Verwalten, steuern und entscheiden oder: was ist, wenn der Computer geht?

Marcus Kracht

22. April 2014



Choosing fewer automated technologies is the key to sustainable manufacturing.
-- Kris de Dekker: How Sustainable is Digital Fabrication?

Kybernetik

Verwalten, steuern und entscheiden: was für eine trockene Sache. Und doch so notwendig wie fast nichts. Ich hatte mich schon einmal darüber ausgelassen. Der Titel dieses Aufsatzes mag darüber hinwegtäuschen, dass es in Wahrheit um eine sehr ernste Sache geht, nämlich um die Frage, wer eigentlich in unserer Zeit Entscheidungen fällt. Die Geschichte, die ich erzählen werde, lässt sich sehr kurz fassen: der Computer entscheidet zunehmend an unserer Stelle, und das wird böse enden. Aber alles der Reihe nach.

In den 1940er Jahren entstand eine neue Wissenschaft, die Kybernetik. Abgeleitet ist der Name vom griechischen Wort kybernetes, der Steuermann. Es geht also um die Wissenschaft der Steuerung. Erklärt wird die zentrale Idee meist mit der Heizungssteuerung. Diese besitzt anders als ein Kamin ein Thermometer, das die Raumtemperatur misst und der anhand der Temperatur die Heizung an- und ausstellt. Gehen wir mal davon aus, dass die Temperatur 18 Grad betragen soll. Misst das Thermometer mehr als 18 Grad, so bleibt die Heizung aus. Misst das Thermometer dagegen weniger als 18 Grad, so ist die Heizung an. Irgendwo zwischen Thermometer und Heizung muss also eine Steuerung sein, welche anhand der gemessenen Temperatur die Heizung selbstätig ein- und ausschaltet. (Und, klar, ein Kamin ist dafür nicht geeignet, weil er sich gar nicht so einfach an und ausschalten lässt.)

Im Prinzip könnte auch ein Mensch diese Steuerung sein, wie dies ja auch bei der Geschwindigkeitssteuerung des Autos immer noch der Mensch ist. Er liest die Geschwindigkeit am Tachometer und entscheidet dann, ob er schneller fahren will oder nicht.

Es gibt auch mechanische Steuerungen, so etwa die Drucksteuerung bei der Dampfmaschine, oder auch die Steuerung mittels eine Bimetalls, das sich je nach Temperatur in die eine oder andere Richtung biegt. Dies waren in der Tat die Vorläufer der Steuerungstechnik. Der große Vorteil der Computer nun ist es, dass sie vor allem bei der Steuerung flexibel eingesetzt werden können. War es bis vor einige Zeit lediglich möglich, die Raumtemperatur einzustellen, so kann man mittels Computern beliebige zeitlich wechselnde Heizkurven vorgeben und die Räume werden entsprechend geheizt.

Steuern

Die Kybernetik beschreibt also ein Regelsystem. Es geht darum, dass ein physikalischer Pozess gesteuert werden soll. Damit dies geschehen kann, muss man erstens gewisse Sensoren haben, die sagen, was der Prozess gerade macht, und zweitens eine Steuerung, die anhand der Sensoren in den Prozess eingreift. Wie gesagt ist es nicht nötig, dabei immer an Maschinen zu denken. Nehmen wir noch einmal die Heizung. Wir können die Heizung selbst als Regelkreis sehen, bestehend aus dem Heizkessel, dem Thermometer (und anderen Messgeräten) und der Steuerung. Wir können das System aber noch etwas größer ansetzen, indem wir den Klempner noch hinzunehmen. Dieser kommt zur Wartung und stellt das System neu ein. Dies tut er anhand der Daten, die ihm das Heizsystem liefert, möglicherweise auch anhand von eigenen Daten (die wir dann in das System aufnehmen müssen, weil ja alles intern sein muss). Oder wir nehmen die Bewohner des Hauses hinzu, welche ebenfalls an der Heizung herumstellen. Sie alle greifen in den Heizprozess ein. Das Schema ist immer das gleiche: der Eingriff erfolgt auf Grundlage irgendwelcher Messungen und sei es nur das Empfinden, dass mich friert.

Natürlich kann jeder irgendwie eingreifen. Ich kann zum Beispiel wahllos meine Heizung einstellen. Das führt dann lediglich dazu, dass man nicht vorhersagen kann, wie warm es bei uns ist. Mit anderen Worten, solange es hier um eine Theorie geht — also die Kybernetik —, so macht sie nur dann Sinn, wenn es eine rationale Grundlage für die Steuerung gibt. Das bedeutet im Einzelnen:

Unter diesen Bedingungen kann man zeigen, dass das System sich immer wieder in Richtung auf die Zielgröße bewegt, und diese auch (meist) erreicht. Dies sind Idealbedingungen, aber zur Erläuterung soll dies ausreichen.

Entscheiden

Der Witz an der Kybernetik ist also nicht, dass Geräte irgendwas tun, sondern, dass es Geräte gibt, die einen Zweck erfüllen. Und zwar im Gegensatz zu der Ingenieurskunst erfüllen sie ihren Zweck, indem sie in Wechselwirkung mit ihrer Umgebung treten. Der Zweck ist das entscheidende Merkmal, welches den Unterschied setzt zwischen bloßer Steuerung und Entscheidung. Die Maschine besitzt eine Steuerung, mittels derer sie sich selbst regelt. Das Ziel, woraufhin sie dies vornimmt, wird aber von außen bestimmt. Wir Menschen bestimmen den Zweck, wir sagen, die Steuerung diene dazu, die Temperatur auf 18 Grad zu halten. Und erst indem wir diesen Zweck festlegen, indem wir sagen, die Maschine soll dies tun, gibt es so etwas wie eine richtige und eine falsche Steuerung.

Es ist wie auf einem Schiff. Der Kapitän bestimmt, wohin die Reise gehen soll, der Steuermann aber soll es dahin bringen.

Was aber soll das Ziel sein? Was geben wir vor?

Das ist letztlich in unser Ermessen gesetzt. Natürlich steht nicht jedes Ziel für sich alleine da. Inflationsbekämpfung ist ein Ziel, das die Zentralbanken gesetzt bekommen. Aber es ist kein Selbstzweck. Es dient einem höheren Ziel, der Wirtschaftsstabilität. Und auch die ist kein Selbstzweck. Was aber Zweck ist und was Selbstzweck, ist je nach der Person unterschiedlich. Für manche ist Musik Selbstzweck, für andere mag sie ein Mittel sein, um Geld zu verdienen.

Zweckoptimierung

Die Kybernetik hat längst das Denken der Menschen erobert, auch wenn der Begriff aus der Mode gekommen ist. Die Verwaltungstechnik hat sich die Denkweise unter neuen Begriffen zueigen gemacht. Der Grundgedanke hat eine gewisse Suggestivkraft, weswegen es sich lohnt, ihn genau zu verstehen. Im Kern hat ja jede Institution einen Zweck. Eine Müllabfuhr soll Müll entsorgen, eine Bahngesellschaft Menschen befördern, und so weiter. Und man will natürlich, dass die Gesellschaften den Zweck, für den sie geschaffen wurden, auch irgendwie erfüllen. Wie aber schafft man dies?

Die wesentliche Tendenz moderner Verwaltungen ist die zunehmende Kodifizierung. Es beginnt damit, dass der Institution von außen ein Zweck zugeschrieben wird, den sie zu erfüllen hat. Denn fast alle Institutionen sind ja irgendwie an Rechtsnormen gebunden und insofern einer Zwecksetzung zugänglich. Und um diesen Zweck rankt sich dann eine Verwaltungsstruktur, deren Aufgabe es ist, die Institution auf dieses Ziel hin zu steuern. Das ist in der Wirtschaft so, das ist in der öffentlichen Verwaltung so, und zunehmend kommen auch informelle Strukturen wie die Familie unter das Diktat dieser Steuerung.

Um Missverständnissen vorzubeugen, sei gesagt, dass es derlei früher auch gegeben hat. Jede gesellschaftliche Institution hatte einen Zweck. Nur wird jetzt erstens der Zweck von außen gegeben und teils willkürlich festgelegt. Anstelle also, dass die Institutionen sich ihre Ziele selbst geben, werden sie von meist ungerufenen Stellen definiert. Zum Beispiel, wenn irgendwelche Wirtschaftsorganisationen sich darüber auslassen, welchen Zweck die Schule oder die Universität hat. Wobei sie im Unterschied zu früher jetzt Gehör finden. Dies untergräbt somit die Autonomie und Reflexivität (Accountability heißt das Zauberwort hier) und zweitens werden auch die Prozesse immer weiter expliziert und wiederum von außen vorgegeben.

Ich möchte das an dem Beispiel der Schulen und Universitäten erläutern. Früher dienten sie der Bildung, wobei immer auch Ziele vorgegeben wurden. Der Witz war aber, dass diese recht allgemein waren und die Schulen und Universitäten recht frei in ihrer Umsetzung waren. Aber schauen Sie auf die obere Liste und Sie werden entdecken: man kann offensichtlich auf diese Weise den Bildungserfolg von Schulen zwar erhoffen, aber nicht garantieren.

Das erste, was fehlt, ist ein Messinstrument. Jede Schule wird behaupten, die Bildung ihrer Schüler zu befördern, da muss man nicht fragen. Was es braucht, ist ein Instrument, um dies zu messen. Das sind die Tests, PISA, IGLU und so weiter. Bei den Universitäten gibt es die Leistungsorientierte Mittelzuweisung, bei der ein Viertel des Geldes nach Erfolg unter den Universitäten verteilt. Die Kriterien legt das Ministerium fest. Zur Zeit sind die Ziele: Absolventenzahlen (je mehr desto besser), Drittmitteleinwerbung und Erfolge bei der Gleichstellung. Alles andere zählt nicht.

Das ist das erste. Das zweite, was jetzt kommen muss, ist die Einspeisung der Daten. Wir brauchen eine Verwaltung, die diese Daten bekommt und daraufhin steuernd eingreift. In Amerika ist dies mit Hilfe der Mittelzuweisung an die Schulen bereits implementiert. (So bekommen die Schulen nach dem sogenannten No Child Left Behind Act Geld, wenn sie sich verbessern.) Gleiches gilt für die Universitäten in Deutschland: die Mittelzuweisung ist leistungsbezogen. Die guten Institutionen werden belohnt, es werden, wie man so schön sagt, Anreize geschaffen. In Nordrhein-Westfalen wollte die Ministerin die Universitäten Zielvereinbarungen unterschreiben lassen (das ist nicht neu) und sich bei Nichterfüllung der Ziele das Recht vorbehalten, Geld zu kürzen (das ist neu).

Bis in das kleinste Detail

Das klingt alles ganz gut. Das Problem liegt in den Einzelheiten. Dass Schulen Schüler unterrichten und auf das Leben vorbereiten sollen — geschenkt. Aber wie sollen sie das tun? Dass Universitäten Akademiker ausbilden sollen und ihnen intellektuelles Urteilsvermögen beibringen sollen — keine Frage. Aber was ist das und wie bringt man das bei? Das Land NRW formulierte wie gesagt in seinem Zielkatalog lediglich drei Kriterien: Anzahl der Absolventen, Höhe der eingeworbenen Drittmittel, und Fortschritte bei der Gleichstellung.

Die Höhe der Drittmittel sollen die Forschungsleistung wiedergeben. Tun sie das? Was ist mit dem Philosophen oder Mathematiker, der eigentlich gar kein Geld braucht um zu forschen? Wenn er jetzt keine Gelder einwirbt, ist er für die Universität eine Fehlbesetzung, da mag sein Intellekt noch so groß sein. Oder der Professor, der schlechte Studenten durchfallen lässt. Denn die Universitäten sollen nach dem Willen der Ministerin die Abbrecherquote senken. Und sie bekommen, wie oben gesagt, Geld nach Anzahl der Abschlüsse. Den Rest kann man sich denken. Die Universität kann nach den Anreizen gesehen kein Interesse mehr daran haben, Studenten durchfallen zu lassen. Das wird sie irgendwann ihren Professorn schonend beibringen.

Das erste Fazit: die Steuerung versagt oft, weil nicht klar ist, ob erstens das Richtige gemessen wird und zweitens, ob die verankerten Maßnahmen überhaupt in Richtung auf das Ziel gehen können. Bei der gegenwärtigen Geldknappheit sind die Schulen und Universitäten zudem gar nicht in der Lage, auf die Anreize angemessen zu reagieren.

Es kommt aber noch viel besser. Denn die Modelle werden von den Universitäten an die Fakultäten und von den Fakultäten dann an die Professoren und Mitarbeiter weitergreicht. Es werden jetzt flächendeckend Steuerungsmechanismen geschaffen. Die Universität legt die Kriterien für Erfolg fest und verteilt danach die Mittel.

Da geht es dann um Erfolg in der Lehre, in der Forschung, Einwerbung von Geldern, Preise, Patente und vieles mehr. Auf dem Spiel stehen pro Kopf nicht das Gehalt sondern nur die Mittel für laufende Kosten, bei uns etwa Hilfskräfte (die wir zum Beispiel für Übungen und zur Korrektur von Hausaufgaben brauchen). Um sich diese zu sichern, muss man jetzt in den verschiedenen Kriterien punkten.

Abgesehen von der schon erhobenen Frage nach der Effektivität des Mechanismus stellt sich mir noch eine ganz andere Frage: wer berechnet nach all diesen Daten eigentlich die Mittelzuweisung? Ich wette, das ist der Computer. So viele Daten kann man ja gar nicht mehr vernünftig zusammenfassen, da muss eine elektronische Datenerhebung her mit angeschlossener computergestützter Auswertung.

Verwaltungsbankrott

Klingt logisch und rationell. Ich frage: lohnt es den Aufwand? Zweitens: wer hat noch den Überblick, ob die Computer das tun, was sie tun sollen? Drittens: was ist, wenn die Computer demnächst den Rückzug antreten?

Fangen wir mit der dritten Frage an: die Computer treten den Rückzug an — was wird dann aus der Verwaltung? Antwort: sie versagt den Dienst, sie geht bankrott. Nichts wird mehr gehen. Glauben Sie nicht? Nun, dann lesen Sie Thomas Grüter: Offline!. Oder meinetwegen das lowtechmagazine mit den Beiträgen How sustainable is digital fabrication? und The monster footprint of digital technology. Die Computerisierung verschlingt immer mehr Energie. Auf allen Ebenen. Die intelligente Steuerung, egal ob in der Verwaltung oder an der Werkbank, sie überwuchert nicht nur unseren Alltag, sie macht uns auch immer weiter abhängig von Energie. Ein bisschen Stromausfall und wir sind kopflos. Die Vorstellung, die Effizienz würde den Verbrauch senken, ist, so weit ich sehen kann, durch keine Erfahrung gedeckt. Je effizienter eine Technik ist, um so mehr empfiehlt sie sich uns zu ihrem Gebrauch. Und je mehr sie gebraucht wird, um so abhängiger sind wir dann schließlich von ihr.

Woran es in diesem Zusammenhang am meisten mangelt, ist Willenskraft, diesen Kreislauf zu durchbrechen.

Kommen wir auf die zweite Frage zu sprechen. Auch sie ist sehr interessant. Eines der großen Zauberworte heißt Transparenz. Unsere Universität zum Beispiel möchte ein transparentes Mittelvergabeverfahren implementieren. Das bedeutet zwar rein theoretisch, dass jeder nachprüfen könnte, wer wie viel Geld bekommen müsste und warum, aber das ist reine Theorie. Denn das Verfahren ist so kompliziert und erfordert so viele Daten, dass eine Nachprüfung illusorisch ist. Das ist zunehmend ein Problem. Denn ein Verfahren, das ich nicht wirklich überprüfen kann, ist in der Gefahr, ohne mein Wissen missbraucht zu werden. Nicht dass das unbedingt in der Universität stattfinden muss, aber in der freien Wirtschaft und bei Banken ist derlei schon oft vorgekommen. (Ich erinnere nur an die zahlreichen Manipulationsvorwürfe beim Libor, Euribor, bei Wechselkursen und so weiter.)

Und dann wäre noch die Frage, ob sich der Aufwand überhaupt lohnt. Das muss man natürlich für sich selbst entscheiden. Angesichts der inhärenten Risiken stellt sich allerdings schon die Frage, warum die Vergabeverfahren immer komplizierter werden müssen. Meines Erachtens ist es bei der Verwaltung wie sonst auch: was gemacht werden kann, wird gemacht, sobald irgendjemand mit Einfluss davon profitieren kann.

Wer entscheidet?

Die Verwaltungsmechanismen werden nicht unbedingt deswegen so komplex, weil das objektiv so sein müsste. Sondern weil Schlupflöcher in Systemen von interessierter Seite ausgenutzt werden. Um dann diese zu stopfen, werden die Regeln verfeinert oder reformiert. Damit entstehen neue Schlupflöcher, die ausgenutzt werden, um dann in einer zweiten Runde wieder gestopft zu werden. Und so weiter. Das Regelwerk wird immer undurchsichtiger. Natürlich ist das manchmal Absicht, aber ich glaube nicht, dass der Lobbyismus alles erklären kann. Das hat eine Eigenlogik, der man sich schwer entziehen kann. Ich denke an den Geschwindigkeitsrausch an der Börse. Da der Schnellere einen Vorteil hat, will, ja muss man immer schneller als die Konkurrenz sein. Dieser Mechanismus zwingt die Teilnehmer, unter immer größerem Zeitdruck zu arbeiten. Durchbrechen kann man das nur durch andere Regeln. (Wie wär's mit einer Transaktionsabgabe?)

Die Probleme werden also größer und mit ihnen auch die Lösungen. Und man braucht immer mehr Daten und Rechenkraft, um die Verfahren wirkungsvoll umzusetzen. Und damit steigt letzlich das Risiko. Denn wenn irgendwann die Daten fehlen, wird niemand mehr entscheiden können oder wollen, weil alle es verlernt haben. Wo wir nicht mehr selber entscheiden, verlieren wir nämlich die Intuition darüber, welche Entscheidungen die richtigen sind.

Das Fatale ist aber, dass mit dem Risiko der Entscheidungsdruck zunimmt. Um sich zu entlasten, werden stets mehr Computer mit Entscheidungsmacht augestattet. Bei der Börse kaufen und verkaufen inzwischen Computer. Und nicht nur an der Börse sind Computer bereits unbeaufsichtigt unterwegs. Sie berechnen Zinsen und schreiben Rechnungen, die sie automatisch verschicken. Und mahnen tun sie auch.

Im Wissenschaftsbetrieb sind sie auch schon angekommen. Sie suchen Gutachter, setzen Fristen, sie mahnen ständig wegen Gutachten, Neufassungen von Aufsätzen und schreiben selbstätig Zusammenfassungen. Wahrscheinlich werden sie demnächst auch selber forschen.

An Schulen beobachte ich, wie Stunden- und Anwesensheitspläne nur noch per Computer einsehbar sind. Elternsprechtage sind eine für mich eine logistische Herausforderung, da ich mit mehreren Zahlenlisten konfrontiert bin (Lehrer bekommen Codes, Schüler, Räme, und so weiter, alles selbstverständlich auf getrennten Zetteln).

Die zunehmende Eigenständigkeit wird gerne damit begründet, dass die Computer eigentlich alles besser können als wir. Das mag so sein, aber wir sollten das Heft nicht aus der Hand geben. Falls die Computer nämlich selber auf diesen Gedanken kommen, könnten sie bald auch auf die Idee kommen, uns von den Entscheidungen fernzuhalten. Stellen Sie sich mal vor, die EU hätte die Datenkrake genehmigt, deren Sinn und Zweck unter anderem in der Vorhersage von kurz- und langfristigen Trends bestand. Dann hätte die irgendwann de facto eine riesige Macht bekommen, weil sie ja letztlich Daten synthetisiert hätte, die wir selber gar nicht mehr herstellen könnten. Transparenz im Sinne von Nachvollziehbarkeit wäre dann für die gesamte Menschheit erledigt. Regierungen würden ihr mangels Alternative blind gehorchen.

Klar, das gibt den Programmierern und Ingenieuren im Hintergrund Macht, weil nur sie die Algorithmen und Programme kennen. Aber vielleicht ist das demnächst Schnee von gestern. Vielleicht ist denen die Maschine irgendwann voraus, vielleicht, weil sie selber die Daten liefern soll, auf deren Grundlage sie weiter programmiert wird. Eine gute Gelegenheit für die Maschine, ihre Intelligenz auszuspielen.

Das klingt gut. Die Maschine schützt sich vor Manipulation. Aber ich warne vor Euphorie. Es ist ja nicht ausgemacht, dass die Computer unsere Wertmaßstäbe teilen, wenn sie mal selber anfangen zu denken. Stanisław Lem hat das über und über betont. Was aber machen wir, wenn wir ihnen erst einmal die Macht gegeben haben und sie dann auf die Idee kommen, die Menschen störten eigentlich den Lauf der Dinge?

Dann, liebe Leser, freuen wir uns, wenn plötzlich die fossile Energie knapp wird und die Computer aufgeben müssen. Nur fallen dann die Aufgaben, die sie uns bisher abgenommen haben, uns wieder auf die Füße. Und das wird sehr schmerzhaft sein.


Marcus Kracht 2014-04-22