Second Life

Marcus Kracht, 10. Juli 2016

Der Horizont des Beamten

Der Horizont des Beamten ist sein Schreibtisch. Wenn er zum Termin bittet, dann existiert nicht das, was wir in der Welt meinen sehen zu können, sondern nur das, was unmittelbar auf seinem Schreibtisch liegt. Gewiss, nicht das Ding selber liegt auf seinem Tisch, nur seine Kopie. Ein Abbild. Und es existiert nicht so, wie man es da draußen vorfindet, sondern so, wie es die Papiere beschreiben. Der Beamte weiß das. Aber er steht unter Eid, niemals seiner Intuition zu folgen sondern nur dem Will seines Herrn.

Der Beamte war schon immer eine beliebte Witzfigur. Er weigerte sich einfach, das wahre Leben für wahr zu halten. Für ihn existierten die Dinge in einem Universum aus Papier, dessen Türwächter er war. Dieses ist das zweite Universum, in dem auch wir ein Leben führen und in dem wir umherdirigiert werden. Nicht weil wir hier sind, auf dieser Erde, sondern weil wir in jenem anderen, zweiten Universum, einen Schatten werfen. Der Beamte war der Mittler zwischen uns und dieser höheren Welt, zu der nur wenige Zutritt hatten.

Den Beamten gibt es noch immer. Aber er ist nicht mehr der Dirigent unseres Schattens. Das hat längst jemand übernommen, dem man die Begriffsstutzigkeit niemals übelnehmen würde, weil er unser irdisches Leben nicht verstehen kann. Denn er entstammt selber aus dieser Schattenwelt: gemeint ist der Computer. Der Computer ist der neue Beamte. Er sieht unsere Schatten und dirigiert sie.

Erinnert sich noch jemand an die Firma Second Life? Da konnte man sich eine neue Identität zulegen und als wer auch immer durch ein zweites Universum herumspazieren. Das ging soweit, dass manche sogar mit (allerdings realem) Geld Grundstücke in diesem Zweitparadies gekauft haben. Keine schlechte Einnahmequelle angesichts schier unendlichem Plattenplatzes.

Das Interessante an diesem Paradies ist die Tatsache, dass es völlig abgekoppelt von dem irdischen existieren kann, wenn man einmal von den Rechnern und Servern absieht, die es für uns erzeugen. So oder so ähnlich stelle ich mich das Internet der Dinge vor, wo die realen Gegenstände eine Spur in der Elektrowolke bekommen. Damit kann man dann allerdings das Erste Leben über das Zweite steuern. Das ist ja auch der wahre Grund für die Euphorie über das Internet der Dinge. Denn schon längst haben wir die Kontrolle abgegeben. Per Vorratsbeschluss gewissermaßen, wie neulich Griechenland. Dort bestimmt jetzt die EU, der IWF oder sonst wer demnächst über den nationalen Haushalt. Das war Bedingung für die nächste Überweisung. Oder nehmen wir CETA oder TTIP: wir geben jetzt die Kontrolle ab an irgendwelche Schiedsgerichte und zwar auf alle Zeit und unbeschränkt. Doch während über diese Dinge noch gestritten wird, haben im zweiten Universum die Elektrofunktionäre schon die Macht übernommen. Sie sehen auf uns herab und dirigieren die Dinge dorthin, wo sie sie am Besten gebrauchen können.

Der lange Faden

Immer weiter entfernt sich die Kontrolle aus diesem Leben in das zweite. Nehmen wir nur das Geld. Wir sollen nicht mehr bar bezahlen, weil das angeblich der Steuerhinterziehung und dem Terrorismus in die Hände spielt. Die Elfen des Zweiten Lebens freuen sich schon: noch mehr Fäden, an denen sie unseres halten können.

Es hat sich also oben einiges geändert, ganz unbemerkt. Wenn es nach dem Willen einiger Zukunftseuphoriker geht, dann hat der Computer bereits den Thron im Himmel bestiegen. Apropos Himmel: es ist wohl so, dass das zweite Leben, das Schattenreich, sich längst emanzipiert hat. Es ist nicht mehr dasjenige, das einen Schatten von dem einfängt, was hier ist. Sondern wir hier sind inzwischen zu Schatten dieses Reiches geworden. Was zuunterst war, ist jetzt oben. Da wo die Macht ist.

Plato hatte sich vorgestellt, dass die Menschen eines Tages von ihren Plätzen aufstehen dürften, um an den Eingang der Höhle geführt zu werden, von wo aus sie die echten Sonnenstrahlen sehen könnten, wie sie die die Dinge beleuchten, von denen bisher nur Schatten zu sehen waren. Manche Menschen heute träumen davon, dass sie endlich von dieser Welt erlöst in die obere Welt eintauchen können. Wahrscheinlich ahnen sie, dass diese Welt eigentlich schon den Händen der Elektroelfen ist.

Wer etwas bewegen will, muss in Zukunft die Wolkenwelt erobern.

Von dort aus kann man die Fäden spinnen, an denen das Wohl der Menschen hängt. Nicht von hier, vergessen Sie diese Vorstellung.

Nehmen sie nur wiederum das Geld. Das Geldvermögen vieler Menschen (sofern sie welches haben) ist ja nicht einfach nur ein Haus oder irgendetwas, das man zu seinem Vergnügen verwenden kann, sondern Titel, die auf irgendwelchen Servern dieser Welt eingetragen sind, wenn man Glück hat auch noch zusätzlich auf Papier. Also irgendwelche Zahlen und Buchstaben, Bits, die dem Computer nichts sagen, aber die er geduldig hin- und herschiebt. Tag und Nacht und in immer höherer Geschwindigkeit. Wer den Algorithmus kennt, kann wahrscheinlich auch etwas zu der Mehrung seiner Titel beitragen.

Manchmal kommt es dazu, dass der Besitzer der Titel anruft und diese dann in seine Welt zurückruft. Was er dann dafür bekommt, auch das wird in der zweiten Welt bestimmt. Es ist nicht länger so, dass die zweite Welt der Befehlsempfänger der ersten Welt ist. Griechenland ist ja nicht deswegen vor der EU eingeknickt, weil es nichts zu Essen gab. Sondern weil man gedroht hat, den Menschen den Zugang zu der zweiten Welt zu versperren. Heutzutage ist man schon deswegen handlungsunfähig, weil man keine Liquidität hat.

Wer braucht schon Schuldtürme? Man muss nicht den Körper der Leute wegsperren; es genügt, ihnen das Konto zu pfänden.

Der Aufstand der Dinge

Und dennoch gibt es da etwas, was den Machthabern in den Wolken Sorgen bereitet. Es gibt da eine Form von Renitenz, die sich im Augenblick breitmacht. Die Dinge der unteren Welt wollen nicht so sein, wie ihnen befohlen wird. Sie weigern sich, an ihren Schatten bewegt zu werden. Sie sehen weg, als wenn es ihn nicht gäbe. So wie der Beamte wegsieht, wenn er die Dinge dieser Welt schauen soll anstelle des Papiers auf dem Schreibtisch.

Die Buchführer treibt das um. Wie ein Unternehmen, das immer mehr in die roten Zahlen rutscht, nach außen aber fleißig verkündet, wie gut es immer noch aufgestellt sei, hasten sie von einem Pressetermin zum anderen und verkünden, es sei alles in Ordnung. Das Wachstum sei da, man müsse nur richtig hin- (oder weg?-)sehen.

Das Bureau of Labor Statistics (BLS) der USA verkündete zum Beispiel, dass 38000 neue Stellen geschaffen wurden. Und obwohl gleichzeitig etwa 200000 neue arbeitsfähige Menschen hinzukamen, sank die Arbeitslosigkeit. Sie glauben, das sei ein Widerspruch? Lesen Sie selbst.

Das Wichtige ist, die Kontrolle über die Zahlen zu haben. Wer die Zahlen kontrolliert, kontrolliert das Sein.

Oder beinahe. Am Anfang hatte man sicher nicht recht verstanden, was die Ingenieure meinten, als sie sagten, das mit den Stickoxiden könne man wohl hinbekommen, aber es sei teuer und habe seine eigenen Probleme. Aber Ingenieure sind eigenwillige Menschen, sie beugen sich ungern irgendwelchen Planzahlen. Aber sie waren da, die Emissionsbegrenzungen, die Richtlinien, und sie sollten ja auch immer schärfer werden. Und weil keine Seite nachgeben wollte, hatte man dann beschlossen, lieber nicht so genau hinzuschauen. Wozu noch reale Autos testen, wenn die Autofirmen die Datenblätter gleich mitlieferten? Dass dann noch irgendwer nachgemessen hat, ist eigentlich schwer nachzuvollziehen.

Manchmal ist allerdings das Risiko groß. Man will es sich schließlich nicht mit allen verscherzen. So etwa bei der Atomenergie. Als es der Kernkraft gut ging, als man noch voller Hoffnung war, die drängenden Probleme wenn nicht heute so doch bald lösen zu können, da brachte man allerlei Regelungen auf den Weg, die sicherstellen sollten, dass es keine Katastrophen gibt. Sie kamen trotzdem.

Und da die Radioaktivität nicht verschwinden will und zu viele Menschen mit Geigerzählern herumlaufen, hat man in Japan schlicht und einfach die Grenzwerte heraufgesetzt. Das Problem ist gelöst. Wo kein Grenzwert überschritten ist, ist kein Handlungsbedarf. Gleichzeitig wurden viele Dokumente zur Geheimsache erklärt einschließlich der Liste aller Geheimdokumente. Das erspart allen das unnötige Nachfragen.

Eigentlich eine sehr kluge Regelung. In Europa würde so etwas allerdings zu viel Widerspruch erzeugen. Also macht man es wie Volkswagen. Man dokumentiert zum Beispiel Prüfungen an einem Kernkraftwerk, die nie stattgefunden haben, obwohl sie vorgeschrieben sind. Den Verwaltern war damit Genüge getan.

Den Rest erledigen wie immer Gesetze, Regelungen und sonstige Vorschriften. Wir dekretieren einfach die Reduktion der CO2-Emissionen. Dann erledigt sich das Klima von selbst. Die nötigen Zahlen liefert das Ministerium, weil es selbstverständlich dazu verpflichtet ist. Das genügt.

Was die Elektroherrscher noch umtreibt, ist die Frage, woher eigentlich die Menschen herausfinden konnten, dass etwas mit der Ordnung nicht stimmt. Wie kann man von dokumentierten Prüfungen wissen, dass es sie nicht gab? Eigentlich gänzlich unmöglich. Und warum hat die Regierung dennoch den Papieren keinen Glauben geschenkt und dem Konzern stattdessen den Betrieb des Kraftwerks untersagt?

Warum um Himmels Willen will die Wirklichkeit nicht sein, wie wir sie haben wollen?



Marcus Kracht, 2016-7-10