Mit letzter Kraft

Marcus Kracht

8. Oktober 2013




Die Kette der Energieversorgung

Die Geschichte des zivilisatorischen Aufstiegs liest sich in etwa so. Vor zweihundert Jahren hatten die Menschen als Energiequelle, wenn wir von ihnen selber und den Tieren absehen, nur das Holz. Die im 18. Jahrhundert einsetzende Kritik an der vermehrten Nutzung des Waldes hätte damit enden müssen, dass die Menschen ihren Energiebedarf einschränken. Wäre da nicht die Kohle gewesen. Mit der Ausbeutung der Kohle begann der erste Teil der sogenannten industriellen Revolution. Einige Jahrzehnte später wurde das Öl entdeckt. Auch hier rettete ein neuer Stoff die Menschen vor der einsetzenden Knappheit. Diesmal war es der Waltran, der knapp zu werden drohte. Öl schaffte abhilfe: statt das Waltrans erleuchtete Petroleum die Wohnzimmer. Einige Jahrzehnte nach dem Öl kam die Kernspaltung. Auch sie sollte die Menschheit von einem Knappheitsproblem befreien: das Öl — so sah es M. King Hubbert — würde knapp werden. Er berechnete den Höhepunkt der Förderung auf das Jahr 2000. In die Lücke sollte dann die Kernkraft treten.

Es kam allerdings nicht so weit. Die Technik der schnellen Brüter wurde wegen inhärenter Risiken aufgegeben. Damit fiel die Reichweite der Kernkraft rapide und sie drohte nun ihrerseits — kaum eingeführt — knapp zu werden. Abhilfe sollte hier die Fusion schaffen. Kernfusion, so hoffte man noch vor einiger Zeit, würde die Energiesorgen der Menschheit ein für alle mal beenden.

Die Prognosen für die Fusion sind aber nicht sehr hoffnungsvoll. War sie bei Beginn an etwa 30 Jahre entfernt, so sind die Prognosen vom ITER erstaunlicherweise immer noch so. In zehn Jahren soll ITER in Betrieb genommen werden und erst einmal 20 Jahre lang forschen. Ab 2050 (!) würde dann ein laufender Reaktor möglich sein, mit der kommerziellen Nutzung sei aber erst ab 2075 zu rechnen.

Nun denn, wie es aussieht, wird es damit wohl nichts. Bis dahin werden wir alles verpulvert haben, was uns an fossilen Ressourcen zur Verfügung stand.

Die Hürden werden immer höher

Wir haben also eine Progression:

Holz, Kohle, Öl, Erdgas, Kernspaltung, Fusion

Das klingt in der Tat nach riesigem Fortschritt. Dieser aber bemisst sich vor allem in dem Aufwand, technisch wie energetisch, den wir betreiben müssen, um die Energie zu erzeugen. Die Anlagen, die wir benötigen, sind immer komplizierter geworden. Ist die Petrochemie schon ein schwieriges Kapitel, bei der Kernkraft geht es schon gar nicht mehr ohne elektronische Steuerung, und auch die Beschaffung und die Lagerung des Brennmaterials sind ein enorm aufwendiges Geschäft. Von den Risiken ganz zu schweigen.

Das spiegelt sich auch in den Preisen. Laufende Kernkraftwerke sind zwar sehr günstig, aber sie profitieren von einer riesigen Subventionierung der anfänglichen Forschung bis hin zu der de facto staatlichen Absicherung des Risikos einer Kernschmelze (siehe Japan). Hinzu kämen Rückstellungen für den Rückbau, die nach allem, was ich weiß, nicht ausreichend sind. Die Gesamtrechnung (sogenannte Gestehungskosten) kann man hier sehen. Kernkraftstrom kostet das doppelte von Kohlestrom. Warum sonst sollte ausgerechnet EU-Kommissar Oettinger nach Subventionen für die Kernkraft rufen? Warum sonst möchte Großbritannien einem Betreiber einen Garantiepreis auf 35 Jahre zusichern?

Hatte ich etwas vergessen?

Gewiss, es gibt da noch andere Energiequellen. Die erneuerbaren. Nun denn, bisher sieht es nicht so aus, als w├╝rden die erneuerbaren uns unseren Lebensstil erhalten können. Es liegt nicht an dem Sonnenschein. Es liegt an den Materialien, ihn zu ernten. Man lese mal Ozzie Zehner: Green Illusions oder Energyskeptic. In Kollektoren oder Windrädern steckt so viel an Hochtechnologie (und seltene Erden), dass nicht wirklich klar wird, wie sie unsere Infrastruktur aufrechterhalten können.

Inzwischen wird von den erneuerbaren Energien nicht unbedingt als einer Endlosquelle geredet. Marco Raugei argumentiert, sie würden auch hilfreich sein, die Nutzungsspanne der fossilen Energieträger zu verlängern. Ein interessanter Gedanke, weil selbst ein EROI Faktor 3 (Energieausbeute geteilt durch Energieaufwand) schon viel bringen würde. Wir müssen natürlich die Verwüstung durch den Abbau der vielen Rohstoffe dabei ignorieren. (Zwischengedanke: würden die nicht abgebaut, wenn wir jetzt keine Solarzellen oder Windräder gebaut werden? Wahrscheinlich ist es egal, sie werden bis zum bitteren Ende aus der Erde geholt.)

Brückentechnologien, soweit das Auge blickt

Auch von Erdgas wird ja als Brücke gesprochen (bridge fuel, siehe etwa den kritischen Beitrag hier). Man fragt sich: Brücke — wohin? Offenkundig ist alles, was als Entlastung der Hauptenergieträger diskutiert wird (im Wesentlichen Öl, konventionelles Erdgas und Kohle), nur mehr ein kurzfristiger Behelf. Im Falle der Erneuerbaren ist es eher eine Brücke zu einer kleinen Insel, während im Falle der Nuklearenergie (Fusion und Kernspaltung) noch nicht einmal Land in Sicht ist. Der gigantische Aufwand, der zu ihrer Realisierung nötig ist, rechnet sich kaum noch.

Wir bauen also seit Jahrzehnten irgendwelche Brücken in der vagen Hoffnung, auf ihnen weitermarschieren zu können. Viel wahrscheinlicher aber ist, dass dies eine Pleite wird. Ich möchte daran erinnern, dass die Jahre, die uns die Kernkraft geschenkt hat, um über eine Neuausrichtung nachzudenken, demnächst vorbei sind. Die strahlenden Überreste werden uns noch Jahrzehnte begleiten, wenn wir gleichzeitig mit einem schwindenen Anteil an fossiler Energie rechnen müssen. Das ganze Gerede um Fracking sollte man deswegen vergessen: auch hier geht es um Stundung, um das Aussetzen notwendiger Reformen um wenige Jahre. Die werden dann auch vergehen, und am Ende werden wir wieder eine Sorge mehr haben: dann wird es womöglich das Trinkwasser sein. Ich kann beim besten Willen darin keinen Gewinn sehen. (Für ein Beispiel von Risiken siehe den Beitrag von Andrew Nikiforuk. Mir sagen die Zusicherungen von welcher Seite auch immer, dass die Wahrscheinlichkeit der Verunreinigung klein sei, inzwischen nichts mehr. Bei sämtlichen Technologien wurden die Risiken vorher unterschätzt oder kleingeredet.)

Vor zwei Wochen brach eine kleine Kontroverse um Fracking und Transition aus. Kurz gefasst hatte man sich in Dorking zu der Ansicht durchgerungen, Fracking sei vielleicht — in Grenzen — notwendig, um Preisschocks bei Erdgas zu verhindern, die ja auch auf Kosten der Armen gehen würden. Siehe dazu die Replik von Rob Hopkins. Der Vorschlag aus Dorking klingt ja ganz gut, die Frage ist nur: hatte man nicht bis jetzt schon viel Zeit gehabt? Und wann wollen wir endlich mal dem Problem mit vollem Ernst ins Auge sehen? Wenn Erdgas teuer wird, wäre das nicht eine Aufgabe der Gesellschaft, den Armen zu helfen, aber eben nicht so, dass wieder eine neue riskante Strategie gefahren wird? Hatten die Politiker denn keine Schätzungen über zukünftige Fördermengen bekommen? Wozu gibt es eine Internationale Energie Agentur?

Mit letzter Kraft

Und so schleppen wir uns mit letzter Kraft zur nächsten Energiequelle, um noch ein bisschen Zeit zu gewinnen. Wir sind offenkundig dazu verdammt, immer so weiterzumachen, und wenn es bedeutet, die letzte fossile Energie aus dem Boden herauszuholen.

Damit man sich keine Illusionen macht: für die Beseitigung all der Schäden, die der Energieraubzug hinterlässt, wird niemand aufkommen. Denn wenn erst einmal die Energie knapp wird: wer will da noch ans Aufräumen denken? Und wo soll dafür die nötige Energie herkommen?



Marcus Kracht 2013-10-08