu finden. Aber sie werden nicht mehr darin bestehen, den Lebensstandard zu heben, sondern darin, die Abnahme zu mindern. Die Depression wird nun zunehmend durch externe Faktoren erzeugt (Abnahme der Energiemenge), während der Unternehmer nach erfolgter Depression nunmehr wiederum in der Lage sein kann, neue Kombinationen zu finden. Er erzeugt wiederum einen Aufschwung, der aber in der Summe nicht mehr das vorige Niveau erreichen wird. Mit anderen Worten, wir befinden uns in einer zyklischen Abwärtsbewegung. Die Zyklen sind noch da, allerdings ist die Grundtendenz nach Abzug der Zyklen negativ.



Marcus Kracht 2016-09-14