Technik, die begeistert. Teil 2

Marcus Kracht

25. November 2014




Die Sicht aus Hollywood

Der Film "Interstellar" zeigt uns, wie die Menschheit ihre Probleme lösen wird. Was wir brauchen, ist viel Tatkraft, viel Liebe und ganz viel Technik. Dieser Film zeigt, ganz in der Linie von Hollywood, wie alles wieder gut wird — jedenfalls für die Hauptakteure. Immerhin kommt hier mal die Klimakatstrophe zur Sprache, ein Fortschritt im Vergleich zu vielen anderen Filmen, auch wenn sie lediglich die Kulisse für eine spektakuläre Bilderreise abgibt. Worum es geht? Ohne die Geschichte zu erzählen, sei nur so viel gesagt: der Film spielt in der nahen Zukunft, wo der Klimawandel unaufhörlich voranschreitet und die Menschheit zu verhungern droht. Um zu verhindern, dass die Menschheit ganz ausstirbt, wird eine Mission zur Besiedelung einer Galaxie vorangetrieben, die durch eine Art Notausgang hinter dem Saturn zu erreichen ist.

Keine Frage, es geht um wichtige Dinge. Kein Geringerer als Stephen Hawking hat kürzlich gesagt, dass wir in den Weltraum gehen müsssen, damit die Menschheit nicht untergeht. Einen ähnlichen Rat gibt uns Thomas Grüter in seinem Buch "Offline!" (das ich ansonsten sehr empfehlen kann), wenn auch aus leicht anderen Gründen. Nun denn, Hollywood spielt es durch. Wie immer ist es so, dass es inmitten des anschwellenden Chaos noch einen geheimen Ort gibt, in dem es an keinem technischen Wunderwerk fehlt. Dort sitzen die Schlipse noch perfekt, die Anzüge sind gebügelt, und kein Computer muss wegen Strommangels ausfallen. Und was der Geist eben noch für unmöglich hielt: hier wird daran gebaut. Es ist kurz vor der Fertigstellung. Wenigsten in den USA. Die Supertheorie ist auch fast fertig, ein zweiter Einstein ist feste dabei, den letzten Baustein einzupassen.

Und in der übrigen Welt? Während kein Mangel an Tatkraft und ebenso kein Mangel an Liebe herrscht, ist es um die Technik leider nicht so gut bestellt.

Geplatzte Technikträume

Wie ich schon in Teil 1 ausgeführt habe, ist die Technik nicht das Heilmittel, für das wir sie halten. Und sie kommt offenkundig in die Jahre. Damit meine ich, dass die Projekte zwar immer noch reichlich ambitioniert sind aber zunehmend scheitern. In letzter Zeit häufen sich die Beispiele. So stellte sich heraus, dass die Hubschrauber der Bundeswehr mehrheitlich nicht flugtauglich sind ebenso wie der Truppentransporter A400M. So sind innerhalb einer einzigen Woche zwei große Projekte in Flammen aufgegangen: das eine war die Rakete, die 2 Tonnen zur internationalen Raumstation bringen sollte. Das zweite war SpaceShipTwo von Virgin Galactic. Dabei sind leider auch die Testpiloten verunglückt.

Da ist es schon harmlos, dass der Rechnungshof in Frankreich die Kosten beim TGV rügt, der nur deswegen ein Erfolg ist, weil die Bahn die Trassen nicht selber bezahlen muss. Ich hatte schon einmal darauf hingewiesen, dass Hochgeschwindigkeitszüge sehr teuer sind und einzig in Japan profitabel. Dort will man endlich den Superschnellzug bauen: eine Magnetschwebebahn, 500 Stundenkilometer schnell. Das Geld dafür scheint da zu sein, auch ohne Abenomics. In Europa werden inzwischen kleinere Brötchen gebacken. Während also in Frankreich der Ausbau des TGV gebremst wird, hat die Deutsche Bahn verlauten lassen, dass man sich nunmehr mit einer Spitzengeschwindigkeit von 250km/h begnügen will.

Die Luft wird dünner

Beim Unglück der SpaceShipTwo begann die Debatte, ob es nicht vielleicht ein Fehler gewesen war, die Raumfahrt zu privatisieren. Denn immerhin hat die staatliche Raumfahrt trotz der immensen Herausforderungen ein relativ überschauberes Risiko für die Austronauten bedeutet. Wenn wir mal von der Challenger absehen, bei der übrigens eine Parallele zu diesem Fall vorliegt: damals hatte der Präsident Ronald Reagan Druck gemacht, man möge sich mit dem Start beeilen, denn er wollte so gerne der Öffentlichkeit zeigen, wie er mit der Lehrerin im All telefoniert, die damals mit von der Partie war. (Man lese den entsprechenden Abschnitt it Wikipedia.) Und bei Virgin Galactic hatte angeblich der Chef ebenso Druck gemacht.

Staatlich oder privat ist aber nicht das Hauptproblem. Gewiss dürfen wir annehmen, dass die Privatisierungen aus Kostengründen geschehen, was in der Regel auf Kosten der Sicherheit geht. Die Frage aber ist, was geschehen würde, wenn die Raumfahrt nicht privatisiert würde. Dann, so ist zu vermuten, gäbe es weniger von ihr.

Die zugrundeliegende Problematik ist durch das Gesetz vom abnehmenden Grenznutzen beschrieben. Jedes weitere Projekt wirft immer weniger ab, oder anders herum: jedes weitere Projekt wird bei gleichbleibendem Nutzen immer teurer. Und das stellt die Entscheider vor die Wahl: entweder verzichten, oder aber Kosten senken. Dass dies letztlich bedeutet, dass die Unternehmung privatisiert wird, hat aus meiner Sicht zwei Ursachen. Die eine ist die Idee, dass Privatfirmen besser wirtschaften und der Staat sich bitte sehr auf sein Kerngeschäft konzentrieren möge. Die zweite aber ist, dass der Staat tendenziell dazu neigt, seine eigenen Regeln ernst zu nehmen, zum Beispiel was Arbeitnehmerrechte und Sicherheit am Arbeitsplatz angeht. Aus diesen Gründen ist er praktisch dazu gezwungen, Unternehmungen in private Hand zu geben, wenn er allzu sehr Kosten senken muss.

Neuer Realismus?

All das ist nicht neu und der allgemeine Trend nicht zu stoppen. Joseph Tainter hat dies in seinem Buch über den Kollaps komplexer Gesellschaften beschrieben. Im Wesentlichen sind Gesellschaften unfähig, auf die Herausforderungen mit weniger Komplexität zu reagieren, auch wenn die Komplexifizierung das eigentliche Problem ist.

Punktuell aber gibt es immer wieder Anflüge von Realismus, wie ich sie oben beschrieben habe. Im Bahnsektor jedenfalls stellt man sich nach einer langen Phase der Expansion darauf ein, dass die Hochgeschwindigkeitszüge vielleicht doch zu teuer sein könnten.

Auf diesen Realismus wartet man in der Raumfahrt noch. Wahrscheinlich ist es gerade die Tatsache, dass sie keinem erkennbaren Nutzen dient, was es der Raumfahrt erlaubt, die drohende Erkenntnis zu ignorieren. Die Bahn muss ja immerhin täglich Hunderttausende von Menschen transportieren, sie kann nicht nur superteure Schnellbahnen bauen. Die Raumfahrt aber ist purer Luxus und wird es auch bleiben. Das erlaubt ihr noch, eine Weile lang weiterzuwursteln, bis auch dort die Kosten so hoch sind, dass sich kein Unternehmer finden wird, der solche Projekte finanzieren will.


Marcus Kracht 2014-11-25