Apropos Ökofimmel

Alexander Neubacher: Ökofimmel. Oder wie wir versuchen, die Welt zu retten — und was wir damit anrichten. dva, 2012. 272 Seiten.

Deutschland betreibt schon seit mehr als einem Jahrhundert Ideologieexport. War es früher der Idealismus oder der Kommunismus, so ist es heute die Ökologie. Alexander Neubacher, bekennender Ökofreund und Mülltrenner, hat allerdings inzwischen erhebliche Zweifel, ob auch wirklich Öko drin ist, wo Öko draufsteht. Er hat recherchiert und das Ergebnis seiner Recherche in einem Buch aufgeschrieben. Sein Titel fasst es deutlich zusammen: Ökofimmel.

Seine Kritik: es wird — gerade in Deutschland — reglementiert, was das Zeug hält. Und anstelle von sinnvollen Vorschriften kommen halbherzige Sachen heraus, die bei Lichte betrachtet der Umwelt eher schaden als nutzen. Ein paar Beispiele: die Sparbirne ist im Gegensatz zu der alten Glühbirne Sondermüll und hat auch sonst einige Macken, mit denen vorher keiner gerechnet hat; das Wassersparen nutzt irgendwie nichts, weil jetzt die Wasserrohre nicht ordentlich gespült werden und die Wasserwerke selber Wasser durchpumpen müssen; das Elektroauto ist von seiner CO2-Bilanz nicht besser als ein normales Auto; die Mülltrennung ist eigentlich längst nutzlos geworden (und kann besser von Maschinen gemacht werden), trotzdem trennen wir unbeirrt weiter. Und noch viele andere Dinge mehr.

Das Buch fand ich anfangs sehr amüsant. Das Charakterbild einer besorgten Generation, die alles richtig machen will, alles besser weiß, aber über die eigene Widersprüchlichkeit hinwegsieht, finde ich sehr treffend. Für Umweltschutz der Extraklasse musste man schon immer viel Geld haben. Aus den ersten Ökoläden in Steglitz bin ich rückwärts wieder rausgegangen. Und das nicht allein wegen der Preise, auch wegen einer Atmosphäre, die stark an Exerzitien erinnerte; man litt wie Christus, denn nur so konnte man von der Last seiner Sünden befreit werden. Die Widersprüche in der Umweltbewegung waren aber auch nicht nur von außen sichtbar. Die Grünen hatten viele Kämpfe durchmachen müssen, eben weil nicht klar war, was und wer eigentlich umweltbewusst ist. Gewonnen hatten, Gott sei es geklagt, allerdings nicht immer diejenigen, denen es um die Sache ging. Auch bei den Grünen gab und gibt es Wirtschaftsdenken und, sagen wir es, Chuzpe. (Der größte Kämpfer für Biosprit war ein gewisser Al Gore. Und warum wollte er ihn? Für Wahlgeschenke! Natürlich hat sich George Bush die Gelegenheit nicht nehmen lassen, eben diese Geschenke auszuteilen.) Die Beispiele im Buch kamen mir sehr bekannt vor. Die Sparbirnen, die auch noch Sondermüll sind, retten die Welt nicht. Weniger Licht würde auch reichen. Und wenn ich mir unseren häuslichen Energieverbrauch ansehe, sind die Glühbirnen wahrlich nicht meine Sorge. Eher schon die Heizung. Auch dem Elektroauto traue ich nicht wirklich zu, die Lösung unserer Probleme zu sein. Vielen anderen geht es ähnlich. Das ist aber im Großen und Ganzen den Ökologen nicht entgangen.

Aber irgendwann wurde ich ärgerlich. Ist ja schön, wenn wir mal wieder über uns selber lachen können — aber was lehrt uns das? Wenn es zum Beispiel heißt, der Gesetzestext zum Umweltrecht habe inzwischen mehr als 1200 Seiten, dann liegt er meines Wissens wohl im Trend. Das ist keine Eigenart des Umweltrechts, das hat etwas mit unser Gesellschaft zu tun. Gesetzestexte wachsen wie alles bei uns in ungeahnte Höhen. Und dass das Umweltrecht nicht unbedingt seinem Zweck dient — nämlich die Umwelt zu schützen —, hat es wohl mit vielen anderen Einrichtungen des öffentlichen Lebens gemeinsam, etwa der Krankenversicherung, die ja auch nicht primär an unserer Gesundheit orientiert zu sein scheint. Warum? Weil Unternehmen alles in ihrer Macht stehende tun, um sich nicht umstellen zu müssen. Deswegen betreiben sie lieber Greenwashing, als dass sie wirklich die Umwelt schützen und dienen sich ganz nebenbei an, um auch noch die Gesetzestexte mitschreiben zu dürfen. Wer hat denn damals die Altautoverordnung der EU gekippt? Warum nur wurde die Verschrottungsprämie eingeführt? Von all dem lesen wir in dem Buch allerdings nichts. Auch nicht, dass es durchaus Sinn macht, für Bahnverkehr und gegen Stuttgart 21 zu sein. Und dass der Flughafen in Berlin nicht allein wegen irgendwelcher Insekten später fertig wird, sondern weil viele Anwohner den Lärm nicht mögen. Auch nicht, dass ein Grund, gegen Gentechnik zu sein, der Versuch gewisser Firmen ist, uns regelrecht über den Tisch zu ziehen, Studien zu fabrizieren und sich einen feuchten Kehricht um unsere Sorgen zu scheren, solange sie Gewinn machen können. Pardon, aber bei Lebensmitteln hört der Spaß auf.

Man gewinnt den Eindruck, der Autor habe sich seinen Ärger von der Seele geschrieben. Das sei ihm von Herzen gegönnt, nur wünscht man sich denn doch, dass am Ende mehr herauskommt, als die Anklage eines Enttäuschten. Ist es wirklich so, dass die Umwelt in Ordnung ist, nur weil irgendwo der Umweltschutz übertrieben wird? Hat Herr Schellnhuber allein deswegen Unrecht, weil er so missionarisch auftritt? Was, wenn er Recht hat mit seiner Botschaft? Er ist ja nicht alleine; ich nenne hier nur James Hansen (und sein Buch Storms of My Grandchildren: The Truth of the Climate Catastrophe and our Last Chance to Save Humanity).

An einigen Stellen sieht man denn auch, dass seine Mission mit ihm durchbrennt. Dass die Bienen nicht unbedingt wegen des Biosprits sterben sondern vermutlich wegen der Pestizide (genauer der Neonicotinoide, siehe etwa den Artikel im Stern) ist nur eine von den Verkürzungen, die sich der Autor leistet, weil er die Giftfrage eigentlich gar nicht diskutieren will sondern mehrheitlich die Klimafrage. Dann wiederum zitiert er einen Experten mit den Worten, viel Baden und Duschen sei eigentlich ganz gut, weil ja die Rohre ohnehin mit Wasser durchgespült werden müssen. Dass das Durchspülen mit kaltem Wasser geschieht, aber niemand gerne kalt duscht, ist dabei untergegangen. Das Aufheizen von Wasser braucht aber Energie.

Und dabei bin ich bei meinem Thema: Energie. Die Energie- und Rohstoffdebatte wird in wenigen Seiten abgehandelt. Dabei werden die Autoren von Grenzen des Wachstums, allen voran Dennis Meadows, für ihre fehlerhaften Prognosen abgewatscht, desweiteren Paul Ehrlich, Hoimar von Ditfurth — und auch die Peak Oiler kriegen ihr Fett weg. Was wir angesichts einer wachsenden Weltbevölkerung machen sollen, wird aber nicht gesagt. Und Prognosen bekommen wir natürlich auch nicht. Denn, so verrät uns der Autor später, Wachstum ist unverzichtbar. Und weil das aber immer schwieriger wird, stimmt er für uns den Hoffnungsrefrain an: Der Menschheit wird schon etwas einfallen. Oder, wie es in Köln heißt: es ist schon immer gut gegangen! Wir werden zum Beispiel mit Ideen von Ökonomen wie Pigou und Coates konfrontiert, die angeblich schon das Problem gelöst haben, so zum Beispiel die Luftverschmutzung einzudämmen, indem man Zertifikate einführt. Momentan können wir gerade zuschauen, wie diese Idee begraben wird, wie im Buch später genüsslich beschrieben wird. Das Problem an ihr? Politisch nicht durchsetzbar und anfällig für Manipulation. Alexander Neubacher ist übrigens Wirtschaftsredakteur. Als solcher scheint er immer noch von der Idee beseelt zu sein, man müsse marktwirtschaftliche Anreize schaffen. Dass diese natürlich verwaltet und taxiert werden wollen, blenden Wirtschaftswissenschaftler gerne aus, denn dann müsste man ja eingestehen, dass es mit der Selbstregulierung der Märkte so eine Sache ist. (Die Idee, die er uns nebenbei ans Herz legt, nämlich CO2-Zertifikate zu kaufen, halte ich für blauäugig. Wer garantiert mir, dass das wirklich funktioniert? Denn wenn es hart auf hart kommt (und es wird hart kommen), wird der Staat dann die Einhaltung der Regeln wirklich einklagen? Oder wird er die Regeln — mit Zustimmung aller — wieder lockern oder, sagen wir, mehr Zertifikate ausgeben? Fragen über Fragen.) Meine Frage also an diesem Punkt: wenn die Umweltbehörden die Regulierung nicht hinkriegen, warum sollen wir glauben, eine Zertifikatbehörde werde es schon reißen? Dezenter Hinweis eines bekennenden Peak Oilers: vertraut den Märkten, die Preise werden die Umweltkosten demnächst wieder reinternalisieren. Öl, Kohle und Uran werden immer knapper, wir brauchen keine Behörden, damit die Preise steigen.

Das Argument der fehlerhaften Prognosen verdient es, genauer beleuchtet zu werden. Über die Rezeptionsgeschichte und die angeblich oder tatsächlich fehlerhaften Prognosen siehe das Buch von Ugo Bardi: Limits to Growth Revisited, Springer Briefs on Energy, 2011. Bardi, wie andere auch, sagt, die Welt laufe immer noch entlang des Basisszenarios, siehe etwa den Post von Gail Tverberg. Aber legen wir das beiseite. Konzentrieren wir uns stattdessen auf Prognosen, die tatsächlich eingetroffen sind. Marion King Hubbert hat den Oil Peak verdammt gut vorhergesagt: 1970 für Amerika, 2000 für die Welt. 1970 stimmt fast punktgenau. Was die Welt angeht, nimmt die Förderung von Rohöl seit 2006 nicht mehr zu, und auch unkonventionelles Öl und Ölersatzstoffe können nicht nennenswert zulegen. Die nicht gerade pessimistische Internationale Energiebehörde spricht seit 2010 von Peak Oil und datiert ihn auf 2006. Die offiziellen Prognosen der IEA oder auch des Department of Energie (DoE) der USA waren bis dahin sehr optimistisch: etwa, dass der Ölpreis 2020 bei 25 Dollar liegen werde. Dafür werden sie aber nicht abgestraft. In diesem Blog gibt es reichlich Links zu Webseiten, die mit Fakten unterfüttert sind. Hier sei nur Peak Oil von Norbert Rost erwähnt. Und die sagen ganz eindeutig, dass die Ära des steigenden Energieproduktion für die gesamte Menschheit vorbei ist. Das ist einer der Gründe, warum ich gegen Stuttgart 21 bin. Wir haben Besseres zu tun, als in derart großem Stil Bahnhöfe umzubauen. Wir verschleudern Energie für minimale Verbesserungen.

Gerade der Energiemangel wäre aus meiner Sicht ein idealer Ansatzpunkt für dieses Buch gewesen. Das Argument könnte etwa wie folgt lauten: Vergesst die ganzen Regelwerke, die Verteuerung der Energie wird von sich aus dafür sorgen, dass umweltverträglich produziert wird. Der Apfel kommt dann nicht mehr aus Neuseeland und der heimische Apfel wird auch nicht mehr ewig gelagert werden. Das Auto bleibt stehen, stattdessen füllen sich die Busse, Fahrräder werden wieder in Mode kommen. Wer wirklich der Frage nachgeht, wie man den Energieeinsatz faktisch verringern kann, kommt dann fast zwangsläufig zu ökologischen Lösungen. Ein paar Kämpfe von Greenpeace gegen die Exploration in der Arktis wird es noch brauchen — irgendwann aber wird auch den Konzernen die Luft ausgehen (so hoffe ich), weil kein Geld mehr da ist. Wer wissen will, was die verzweifelte Suche nach Öl anrichtet, dem seien das Video To the Last Drop von Al Jazeera oder von The True Cost of Oil von Garth Lenz empfohlen.

Um sich dieser Mühe zu unterziehen, muss man allerdings erst einmal glauben, dass es mit der Energievermehrung vorbei ist. Die mir zugänglichen Daten sprechen eine eindeutige Sprache. Auch wenn hier und da noch Zweifel angemeldet werden können, es sieht insgesamt danach aus, als würde Energie sehr schnell sehr teuer werden. Und das ist eigentlich eine gute Nachricht. Denn dann erübrigt sich unser Ökofimmel. Wir können uns unseren schädlichen Lebensstil bald nicht mehr leisten. Die Lohas werden dann selten werden, im Gegensatz zu den Omas und Opas mit dem schmalen Geldbeutel.


9. April 2012, Marcus Kracht

PS: Wenn wir einem neuen Aufsatz von George Wuerthner glauben dürfen, gibt es mehr Öl, als unserem Klima gut tun dürfte und dass M. King Hubbert die Ölvorkommen unterschätzt hatte. Er hatte mit seinen Vorhersagen also schlicht Glück gehabt. Es ist aber ebenso nicht ausgeschlossen, dass die Ausbeutung des Öls wegen zunehmender wirtschaftlicher und logistischer Probleme früher endet.