Nach uns die Flut

Marcus Kracht, 1. Februar 2015

Nur so eine kleine Nachricht

Der Spiegel meldete unter der Überschrift Geplante Bergwerksflutung: Tausende Tonnen Schmieröl bedrohen Saar und Ruhr, dass die Firma RAG in den 1970er Jahren PCB-haltige Schweröle benutzt und nicht alles davon entsorgt habe (damit war sie wahrscheinlich nicht allein). Etwa 12000 Tonnen lägen angeblich davon noch unter Tage. Die Firma selbst will keine Zahlen nennen. Nun sollen die Zechen 2018 stillgelegt und geflutet werden. Und das würde diese Schweröle mit der Zeit freisetzen, womit sie dann irgendwann in den Flüssen landen werden.

Beim Lesen insbesondere der Zuschriften wurde klar, dass diese unscheinbare Meldung aus einem ganz bestimmten Grund brisant ist. Es geschieht nämlich nicht, was man vermutet: es wird nicht aktiv geflutet, was man ja unterlassen könnte. Sondern die Zechen wurden und werden permanent leergepumpt. Und wenn man sie stilllegt, dann wird man aufhören zu pumpen. Und dies wird dann mit der Zeit dazu führen, dass sich die Zechen mit Wasser füllen.

Und da sind wir wieder bei dem ewiggleichen Thema: solange der Laden läuft, interessiert sich niemand dafür, was ist, wenn das mal zu Ende geht. Viele haben sogar schlicht behauptet, diese Energiorgie würde niemals enden. Und uns würde immer etwas einfallen.

Es fällt uns aber offenkundig nichts ein. Wie man sieht, streitet sich die Firma mit den Umweltämtern und anderen und behauptet schlicht, eine Gefahr bestehe nicht. Und das könnte ja auch so sein. Aber wenn ich bedenke, dass von dieser Sorte Probleme noch viel mehr existieren, so interessiert diese Behauptung immer weniger. Lassen wir es zehn oder hundert Firmen dieser Art sein. Wenn jede ihren Müll inoffiziell oder offiziell entsorgt, dann besteht vielleicht bei jeder einzelnen kein Problem. Aber alle zusammen machen ein Problem. Wir haben schlicht keine Ahnung, wie viel Gift jetzt oder in Zukunft in die Natur gepumpt wird, ob öffentlich oder im Geheimen, genehmigt oder nicht.

Und, das ist eben sehr wichtig: es sollte uns nicht nur interessieren, wie viel Gift irgendwer absichtlich in die Natur entsorgt, sondern wie viel über kurz oder lang auch dann dorthin gelangt, wenn wir nichts tun. Und zwar nicht nur, weil wir nichts zu tun beschließen (weil man ja nicht jeden zur Sorgfalt zwingen kann, so traurig das ist), sondern auch, weil wir wohl nicht immer etwas tun können. Weil das Geld ausgeht oder die Energie.

Nicht nur Kohlezechen

Wenn es einen Aspekt gibt in dem gegenwärtigen Diskurs, auf den ich immer wieder hinweisen muss, weil er schnell beseitegefegt wird, dann ist es dieser: in Zukunft werden wir viele Dinge nicht mehr tun können, weil uns die Energie ausgeht. Oder das Geld, was in meinen Augen dasselbe ist. Es geht eben nicht nur darum, was wir wollen. Wir können noch so gutmeinend sein, es kann sein, dass uns die Kraft ausgeht. Alle Technologie, die davon ausgeht, dass wir irgendetwas aktiv stabil halten müssen, sind also zukünftige Gefahren. Lasten, die wir zukünftigen Generationen auferlegen.

Einige davon sind hinlänglich bekannt. Ich nenne hier nur den atomaren Müll, die Pestizide und andere Gifte, die wir in irgendwelchen Fässern oder Bohrschächten eingelagert haben. (In Amerika hat man gerne Bohrschächte von Ölbohrungen genommen, nach Gebrauch Altstoffe und eben auch Gifte hineingepumpt und diese dann versiegelt. Ich muss nicht weiter erwähnen, dass die Dichtigkeit dieser Versiegelungen ein Problem ist. Oder eben sein wird.)

Ich nenne noch ein paar andere. Dazu gehören Kernkraftwerke. Also nicht nur der Müll sondern das Kraftwerk selbst, insbesondere die ausgebrannten Brennstäbe, bevor sie so weit abgekühlt sind, dass man sie weiterverarbeiten kann. Im laufenden Betrieb muss man 5 Prozent der Kraftwerksleistung abzweigen, um die Brennstäbe zu kühlen. Schaltet man das Kraftwerk ab, so muss man noch mindestens 10 Jahre lang eben diese Energie aufbringen, jedoch ohne, dass das Kraftwerk irgendeinen Beitrag dazu liefert.

Das klingt irgendwie harmlos, denn im Normalbetrieb fällt das ja nicht auf, dass das Kraftwerk nicht alles ins Netz stellt, was es erzeugt. Aber überschlagen wir einmal. 8 derzeit laufende Kraftwerke liefern ca 5 GW Elektrizität. Davon 5 Prozent sind 250 MW. (Nicht eingerechnet ist die Leistung aus den anderen 8, die schon abgeschaltet sind.) Mit anderen Worten: wenn die derzeit laufenden Kernkraftwerke abgeschaltet sind, so fehlt nicht einfach nur ihr Beitrag, sondern wir müssen auch Tag und Nacht 250 MW zur Verfügung stellen, damit sie uns nicht um die Ohren fliegen.

Und das geschieht just in dem Moment, wo nicht etwa ein super duper Fusionsreaktor in Betrieb geht, sondern auch an anderer Stelle die Energie knapp wird, etwa Strom aus Kohle. Natürlich kann man sagen: das ist ja nicht mal die Leistung eines einzigen Kohlekrafterks, das werden wir schon noch schultern. Aber es ist eben nicht so, dass wir dann auf dem aufsteigenden Ast sind sondern auf dem absteigenden. Und da wird jeder Pfennig umgedreht.

Und dann sind da noch die Plastikinseln, die sicher nicht nur die Vögel töten werden, die das Plastik für Futter halten, sondern vielleicht ja auch uns, weil das Plastik so langsam vor sich hinrottet und den Weg zu uns findet. Noch wäre ja Energie da, das Plastik aufzusammeln und zu entsorgen. Aber dafür findet sich im Augenblick niemand. Da müsste man ja viel Geld hinlegen. Noch ist es da. Bald ja nicht mehr. Von der Energie und der Infrastruktur ganz zu schweigen.

Wenn man sich die Verhandlungen zu dem CO2-Stopp ansieht, dann wird sicher jedem klar, dass die Politik keine Lösung finden wird, bevor es nicht wirklich verdammt eng ist. Das liegt natürlich auch an uns selber. Bis dahin fallen uns nämlich Tausend Gründe ein, warum wir doch noch so weiter machen können. Geoengineering wäre da so eine Idee. Wobei, das ist der Clou, das ja wohl auch eine Menge Technologie und Energie braucht. Wenn die Energie ausgeht, so wird wohl beides gestoppt werden, der Ausstoß von Treibhausgasen und die Gegenmaßnahmen.

Zukunftsvisionen der zweiten Art

Zukunftsszenarien angesichts sich weiter ausbreitender Technologien kennen wir zur Genüge. Solche, die sich mit einer sich zurückziehenden Technik befassen, haben wir wenige. Sie werden gewiss kommen. Denn die Fantasien der ersten Art sind ja aus dem unterliegenden Mythos gespeist, die Technik werde nicht aufhören. Nick Bostrom hat uns jetzt sogar ein Buch beschert (Superintelligence. Paths, Dangers, Strategies), das uns weissagt, wenn es so weiter geht, könnte eines Tages die künstliche Intelligenz die Menschheit ausschalten, weil sie ihr im Weg ist.

Das ist möglich aber in meinen Augen nicht wahrscheinlich. Eher wahrscheinlich ist, dass die Zivilisation gegenwärtig so weit kaputtgeschossen wird, dass für die Technoroboter kein Platz sein wird. Es genügt ein anhaltender Mangel an Strom, dann erledigt sich diese Form von Intelligenz von selbst. Bis auf Weiteres werden die Roboter noch auf Menschen angewiesen sein, um mit Strom, Ersatzteilen versorgt zu sein und um die Selbstvermehrung aufrecht zu erhalten. Eben diese Menschheit aber sägt an dem eigenen Ast und zerstört die Grundlage ihrer Technik.

Aus diesem Grund wäre es angezeigt, mal zu fantasieren, was denn sein wird, wenn die Menschen ihre Technik nicht mehr kontrollieren können und sie sich aus diesem Grunde verabschiedet. Und was dann mit leeren Zechen und halb abgekühlten Kernkraftwerken sein wird. Alan Weisman hat einen Anfang gemacht. Er hat sich in seinem Buch "Die Welt ohne uns" vorgestellt, was sein wird, wenn die Menschen sofort von hier verschwänden. Was einigermaßen dasselbe ist: die Menschen verschwinden nicht sondern hören auf, die Technik zu bedienen. Vielleicht sollte man sich fragen, was mit denen ist, die eine solche Zukunft erleben werden.






Marcus Kracht, 2015-2-1