Wissenschaft und Religion

Marcus Kracht

31. Oktober 2013



Imagine there's no heaven
It's easy if you try
No hell below us
Above us only sky
Imagine all the people living for today
John Lennon: Imagine

Das Unbehagen der Atheisten

Wenn in den Foren der Zeitungen über Religion gestritten wird, melden sich sehr oft überzeugte Atheisten zu Wort. Abgesehen von den Dingen, die sie zu dem Thema sagen, geben sie uns immer wieder ihre Botschaft mit, und die heißt: Religion solle verboten werden. Oder gehöre zumindest in die Wohnzimmer verbannt.

Die Gründe dafür sind vielfältig. Ich werde mich hier mit dreien auseinandersetzen:

  1. Religion ist falsch, es gibt keinen Gott,
  2. Religionen sind gefährlich, sie sind an allerlei Kriegen schuld und haben in der Vergangenheit viel zu viel Unheil angerichtet, und
  3. Religion ist unvereinbar mit unserem modernen Menschenbild.

Ich beginne mit dem ersten Punkt. Der ist sehr heikel, weil nämlich der Gottesbegriff sehr unterschiedlich ist. Die Spannbreite liegt zwischen einem, salopp gesprochen, lieben oder strengen Herrn (Frau?), der irgendwo im Universum auf uns schaut, über einen immanenten Gott, der sich in jedem einzelnen Menschen offenbart bis hin zu einem abstrakten Prinzip. Was daran nun falsch ist, ist eigentlich schwer zu sagen. Ludwig Wittgenstein hat wiederholt darauf hingewiesen, dass der Gläubige und der Atheist etwas Verschiedenes sagen, wenn sie von Gott oder dem Jüngsten Gericht reden; und Hilary Putnam, ein weiterer Philosoph und ebenfalls meines Erachtens unverdächtig, versteht Wittgenstein dahingehend, dass gläubige Menschen weder rational noch irrational seien sondern arational. Und er stimmt Wittgenstein darin zu. Der moderne Atheist hat oft keine wirklichen Argumente sondern bringt lediglich die Wissenschaft gegen die Religion in Stellung. Doch davon gleich.

Nun zum zweiten Punkt, der das durch die Kirche angerichtete Unheil betrifft. Dazu ist zu sagen, dass das Unheil zweier Weltkriege sowie vieler anderer Kriege alleine im 20. Jahrhundert schwerlich der Kirche angelastet werden kann. Zunehmend wurde die Religion durch irgendeine neue Ideologie ersetzt. Das Ergebnis war dasselbe. Zur Rettung der Ideologien, sie mögen Sozialismus, Kapitalismus oder sonstwie heißen, wird stets angebracht, dass man zwischen der Theorie und ihrer Verwirklichung in einer real existierenden Gesellschaft unterscheiden müsse. Da ist etwas dran. Nehmen wir zum Beispiel die Kapitalismuskritik. Oft habe ich gehört, der Kapitalismus sei unser größtes Problem, und wir müssten uns von deswegen von ihm verabschieden. Wie das gehen soll, weiß ich nicht. Denn Märkte erscheinen mir als ein Grundelement menschlicher Existenz; sie werden nicht alleine deswegen verschwinden, weil wir keine Theorie mehr von ihnen haben. Ich meine, es ist falsch, den Kapitalismus nur deswegen zu verteufeln, weil er nicht anständig umgesetzt wird. (Schwerer würde natürlich wiegen, wenn er nicht anständig umgesetzt werden könnte. Doch das ist meines Wissen nicht gezeigt worden.)

Wenn also der real existierende Sozialismus die Heilsidee des Sozialismus retten darf, wenn wir glauben dürfen, dass es viele Entwürfe für den Kapitalismus gibt (siehe das Buch John Gray: False Dawn), warum soll nicht auch der Unterschied zwischen der Kirche als real existierender Anstalt für die Ausübung des Glaubens in der Öffentlichkeit und der Religion als Glaubens- und Wertesystem die Religion von vielen Vorwürfen prinzipiell entlasten dürfen? Dürfen wir nicht sagen, die christliche Religion sei im Kern gut und richtig, nur ihre Ausführung werde immer wieder in Versuchungen enden, weil das eben die Natur der Menschen und seiner Institutionen ist?

Ich denke, wir dürfen das und sollten es auch. Zunächst einmal aber sollten alle Gegner der Religion zweierlei bedenken: neben all dem angerichteten Unheil gibt es auch viel, was für sie spricht. Die Klöster haben unglaublich viel zur Entwicklung Europas getan. Das mag lange zurückliegen, aber das schmälert nicht den Verdienst. Und was die Kriege angeht, sollte man immer mitbedenken, dass die Religion oft als einheitsstiftendes Element gebraucht wurde, wenngleich die Ursache der Kriege oft woanders lagen.

Der Siegeszug der Wissenschaft

Der dritte Punkt ist noch viel tiefer. Es geht um die allgemein bekundete — wie ich aber meine: angebliche — Unvereinbarkeit von Religion und Wissenschaft. Wird sie angenommen, so muss die Religion tatsächlich als unzeitgemäß gelten. Zeitgemäß ist, was empirischer Prüfung standhält. Denn das ist die wissenschaftliche Methode, an die wir alle glauben. Zweifelsohne liefert die Wissenschaft, was sie verspricht. Im offenkundigen Gegensatz zu der Religion.

Die Unvereinbarkeit gilt aber nur, sofern man will, dass beide dasselbe wollen und über dasselbe reden. Mir ist aber nicht klar, warum die Beschäftigung mit Glauben und vor allem das Leben desselben unvereinbar wäre mit der Wissenschaft. Wer immer sich mit Wissenschaft beschäftigt, weiß, dass am Ende immer ein Mysterium steht. Wer immer tiefer über, sagen wir, Physik nachgedacht hat, kennt die Wand, die sich am Ende aller Fragen nach den wahren Gründen aufbaut. Nur naive Menschen meinen, dass man alles irgendwie von Grund auf erklären kann. Tatsache ist: niemand kann das. Wirklich niemand.

Die Wissenschaft besitzt also ihr Mysterium, und nur wer es nicht anrührt, kann in ihr voranschreiten. Dass die Religion im Gegensatz zur Wissenschaft offen von Mysterien und Transzendenzerfahrungen spricht, entwertet sie also nicht und macht sie erst recht nicht unvereinbar mit Wissenschaft. Die Wissenschaftler verlegen sich deswegen auch im Ernstfall gar nicht auf den Streit um letzte Gewissheiten. Sondern sie zeigen mit lässiger Geste aus dem Fenster und sagen: "Da habt ihr! Wir haben das geschaffen!"

Was hier anklingt, ist die zum Mythos verklärte Erfolgsgeschichte der Wissenschaft, wie sie irgendwo im Spätmittelalter begann. In den Anfängen wurden die Heilsversprechen in der Tat euphorisch unter das Volk gebracht: Hunger und Krankheiten würden dereinst der Geschichte angehören, Gewalt und Kriege ebenso, und überall werde man sich einzig dem Ziel der Verbesserung des Lebens widmen.

Es ist anders gekommen. Manches wurde wahr, anderes nicht. Das wird aber nicht der Wissenschaft angelastet. Offenkundig funktioniert die oben besprochene Entlastungsstrategie hier sehr gut. Die Wissenschaft, so sagen wir uns, ist wertfrei. Der Wissenschaftler schafft Wissen, und was auch immer er dabei herausbekommt, es kann zum Guten oder zum Schlechten verwendet werden. Schlecht sind die Nutzer der Technik, nicht ihr Erfinder.

Das ist im Prinzip richtig. Doch wenn man dieselben Maßstäbe anlegt wie Kirchenkritiker an die Kirchen, müsste man die Wissenschaft eigentlich ebenfalls verbieten. Nicht nur, dass die Ergebnisse zum Schaden der Menschen verwenden werden können, in ziemlicher Regelmäßigkeit werden sie auch so genutzt. Die Atombomben und Ausspähprogramme sind nur zwei Beispiele unter vielen.

Die Wertfreiheit der Wissenschaft verkommt meiner Ansicht nach tatsächlich zu einer Art Schutzschild, hinter dem der Forscher heutzutage ungehindert seine Interessen bedienen kann. Denn er hat welche, vor allem ist er sehr neugierig. Und diese Neugier will er befriedigen. Da kommt das Argument mit der Wertfreiheit gerade recht. Oder auch das Argument mit dem technologischen Rückstand, den wir uns nicht leisten können.

Wer immer die Religion mit Blick auf die Fehler der Pfarrer kritisiert, sollte gewiß sein, dass derlei Kritik wahllos auf alle anderen Institutionen angewendet werden kann. Und dann landen wir da, wo wir nicht hinwollen. Etwa, dass wir sagen müssen, die Wissenschaft gehöre verboten, weil zu viele Gefälligkeitsgutachten geschrieben werden oder sich die Universitäten mangels Geldern zu Auftragsforschung genötigt sehen, über deren wahre Inhalte wir gelegentlich im Unklaren bleiben, weil die Auftraggeber es so wollen.

Atheismus muss man sich leisten können

Ich meine, dass wir die Warnung ernst nehmen sollen. So, wie die heutigen Menschen die Religion stets und immer wegen der Inquisition und anderer Schandtaten ablehnen, werden sie in naher Zukunft die Wissenschaft ablehen, weil sie statt der blühenden Landschaften verstrahlte Ruinen, verarmte Böden oder ausgetrocknete Flüsse hinterlässt oder, wer weiß, vielleicht auch irgendwelche Pflanzen und Tiere züchtet, die irgendwann nicht mehr darin zu stoppen sind, unsere Ernte zu vernichten.

Die Heiligung der Wissenschaft (so muss man es wohl bezeichnen) macht sie genauso anfällig gegenüber den weltlichen Verlockungen wie alle anderen Unternehmungen, an denen Menschen beteiligt sind. Und es wird ihr irgendwann zum Verhängnis.

Wer meint, die Menschen stünden dann ohne irgendetwas da, an das sie glauben könnten, so wie John Lennon einst sang, der irrt sich. Ich glaube, dass der Mensch nicht ohne Glauben auskommen wird. Genauer meine ich, dass wir uns unseren Atheismus (oder Agnostizismus) nicht mehr lange leisten können.

Meine eigene Beobachtung — das Einzige, was ich an dieser Stelle als Rechtfertigung für meine Thesen anbringen möchte — sagen, dass mit dem Reichtum auch das Gefühl der Dankbarkeit schwindet. Je mehr Geld auf ihrem Konto ist um so mehr haben die Menschen den Eindruck, dieses erstens verdient zu haben und zweitens sich damit sowieso alle Leistungen kaufen zu können, die sie brauchen, und deswegen auch niemandem mehr Dank zu schulden. Und was für Menschen gilt, gilt offenkundig auch für Gesellschaften. Je reicher ein Land, desto mehr feiert es seinen Mut und seinen Erfindungsgeist, den es als alleinige Quelle seines Reichtums ausgemacht hat. Für Dankbarkeit ist da kein Platz.

Wir alle wissen, dass das ein Märchen ist. Der Reichtum der westlichen Welt hat genauso viel mit Kanonen zu tun wie mit Erfindungen. Wir leben auf dem Gipfel einer Pyramide, deren Fuß die ganze Welt ist. Aber dankbar sind wir nicht. Weder den Menschen, denen wir das alles abgeknöpft haben, noch Gott oder der Natur.

Die Tage dieses Reichtums sind aber gezählt. Wir können uns zwar an den Menschen vorbeischummeln, aber die Natur ist uns über. Wenn kein Erz mehr da ist, kann auch kein Stahl mehr geschmiedet werden, Konzessionen und Verträge hin oder her.

Wenn dann erst einmal die Armut an die Türen der Menschen klopft, werden sie zunehmend das Gefühl bekommen, nicht mehr Herr(inn)en ihres Schicksals zu sein. Aber gleichzeitig werden sie sich, bei allem Leiden, was dies mit sich bringt, wieder freuen können über die Dinge, die sie haben. Und zwar unabhängig davon, wie viel Arbeit sie selbst darin investiert hatten.

Die in christlichen Texten immer wieder beschworene Vergeblichkeit menschlichen Tuns wird den Menschen wieder einleuchten. Man mag für all die Mangelerscheinungen eine rationale Erklärung finden können: den Menschen werden sie zumeist nichts helfen. Sie werden zunehmend demütiger werden angesichts ihres Schicksals. Denn wenn man die äußeren Verhältnisse nicht ändern kann — was liegt näher, als seine Einstellung zu ihnen zu ändern?

Die neue Religiösität

Armut ist eine Chance für die Religion und die Kirchen. Für die Wissenschaft wird die neue Armut keine gute Nachricht sein. Denn das Pulver ist ausgegangen. Kein Feuerwerk mehr, um die Menschen in Verzückung zu versetzen. Das wichtigste Argument für die Wissenschaft, die Verbesserung der Lebensverhältnisse, wird nunmehr gegen sie gewendet werden. Wenn es zunehmend schlechter geht, wird man ihr die Kungelei mit den mächtigen Interessen, allen voran der Wirtschaft, nicht mehr verzeihen.

Wissenschaftler werden dann zunehmend als Hampelmänner wahrgenommen, die bunte Folien auflegen und zu Kongressen fahren aber ansonsten wenig Hilfreiches zur Lage beisteuern können.

Und all die Hinweise auf Risiken und Nebenwirkungen der Religion werden zunehmend missachtet werden. Das ist für sich genommen weder gut noch schlecht. Wie ich schon gesagt habe ist die Religion ebensowenig stets von Übel wie die Wissenschaft stets von Nutzen ist. Und sie wird auf die Fragen der Menschen eher antworten können als die Wissenschaftler. Wie gut sie das tut und wieviel Segen sie stiftet, hängt wesentlich von denjenigen ab, die sich in ihren Dienst stellen.



Marcus Kracht 2013-10-31