Das Netz spannt sich

Marcus Kracht

18. August 2014



It is wholly a confusion of ideas to suppose that the economical
use of fuels is equivalent to a diminishing consumption.
— William Stanley Jevons: The Coal Question. (1865)

Geschichte der Materialien

Neulich las ich das neue Buch von Vaclav Smil: Making of the Modern World. Materials and Dematerialization. (Wiley, 2014). Der Titel sagt es bereits: es geht um Materialien: um Rohstoffe und ihre Verwendung durch den Menschen. Es ist eine historische Aufarbeitung der Frage, welche Materialströme die moderne Gesellschaft braucht und wie sie all diese Materialien in der Form, Reinheit und Menge verfügbar gemacht hat. Das Buch ist sicher trocken und nicht jedermanns Sache. Vielleicht lohnt es sich deswegen, dass ich hier davon berichte. Vorweg: Smil sagt, er habe sich geschworen, niemals eine Prognose abzugeben, wann die Grenzen des Wachstums erreicht sein werden, und er hält sich auch diesmal daran. Allerdings lässt er keinen Zweifel daran, dass die Verfügbarkeit der Rohstoffe, auch wenn sie noch weiter gesichert sein mag, nicht garantiert, dass alles so weiter gehen wird wie bisher. Dazu gibt es zu viele Risiken, die er minutiös auflistet.

Smil beginnt mit einem relativ raschen Überblick über das vorindustrielle Zeitalter (2. Kapitel, nach der Einleitung), um sich dann den Stoffklassen zu widmen, die die moderne Welt benötigt (3. Kapitel): biologische Materialien, Baustoffe (zB Zement), Metalle, Plastik, Gase, Dünger und schließlich die Elemente, die man in elektronischen Geräten findet. Dieser Überblick ist erhellend, zumal er die Proportionen in den Blick bringt. Der Zementmischer ist sozusagen eine der wichtigsten Maschinen der Moderne, neben dem Stahl sicher der wichtigste Stoff, mit dem sich Staaten, Architekten (und Politiker) ihre Träume erfüllen. im vierten Kapitel beschäftigt sich Smil mit der Frage nach der Erfassung von Stoffströmen sowie der richtigen Erfassung von Material- und Energiekosten für bestimmte Produkte (zB das sogenannte Life Cycle Assessment (LCA)). Im fünften Kapitel wendet er sich dann der Frage zu, ob wir bzw die Wirtschaft uns entmaterialisieren. (Kurze Antwort: nein. Siehe dazu das obenstehende Zitat, das sich auch in dem Buch findet.) Am Ende kommt noch die Frage, was das alles für uns bedeuten kann. Wer bis dahin gelesen hat, weiß schon, was kommt: es ist praktisch unmöglich, so weiter zu machen wie bisher, aber wann der Wandel kommt und wie er letztlich aussieht, weiß auch Smil nicht. Ich denke, niemand hat darauf eine Antwort. Das Buch kann letztlich nur eines tun: uns vor Augen führen, wie fragil unsere moderne Industrieproduktion geworden ist.

Ich beleuchte ein paar Fakten, die dort beschrieben werden. Smil schreibt, dass China in den Jahren 2009 bis 2011 etwa 5,5 Milliarden Tonnen Zement verbaut hat, wohingegen der Gesamtverbrauch der USA im gesamten (!) 20. Jahrhundert nur 4,56 Milliarden Tonnen betrug. So beeindruckend die Zahlen sind, Smil weist darauf hin, dass Beton nur eine begrenzte Lebensdauer hat (wenige Jahrzehnte, je nach Qualität und Beanspruchung). Der Bauboom der letzten Jahrzehnte wird also auf kurz oder lang zu zerfallenden Megastädten führen oder eine ungeahnte Welle von Reparaturen. (Die Sanierung der Universität Bielefeld, einam Bau aus den spätsechziger Jahren, ist ein Beispiel für die Aufgabe, die man dann vor sich haben wird.) Und nicht nur Häuser werden mit Zement gebaut, auch Autobahnen und — Staudämme. Was mit letzteren dereinst passieren wird, wenn der Beton ermüdet und Risse zeigt, mag niemand sich so recht vorzustellen. Die Autobahnen und Brücken in Amerika jedenfalls zeigen deutliche Alterserscheinungen, aber das Geld reicht nebenbei gesagt nicht, diese instand zu halten. (Siehe diese Übersicht über die Probleme.)

Oder dies: die Herstellung von elektronischen Bauteilen erfordert Siliziumkristalle von höchster Reinheit. Diese Reinheit wird bei Silizium speziell mit dem Symbol N bezeichnet und gibt an, wie viele Neunen nach dem Komma folgen. Es ist also 4N die Reinheit 0,9999, das heißt, ein Gehalt von Silizium von mindestens 99,99 Prozent. Während Solarzellen "nur" eine Reinheit von 6 - 8 N erfordern, benötigt man für heutige hochintegrierte Schaltungen 9 - 11 N. Wer diese Zahlen liest wird — vielleicht zum ersten Mal — sich fragen, wie es der Menschheit überhaupt möglich ist, Materialien mit dieser Reinheit zu erzeugen. (Und, ebenso spannend: wie wir überhaupt solche Reinheitsgrade messen können.) In einem so knappen Buch kann der Schleier nur kurz gelüftet werden. Jedoch wird schnell klar: die gegenwärtige elektronische Industrie kann nur mittels einer unglaublich tief gehenden Produktionspyramide arbeiten, welche Materialien von einer Ecke der Welt in die andere schafft, um sie in einem peniblen Verfahren zu den Grundstoffen zu machen, die die elektronische Industrie letztlich als Grundstoffe zu ihrer Verwertung braucht: Siliziumkristalle.

Der Sirenengesang der modernen Industrie ist laut vernehmbar. Immer wieder wird betont, wie viel man mit Hilfe der modernen Technologie sparen könne. Jedoch gibt es erstens keine empirische Basis dafür: wie gesagt hat schon Jevons auf die paradoxale Wirkung des Sparens hingewiesen, und die Entwicklung bis heute lässt keinen Zweifel daran, dass die Menschheit bis an die Grenzen des Wachstums gehen wird. Die Vernetzung der Kühlschränke oder der Autos wird deswegen höchstwahrscheinlich nur zu einem führen: dass sie immer sensibler werden und wohl nicht nur bei Stromausfall oder Benzinmangel plötzlich den Dienst einstellen sondern auch bei einem Serverausfall, ganz zu schweigen von Cyberattacken. Ach ja: und natürlich verschlingt die Herstellung von solch intelligenten Maschinen einiges an hochreinem Silizium.

Faktor 10

Viel energischer ist hingegen die Botschaft von Friedrich Schmidt-Bleek in seinem Buch Grüne Lügen. Nichts für die Umwelt, alles fürs Geschäft — wie die Politik und Wirtschaft die Welt zugrunde richten. (Ludwig, 2014). Schmidt sieht uns, welche Überraschung, in schlechter Gesellschaft, jedenfalls, was die Rettung der Umwelt betrifft. Das Konzept "Faktor Fünf" von Ernst-Ulrich von Weizsäcker ist eine weichgespülte Variante des "Faktor Zehn" von Schmidt-Bleek, den er schon vor Jahrzehnten propagiert hatte. (Damals hatte von Weizsäcker zusammen mit ihm das Wuppertaler Institut geleitet und nach Bekunden von Schmidt-Bleek den Skandal um die Zahl 10 durch die Halbierung zu entschärfen versucht.) Die Idee: eine fünffache Entmaterialisierung der industrialisierten Welt müsse allein der Gerechtigkeit wegen sein (damit die anderen auch so viel verbrauchen dürfen wie wir) und der Faktor 2 muss sein, damit der ökologische Fußabdruck wieder unterhalb von 1 rutscht.

Natürlich weiß der Autor, dass das eine große Herausforderung ist. Aber er sieht nicht ein, sie deswegen nicht anzunehmen. Schließlich hat die Menschheit einige andere Herausforderungen durchaus angenommen, die auch fast heroisch anmuteten. Was ihn mit Vaclav Smil verbindet ist sein Fokus auf den Materialverbrauch. Gegenwärtig reden alle nur Energie. Das ist aber zu wenig. Ganz zu Anfang stellt er folgende Frage: "Was glauben Sie, ist eine der begehrtesten Schmugglerwaren der Welt? Welchen Rohstoff müssen Länder wie die Schweiz importieren, weil sie ihn nicht mehr haben?" Antwort: Sand! Wie wir oben schon gesehen haben, ist Beton der Grundstoff der modernen Welt, und er wird in solchen Mengen verbaut, dass einem schwindelig werden kann. Und er enthält neben Zement als wichtigstes Sand. Sand, den auch die Wüstenstädte wie Dubai von weit her (Australien) holen müssen, weil der ihre nicht zu den Hochhausbauten taugt.

Die wichtige Botschaft des Buches: erstens sieht man den Produkten nicht an, wieviel Material bewegt werden musste, um sie zu erstellen (bei Handys zum Beispiel 30mal mehr). Zweitens unterschätzen wir zum Teil enorm die Umweltwirkungen, die davon ausgehen. So heißt es, Sand sei für die Umwelt sehr schädlich, weil er gewissermaßen Gift für die Pflanzen sei. Im Gegensatz zu Dioxin, welches eher für uns Menschen giftig ist. Mag das so richtig sein oder nicht: auch Umweltrisiken werden gerne aus der subjektiv empfunden Bedrohung heraus gesehen. Das mag verständlich sein, hat aber nichts damit zu tun, ob die Umwelt tatsächlich bedroht ist.

Dass sie bedroht ist, steht außer Frage. Ob aber die technologischen Neuerungen irgendetwas daran ändern, ist fraglich. Die Grünen Lügen, das sind die Märchen, die uns von interessierter Seite täglich erzählt werden. Und die darauf hinasulaufen, dass wir das Problem mit immer noch mehr super-duper Hochtechnologie in den Griff bekommen. Was aber, fragt der Autor, ist wirklich dran? Wieviel sparen wir denn jetzt mit dem Hybrid-Auto? Es heißt da zum Beispiel, der ökologische Rucksack des Prius werde durch den zusätzlichen Elektroantrieb verdoppelt. Also: Energiersparnis wird mit Materialeinsatz erkauft. Das Material wiederum wird mit Energie bewegt bzw verarbeitet. So sieht es auch Kris de Decker in seinem Aufsatz The Monster Footprint of Digital Technology. Die energetischen Verbrauchskosten sind bei elektronischen Bauteilen vernachlässigbar gegenüber der Energie, die bei der Herstellung entsteht. Schön, wenn man sich als Hersteller mit irgendeinem Siegel noch Effizienz bestätigen lassen kann — die Umwelt hat rein gar nichts davon.

So energisch Schmidt-Bleek auf die Pauke haut, er hat auch Pläne bereit, wie es gehen kann. Ob diese Gehör finden, ist natürlich etwas anderes. Man kann aber nicht sagen, er habe nicht sein Mögliches getan.

Fazit

Das Fazit für mich: das Netz spannt sich. Es ist keine Frage, ob es reißt, sondern nur, wann und wo. Die Zeit lässt sich nicht bestimmt in Jahrzehnten messen. Ein oder zwei, würde ich sagen. Die Idee, dass grüne Technologien oder irgendwelche cleveren Herstellungsprozesse unseren Energie- und Materialverbrauch senken, ist durch nichts belegt. Bisher ging der Trend immer aufwärts und wurde lediglich durch äußeren Zwang gebremst.

Da die industrielle Produktion jede Menge Gifte produziert, zum Teil solche, die fast gar nicht abbaubar sind, ist der Mangel also das einzige, was die Zerstörung der Umwelt verhindern wird. Insofern müssen wir uns Peak Oil oder was auch immer regelrecht wünschen. Dass damit wiederum andere Probleme verbunden sein werden, ist klar. Aber was man sowieso nicht verhindern kann, sollte man sich zunutze machen. In meiner Sicht der Dinge wird das Sparen in dem Moment nicht mehr mit Jevons Paradox belastet sein, wenn es von außen erzwungen ist. Beide Bücher öffnen uns die Augen vor den Dimensionen der Verschwendung. Wir sollten sie wahrnehmen und uns fragen, was wir ändern können. Denn jetzt ist der Moment zum wirklichen Sparen gekommen.



Marcus Kracht 2014-08-18