Schlechte Zeitungen

Marcus Kracht, 19. November 2015

Seneca's Klippe

Ugo Bardi hat sich ausführlich mit dem von ihm so genannten Seneca Effekt befasst. Dieser beschreibt den stets zu beobachtenden Tatbestand, dass Dinge zwar mühsam aufgebaut werden müssen, aber ihr Zerfall (oder ihre Zerstörung) oft mit viel höherer Geschwindigkeit abläuft. Ein eindrucksvolles Beispiel ist die Entwicklung der Werbeeinnahmen im Zeitungsgeschäft. Die Grafik kann man sich in dem urspünglichen Artikel ansehen mit dem Titel Why Have Newspapers Become so Bad?. Sie zeigt eine Kurve, die ihren Höhepunkt im Jahr 2000 hat und dann rasant abfällt.

Der Verlauf der Kurve ist beeindruckend und illustriert den Seneca Effekt sehr gut. Ich möchte jedoch noch auf die Zahlen eingehen. Inflationsbereinigt hatten die Zeitungen im Jahr 2000 ungefähr 65 Milliarden Dollar an Werbeeinnahmen, im Jahr 2011 waren es nur noch 20 Milliarden, ein Verlust von 45 Milliarden. Stellen wir das kurz in Relation zu der Bevölkerung von knapp 320 Millionen, so entspricht der Verlust einer Minderung pro Kopf von 1400 Dollar. Das bedeutet, dass wer die Zeitungen (und Zeitschriften) in den finanziellen Stand von 2000 versetzen will, von den Abonnenten und Käufern jährlich 1400 Dollar, also monatlich 120 Dollar oder auch täglich 4 Dollar mehr eintreiben muss. Nur um das in Relation zu den Preisen zu setzen: die LA Times kostete 2011 1 Dollar am Tag, am Sonntag 2. Sie müsste also 5 beziehungsweise 6 Dollar kosten.

Vor einiger Zeit war einiges zu lesen in Bezug auf die Verschlechterung der Zeitungen. Nehmen wir nur den Bericht Journalismus unter Druck: Studie beleuchtet Probleme in den Medien. Da kann man natürlich hin und her argumentieren, ob jetzt die Probleme hausgemacht sind oder nicht, aber letztlich ist die Entwicklung so eindeutig in ihrem Trend, dass man nicht hoffen sollte, die Zeitungen könnten sich dem Sog entziehen. Ich möchte auch nicht über den anderswo zu beobachtenden Trend sprechen, dass das Geld gerne dahin geht, wo es eigentlich nicht benötigt wird. Le Monde Diplomatique zum Beispiel ist aus dem Raster der Liste derjenigen Zeitungen und Zeitschriften gestrichen worden, die Anspruch auf staatliche Förderung haben, weil sie die politischer Bildung befördern. Dies übrigens mit der Begründung, die Förderung gebe es nunmehr nur für mindestens wöchentlich erscheinende Zeitschriften. Ein Schuft, wer Böses dabei denkt. Laut Le Monde Diplomatique gibt es einen Haufen Zeitschriften, die überhaupt nichts mit Politik am Hut haben aber in den Genuss der Förderung kommen. Das passt gut zusammen mit einer weiteren allgemeinen Entwicklung in allen Lebensbereichen, die inhaltliche Kriterien zugunsten formaler, also leichter abprüfbarer Kriterien, verdrängt.

Dies alles möchte ich beiseite lassen. Die zentrale Frage, die sich mir stellt, ist: was ist uns Information wert und wer soll sie bezahlen? Ich erinnere noch an die Aufbruchsstimmung in den neunziger Jahren, als das Internet so richtig abzuheben begann. Da taten alle so, als sei Information demnächst kostenfrei erhältlich. Als würde das Netz die Demokratie fördern, weil ja jetzt jeder für alle sichtbar sagen könne, was er denkt. Das war auf der einen Seite sicher gut und hat immer noch seine Richtigkeit. Übersehen wurde allerdings gerne, dass die Information zwar kostengünstig verteilt werden kann, aber das Erstellen als solches nach wie vor nicht billiger geworden ist. Recherchen kosten eben immer noch Geld, egal wie viele Suchmaschinen uns zur Verfügung stehen.

Die Krux bei allem ist, dass irgendwer sich mal hinsetzen muss um nachzudenken. Die vielen Informationen, die man da bekommen kann, nützen nichts, wenn der Denkrahmen nicht stimmt. Nehmen wir nur mal die Peak Oil Debatte. Da wird von Journalisten oft nur das wiedergegeben, was irgendwelche Analysten von sich gegeben haben, wobei die eben Wirtschafts- oder Finanzfachleute sind und von den chemischen wie geologischen Daten oft recht wenig wissen. Das kennen wir von zu Hause: wer den ganzen Tag nur auf Bildschirme starrt, kann den Bezug zur Realität ganz schön schnell verlieren. Das merkt man nicht einmal.

Ein schönes Beispiel dafür ist der Report der Global Challenges Organisation über finale Menschheitskatastrophen. Woher all die Information und die Wahrscheinlichkeitsabschätzungen stammen, ist unklar. Ich war beim Lesen regelrecht enttäuscht, weil ich die Risikoeinschätzung nicht teile, aber nicht sehen kann, warum ich so falsch liegen soll. Wie Thomas Grüter in diesem Zusammenhang bemerkt, schreiben viele einfach nur aus irgendwelchen Meldungen ab. Dasselbe geschah mit dem Aufsatz von Safa Motesharrei, der nicht wie überall verkündet den Untergang der Welt in soundsoviel Jahrzehnten voraussagt. Um so was herausfinden zu können, muss man wenigstens verstehen, was da drin steht (Einleitung und Schluss lesen) und ansonsten ein bisschen Geduld mitbringen. Und weil dies nicht immer oder immer weniger gegeben ist, gelangen allerlei Behauptungen ungeprüft in die Welt.

Der Verlust der Demokratie

Man mag es pathetisch finden: aber Informationen sind überlebenswichtig für eine Demokratie. Ralf Dahrendorf hat das in Bezug auf Bildung gesagt, aber er hätte sicher nichts dagegen gehabt, darunter auch politische Bildung zu verstehen. Politische Bildung ist aber das Ergebnis geduldiger Analyse dessen, was im politischen Leben abläuft, oft hinter verschlossenen Türen. Oder auch das Zusammensetzen vieler Einzelfakten zu einem großen Trend. Man nennt so etwas investigativen Journalismus, und den müssen wir uns leisten können. Dieser ist gewissermaßen das Gegengewicht zur Politik, die in vielen Situationen lieber nicht die Karten auf den Tisch legen will.

Als Bürger will man und soll man auch verstehen. Demokratie geht den Bach runter, wenn wir keine Informationen über wichtige Themen mehr bekommen. Natürlich können wir uns zurücklehnen und sagen: lass die mal entscheiden, die wissen das sowieso besser. Wahrscheinlich ist das so, aber wessen Interessen sie im Zweifel vertreten, ist eine andere Frage. Und die Souffleure der Politik wollen ja nicht öffentlich auftreten, deswegen müssen wir schon selber fragen, wer sie sind und was sie wollen. Und natürlich gehört zu einer aufgeklärten Entscheidung eben auch ein gehöriges Faktenwissen. Woher nehmen?

Die Entwicklung ist also einigermßen ernst. Aus meiner Erinnerung war es etwa vor 8 Jahren, damals lebten wir noch Los Angeles, als die LA Times plötzlich anfing, ziemlich langweilige und uninformative Artikel zu schreiben. Das wollte sich nicht ändern, und nach zwei Wochen hatte ich die Konsequenz gezogen und das Blatt abbestellt. Später erfuhr ich, dass die Zeitung aus Chicago aufgekauft worden war und man als erstes fast die gesamte Redaktion auf die Straße gesetzt hatte. Eine solche Erfahrung haben andere mit anderen Zeitungen auch gemacht. Inzwischen ist der Trend auch in Deutschland angekommen. Es gibt kaum noch unabhängige Informationen. Man muss, um sich zu informieren, quer durch die Landschaft lesen. Meine Hauptquelle sind inzwischen Internetforen und die eine oder andere Online Zeitung.

Damit kann man sich eigentlich ziemlich gut informieren. Allein, das ist nichts für Leute mit wenig Zeit beziehungsweise ohne Vorkenntnisse. Denn ob irgendein Blogger weiß, wovon er spricht, muss man erst einmal herausfinden. Mit irgendwelchen "Mag ich" oder "Mag ich nicht"-Klicks ist es nicht getan. Auch Briefe in Diskussionsforen sind so eine Sache. Viele werden von Maschinen (jawohl!) beziehungsweise von bezahlten Schreibern oder PR-Firmen verfasst, um die Stimmung in die richtige Richtung zu lenken.

Eine gute Empfehlung zu diesem Thema ist das Buch von Colin Crouch: Die bezifferte Welt (2015). Crouch, emeritierter Professor für Governance und Public Management an der Universität von Warwick, sieht den Verlust an zuverlässiger Information als zentrales Problem des Neoliberalismus an. Und es ist nicht irgendein Problem. Denn die Hauptidee des Neoliberalismus, welche von Hayek energisch vertrat, ist gerade, dass der Markt zuverlässiger als jede staatliche Behörde die Informationen in ein zuverlässiges Signal aggregieren kann, nämlich den Preis, der den Menschen über das Produkt die Auskunft gibt, die sie brauchen. Allein, wie der Markt dies zuwege bringt, ist das Geheimnis der Verfechter geblieben. Crouch listet denn auch viele Möglichkeiten auf, wie man den Markt austricksen kann.

Das wichtigste Problem an der These von von Hayek ist, dass sie kontraintuitiv ist und deswegen genauestens zu belegen wäre. Denn ein Unternehmen gibt zum Beispiel nicht freiwillig zu, dass sein Produkt nicht den Erwartungen seiner Käufer entsprechen wird und deswegen billiger verkauft werden müsste oder gar ganz vom Markt genommen. Von Hayek sagt, der Markt wird's richten. Er bestraft einfach diejenigen, die nicht ordentlich arbeiten. Erstaunlich ist, dass er es in so vielen Fällen nicht getan hat. Die Liste von Beispielen aus dem Buch (BP und der Macondo Deepwater Horizon Skandal, TEPCO, die Pharmaindustrie) lässt sich inzwischen um zwei weitere Beispiele verlängern: VW (stellvertetend, so ist zu vermuten, für die gesamte Autoindustrie) und Monsanto, welches, so behauptet zumindest die Studie Glyphosate, pathways to modern diseases IV: cancer and related pathologies von Anthony Samsel und Stephanie Seneff, eigene Ergebnisse zur Gefährlichkeit von Glyphosat zurückgehalten hat.

Interessant an all diesen Beispielen ist die Interesselosigkeit der staatlichen Stellen. Sie sind dank neuer Gesetzeslage und gezielter Personalpolitik zu zahnlosen Tigern geworden. Natürlich wurde Brüssel schon vor langer Zeit informiert, wie es um die Dieselmotoren und die Grenzwerte in Wahrheit bestellt ist, aber passiert ist jahrelang nichts. Dies behauptet zum Beispiel Prof. Andreas Wahner vom Forschungszentrum Jülich in einem hörenswerten Interview mit dem Deutschlandfunk vom 14.10.2015. Ihm ist es wie anderen ein Rätsel, warum ausgerechnet jetzt und ausgerechnet für VW so ein Riesentheater daraus gemacht wird.

Zeitungen sind nicht irgendein Produkt

Zeitungen sind in der Hand von zumeist großen Firmen. Und Firmen verstehen die Sorgen und Nöte von anderen Firmen sehr gut, von den eigenen noch mehr. Einerseits ist es verlockend, Schlagzeilen zu machen, andererseits möchte man sich selbst nicht auf die Finger hauen. Auf der Strecke bleibt dabei leider oft die Suche nach der Wahrheit. Aber die Folgen unserer Blindheit nehmen immer größere Ausmaße an. Wir dürfen uns nicht einfach nicht länger selbst betrügen.

Es ist nicht einerlei, was die Zeitungen sagen oder nicht sagen. Ihre Qualität ist mitentscheidend für den Erhalt der Demokratie. Und auch entscheidend für unsere gesamtes Leben. Die Frage zum Beispiel, wie ernst es um unser Klima und die Weltmeere bestellt ist, ist überlebenswichtig. Wir können deswegen nicht zulassen, dass wir mit minderwertiger Information gefüttert werden. Gewiss aber müssen wir dafür angemessen zahlen. Wie für alles andere eigentlich auch. Und der Staat sollte eigentlich für maximale Offenheit und Transparenz sorgen. Das Vertrauen auf die Kräfte des Marktes erscheint hingegen mehr denn je eine Art Wunderglaube zu sein.






Marcus Kracht, 2015-11-19