Denn wir wissen nicht, was wir tun

Marcus Kracht, 4. November 2012

So play the game "Existence" to the end,
Of the beginning, of the beginning.
—The Beatles: Tomorrow Never Knows

Der aufgeklärte Mensch

Einer der großen Mythen, der uns begleitet und gleichzeitig wie ein Stein niederdrückt, ist das unbedingte Bekenntnis zur Rationalität. Der mündige Bürger ist wie der aufgeklärte Verbraucher ein zentraler Baustein unseres Selbstbilds. Wir sind, so sagen wir uns stets, aufgeklärte Menschen, und bevor wir Entscheidungen treffen, besorgen wir uns Informationen und wägen das Für und Wider gründlich ab. Bei Diskussionen fühlen wir uns nur qualifiziert, wenn wir die nötige Fachkenntnis besitzen. So wie der Wissenschaftler sich am Besten nur über Dinge äußern soll, von denen er Ahnung hat — das heißt, zu denen er berufen ist —, so soll auch der Bürger, sofern er an Debatten teilnimmt, sich bitte sehr erst einmal informieren. Das klingt gut, aber mehr und mehr schält sich heraus, dass es da eine Prämisse gibt, an die man erst einmal glauben muss, bevor das Sinn macht: nämlich die, dass man sich überhaupt wirkungsvoll informieren kann.

Eigentlich scheitert dieses Bild schon an der gängigen Praxis. Das Leben ist voll von Leuten, die zu Dingen gefragt werden und bereitwillig Auskunft geben, von denen sie nichts verstehen. Meinungsumfragen sind da nur die wissenschaftlich verbrämte Version davon. Dass Diskussionen von Leuten geführt werden, die Ahnung haben, ist ebenso keineswegs normal. In einer Fernsehdiskussion zum Thema Spritpreise wurde unter anderem ein Taxifahrer eingeladen und ein Vertreter der Mineralölwirtschaft, aber niemand von der ASPO Deutschland (Association for the Study of Peak Oil and Gas). Vielleicht war ja niemandem bewusst, dass hohe Preise eben auch andere als wirtschaftliche Ursachen haben können. Ebenso werden viele technischen Fragen eher von Juristen und Wirtschaftswissenschaftlern (und Managern) diskutiert, die sowieso maßgeblich den rechtlichen Rahmen unserer Gesellschaft zimmern. Von den Technikern hört man dagegen nichts. Sie werden nicht gefragt, ob die Behauptungen ihrer Meinung nach einer Prüfung standhalten. Wahrscheinlich sind sie zuwenig publikumswirksam. An der Universität sieht es ähnlich aus. Nicht mehr der akademische Senat bestimmt sondern ein Hochschulrat, eine Art Aufsichtsrat, besetzt mehrheitlich von Personen aus dem "öffentlichen" Leben. Die werden übrigens eher ernannt als dass sie ordentlich gewählt würden, aber das nur nebenbei. Der Input von denen, die tatsächlich lehren sollen, wird nicht mehr gewünscht.

Nun also zu der zentralen Frage: kann man sich eigentlich selber in der geforderten Weise bilden? Meine Antwort ist: im Prinzip ist das möglich, aber es gibt zwei Tendenzen, die dem entgegenwirken:

Die praktischen Auswirkungen sind klar. Um irgendeine Entscheidung zu treffen, haben wir nicht beliebig viel Zeit. Je nach Wichtigkeit vielleicht ein paar Stunden bis ein Monate. Danach müssen wir die Suche abbrechen. In dieser Zeit gilt es, haufenweise Meinungen und Expertisen zu lesen. Das schafft niemand. Also muss man die Menge reduzieren. Dabei helfen bis zu einem gewissen Grad die üblichen Kriterien: man fragt sich zunächst, wer den Text verfasst hat und warum. Dann schätzt man ab, ob der Autor wirklich Ahnung hat. Und wenn alles stimmt, beginnt man zu lesen.

Aber alles das beruht auf Glauben. Viele Autoren geben nicht wirklich preis, warum sie schreiben und wer sie dafür bezahlt. Oder sie schreiben aus Zeit- oder Ideenmangel von irgendwo ab, ohne genau zu wissen, woher der Text stammt. Das ist denn auch das Einfallstor für jede Art von interessengeleiteter Meinungsmache. Die Tageszeitungen sind voll von halbherzigen Artikeln, bei denen der Autor nicht wirklich über die Hintergründe Bescheid weiß und deswegen die Meinungen von irgendwoher einfach übernimmt. Wir sind also im Grunde genommen allein gelassen. Und deswegen hilft alles nichts, wir müssen nachdenken. Und das ist wohl das Einzige, was uns in dieser Lage wirklich hilft. Doch sehen wir uns zwei Beispiele an.

Energiesparen im Haus

Meine Beispiele haben mit der Energiewende zu tun, in zwar privat wie allgemein. Ich beginne mit dem privaten Beispiel. Unser Plan war, zu Hause Energie zu sparen. Allerdings haben wir nicht sehr viel Geld übrig, und so stellte sich als Erstes die Frage, welche Maßnahmen überhaupt im Rahmen des Möglichen sind. Nach langer Überlegung entschieden wir uns für die Hohlraumdämmung. Gesagt, getan. Dazu mussten die Rolllädenkästen gedämmt werden, um dann anschließend die Hohlräume mit Dämmstoff füllen zu lassen. Der Erfolg war mäßig, denn, wie mir irgendwann ein Klempner sagte, der alte Heizkessel sei für das Energiesparen einfach nicht gebaut. Der musste also auch ausgewechselt werden, was inzwischen geschehen ist. Jetzt warte ich erst einmal den Erfolg ab. Das Geld ist ohnehin weg, mehr ist nicht drin. Auf diesem Weg hatte ich allerdings einiges an Informationen gelesen: über Photovoltaik, über Solarthermie, und einiges mehr. Ich wollte vor allem wissen, womit ich am meisten Primärenergie einsparen kann. Ach ja, nur nebenbei: auf Kredit wollte ich das Ganze nicht finanzieren. Zwar ist Geld momentan billig, aber ich glaube nicht, dass das lange so bleibt. Schulden halte ich für eine schlechte Wahl. Abgesehen davon, dass man auch noch Zinsen bezahlen muss, was die Möglichkeiten in der Zukunft einengt.

Das Spannende sind also die Zahlen, und an die kommt man nicht so leicht. Zuerst habe ich mich mit Photovoltaik befasst. Infrage kam für mich nicht eine Einspeiselösung, sondern die Erzeugung für den eigenen Verbrauch. Das macht technisch fast keinen Unterschied, nur muss man sich auch noch um die Speicherung kümmern, die aber nicht so viel kostet. Als der Kostenvoranschlag da war, war die Sache klar: zu teuer. Mehr als 24000 Euro. Unsere Stromrechnung beträgt 1200 im Jahr. Zwischendrin muss man nach zehn Jahren den Wechselrichter erneuern und die Batterien nach einer unbekannten Anzahl von Jahren. Und dann wäre noch das Problem, dass die Feuerwehr tagsüber nicht löschen kommt, wenn es brennt, weil ja ein Kraftwerk auf dem Dach ist. Da Deutschland eigentlich genug Strom hat (nur zu wenig Leitungen), war mir dann nicht klar, ob das eine gute Idee ist. (Grob gesagt, wenn überall die Lichter ausgehen, nützt uns auch unsere Anlage wenig. Energieautarkie ist etwas für das Nordwest-Territorium, nicht für Mitteleuropa.)

Also dann vielleicht Solarthermie. Nach einigen Gesprächen und der Lektüre eines Buches von der Verbraucherzentrale ergab sich Folgendes: das Einsparungspotential bei liegt lediglich 30 Prozent! (Hat mir ein Klempner dann auch bestätigt. Der hatte die Formeln parat; ab da ging es ganz schnell mit der Berechnung.) Also Selbstversorgung ist schon mal gar nicht möglich. Und ebendiese 30 Prozent würde das Wechseln des Heizkessels auch schon bringen. Und dann hat man wenigstens nicht ständig den Klempner auf dem Dach, weil es irgendwelche Probleme gibt. Von denen wird nicht viel erzählt, aber ich habe von Bekannten sagen hören, dass das tatsächlich ein Kostenfaktor ist. Wie immer bei diesen Dingen wusste ich am Ende nicht wirklich, was Fakt ist, weil jeder etwas anderes zu berichten wusste.

Wir sind also nach all der Lektüre bei recht konventionellen Methoden angelangt. Den Rest erledigt das Drosseln der Heizung und andere Rezepte aus der Mottenkiste. Angestrebt hatte ich eine Halbierung des Verbrauchs von den Vorbesitzern. Wir sind auf dem besten Weg, auch ohne Hochtechnologie. Aber ob das wirklich die beste Entscheidung war, kann ich nicht sagen.

Gelernt habe ich im Grunde genommen nur dies:

  1. Man sollte von Finanzierung auf Kredit absehen. Die Finanzlage ist alles andere als rosig und wird tendenziell schlechter. Kredite sind da ein Klotz am Bein, der leicht zum Problem werden kann.
  2. Je komplizierter die Technologie, desto eher stellt sich die Frage, was passiert, wenn sie kaputt geht. Grundsätzlich frage ich mich stets, ob die Firma in zehn Jahren noch existiert und meine Anlage repariert oder auswechselt. Und natürlich sollte man nicht nur über Anschaffungskosten reden.
  3. Da nicht nur Energie sondern auch Rohstoffe und die damit erzeugte Technik sich rar machen wird, ist es eine Frage wert, ob Photovoltaikanlagen das Ende des fossilen Stromnetzes erleben werden. Ganz praktisch gefragt: wird eine neue PV-Anlage verfügbar sein, wenn die alte am Ende ist? Wenn nein, lohnt sich dann der Aufwand? Immerhin sind da jede Menge exotischer Stoffe enthalten. Das drückt auch auf die Umweltbilanz.
  4. Alle, auch alternative oder verbraucherorientierte Ratgeber, drücken sich immer um irgendwelche Probleme herum. Am Ende hat jeder seine Botschaft, die die Dinge in ein eigenes Licht rückt.
Das zeigt nur, wie uneindeutig letztlich die Lage ist. Die in Deutschland so favorisierte Hochtechnologie ist jedenfalls aus meiner Sicht nicht unbedingt der Gewinner.

Die Energiewende

Kommen wir nun zu der Energiewende. Sind die privaten Überlegungen nicht ganz einfach gewesen, auf nationaler Ebene sind sie so gut wie unmöglich. Man hätte gedacht, mit dem Atomausstieg — spätestens aber seit Fukushima — würde ein nationaler Konsens existieren, dass wir zumindest mal die Kernkraftwerke abschalten wollen. Doch dazu kam es nicht. Die Kohlekraftwerke, die ja auch genug Dreck machen, sind überhaupt noch gar nicht im Zentrum der Diskussion angekommen. Die ganze Rechnung ist sehr kompliziert geworden, weil ja auch Kohlekraftwerke letztlich verschwinden sollen. Die EU hat sich dazu ehrgeizige Ziele gesetzt, an deren Erfüllung wir eigentlich energisch arbeiten sollten. Aber wie? Die nachhaltigen Treibstoffe (sprich E10) sind gerade grandios gescheitert.

Das Problem ist zweierlei: (1) erneuerbare Energien brauchen eine andere Netzstruktur und (2) Energieversorger geben ungern Geschäftsfelder ab. Das Stromnetz ist inzwischen privatisiert und kann wohl nicht so ohne Weiteres wieder verstaatlicht werden (siehe dazu das Interview mit Lorenz Jarass). Dasselbe gilt für die Energieerzeuger. Die Privatisierung wird sich wohl als einer der folgenreichsten Fehler erweisen. Die Netzbetreiber sitzen auf garantierten üppigen Renditen, die Energieerzeuger hingegen wollen große Lösungen, also zum Beispiel Offshore-Windanlagen, nicht Onshore-Anlagen. Erst haben sie über die erneuerbaren Energien gelacht, nun ist ihnen die damit erzeugte Energie zu viel. Da sie mit den Kohle- und Kernkraftwerken gutes Geld machen, wollen sie diese weder einmotten noch drosseln. Die per Einspeisegesetz für erneuerbare Energie garantierten Preise sind ihnen zuwider, weil das Geld woanders hingeht. Zu alledem gesellt sich die Unlust vieler Leute und auch der Industrie, diese zu zahlen. (Wohlgemerkt haben die meisten das Geld, sie wollen es nur anders ausgeben. Das gilt für alle Länder, auch Amerika.) Damit ist das Chaos perfekt.

Fragen wir uns kurz nach dem angestrebten Ziel. Das ist eine CO2-neutrale Energieerzeugung. Also so gut wie keine Kohlekraftwerke mehr, ebenso so gut wie keine Gas-, Öl- und Kernkraftwerke. Keine Verbrennungsmotoren mehr. Alles elektrisch betrieben, mit Strom mehrheitlich von Wind- und PV-Anlagen. Wie das gehen kann, habe ich noch nicht wirklich verstanden. Die gesamten Produktionsanlagen müssten nicht nur elektrisch betrieben werden, sie müssten auch mit elektrisch betriebenen Lastern beliefert werden. Windräder würden komplett demontiert und recyclelt, desgleichen PV-Anlagen, Autos, Häuser und so weiter. Vaclav Smil hat erst kürzlich daran erinnert, dass bei der Stahlerzeugung niemand auf Koks verzichten kann, der wohlgemerkt aus Kohle hergestellt wird. Gegenwärtig wird auf diese Weise eine Milliarde Tonnen Kohle verbraucht. Auch Nicole Foss sieht wenig Anlass zu Hoffnung für die Erneuerbaren. Sie verweist nicht zuletzt auf das Problem der Transformation selbst, die unglaublich hohe Kosten verursachen wird.

Die Industrie drückt sich nachhaltig um die Frage, wie das zu erreichen ist. Der Rest der Gesellschaft folgt ihr dabei gerne, wird er doch mit allerlei passgenauen Zahlen gefüttert. Das Irrwitzige dabei ist, dass nur eines halbwegs sicher ist: dass wir mit erheblich viel weniger Energie werden auskommen müssen. Wo die mehrheitlich herkommen wird, ist alles andere als sicher. PV-Anlagen und Windräder sind möglicherweise nicht die letzte Antwort und halten vielleicht so lange wie die fossilen Kraftwerke, die sie eigentlich ersetzen sollen. Dabei kann es auch sein, dass wir den Umbau gerade deshalb sabotieren, weil wir ihn nur noch halbherzig vollziehen. In diesem Fall wird es deshalb nicht zur Wende kommen, weil wir zwischendrin den Mut oder den Willen verloren haben, sie zu vollziehen. Manche werden jetzt sagen, die Zukunft wird uns schon lehren, was richtig gewesen wäre. Ich behaupte: wir werden es nie wirklich erfahren. So wenig, wie wir heute wissen, was passiert wäre, wenn Napoleon bei Waterloo gewonnen hätte. Wir führen gerade ein großes Experiment durch, bei dem die Beteiligten in alle möglichen Richtungen ziehen, halb, weil sie kurzfristige Interessen haben, halb, weil sie von der Prophezeihung nicht überzeugt sind. Das übriggebliebene Häuflein ist nicht alleine imstande, den Wagen zu wenden.

Wissen alleine hilft nicht

Wir wissen nicht wirklich, was wir tun müssen und werden es auch nie wissen. Wir wissen nicht wirklich, was auf uns wartet und werden es eines Tages erleben. Umso schlimmer ist es, dass die wenigen wesentlichen Erkenntnisse gerade nicht zur Kenntnis genommen werden, und dass wir uns mehrheitlich der Illusion hingeben, unser Problem sei mangelnde Faktenkenntnis. Ich behaupte dagegen, was wir wissen können, wissen wir eigentlich schon. Vor allem wissen wir, was wir wissen müssen, um uns richtig zu entscheiden. Es ist aber unter einem Haufen Geröll verborgen, der mutwillig darübergeschüttet wurde. Deswegen kommt es vor allem darauf an, vorbehaltlos nachzudenken, damit man dieses Wissen freilegen kann. Wer allerdings denkt, damit wäre dann schon vorbestimmt, wie wir uns hier und jetzt zu verhalten haben, der irrt. Die Ironie des Ganzen ist die, dass das, was wir wissen können, bei weitem nicht ausreicht uns zu sagen, was wir als Nächstes tun müssen. Dafür benötigen wir noch etwas anderes: Intuition. Wenn alles Denken nicht mehr hilft, brauchen wir Intuition. Die Intuition aber kommt nicht über Nacht. Sie ist das Ergebnis der ehrlichen Suche nach der Wahrheit. Mit Betonung auf ehrlich. Unser Programm ist nicht der Besitz der Wahrheit, sondern die ständige Suche nach ihr.

Nichts ersetzt die Wahrheit der Motive.

Zwei Zeilen vorher sangen die Beatles: But listen to the colour of your dreams, it is not leaving, it is not leaving.