Her mit der Rezession!

Marcus Kracht, 10. November 2011

Energy Outlook 2011

Die internationale Energiebehörde (IEA) hat am 9. November ihren Bericht vorgelegt, den World Energy Outlook 2011. An dem Tag hat Bloomberg ein Interview mit dem Leiter der IEA, Fatih Birol, gemacht. (Die deutschen Zeitungen berichteten davon leider nicht.) Es hat zwei Teile. In dem ersten berichtet Birol nüchtern davon, dass das Wachstum nunmehr aus China und Indien kommt, und dass dies eine ausgleichende Gerechtigkeit darstellt, weil dort die Menschen nur einen Bruchteil von dem haben, was wir besitzen (so sagt er, in China gebe es 30 Autos auf 1000 Einwohner, bei uns in Mitteleuropa 500). Damit hat er unbestritten Recht. Wieder einmal zeigt sich, wie ungerecht die Verteilung des Wohlstandes ist. Leider kann die Ölproduktion damit nicht Schritt halten. Engpässe sind vorprogrammiert. Im zweiten Teil geht es um das Klima. Birol sagt, dass das Ziel, die Erwärmung auf unter 2 Grad Celsius zu halten, endgültig unerreichbar wird und wir auf 6 Grad zusteuern, sollte es uns in den nächsten 5 Jahren nicht gelingen, fundamental gegenzusteuern. Das ist verdammt wenig Zeit.

Gehen wir davon aus, dass er Recht hat. Da die IEA bisher eher optimistisch war, fällt es mir leicht, dies zu glauben. Außerdem sind führende Klimaforscher wie James Hansen genau derselben Meinung. Die letzten 20 Jahre haben für das Klima wenig gebracht. Das Kyoto Protokoll und sämtliche nachfolgenden Gipfeltreffen haben nichts Substantielles erreicht. Es steht also nicht zu erwarten, dass sich in den nächsten 5 Jahren irgendetwas ändern wird. China wird nicht auf Wachstum verzichten, Europa und Amerika im Großen und Ganzen auch nicht. Man vergleiche die Situation mit der Bankenregulierung. Nach der Krise 2008 hieß es, die Banken müssten unbedingt reguliert werden. (Vor der Krise hieß es dagegen von Seiten der Gewinnerstaaten, also den USA und Großbritannien, alles sei im Lot.) Genützt hat es nicht viel, zumal die Banken recht erfolgreich solche Pläne sabotiert haben. Jetzt, im Jahr 2011, auf dem Gipfel in Cannes heißt es, die Regulierung werde kommen, allerdings erst im Jahre 2016 (also in 5 Jahren, nur so nebenbei). Mit anderen Worten: es ist eigentlich nichts Konkretes beschlossen worden und das Wenige, worauf man sich hat einigen können, wird wohl nie umgesetzt werden.

Was also rettet uns dann noch, wenn es die Politik nicht tut? Einzelinitiative oder Nichtregierungsorganisationen? Wohl kaum. Denn sie alle haben einen Nachteil: sie müssen erst einen Konsens erzeugen, im Kleinen wie im Großen. Und genau das dauert naturgemäß lange.

Was uns rettet ist eine zünftige Rezession

Worum es geht, ist also klar: wir müssen weniger verbrauchen. Da wir aber dazu neigen, das Geld auszugeben, das wir bekommen, helfen alle Appelle nichts. Solange wir es uns leisten können, werden wir in ferne Länder reisen, große Autos fahren, und so weiter. Und was im Kleinen gilt, gilt auch im Großen, für Staaten. Was irgendwie geht, wird gemacht. Freiwilliger Verzicht, Askese, wie es Carl Friedrich von Weizsäcker nannte, ist nicht unsere Sache.

Die logische Folge: wir müssen einen Schwund unserer Kaufkraft erleben. Das einzige, was wohl wirklich Änderung erwirken kann (und wohl wird) ist eine Rezession. Und zwar nicht so eine kleine, die in zwei Jahren wieder vorbei ist und die Arbeitslosigkeit nur um ein paar Prozentpunkte höhertreibt. Die ist zu klein. Sondern eine Rezession, die mindestens ein Jahrzehnt dauert und massenhaft Produktionskapazitäten vernichtet und deswegen eine Arbeitslosigkeit von, sagen wir, bis zu 40 Prozent erzeugt. Denn erst in diesem Umfang werden wir davon sprechen können, dass die Rezession die Industrieproduktion soweit drosselt, dass die CO2-Produktion substanziell reduziert wird.

Wie komme ich auf 40 Prozent? Nun, 10 Prozent sind kein großes Problem, das hat es immer wieder gegeben. In den USA hat man derzeit 10 Prozent. Doch Vorsicht ist geboten. Das ist nur die offizielle Zahl; die Kriterien daführ, offiziell als arbeitslos zugelten, sind 1994 geändert worden. John Williams führt eine Webseite namens Shadowstats, und dort kann man sich die Statistiken in der Zählung von vor 1994 ansehen. Da findet man, dass die USA eine Arbeitslosigkeit zwischen 16 und 23 hat, je nach Kriterien (siehe hier). Mit anderen Worten: selbst 20 Prozent sind offenkundig zu verkraften. Jedenfalls kurzfristig.

Es ist schade, dass es so kommen musste, aber offenbar geht es nicht anders. Als zum Beispiel das Schicksal von Opel auf dem Spiel stand, wurde alles getan, um die Firma zu retten. Sicher ein ehrenwertes Ziel, aber die Welt braucht in naher Zukunft sehr viel weniger Autos, und so wäre es besser gewesen, wenn wenigstens eine Firma aufgelöst wird, als wenn es irgendwann alle auf einmal trifft. Denn dann werden noch viel mehr Menschen auf einmal betroffen sein.

Die Rezession kommt

Die Vorsitzende der Weltbank hat schon vor einem verlorenen Jahrzehnt gewarnt, auch die Kanzlerin ließ kürzlich verlauten, vor uns läge eine Dekade der Rezession. Insofern haben vermutlich Wenige Zweifel daran, dass es soweit ist. Bei allen kann man aber die Ambivalenz spüren, die auch in der Botschaft von Fatih Birol mitschwingt. Sie sind nicht glücklich damit und nähren insgeheim die Hoffnung, dass es entweder milde ablaufen wird oder aber danach wieder eine Zeit des Wohlstandes eintritt. Bei vielen Wirtschaftskommentatoren liest man denn auch zwischen den Zeilen, dass, wenn erst einmal die Schulden alle verschwunden sind, eigentlich alles wieder im Lot sein wird und das Wachstum sich wieder einstellt.

Ich bin auch ambivalent. Aber nicht, weil ich keine Rezession will. Im Gegenteil: nur sie wird uns helfen. Ich will sie also auf der einen Seite. Aber auf der anderen Seite wird sie schmerzhaft sein. Eine Arbeitslosigkeit von 40 Prozent ist enorm und wird viel Armut und Leid bringen. Aber trotz alledem soll man sich fragen: was können wir eigentlich realistisch noch erwarten? Nehmen wir mal an, wir wollen das Klimaziel erreichen. Dann müssten wir also massiv bei der fossilen Energie sparen. Aber irgendwie lässt es sich in dieser Welt nicht erreichen, dass man alle auf dieses Ziel einschwört. Zu viele winken einfach ab, wenn sie das Wort Klimawandel hören.

Nun denn, der Wandel kommt so oder so. Denn die Ölförderung ist an der Grenze angekommen. Sie kann nicht mehr wachsen. Wenn in China neue Autos gekauft werden und auch fahren, dann werden irgendwo anders Autos endgültig verschrottet werden. Und wir alle wissen auch, wo: in den USA und Europa. Und das ist auch der eigentlich Grund für die Rezession. Dafür die Banken, die Aktien- und Derivatehändler verantwortlich zu machen, heißt, irgendwie daran zu glauben, dass es ohne sie anders gekommen wäre. Aber mal ehrlich: die Schulden der Industrieländer wuchsen ständig, dieses Ende war also vorprogrammiert. Manche mögen es schneller als nötig herbeigeführt haben, aber das ist auch alles. Das ganze System war auf Wachstum geeicht, und dieses Wachstum kann man nicht mehr schaffen, weil dafür die Energie und die Rohstoffe fehlen. Diese Rezession ist anders als die vorigen, weil sie nicht dadurch aus der Welt geschafft werden kann, dass das Geld gerechter verteilt wird.

Was wird geschehen?

Die Finanzkrise ist das Eine. Das Andere ist die Einschränkung der Produktion. Inzwischen sind schon Anzeichen sichtbar.
  1. Air France lag im Disput mit dem Kabinenpersonal und musste neulich zahlreiche Flüge streichen. Quantas hatte sogar für einige Tage die gesamte Flotte am Boden gelassen. Verlust: $ 14 Millionen täglich.
  2. Siemens hat angekündigt, sich von einigen Segmenten der Medizintechnik zu trennen. Und zwar weil im Gesundheitssektor vieler Staaten bereits gespart wird.
  3. Den Großbanken geht es nicht gut. Die Bank of America plant, 30000 Stellen zu streichen. An der Börse und bei den Banken sinken zum ersten Mal die Boni.
Diese Entwicklungen waren allesamt vorhersagbar. Hochtechnologie wird immer teurer und immer weniger Leute werden sie bezahlen können. Auch wenn es sich um ihre Gesundheit handelt. Die Flugindustrie ist sicher die erste, die vom wachsenden Ölpreis getroffen wird. Dass auch im Bankensektor viele Pleiten und Entlassungen kommen werden, ist ebenfalls leicht zu sehen. Der Finanzsektor verschlingt bis zu 30 Prozent des Bruttosozialprodukts. Wenn dieses schrumpft, wird es wohl unter Anderem diejenigen treffen, die nicht zur Mehrung sondern nur zur Umverteilung beitragen. Und wenn ohnehin alle weniger Geld haben, ist auch weniger für Aktien und sonstige Finanzprodukte da. Die Regulierung dieses Sektors erübrigt sich dann ja vielleicht.

Nächste Opfer werden sein: die Versicherungsindustrie (weil eng mit den Banken verbunden) und die Autoindustrie. In Deutschland sind beide recht groß. Die Zahlen, die ich gefunden habe: Banken: 680.000, Versicherungsgewerbe: 216.000, Automobilindustrie (2001) 863.000, Tendenz in allen drei Zweigen (schon jetzt) fallend, siehe die neueste Nachricht in der Frankfurter Allgemeinen.

Verschleudertes Geld

Die Rezession wird im Übrigen auch einige Investitionen als völlig überflüssig erscheinen lassen. Bei einigen hat es zum Teil hitzige Kämpfe gegeben, ob sie überhaupt sein müssen. (Siehe auch den Beitrag "Seid verschlungen, Milliarden" in der Sueddeutschen Zeitung vom 21. Januar 2011.)

  1. Der Flughafenausbau Frankfurt, München, Berlin und anderswo. Demnächst wird der Flugverkehr sich reduzieren.
  2. Stuttgart 21. Die Kosten stehen in keinem Verhältnis zu dem Nutzen. Ein funktionierender Bahnhof wurde abgerissen! Und das lediglich für eine Fahrzeitverkürzung von wenigen Minuten. (Siehe auch mein Kommentar dazu.)
  3. Der Fusionsreaktor ITER in Cadarache, Gesamtkosten derzeit € 14,7 Milliarden. Die EU soll € 3,7 Milliarden zusätzlich aufbringen, weil die Baukosten ursprünglich auf € 4,6 Milliarden veranschlagt wurden.
  4. Das Navigationssystem Galileo, Kosten derzeit € 1,9 Milliarden. Noch höher die Kosten für die ISS (internationale Raumstation). Der Nutzen solcher Projekte ist angesichts der sehr irdischen Probleme, die wir haben, durchaus fraglich.
  5. Diverse Infrastrukturprojekte wie Straßenausbau. Es darf davon ausgegangen werden, dass der Verkehr nicht mehr zunehmen wird.
Das Geld wäre viel besser woanders angelegt, zum Beispiel bei der Wärmedämmung von Häusern, der Umstellung auf die postfossile Wirtschaft sowie bei den regenerativen Energien.

Zu guter Letzt

Eines ist klar: es wird uns alle treffen. Das bedeutet, dass wir uns darauf einstellen müssen, dass wir uns bald weniger werden leisten können. Irgendwer sagte kürzlich auf der ASPO-Tagung in Washington: Bereiten Sie sich darauf vor, mit der Hälfte auskommen zu müssen.