Postfossile Wissenschaft: Ein Bestimmungsversuch

Marcus Kracht

25. Mai 2013




Was ist das: Postfossile Wissenschaft?

Wenn stimmt, was man den vielen Prognosen entnehmen kann, dann gehen wir ganz neuen Zeiten entgegen. Die weltweit jährlich zur Verfügung stehende Energiemenge wird nicht mehr weiter steigen, mit den Rohstoffen wird es ähnlich sein. Das ist das postfossile Zeitalter. Es ist das Zeitalter, in dem die Energie aus fossilen Energieträgern nicht nur vom Umfang her nach oben gedeckelt ist sondern auch schrittweise abnehmen wird.

Für die Wissenschaft stellen sich mehrere unterschiedliche Fragen. Die wichtigsten davon sind diese:

  1. Wie ist Wissenschaft unter dem Zeichen abnehmender Ressourcen noch möglich?
  2. Was soll Wissenschaft angesichts abnehmender Ressourcen leisten?
Die erste Frage ist die Existenzfrage der Wissenschaft selbst. Sie fragt, wie sich der Verlust der Energie und der Rohstoffe auf die Wissenschaftler auswirkt und auf deren Möglichkeit, Wissenschaft zu treiben. Denn mit der Knappheit leeren sich die Kassen und es wird stets schwieriger, eine große Zahl von Menschen zu alimentieren, die nicht selbst an der Produktion von Energie beteiligt sind. Die zweite Frage befasst sich mit dem Nutzen der Wissenschaft. Diesen gilt es neu zu definieren. Wie wir sehen werden, ist dies alles andere als leicht. Denn auch wenn es dazu kommt, dass viele technischen Geräte oder Substanzen auf einmal nicht mehr hergestellt werden, müssen wir dennoch mit ihnen umgehen können, weil sie, zumindest als Altlasten, immer noch vorhanden sind. Der Phase der Exploration in immer neue Gebiete wird unweigerlich eine defensive Phase folgen, bei der wir uns vor allem darum bemühen (müssen), die Folgen einmal in die Welt gesetzter Technik zu beherrschen.

Postfossile Wissenschaft ist also einerseits Wissenschaft: sie ist die Wissenschaft, die im Rahmen des postfossilen Zeitalters stattfinden wird oder bereits stattfindet. Andererseits ist sie auch die Theorie der Bedingungen einer solchen Wissenschaft. Wir haben sie bitter nötig. Denn immer noch geistert durch die Verwaltungen die Vorstellung, demnächst komme ein neues Gesetz zur Forschungsförderung (zusammen mit viel Geld), gebe es eine Stifterinitiave, einen Wirtschaftsaufschwung, ein wunderbares Was-weiß-ich, das uns von dem Zwang erlöst, Forschung nur noch nach (zunehmend knapper) Kassenlage machen zu können.

Wissenschaft im Zeichen abnehmender Energie

Ich beginne bewusst mit der Existenzfrage. Sie erscheint den meisten nämlich als leicht zu beantworten — doch der Schein trügt. Zunächst einmal hat es momentan den Anschein, als würden wir immer mehr Möglichkeiten bekommen, Dinge zu erforschen. Der Computer und alle diagnostischen Instrumente, die wir uns erschaffen haben, haben die Geschwindigkeit der Erforschung neuer Gebiete nur noch erhöht. Sie haben als Gewinn wieder neue Techniken und Geräte abgeworfen, mit denen wir noch mehr und noch genauer forschen können. Der Strom der Daten, die für den Wissenstransfer und zur Aufrechterhaltung der Kommunikation nötig sind, hat massiv zugenommen, und doch kommen wir dank der Computer eigentlich sehr gut zurecht, weil auch sie immer leistungsfähiger und intelligenter werden.

Doch all das ist der Effekt eines beständigen Wachstums an verfügbarer Energie. Zu glauben, man könne diese Entwicklung auch ohne Wachstum aufrechterhalten, ist reines Wunschdenken. Denn auch Wissen, der Erhalt und die Kommunikation desselben, erfordert Energie und Rohstoffe. (Ich habe dazu ausführlich hier berichtet.) Die vielen Computer wollen hergestellt sein und laufen letztlich mit Strom. Sehr viel Strom sogar. Das Internet verschlingt so viel Strom wie ganz Indien. Und auch die Geräte brauchen sehr viele sehr unterschiedliche und zum Teil seltene Stoffe. Zudem aber bedeutet die zunehmende Miniaturisierung, dass die gesamte Dateninfrastruktur sensibler wird. Denn je weniger Energie nötig ist, um Daten abzuspeichern, umso weniger Energie ist auch nötig, um sie zu stören. Dabei rede ich hier gar nicht einmal von dem Problem der Datensicherheit, sondern lediglich von der normale Störung, der die Daten ausgesetzt sind: Hitze, Stromausfall, Hausstaub, Strahlung, und so weiter.

Die Daten aber sind völlig unnütz, wenn sie nicht von Menschen ausgewertet werden. Es bedarf also immer einer gewissen Anzahl Forschern, um einen Wissenszweig voranzutreiben. Die jetzige Energiekrise aber erzeugt momentan noch keine Energieknappheit. Eher erscheint sie in Form von Wirtschaftskrisen. Man täusche sich dabei nicht: auch eine Wirtschaftskrise hat zur Folge, dass weniger Energie verbraucht wird, weil die Menschen weniger Geld haben. Insofern ist eine Wirtschaftskrise eben auch eine Energiekrise, wobei die Rationierung über die Zahlkraft erfolgt und nicht über, sagen wir, Bezugsscheine.

Die Geldknappheit aber erzeugt abnehmende Steuereinnahmen. Von diesen aber bezahlt der Staat in Europa die Lehrer, die Verwaltungsangestellten — und die Professoren. Eine Wirtschaftskrise stellt daher auch potentiell die Zukunft des Wissenschaftssektors in Frage. Das muss natürlich nicht so sein. Die Gesellschaft kann entscheiden, dass ihr die Universitäten so viel wert sind, dass sie sie weiterhin in voller Höhe finanzieren will. Allein, es gibt Gründe, die dagegen sprechen. Der erste ist, dass die Gesellschaften insgesamt an Wendigkeit eingebüßt haben. Keiner macht mehr Überschuss, alle hoffen nur noch, dass die Schulden nicht zu sehr steigen. In dieser Situation greift man zu allen Mitteln, um überall ein wenig zu sparen, eben auch bei den Universitäten. Warum sie aber nicht geschont werden, hat einen besonderen Grund: trotz aller Treueschwüre und der Bekenntnisse, dass Bildung das einzige Pfund sei, mit dem wir Wuchern können, ist die Gesellschaft nicht wirklich mehr davon überzeugt, dass die Wissenschaft den versprochenen Nutzen erbringt. Die Begeisterung für Wissenschaft und die Bereitschaft, sich für sie einzusetzen, haben in meiner Wahrnehmung deutlich abgenommen.

Der Nutzen der Wissenschaft

Investitionen in Bildung und Wissenschaft sind nicht nur Selbstzweck; sie erzeugen auch einen Wert für die Gesellschaft. Zunächst einmal besteht dieser darin, dass es genügend gut ausgebildete Intellektuelle, Ärzte, Techniker und so weiter gibt. Man muss schließlich bedenken, dass immer neue Arbeitskräfte gebraucht werden. Man kann also nicht einfach damit aufhören, Ärzte oder Ingenieure auszubilden, wenn gerade das Geld knapp ist. Insofern kostet natürlich die Erhaltung des Status Quo bereits recht viel. Hier tun sich im Übrigen Probleme noch ganz anderer Art auf, die ich nur im Vorübergehen erwähnen will. So stellt das Recht auf freie Berufswahl in Deutschland durchaus ein Problem dar, wenn nämlich niemand mehr Ingenieur oder Physiklehrer und dergleichen werden will. Von einer Mindestzahl an Absolventen kann die Gesellschaft nicht abweichen. Das selbstgestellte Dilemma ist, dass die Universitäten Professuren (und damit Studienplätze) nach Nachfrage zugeteilt bekommen, deren Steuerung sie aber kaum in der Hand haben. Niemand wagt, eine großräumige Sch&aaml;tzung der Bedarfszahlen zu geben, zumal auch bei den Wissenschaftlern selbst keinerlei Skrupel bestehen, die eigene Disziplin über alle anderen zu stellen.

Dies ist nur die reine Ausbildungsseite. Wissenschaft und Technik erzeugen all die Fortschritte in der Medizin, der Industrialisierung, die uns erlauben, nicht nur zu konsumieren, wie wir es tun, sondern auch, einen guten Platz im Wettbewerb der Gesellschaften zu erhalten. Dieser Platz sichert wiederum Exportmöglichkeite, welche wiederum der Gesellschaft zugute kommen. Der massenhafte Verbrauch an Dingen — ob gut oder schlecht — ist ohne diese große Anzahl Wissenschaftler gar nicht zu erzielen.

Natürlich hat dies auch Schattenseiten. Diese müssen uns aber im Moment nicht interessieren. Denn eines ist klar, wenn man sich vorstellt, dass wir in das postfossile Zeitalter eintreten: all die Vorteile werden dahinschwinden. Denn die Technik funktioniert nur unter Einsatz von Rohstoffen und Energie. Ich muss hoffentlich nicht kommentieren, wie sinnvoll es ist zu glauben, Ingenieure würden dereinst den energielosen Antrieb entwickeln. Ebenso mit vielen anderen Wünschen und Zukunftsprojektionen (Renaissance der Kernkraft, Fracking, Raumfahrt und so weiter). Die benötigte Energiemenge sinkt trotz hoher Anstrengungen nur sehr langsam, und es ist längst bekannt, dass Effizienzsteigerungen nicht reichen werden. Die Wissenschaft bringt eben nicht nur neue Techniken hervor, sie bringt uns auch ständig neue Einsichten darüber, was alles nicht gehen kann. Die Gesetze der Physik sind leider nach allem, was wir wissen, empirisch ziemlich gut abgesichert.

Mit anderen Worten: es wird weniger Technik und weniger Verbrauchsgüter geben. Und dies wird nicht ohne Folgen für die Wissenschaft sein. Denn auch wenn man plausibel argumentieren kann, dass auch in Zeiten abnehmender Energie die Technik nicht weniger wichtig wird, so wird die Gesellschaft sicher die ausbleibenden Erfolge auf ihre Weise zu deuten wissen.

Inhaltliche Neuausrichtung

Es wird unausweichlich zu einer Neuausrichtung kommen müssen. Die Gewichtung der Fächer wird wieder neu aufgerollt werden. Dabei wird vieles zu bedenken sein. Es ist unmöglich, jetzt schon konkrete Vorhersagen zu machen. Dennoch kann ich einige Andeutungen machen.

Abschließende Betrachtungen

Die Wissenschaft sieht sich also großen Veränderungen gegenüber. Die werden aber momentan nicht als Problem unserer energiehungrigen Kultur gesehen sondern als Effekte einer Finanzkrise — und dementsprechend werden sie behandelt: man setzt das Arsenal der Finanz- und Qualitätskontrolle ein. Die Universitäten werden, um ihre Leistung zu garantieren, kurz gehalten, es gibt Drittmittelsteuerung, Motivationsanreize gepaart mit Kürzungsrunden, Assessments und vieles mehr. Das alles erweckt den Anschein, als sei es nur ein Effizienz- oder Motivationsproblem, das uns gerade zuschaffen macht. Auch Wissenschaftler fragen sich zu selten, ob es nicht vielleicht ganz andere Probleme anzugehen gilt als die Effizienzsteigerung im Sinne der offiziellen Belohnungskataloge.

Dies wird sich hoffentlich rasch ändern. Anzeichen dafür gibt es.

Darüberhinaus wird sich, so ist zu hoffen, demnächst eine neue Risikobewertung etablieren. Während bisher die Einführung neuer Technologien nur dann behindert wurde, wenn sie nicht im Verdacht stand, gefährlich zu sein, sollte eigentlich die Einführung nur dann erlaubt sein, wenn sicher ist, dass sie nicht gefährlich ist. Risikoabschätzungen müssen also sehr viel mehr und vor allem mit umgekehrter Beweislast in die Handlungsempfehlungen eingehen. Dies wird deswegen immer wichtiger, weil die Fähigkeit, negative Folgen zu beherrschen, ebenfalls abnimmt. Man nehme zum Beispiel die Debatte um das Verbot von Neonicotinoiden. Auch wenn nicht abschließend gesichert sein mag, dass sie für das Bienensterben verantwortlich sind, ist ebenfalls nicht gesichert, dass sie es nicht sind. Aus reiner Vorsicht sollte man sie also verbieten. Wir stehen langfristig besser da, wenn wir auf Techniken verzichten, deren Schäden wir weder hinreichend verstehen noch im Falle ihres Eintretens beseitigen können.

Wissenschaft wird in Zukunft mit angezogener Handbremse fahren. Sie sollte auch aus Verantwortung der Gesellschaft gegenüber keinesfalls Hoffnungen wecken, die sie nicht erfüllen kann. Neue Techniken bergen neue Risiken und erfordern Techniker, die sie beherrschen. Und die werden zunehmend schwieriger auszubilden und zu bezahlen sein.



Marcus Kracht 2013-05-25