Das Ende der Verwaltung

Marcus Kracht, 1. März 2012

The bureaucracy is expanding
to meet the needs of the expanding bureaucracy.
(Die Bürokratie expandiert,
um die Bedürfnisse der expandierenden Bürokratie zu bedienen.)
-- Oscar Wilde

Sinn und Zweck von Verwaltung

Verwaltung ist ein wesentlicher Bestandteil unserer Gesellschaft. Keiner kommt heute an ihr vorbei. Ob wir Steuern zahlen müssen, ob wir ein Auto oder ein Gewerbe anmelden wollen, eine Baugenehmigung beantragen, oder einen Pass oder ein Führungszeugnis ausstellen lassen müssen, immer hat man es mit der Verwaltung zu tun. Dies ist aber nur die kommunale oder öffentliche Verwaltung. Es gibt noch viel mehr. Auch Unternehmen haben Verwaltungen (die Buchhaltung zum Beispiel), und letztlich müssen wir selber uns auch gehörig verwalten. Wir müssen zum Beispiel unsere Konten ordentlich führen, Rechnungen aufheben (damit wir Steuern sparen können oder als Garantiebeleg), Zeugnisse und Dokumente verwahren, und vieles mehr. Auch wenn man privat mal mehr mal weniger Aufwand treiben kann, die Verwaltung verschlingt gesamtgesellschaftlich gesehen sehr viel Zeit und Geld. Wozu also nützt sie?

Um es etwas verkürzt zu sagen: die Verwaltung ist das kollektive Gedächtnis der Gesellschaft. Das zeigt, wie wichtig sie ist. Lästig oder nicht, ohne Verwaltung ist keine auch noch so kleine Gesellschaft heute lebensfähig. Ich werde dies im Einzelnen erläutern. Ich bin weder Jurist noch Verwaltungswissenschaftler oder Soziologe. Mein zentrales Anliegen ist es, allgemein zu verstehen, welches Risiko die Gesellschaft läuft, wenn die Verwaltung droht, dysfunktional zu werden.

Verwaltung hat zwei Aufgaben. Zum einen bildet sie das private oder kollektive Gedächtnis in Bezug auf Entscheidungen über Rechte und Aufgaben, über Besitz und Zuteilung von Gütern und vieles mehr. Ich will die Einheiten dieses Gedächtnisses Akten nennen. Diese Akten können alle möglichen physischen Formen annehmem, zum Beispiel Papiere, Kerbhölzer, Daten auf CDs oder Festplatten sein. Eines will ich jedoch hier nicht betrachten: die informellen Akten, die schlicht im Gedächtnis einiger Personen verankert sind. Solche gibt es durchaus, aber sie spielen für unsere Gesellschaft praktisch keine Rolle. Zum zweiten ist die Verwaltung dazu da, gewisse Routineentscheidungen selber zu fällen und das Ergebnis in Akten niederzulegen. Die Verwaltung ist nicht dazu da, Menschen zur Einhaltung von Vorschriften zu zwingen; dies tut die Justiz im Verband mit der Polizei. Die zentrale Aufgabe besteht darin, überhaupt erst zu dokumentieren, wer welche Rechte und Pflichten hat, wer was besitzt oder wozu berechtigt ist. Das Finanzamt ist in diesem Sinne eine Verwaltung, weil sie darüber Buch führt, welcher Bürger wieviel Steuern zahlen muss bzw. bereits gezahlt hat. Das Finanzamt schickt dann Forderungen an diejenigen, von denen es meint, Steuern bekommen zu müssen. Das Eintreiben dieser Steuern überlässt es in der Regel Anderen.

Die Verwaltung ist auch für die aktenmäßige Überwachung von Vorschriften und die Durchführung gewisser Entscheidungen zuständig, wie etwa die Zuteilung von Sozialhilfe, das Ausstellen von Genehmigungen und Papieren, das Registrieren von Firmen und so weiter. Die Verwaltung übernimmt in diesem Fall die Routineaufgaben. Immer dann, wenn eine Entscheidung aufgrund von allgemein festgelegten Grundsätzen eindeutig möglich ist, wird die Verwaltung damit betraut. Damit schafft die Verwaltung gesellschaftliche Fakten und dokumentiert sie gleichzeitig. Sie lässt ein neues Auto zu und erstellt dann eine Akte, dass sie dies getan hat.

Der physische Zugang zu den Akten bleibt in der Regel auf die Verwalter beschränkt. Sie sind allerdings in einigen Bereichen zu Auskunft verpflichtet, aber es ist nicht grundsätzlich Aufgabe der Verwaltung, jedem Auskunft zu erteilen. Man denke insbesondere an Firmen, die ja auch eine Verwaltung haben. Diese Verwaltungen gehen mit ihrem Wissen ziemlich restriktiv um.

Die Verwaltung steht immer im Dienste einer Person, einer Gesellschaft oder Institution. Dies kann wie gesagt auch eine Firma sein. Sie hat damit eine dienende Funktion. Ich betrachte sie primär als kollektives Gedächtnis, auch wenn sie wie oben beschrieben in weiten Bereichen autonom handelt. Als Gedächtnis wird sie deswegen auch dafür gebraucht, anzuzeigen, wenn die Vorschriften verletzt werden, da nur sie unmittelbar Zugriff auf die Akten hat.

Jede Herrschaftsform hat ihre eigene Verwaltung und die Eigenheiten der Herrschaftsform bedingen gewisse Eigenheiten der Verwaltung, so etwa, wer Zugang zu welchen Akten hat und wie die einzelnen Entscheidungen der Verwaltung wie überprüfen und anfechten kann. Ich beschränke mich auf die Verwaltung in Mitteleuropa. Ihre Aufgabe ist, wenigstens im Prinzip, nachvollziehbare Entscheidungen zu fällen und — so weit es geht —, jedem Zugang zu den Akten zu gewähren. Insbesondere bei der Ermittlung von Wahlergebnissen bestehen strengste Vorschriften in Bezug auf die Transparenz des Verfahrens. Wie viel Information die Verwaltung überhaupt in den Akten speichern darf, ist eigentlich erst seit der massenhaften Speicherung durch Computer ein Problem geworden.

Die Verwaltungsmaschine

Max Weber hatte eine durchaus ambivalente Einstellung zur modernen Verwaltung. Er ist einer der ersten, die zielgenau beschrieben haben, worin sie besteht und was sie leistet. Gleichzeitig aber verspürte er auch Angst vor ihren Vorzügen. Zentrales Merkmal der modernen Verwaltung war für ihn die Verlässlichkeit, mit der sie ihre Aufgaben erfüllt. Die zentrale Figur ist hier der Beamte. Ein Beamter, der sich keine Sorgen um seine Bezahlung machen muss, wird zum unbestechlichen Sachwalter der Akten. Die Gesellschaftsordnung wird durch ihn in einem Maße stabilisiert, wie es in der Geschichte fast einmalig ist. (Als Ausnahme zur modernen Gesellschaft erwähnt er in Wirtschaft und Gesellschaft unter anderem das ägyptische Reich.) Was die Verwaltung so erfolgreich macht, ist die Maschinenartigkeit, mit der sie arbeitet. Fast möchte man auch hier den Weber'schen Begriff der Wertfreiheit anbringen. Und in der Tat hat die Geschichte gelehrt, dass die Verwaltung in diesem Sinne wertfrei ist, da ihr Funktionieren kaum von ethischen oder inhaltlichen Fragestellungen beeinflusst wird. Kafka lässt grüßen.

Anders als Weber aber will ich hier keine Soziologie der Verwaltung abgeben. Worum es mir stattdessen geht, ist etwas anderes, nämlich — wie schon gesagt —, auf die Gefahren hinzuweisen, die uns wegen der zum Teil selbstverschuldeten Dysfunktionalität der Verwaltung drohen. Das mag verwundern, hat doch die moderne Technik ein Gerät hergestellt, welches funktional gesehen das Äquivalent der Verwaltung darstellt: den Computer. Fast ist man geneigt zu sagen, nicht die mathematischen Probleme, vornehmlich die Mühsal des Rechnens, hätten zur Entwicklung des Computers geführt, sondern die Bedürfnisse der Verwaltung. Der Computer ist das Idealbild eines Verwaltungsbeamten. Er ist absolut unbestechlich und planbar. Stellen Sie sich ein Amt vor, das Ihnen klare Vorgaben gibt, welche Dokumente sie vorlegen müssen. Legen Sie sie vor, bekommen Sie die Verwaltungsleistung. Legen Sie sie nicht oder unvollständig vor — und sei auch nur der kleinste Fehler darin enthalten — dann wird daraus nichts.

Das zwanghafte Wachstum der Bürokratie

Diese Maschine ist in gewisser Hinsicht das moderne Ideal des Weberschen Beamten. In dem Computer ist dem Beamten ein wahrhaftiger Konkurrent entstanden. Zuverlässig bis zum Stromausfall erledigt der Computer seine Arbeit und ist in seiner Arbeitsweise verlässlich und planbar. Man könnte nun auf die Idee kommen, dass der Computer den Verwaltungsbeamten einfach ersetzen würde. Der Computer hat aber paradoxerweise nicht dazu geführt, dass es weniger Verwaltungsbeamte gibt. Zunächst einmal kann der Computer den Beamten einfach deshalb nicht ersetzen, weil es denn doch oft der Einschätzung nach menschlichem Maß bedarf, und der Computer ist nun einmal außerstande, solche Einschätzungen verläßlich vorzunehmen. Ob Sie zum Beispiel Anspruch auf einen Studienplatz, auf Sozialhilfe, Schlechtwettergeld oder die Pendlerpauschale haben, ist zum Teil Einschätzungssache. Die Vorschriften dazu sind keineswegs mathematisch exakt formuliert. Man kann auch nicht mit dem Computer reden, weswegen immer noch Menschen gebraucht werden, die zwischen dem Bürger und dem Computer zumindest vermitteln.

Trotzdem aber möchte man oberflächlich gesehen meinen, der Computer würde es erübrigen, so viele Verwaltungsbeamte zu bezahlen. Je leistungsfähiger die Computer, um so weniger Beamte bräuchte man. Das ist aber nicht, wie es sich entwickelt hat. Es ist eher so, wie es Jevons anhand der Kohle beschrieben hat: bessere Dampfmaschinen führen nicht dazu, dass weniger Kohle verbrannt wird, weil ja der Wirkungsgrad steigt. Sondern im Gegenteil: die besseren Maschinen können mehr Kohle fördern, die insgesamt freiwerdende Energie wird für neue Zwecke eingesetzt und erzeugt wieder weitere Nachfrage. Genauso ist es mit der Verwaltung. In dem Moment, wo der Beamte effizienter arbeiten kann, erfindet die Gesellschaft neue Aufgaben für ihn. Er soll ja für seinen Lohn nicht etwa weniger arbeiten müssen, nur weil man ihm eine Maschine an die Seite gestellt hat. Aus einem unerfindlichen Grund ersinnt die Gesellschaft immer neue Gesetze und Regularien, die sie dem Beamtenapparat zur Ausführung aufgibt, und kein Einziges wird außer Kraft gesetzt, sondern es kommen immer neue hinzu. Nicht einmal eine Rezession bringt Besserung. Die Geldknappheit erzeugt als erstes einen Druck zum Sparen. Diesem begegnet man (zumindest in Mitteleuropa), indem man Vorschriften erlässt, wie zu sparen sei. Diese türmen sich zusammen mit den anderen weiter auf.

Der Computer ist hierbei der Retter in der Not. Kann der Beamte die vielen Vorschriften nicht mehr überwachen oder einhalten, so wird man versuchen, seine Effektivität dadurch zu erhöhen, dass man ihm mehr Computer, Software und dergleichen bereitstellt. Das Wachstum der Verwaltung entspricht dabei dem Wachstum vieler anderer Bereiche auch, der Medizin, der Forschung und der Bevölkerung. Obwohl nicht wirklich notwendig, ersinnt die Gesellschaft stets neue Beschäftigungen für sich und andere.

Der unerlässliche Helfer

Die im Moment vorherrschende Idee, dass der Staat seine Schulden verringern muss, bedingt nun, dass er nach Wegen sucht, wie er Ausgaben kürzen kann. Dabei kann die Verwaltung nicht ungeschoren davonkommen. Sparen bedeutet hier primär Stellen einsparen. Es ist nun nicht mehr die Maschine, die Zeit freisetzt, die für neue Aufgaben genutzt werden kann. Sondern es ist die Knappheit, vornehmlich des Geldes, welche den Gebrauch des Computers nun geradezu erzwingt, weil die Gesellschaft nicht bereit oder in der Lage ist, sich weniger oder einfachere Regeln zu geben. Auf den Computer kann man also nicht mehr verzichten.

Zwei Eigenschaften machen den Computer aus Sicht der Verwaltung inzwischen unentbehrlich. Die Erste ist die Rechengeschwindigkeit. Versuchen Sie einmal, ein Bevölkerungsregister einer Kleinstadt in Ordnung zu halten. Oder die Konten einer Bank. Allein das Suchen von Informationen ist ohne den Computer undenkbar. Die Menge an Daten ist so groß, dass man nichts in angemessener Zeit findet. Die zweite Eigenschaft ist die Speicherkapazität. Ein einfacher Computer kann inzwischen gigantische Mengen an Information speichern, und die Verwaltungen machen regen Gebrauch davon. Ich erinnere nur mal an das Steuerrecht. Zu ermitteln, wer wo welche Geschäfte abwickelt und dabei wieviel Steuern entrichten muss, ist eine riesige Aufgabe, die eigentlich kein Heer von Steuerbeamten von Hand erledigen könnte. Dazu dreht sich das Rad der Transaktionen (wiederum dank Computern) viel zu schnell. Dass die Autobahngebühr nicht wie andernorts mit Schranken und Bezahlhäuschen sondern mit Peilsendern oder automatischer Auswertung von Bildern abläuft, ist daher völlig konsequent. Der Computer machts möglich. Dass nebenbei die Daten auch noch für andere Dinge nützlich sein können und dafür auch genutzt werden, ist eine bedenkliche Entwicklung.

Der Computer schafft sich ab

Der unerlässliche Helfer ist nun aber auf dem Wege, sich aus der Verwaltung zu verabschieden. Und dies, wie ich meine, auf zwei sehr unterschiedliche Weisen. Die eine ist einer inhärenten Entwicklung des Verwaltungswesens geschuldet, die zweite ist die Folge einer allgemeinen Rohstoffknappheit. Das erste Phänomen ist, dass die Gesellschaft inzwischen gar nicht mehr einfache Lösungen erfinden kann. Ihre Gedanken gehen immer dahin, irgendwie den Einsatz des Computers zu maximieren. Und so wird ein umständliches Gebührensystem für die Autobahnen geschaffen, das denen der Autoversicherer in nichts nachsteht, so werden für alle möglichen Berufe Dokumentationspflichten eingeführt und sämtliche Unternehmen und Staaten sammeln auf Vorrat alle möglichen Daten, mit denen sie umgehen, wie sie es für richtig erachten. Und, um das Ganze noch zu potenzieren, werden Regelungen in einem Takt verändert, die die Programmierer in Nöte bringen, mit der Entwicklung Schritt zu halten. Dies führt unvermeidlich dazu, dass das System Mängel entwickelt. Die Studienplatzvergabe in Deutschland war ein einziges Fiasko und hat letztlich dazu geführt, dass sogar Numerus Clausus Vorgaben ignoriert wurden. Was besser sein sollte als alles bisher Dagewesene, ist nun grandios gescheitert. Es ist aber kein bedauerlicher Einzelfall sondern das Ergebnis gesellschaftlicher Hybris. Man will einfach nicht zur Kenntnis nehmen, dass auch die beste Technik irgendwo ihre Grenzen hat. Wenn irgendwann nur noch der Computer versteht, wieviel Steuern wir zahlen müssen, ist das Ende der Fahnenstange erreicht. Der Skandal in Amerika um die Zwangsversteigerungen ist nur eine andere Variante desselben Problems. Man will irgendwie hier und da noch ein bisschen Geld machen und handelt zwischenzeitlich Kreditvereinbarungen als Sicherheiten, um sie dann in einer Nacht- und Nebelaktion schnell noch dem eigentlichen Geldgeber zuzuschieben, bevor der Staatsanwalt kommt. Die Banken hatten sich allerdings mit der Aufgabe ein wenig übernommen und den Überblick verloren. Der Staatsanwalt musste zwar nicht einschreiten, dafür war alles so gründlich durcheinandergeraten, dass man nicht mehr wusste, welcher Kredit nun wem gehörte. Das endete mit einem Vergleich zwischen den Banken und den geprellten Hauskäfern über sage und schreibe 25 Milliarden Dollar. (Siehe hierzu den Artikel Why all this robo-signing? Shedding light on the banking system von Ellen Brown.)

Das ist nun nichts Neues, nur die Größenordnung, in denen sich das vollzieht, sind außer Kontrolle geraten. Finanztransaktionen innerhalb eines Bruchteils einer Sekunde zu steuern, kann eben nur noch ein Computer. Aber wohin das führt, wird er nicht einschätzen können. Und wenn wir es wissen, ist es meist zu spät. Damit werden aber die Vorteile des Computers in einer Weise ausgereizt, die letztlich den Zusammenbruch ganzer Wirtschaftssysteme provozieren können. Moderne Buchführungssysteme sind für Firmen sicher ein Segen, aber nur wenn sie funktionieren. Funktionieren sie aber nicht, kann das die ganze Firma ruinieren. Solche Fälle hat es bereits gegeben. Es ist eine Frage der Zeit, bis auf diese die Existenz von Staaten gefährdet wird. Dass die Programmierung von Atomraketen ein Sicherheitsrisiko erster Güte darstellt, hat in der Vergangenheit zu einer einzigartigen Forschung zur sogenannten Programmverifikation geführt. Die Bauchschmerzen aber bleiben. Denn auch die beste Programmverifikation will wiederum geplant und organisiert werden. Unterbleibt sie, ist alles beim Alten. Wenn aber bei Unternehmen gespart werden soll, dann eher bei solchem "Luxus" wie Sicherheit.

Das Nichtfunktionieren kann viele Ursachen haben. Die eine ist die Hast, mit der Staaten ihre Regelwerke überarbeiten. Eine andere sind Schwächen im Stromnetz. Man stelle sich spaßeshalber vor, es gebe einen Stromausfall. Dann läuft flächendeckend gar nichts mehr. Banken können kein Geld verbuchen, nicht einmal Bargeld auszahlen. Supermärkte können weder einkaufen noch verkaufen, weil die Kassen nicht arbeiten. Ganze Stadtverwaltungen liegen lahm, die Finanzämter können nicht arbeiten, Autos betanken geht nicht, weil nicht alleine die Zapfsäule streikt sondern auch die Kasse. (Siehe dazu die keineswegs beruhigende Studie (Drucksache 17/5672 vom 24. April 2011) mit dem Titel TA-Projekt: Gefährdung und Verletzbarkeit der modernen Gesellschaften am Beispiel eines großräumigen und langandauernden Ausfalls der Stromversorgung.) In kleinem Umfang wird man das auffangen können, doch die Arbeit, die einem die Computer abnehmen, ist so gewaltig, dass der Betrieb nur noch im Schneckentempo gehen wird. Die Liste der Probleme ist lang. Es geht dabei nicht alleine um das Bewältigen anstrengender Arbeit sondern nur die Verwaltung — also das Erstellen von Akten —, welche stockt, und schon dies kann die gesamte Gesellschaft lahmlegen, selbst wenn sie ansonsten arbeits- und produktionsfähig wäre. Insofern sind Stromausfälle hochproblematisch, weil sie auch auf den Nerv moderner Gesellschaften: den Informationsfluss.

Das zweite Problem, das der Computer uns bereitet, ist, dass seine Tage gezählt sind. Computer werden aus hochspezialisierten Teilen hergestellt und erfordern höchste Präzision sowie sogenannte seltene Erden, die man vornehmlich in China und den USA findet. Diese sind zwar nicht immer so selten, wie der Name suggeriert, jedoch ist ihre statische Reichweite begrenzt. In 10 oder 20 Jahren sind viele von ihnen nicht mehr vorhanden, wenn man sie nicht wieder recyclelt. Zwar wird das Problem angegangen, dennoch ist ziemlich sicher, dass Computer teurer werden. Da zugleich auch Lebensmittel und Energie teuer werden, sinkt das verfügbare Einkommen, vor allem aber der Teil des Einkommens, der für Computer ausgegeben werden kann. Ich prognostiziere daher ein Ende des Computers als Massenware binnen einer Dekade. Dies wiederum wird den Computer für alle anderen verteuern, weil die hohen Fixkosten bei der Herstellung auf sehr viel weniger Abnehmer verteilt werden. Alles in allem wird daher der Computer sehr viel seltener zum Einsatz kommen, weil nicht mehr jede Verwaltung ihn sich leisten kann.

Das Schrumpfen der Verwaltung

Alles in allem wird also das Volumen der Akten stark zurückgehen. Je weniger Computer zum Einsatz sind, umso weniger Akten werden erzeugt. Ich erinnere dabei daran, dass Akten alles meint, was Information abspeichert, also nicht nur Papier sondern auch CDs, Bänder und Festplatten. Das Schrumpfen der Akten ist also zunächst einmal nicht sichtbar, weil diese Akten miniaturisiert sind. Was bedeutet das aber? Es bedeutet, dass nicht nur die momentane Menge der Akten abnimmt, sondern auch die Fähigkeit, alte Akten zu lesen. Viele Akten werden dadurch faktisch wertlos. Niemand wird die Energie aufbringen, sie für welchen Zweck auch immer durchzusehen. Ferner werden viele Vorschriften, zum Beispiel im Steuerrecht, schlicht impraktikabel sein. Man denke an die zahlreichen Transaktionssteuern, angefangen mit der Mehrwertsteuer, die auf alle und jede Transaktion erhoben werden. Zwar wird die Menge der Transaktionen rapide abnehmen, weil auch sie nicht mehr mit durchgehen mit dem Computer durchgeführt werden, aber selbst ein Schlupf von einem Jahr, bei dem der Staat die Kontrolle über das Wirtschaftsgeschehen verliert, kann verheerend sein. In der Praxis heißt das, dass der Staat, allein um seine Steuereinnahmen zu sichern, verwaltungstechnisch stets so gut ausgerüstet sein muss wie die Firmen. Wer allerdings weiƟ, wie wenig sich der Staat aufraffen kann, Steuerprüfer zu bezahlen, auch wenn er dadurch Geld einnehmen kann, wird sich sicher fragen, ob die schiere Notwendigkeit Grund genug ist, weiterhin Computer anzuschaffen.

Sind wir vorbereitet?

Die Verwaltung wird also recht bald auf altbewährte Methoden zurückgreifen müssen, um überhaupt lebensfähig zu bleiben. Das sind Formulare und Akten aus Papier, die in großen Schränken aufbewahrt und systematisch geordnet werden. Vielerorts kennt man solche Systeme noch (Arztpraxen sind ein Beispiel, obwohl der Computer auch dort schon vieles ersetzt). Es ist mir aber nicht klar, ob in dem Moment, wo es notwendig wird, die Verwalter noch in der Lage sind, abzuschätzen, wie man Formulare einsetzen kann, und welche Informationen sich noch sinnvoll erheben lassen. Ferner ist nicht klar, ob denjenigen, die Verwaltungsvorschriften erlassen, rechtzeitig die Größe des Problems erkennen. Das momentane Computerisierungsfieber lässt mich zweifeln. An den Universitäten wird die Prüfungsverwaltung und vieles andere bereits elektronisch durchgeführt. Die Verwaltungsabläufe werden ebenfalls darauf abgestellt, Daten stets computerisiert abzulegen und weiterzugeben. Niemand kann sich noch vorstellen, wie ein Leben ohne Computer wirklich aussehen kann.

Das sind keine guten Aussichten. Stellen Sie sich vor, dass die Verwaltung von heute auf morgen ohne Computer dasteht. Dann sind Renten- und Gehaltsberechnungen unmöglich, können Gehälter und Zahlungen nicht mehr angewiesen werden, kann der Staat keine Steuern mehr erheben, verlieren Banken den Überblick über unsere Konten, weiß das Standesamt nicht mehr, wer mit wem verheiratet ist, die Polizei nicht mehr, wer wieviel auf dem Kerbholz hat, und so weiter. Verwaltungsabläufe und Anfragen, die heute nicht der Rede wert sind, werden auf einmal mühevoll und teuer. Wenn dann die Verwaltungsvorschriften nicht mitziehen, werden die Ämter vor der Menge an Arbeit einfach kapitulieren. Die öffentliche Ordnung käme fürs Erste zum Erliegen. Das könnte damit beginnen, dass der Müll nicht mehr abgeholt wird, weil die Firma ihr Geld nicht mehr bekommt, weil die Stadt nicht weiß, was sie wohin überweisen muss. Oder dass die Kitas und Schwimmbäder schließen, weil die Stadt keine Steuern und Gebühren mehr erheben kann, weil ihr die technischen Mittel dazu fehlen.

Wenn es auch die Landesbehörden kalt erwischt, sind als nächstes die Lehrer und Professoren dran sowie die Verwaltungsbeamten selbst, deren Gehalt auf einmal nicht mehr eintrifft. Das wäre dann das vorläufige Ende der Verwaltung überhaupt. Denn wird der Verwaltungsbeamte nicht mehr bezahlt, wird er die Verwaltung sich selbst überlassen. Dann geht am Ende überhaupt nichts mehr. Die Amtsstuben wären leer und niemand würde noch irgendetwas von den Akten wissen geschweige denn sich um sie kümmern. Das Ergebnis wäre das endgültige Chaos, bei dem jeder nur noch danach schaut, wie er seine täglichen Probleme lösen kann. Steuern werden nicht gezahlt, Währungen funktionieren nur noch leidlich, große Firmen kapitulieren vor dem Verlust an öffentlicher Ordnung (und werden dann erst so richtig verstehen, warum es sich gelohnt hätte, für sie zu zahlen). Übrig bleiben werden kleine und mittlere Firmen, die es verstehen, eine Wirtschaft auf Tauschbasis mit ihren Kunden zu etablieren.

Kurzum, der Verlust der Verwaltung kann ein an sich leistungsfähige Wirtschaft in wenigen Wochen in die komplette Anarchie stürzen.

Wird es so kommen?

Ich weiß es nicht wirklich. Alles kommt darauf an, wie schnell sich der Computer zurückzieht. Man sollte aber nicht denken, das sei das einzige Problem. Wie ich schon schilderte, bringt selbst der Einsatz der Computer hohe Risiken mit sich, nicht zuletzt die sich verschlechternde Datensicherheit und der Kontrollverlust der Verwaltung, der jetzt schon spürbar ist.

Insofern wäre eine gezielte Drosselung der Aktenmenge durchaus angesagt. Dies wird aber unter andem deswegen verhindert, weil weniger Akten stets bedeutet, dass das System einfacher und deswegen weniger flexibel ist und auch den Einzelbedürfnissen weniger gerecht werden kann. Diese Gründe sind durchaus respektabel, und genau deswegen ist es so schwierig, sich von der Verwaltung in substanziellem Umfang zu lösen.

Alles in Allem bleiben wir also auf einem nicht unerhebliche Risiko sitzen, dass die Verwaltung eines Tages zusammenbricht.