Willkommen zum Nullsummenspiel!

Marcus Kracht

24. Februar 2013




Wenn nicht mehr alle gewinnen können

Ein Nullsummenspiel ist ein Spiel, bei dem die Summe der Gewinne über alle Spieler zusammen Null ist. Schach zum Beispiel ist ein solches Spiel. Wenn einer gewinnt, so verliert der andere. Anders geht es nicht. Zwei Gewinner kann es nicht geben.

Das neueste Nullsummenspiel heißt Weltwirtschaft. Die Weltwirtschaft kann nicht mehr wachsen, weil wir am Zenit der Energie- und Rohstoffausbeutung angekommen sind.

Klar, es gibt noch etwas zu holen. Also ist es nicht eigentlich so, dass in der Summe nichts da ist. Sondern es gibt kein Wachstum. So wie ja auch Peak Oil nicht bedeutet, dass das Öl nicht mehr da ist sondern nur, dass die Förderung nicht mehr gesteigert werden kann. (Nicht weitersagen: demnächst gibt es wahrscheinlich sogar eine globale Schrumpfung, bei der Wirtschaft wie beim Öl, aber das nur nebenbei.) Worum also geht es in dem Spiel? Es geht um Wachstum. Seit mehreren Jahrzehnten spielen wir dieses Spiel. Es geht in der modernen Wirtschaft nicht einfach nur darum, den Status Quo zu halten; es geht darum zu wachsen.

Und wenn dieses Spiel ein Nullsummenspiel ist, dann kann es in diesem Spiel nicht nur Gewinner geben. Gibt es Gewinner, so gibt es auch Verlierer. Und soviel wie die Gewinner gewinnen, soviel müssen die Verlierer abgeben.

In der Theorie einfach zu verstehen, in der Praxis dafür umso schwerer. Deswegen ein paar Beispiele.

Der Länderfinanzausgleich

So wie auch in Europa die Geduld mit den wirtschaftlich Erfolglosen ausgeht, so ist es auch in Deutschland. Seit Jahren schon gährt es bei den Zahlerländern, die Nehmerländer mögen doch bitte mal in die Gänge kommen und wirtschaftlich selbständig werden. Das soll heißen, sie sollen genauso wachsen und reich werden wie die anderen. Das ist natürlich von der ganzen Logik des Zahlungstransfers insofern problematisch, als der Transfer immer dann eintritt, wenn die Lebensverhältnisse sich unterscheiden und nicht bloß dann, wenn einige Regionen absolut gesehen arm sind. Im Bestfall also kann der Transfer nur dadurch verschwinden, dass alle ungefähr gleich gut dastehen. Aus der Sicht der Geberländer sieht es dann in etwa so aus, dass die Nehmerländer aufholen, ohne zu überholen.

Was nun, wenn wir ein Nullsummenspiel spielen? (Tatsächlich schrumpft sogar die Wirtschaftsleistung der Bundesrepublik, wenn auch leicht.)

Wenn wir ein Nullsummenspiel spielen, dann können die Nehmerländer sich nur dadurch hocharbeiten, dass sie den anderen etwas abnehmen. Bremen muss also den Bayern, Hessen oder Baden-Württembergern ihre Industrie abwerben oder eine neue aufbauen, die ihnen das Wasser abgräbt. Unmöglich ist das natürlich nicht. Es könnte durchaus so kommen, dass Mercedes und BMW auf einmal Probleme bekommen, weil der Automarkt schwächelt. Und dass irgendwelche Firmen im Norden Aufwind bekommen. (In der Tat hat man sich wegen des Windenergiebooms im Norden Hoffnung gemacht, aber das war wohl verfrüht.) Und dann?

Dann gibt es eine Angleichung der Lebensverhältnisse. Oder sogar eine Umkehr der Zustände. In welchem Fall die einstigen Gegner der Länderfinanzausgleichs ihn sich wohl wieder herwünschen werden. In den meisten Menschen lebt aber die Vorstellung, Wachstum könne in den anderen Ländern entstehen, ohne dass das sich bei ihnen etwas ändert. Nun stelle man sich vor, in Bayern würde sich die Erkenntnis durchsetzen, Wachstum in Bremen sei ohne Schrumpfung in Bayern nicht zu haben. Was dann?

In Bayern verweist man gerne auf die eigene Leistung, als Bayern mit Hilfe von Zahlung aus Nordrhein-Westfalen sich hochgearbeitet hat. Klingt gut und ist durchaus anzuerkennen. Das Problem aber ist, dass dies eine andere Zeit war. Damals war Wachstum für jeden möglich, unabhängig davon, was der andere machte. Bayern konnte sich hocharbeiten, ohne dass die anderen abgeben mussten. Dass Nordrhein-Westfalen nicht mehr so viel Geld hat wie damals, liegt nicht am Aufstieg Bayerns.

Jetzt aber kann man mit den Transferleistungen nur noch bedingt etwas erreichen. Und das ist das Hauptproblem. Die Geberländer sind nämlich immer noch stark genug, um sich der Konkurrenz zu erwehren. Die Versuche, ihnen Fabriken streitig zu machen, werden daran scheitern, dass außer dem ohnehin vorhandenen Standortvorteil auch noch mehr Subventionen drin sind. Man stelle sich im Übrigen vor, ein Land würde die Transferleistungen erfolgreich dazu benutzen, einem Geberland Industrie abzuwerben. Nicht auszudenken, was das für ein Geheul gäbe.

Mit anderen Worten: die Argumente, die (zumeist) Nordländer seien unfähig oder unwillig, sind wohlfeil. Im gegenwärtigen Zustand können die Zahlerländer kein Interesse daran haben, dass die anderen aufholen. Sie können lediglich den Zahlungstransfer beerdigen. Und das ist, wofür sie kämpfen. Was wir erleben, ist die Abnahme der Solidarität angesichts leerer Kassen.

Wachstum und Versiegelung

Das Nullsummenspiel erzeugt also automatisch eine Konkurrenz. Wer wachsen will, kann nur auf Kosten der anderen wachsen. Da die allgemein gültige Ideologie noch immer ist, dass, wer nicht wächst, automatisch zurückfallen muss, wollen alle wachsen. Um zu wachsen, hofieren sie also unter anderem die Industrie. Was diese Form der Konkurrenz der Länder tatsächlich für unser Leben bedeutet, lässt sich auf lokaler Ebene hautnah erleben.

Neulich war ich auf einer öffentlichen Anhörung im Rathaus wegen eines Bebauungsprojekts. Was dabei besonders nachdenklich machte, war die Tatsache, dass für keine der Gemeinden in der Gegend ein Bevölkerungswachstum prognostiziert wird sondern durchweg eine Schrumpfung. Und dennoch setzen alle auf Wachstum und loben weiterhin Wohn- und Industriegebiete aus.

Dabei werden sie in Zukunft sich wohl eher gegenseitig kannibalisieren. Der Unternehmer, den die eine Gemeinde anwirbt, ist zumeist kein Neuunternehmer, sondern mehrheitlich länger dabei und zieht sein Geschäft von anderswo ab. Das Gelände, das er dort hinterlässt, wird nur schwer wieder zu füllen sein.

Desgleichen mit den Bewohnern. Die attraktive Stadt, die Menschen dazu bringen kann, bei ihr zu wohnen oder zu bauen, sorgt dafür, dass andernorts Wohnungen oder Häuser leer stehen. Denn, wie gesagt, alles deutet darauf hin, dass die Bevölkerung nicht zunimmt.

Und damit wird also stets mehr Boden versiegelt, geht Ackerboden verloren. Denn wenn einmal eine Fläche versiegelt ist, findet sich kaum noch jemand, der sie wieder in Acker oder Wald zurückbilden will. (Nein, auch die Gemeinden kümmern sich nicht darum, das kostet nämlich Geld, unter Umständen sehr viel davon, je nachdem, wie nachhaltig die Böden verschmutzt wurden.) Und so nimmt die Fläche für Natur und Landwirtschaft ständig ab, obwohl das eigentlich nicht so sein müsste.

Der Reichtum schwappt gen Osten

Global spielt sich genau dasselbe ab. Was China, Brasilien und Indien zusätzlich an Energie- und Ressourcen verbrauchen, entnehmen sie nicht mehr zusätzlich der Erde. Sondern sie bekommen es, indem sie die anderen Länder, vornehmlich also die westlichen, überbieten. Die bekommen also dann weniger davon. Beim Öl lässt sich dies sehr schön sehen. Der Westen verbraucht seit einigen Jahren stets weniger Öl und dies nicht unbedingt aus freiem Willen. Dass global aber der Verbrauch (noch) nicht abnimmt, liegt daran, dass andere Länder mehr verbrauchen.

Wer erwartet, dass sich das auch umkehren kann, irrt sich. Die Aufwärtsdynamik von China und den anderen Ländern ist so groß, dass das Verdrängungsspiel noch eine Weile lang so weitergehen wird.

Die Lebensverhältnisse in West und Ost werden sich ein Stück weit angleichen, indem gleichzeitig der Osten aufholt und der Westen abgibt.

Dass das Wachstum der Entwicklungsländer eben nicht bedeutet, dass wir unseren Wohlstand behalten können, war bisher nur wenigen klar und oft auch nur abstrakt. Jetzt werden die Konturen dieser Entwicklung deutlich.

Die beginnende Deindustrialisierung

Die vielleicht wichtigste Folge dieser Entwicklung ist die Deindustrialisierung der westlichen Welt. Wir haben es teilweise so gewollt. Die Fabriken gingen gen Osten, weil die Arbeit hier im Vergleich zu teuer wurde. Und die Umweltbilanz hat auch davon profitiert, weil der Dreck ja jetzt anderswo entsteht.

Eine Weile lang haben wir im Westen den Konsum allerdings nicht zurückschrauben müssen. So sind wir für einen steigenden Anteil der CO2-Emissionen in den anderen Ländern verantwortlich.

Das wird jedoch nicht lange so bleiben. Da der Reichtum sich langsam verlagert, wird der Konsum sich ebenfalls verlagern. In Europa ist das bereits sichtbar. Dass Südeuropa jetzt in eine Krise gestürzt ist, hat sofort die Nachfrage nach Konsumgütern gedrückt.

Die Erkenntnis, dass dieser Konjunktureinbruch nicht das Ergebnis schlechter Regierungen ist und also auch nicht vorübergehend sein wird, muss sich noch durchsetzen.

Vor etwa hundert Jahren hatte Henry Ford die geniale Idee, seinen Arbeitern konkurrenzlos hohe Löhne zu zahlen. Er war einer der ersten, die verstanden hatten, dass die einsetzende Massenproduktion darauf angewiesen war, dass ihr eine wachsende Zahl von Verbrauchern gegenüberstand, und dass er wie alle Firmenbosse wohl oder übel dafür sorgen musste, dass die Menschen sich diese Produkte leisten konnten. Kurzfristig musste er also von seinem Profit abgeben, um langfristig noch mehr zu gewinnen.

Das Ganze war also die Anpassung der Wirtschaftslogik an den Energie- und Produktionsrausch. Mit etwas Phantasie kann man nun verstehen, warum die Einkommensverhältnisse in der 70er Jahren so egalitär waren. Hohe Löhne versprachen den Unternehmen Profite — im Gegensatz zu niedrigen Löhnen. Vorausgesetzt, man kann so viel produzieren, wie man möchte. Dies genau ist aus meiner Sicht die Bruchstelle des alten Wirtschaftskonsenses gewesen. Natürlich gab und gibt es andere Gründe, warum man für Verteilungsgerechtigkeit sein sollte. Interessant ist aber, warum sich die Industrie nicht stärker dagegen gesträubt hat. Die Antwort liegt wie gesagt darin, dass Energie und Rohstoffe beliebig verfügbar waren.

Mit dem Ende des Booms wurde deswegen der Konsens still und heimlich gekündigt. Für die Unternehmer wurde es immer schwieriger, die steigenden Löhne in steigende Profite zu übersetzen. Die Ära der Fordisierung ist zu Ende gegangen. Die Industrie generiert kein Wachstum mehr, weil es schlicht nicht mehr geht. Und so wird zwangsläufig die Armee der Verbraucher schrumpfen. Temporär versucht man, durch Gelddrucken oder andere wirtschaftliche Maßnahmen den Verbrauch wieder anzukurbeln. Nur ist eben Geld kein Ersatz für Produktionsmittel.

Was genau passiert, wenn das viele Geld auf ein immer dünner werdendes Angebot trifft, mögen Wirtschaftswissenschaftler unter sich ausmachen. Nur eines ist gewiss: es wird nicht angenehm sein.



Marcus Kracht 2013-02-24