Technik, die begeistert

Marcus Kracht

20. April 2013




Technikträume

In unserer Jugend war die Technikbegeisterung grenzenlos. Jede Neuerung musste erst einmal bestaunt und diskutiert werden. Die Funkausstellung in Berlin lieferte jedes Jahr neue aufregende Dinge. Damals war vor allem Klang wichtig. HiFi-Anlagen, Stereo- und Quadrophonie, dafür legten die Menschen sehr viel Geld hin. (Da wir nicht so viel hatten, beließen wir es beim Anschauen und Herumspielen an den Ausstellungsstücken.) Bild der Wissenschaft oder später Scientific American waren voll von spannenden Dingen, die es in naher Zukunft geben würde: Kernfusion, Magnetschwebebahn, Marslandung, Hochgeschwindigkeitszüge, Raumgleiter, Bildtelefone und vieles mehr. Und dann kamen auch noch die ersten Computer für den Hausgebrauch. Danach gab es kein Halten mehr: wir mussten natürlich auch welche haben und mit ihnen progammieren.

Die Computer war neben den Hochgeschwindigkeitszügen das Erste in dieser Liste von Dingen, das verwirklicht wurde. Er hat unser Leben gehörig umgekrempelt. So sehr, dass es selbst für Zukunftsforscher unmöglich war, die Entwicklungen vorherzusehen. Aber das ist eigentlich normal. Das Leben war jedenfalls für alle diejenigen, die sich für Technik begeistern konnten, ein wahres Paradies geworden. Immer mehr und bessere Computer kamen auf den Markt, immer schneller konnten sie rechnen, immer mehr Alltagsgeräte wurden mit Hilfe des Computers aufgemotzt, sodass sie inzwischen alles mögliche andere auch können. Man denke mal daran, was das eigene Handy außer Telefonieren noch so alles kann (erinnert sich noch wer an die grauen Posttelefone, mit nichts außer einem Hörer und einer Wählscheibe??); von Kühlschränken mit eingebauten Fernsehern mal zu schweigen.

Da wurden plötzlich Haushaltsgeräte intelligent und inzwischen sogar das ganze Haus. Da wurde das Auto mit so viel Software vollgestopft, dass ein Flugzeug schon lächerlich einfach wirkt. Keine Steuerung ist heutzutage noch mechanisch. Überall redet Genosse Computer ein wichtiges Wort mit. Er steuert heute Flugzeuge die meiste Zeit alleine. Nur bei Starts und Landung verlässt sich der Pilot lieber auf sich selbst. Es gab und gibt immer wieder Experimente mit fahrerlosen Zügen (viele Flughafenzubringer arbeiten zum Beispiel vollautomatisch).

Neben Technikträumen hat es natürlich auch Phantastereien gegeben, von denen einige sogar Wirklichkeit geworden sind oder noch drohen zu werden. So lassen sich manche einfrieren oder hoffen, durch genetische Umkodierung bei sich Krankheiten zu heilen oder einfach nur den Körper besser zu machen, als er ist.

Der Titan humpelt

So langsam aber stellt sich Ernüchterung ein. Was uns da seit einigen Jahren geliefert wird, entspricht nicht mehr ganz unseren Träumen. Da gibt es

Von den vielen Problemen mit Internetanwendungen und ihren Sicherheitslücken will ich gar nicht reden. Und dann gibt es eine ganze Reihe von Dingen, die es leider noch immer nicht gibt:

Damit wir uns nicht missverstehen: Mangelware hat es immer schon gegeben und Probleme mit der Technik sind keineswegs neu. Als die Computer Einzug hielten, da konnte es schon mal vorkommen, dass man eine halbe Stunde im Reisebüro verbrachte und alle anderen mit einem, weil die Leitung zum Zentralrechner zusammengebrochen war. Computerabstürze waren ziemlich häufig. Auch Autos gingen gerne mal irgendwo kaputt und mussten für teures Geld repariert werden.

Was also ist neu?

Neu ist, dass die Dinge, die wir da haben, meist nicht zu reparieren sind. Und dass die Technik derart verbreitet ist, dass ohne sie nichts mehr geht. Wenn der Laptop versagt, sind die meisten Menschen ohne Beschäftigung. Die Fehler sind vielleicht nicht häufiger, aber ihre Folgen sind inzwischen potenziert. Das ist wohl immer so: am Anfang hat die Technik "Kinderkrankheiten", die man so langsam überwindet. Mit fortschreitender Zeit wird die Technik dann immer zuverlässiger. Heraus kommt bei diesem Prozess stets eine Technik, auf die man sich letztendlich verlassen kann. Dann aber verlässt man sich auch sehr gerne auf sie.

Den Bogen überspannt

Daneben gibt es aber eine andere Entwicklung, die uns Sorgen bereiten muss. Denn die Entwicklungszeiten werden insbesondere bei Unternehmen gerne knapp kalkuliert. So knapp, dass ein Produkt schon gar nicht mehr zu haben ist, wenn es endlich den Praxistest überstanden hat. Und weil ständig alles umgeworfen und neu designed wird, weil ständig die Firma reoganisiert und verschlankt wird, nimmt die Sorgfalt allmählich ab. Das ist irgendwie zwangsläufig. Qualität geht nicht im Eiltempo.

Und es ist auch nicht so, dass Produkte unbedingt auf dem Markt bleiben, wenn sie sich bewähren. Wie gesagt, manche werden vom Markt genommen, ohne dass letztlich gefragt wurde, was sie den Kunden gebracht haben. Es wird stets vorausgesetzt, dass neue Ware anders sein muss; wobei anders irgendwie als Synonym für besser zu gelten hat.

Dies ist nicht einfach nur Schuld der Unternehmen oder des Kapitalismus. Computer helfen im Prinzip bei vielem, etwa der Rechtschreibkorrektur oder beim Verwalten von komplizierten Daten. Trotzdem werden die geschriebenen Texte immer lausiger, trotzdem bekommt man Briefe und Dokumente, in denen es von unbekannten Abkürzungen nur so wimmelt, obwohl deren Auflösung der Computer übernehmen könnte. (So sind die Schul- oder Unterrichtspläne unserer Kinder oder die Besuchspläne beim Elternsprechtag derartig verklausuliert, dass man sehr viel Geduld und Zeit mitbringen muss, um sie erfolgreich zu entziffern.) Desgleichen Ämter, bei denen man stets haufenweise Nummern parat haben muss. Auch die Software, die uns unsere Universität bereitstellt, ist von gleichbleibend schlechter Qualität, egal wer sie macht.

Das ist nicht lustig. Ernst wird es aber dann, wenn diese Art von Problemen bei Flugzeugen auftauchen, bei Kraftwerken oder Medikamenten.

Natürlich kann man jetzt mit der Detailanalyse anfangen. Jedes Problem hat schließlich seine ganz eigene Geschichte und wäre so nicht aufgetreten, wenn nicht an irgendeiner Stelle irgendjemand etwas ganz wichtiges falsch gemacht hätte. Aber hat dieser jemand vorher gewusst, dass er im Begriff ist, etwas zu übersehen? Wie kann man solcherlei Fehler denn nun vermeiden? Hinterher sind wir immer schlauer. So, wie in der Mathematik der gelungene Beweis manchmal ziemlich banal erscheint, nur hat man ihn halt vorher nicht gefunden.

Aber die Probleme häufen sich derart, dass man sagen muss, es liegt wohl eher an etwas anderem. Daran, dass niemand mehr genug Zeit und Mittel bekommt, um seine Sache ordentlich zu machen. Zeit ist wesentlich. Und es ist auch wichtig, dass Dinge mehrfach geprüft werden, bevor sie an die Öffentlichkeit gehen. Aber dies ist es genau, was durch den Rost fällt. An der Universität kann man alle möglichen neue Techniken zum Umgang mit anderen oder einem selbst lernen: Zeitmanagement oder neue Medien zum Beispiel. Wer dort den Verantwortlichen sagt, dass vielleicht mal etwas weniger Ausschüsse, weniger Lehrverpflichtung genau die Lösung wäre, erntet Ratlosigkeit. Wer dies dem Rest der Bevölkerung sagt, erntet Spott. Sie sagen: Warum soll ein Professor oder Lehrer mehr Zeit haben als wir in der Wirtschaft? Dabei wissen alle, dass der Arbeitstakt in der Wirtschaft eben auch nicht besser ist und genau diese Art von Schlampigkeit erst erzeugt. Zur Bewältigung der Probleme bekommen wir dann Hilfsmittel an die Hand, wie wir mit der Entwicklung Schritt halten können, nicht sie mit uns. Und da es immer schneller geht, kann sich doch jeder selbst ausrechnen, dass irgendwann all das Zeitgemanage nichts mehr nützt. Wir schaffen es nicht mehr, jedenfalls nicht in dieser Qualität. Um die Ziele zu erfüllen, wird die Butter eben dünner gestrichen.

Der Bogen ist so langsam überspannt.

Endstation

Allerdings hetzen wir angestrengt in die falsche Richtung. Der Glaube an die nächste Innovation oder daran, irgendein Zaubermittel würde unsere Arbeitsproduktivität magisch erhöhen können, ist noch nicht verflogen. Aber irgendwann in nächster Zukunft wird das offizielle Eingeständnis kommen, dass es nicht mehr auf allen Ebenen weiter geht. Dann werden die Großprojekte reihenweise gekippt, weil das Geld fehlt; dann werden den Unternehmen die Innovationen ausgehen, weil die Kunden weglaufen. Es müssen aber nicht die Macken sein, die ihnen die Lust auf das Kaufen austreiben. Es kann und wird auch bei den Einzelkunden der schlichte Geldmangel sein. Die Neuerungen werden dann vergebens auf den Markt geworfen werden. Nur zu einem Schleuderpreis werden sie noch Abnehmer finden. Dann werden die Neuerungen in den Autosalons keinen mehr so recht zum Kaufen anregen; dann wird der neue hochleistungsfähige PC keine Begeisterungsstürme in der Gemeinde hervorrufen.

Bis dahin aber wird für die Wirtschaftslokomotive Deutschland noch mal so richtig Kohle nachgeschüttet, damit wir die Welt durch unsere Innovationen immer schneller beglücken können. Und wir müssen ja auch immer mehr arbeiten, damit wir die wachsende Anzahl der Krisenländer stützen können. Der einzige Grund ihrer Krise ist ja der, dass sie nicht richtig arbeiten, nicht wahr? Und deswegen müssen wir uns umso mehr anstrengen. Und schneller erfinden.

In Wahrheit aber ist es irrelevant, wer wann in die Krise geht. Die anderen sind uns nur einen Schritt voraus. Wir fahren indessen ahnungslos weiter.

Aber der Schaffner greift schon zum Mikrophon. Gleich wird er sich an uns wenden: In Kürze erreichen wir das Ende des Fortschritts. Wir bitten alle Fahrgäste auszusteigen. Wir danken Ihnen im Namen der Technik für Ihr Vertrauen. Wir dürfen auf das Chaos gespannt sein, wenn die Erkenntnis durchsickert, dass die Fahrt zu Ende ist.

Marcus Kracht 2013-4-20