Vorwärts immer

Marcus Kracht, 26. Dezember 2015

Vorwärts immer, rückwärts nimmer!
Erich Honecker, 7. Oktober 1989

Von Ziegen, Wölfen und Kohlköpfen

Sie kennen sicher das Rätsel von dem Reisenden, der sich, eine Ziege, einen Wolf und einen Kohlkopf über den Fluss bringen will und dort ein Boot vorfindet, mit dem er nur jeweils eines der drei Dinge transportieren kann. Wie kann er alles mitnehmen, wenn er zusätzlich bedenken muss, dass weder die Ziege allein mit dem Kohl noch der Wolf alleine mit der Ziege bleiben darf?

Das Problem mit diesem Rätsel ist für mich, dass es überhaupt ein Rätsel ist. Denn es dürfen an einem Ufer jeweils nur der Wolf mit dem Kohlkopf zusammen bleiben. Deswegen muss der Reisende die Ziege als Erstes mitnehmen. Er rudert leer zurück, schnappt sich wahlweise den Wolf oder den Kohlkopf und rudert ihn hinüber. Dort angekommen, hat er nun zwei Dinge, die er nicht gemeinsam dort lassen darf. Und genau hier kommen die Menschen regelrecht ins Schwimmen: sie klammern sich daran, dass der Ruderer jetzt zurück müsste, um auch noch den Wolf oder den Kohlkopf zu holen, aber dann würde am Ufer ja die Ziege wahlweise mit dem Kohlkopf oder dem Wolf zurübleiben. Da das nicht geht, wird alles wieder aufgetrennt, und die Suche beginnt von vorne. Auf die Idee, nunmehr die Ziege wieder zurückzurudern, kommt fast niemand.

Warum nicht?

Weil wir einmal gemachte Arbeit einfach nicht zunichte machen wollen. Warum sollten wir die Ziege zurückbringen, wenn wir sie schon über den Fluss gerudert haben? Also lieber noch einmal von vorne gedacht und etwas Neues probiert. Als wenn wir uns nicht haben merken können, dass es gar nicht anders ging. Diese Einsicht aber kommt entweder spät oder sogar gar nicht. Manche geben frustriert auf.

Das ist der eigentliche Grund, warum das Rätsel so schwer ist: weil es unsere Neigung gegen den Strich bürstet und uns dazu zwingt, etwas Erreichtes zurückzunehmen, damit wir überhaupt vorankommen können. Wer dazu nicht bereit ist, findet die Lösung nicht.

Von Energie, Arbeit und Industrieproduktion

Und da sind wir mitten im Leben. Dieses Rätsel zeigt uns auf, was schief läuft in unserer Welt. Eigentlich müssten wir einiges zurückfahren: Energieerzeugung, Arbeitsbelastung und Produktion. Aber das geschieht nicht. Weil wir uns eingestehen müssten, dass wir umsonst gearbeitet haben.

Also lieber noch einmal die alten Märchen neu aufgewärmt. Fusionsreaktoren zum Beispiel. Der Wendelstein in Greifswald zum Beispiel. Ist im Dezember erfolgreich gelaufen. Zwar haben die da nur das Magnetfeld getestet, zwar wird jetzt erst einmal wieder alles umgebaut, aber Daumen nach oben. Weiter so. Genau so mit dem ITER in Cadarache. Der wird jetzt zehn Jahre später fertig als geplant. Aber mein Gott, das ist ja mit allem so, kennt man ja. Wenn wir bedenken, was da alles möglich wird, wenn der erst einmal funktioniert. Freie Energie für alle, praktisch unbegrenzt. Dann bräuchten wir weder Kohle noch Kernkraft. So ab 2075, wenn alles nach Plan läuft. Oder halt ab 2085, aber wir wollen nicht kleinlich sein.

Bis dahin allerdings brauchen wir noch dringend die Kernkraft. Eigentlich schade, dass die in Japan alle stillgelegt haben. Und in Belgien. Aber jetzt kommt Beweung in die Sache. In Japan wird ein weiterer Reaktor hochgefahren, in Belgien sind es sogar zwei, die nun wegen kleiner Misslichkeiten wieder abgeschaltet werden mussten. Das hatte aber rein gar nichts mit der Nukleartechnik an sich zu tun. Das muss mal gesagt werden.

Denn die Technik ist selbstverständlich sicher, wenn sie verantwortungsvoll eingesetzt wird.

Weil wir den Strom brauchen. Denn der Strom, der sorgt dafür, dass all die Roboter laufen, die uns Menschen die Arbeit abnehmen. Damit wir wieder Zeit für uns haben. Damit die Arbeit wieder menschlich wird. Denn dann müssen wir uns nicht mehr mit schweren Arbeiten plagen sondern können intelligente Arbeit übernehmen wie etwa Pizza ausliefern oder maßgeschneiderte Versicherungen verkaufen. Denn die Menschen, die wir da mit Pizza beliefern oder denen wir die Versicherung maßschneidern, die haben keine Zeit, weil sie ständig in Sachen Fortschritt unterwegs sind. Wir verstehen uns, es geht um den Fortschritt, der uns dereinst ermöglichen wird, nicht mehr so viel arbeiten zu müssen wie früher, als die Menschen noch zehn Stunden am Tag schlafen mussten, weil es kein Licht gab. Das hat den Fortschritt behindert. Deswegen sei der Tag gepriesen, an dem die elektrische Glühbirne erfunden wurde.

Fortschritt muss, Umweltverträglichkeit kann, Nachhaltigkeit braucht nicht

Das Rezept ist klar. Niemand kann de facto den Abschied vom Fortschritt denken geschweige denn aussprechen. Damit ist man automatisch diskreditiert, und zwar egal wie sehr sich die Fortschrittsideologie selbst ad absurdum geführt hat. John Michael Greer sagte es so in seinem Artikel The Flutter of Space Bat Wings: You don’t actually know a time or a culture until you discover the thoughts that its people can’t allow themselves to think. (Man kennt eine Zeit oder Kultur nicht wirklich, solange man nicht die Gedanken erkennt, die sich die Menschen nicht zu denken erlauben.) Und einer dieser Gedanken ist der, dass wir einfach in Richtung mehr Technologie und mehr Reichtum fortschreiten.

Es erscheint unfassbar, aber es ist wahr. Alle Lösungen des Klimaproblems, die ich kenne, sofern überhaupt davon geredet werden kann, will sagen, sofern sie überhaupt umsetzbar sind, sind banal. So etwa die 4 Promill Initiative. Deren Vorschlag ist schlicht der Aufbau einer Humusschicht, wo immer es geht: im Garten und auf dem Acker. 4 Promill pro Jahr. Das bindet Kohlenstoff effektiv und auf Dauer. Nach allem, was ich bisher weiß, ist dies der beste Weg. Der Mangel dieses Vorschlags ist allerdings, dass er ganz ohne "intelligente" Technik auskommt. Und dass er wahrscheinlich auch die Menschen dazu zwingt, eine gewisse Verantwortung für ihren Boden zu übernehmen.

Das aber funkioniert in den industriellen Gesellschaften weder im Kleinen noch im Großen. Wir wollen ja nicht zurück in die Steinzeit. Und deswegen müssen neue Lösungen her, zum Beispiel bessere und umweltverträglichere Dünger und Pestizide. Die verbrauchen zwar Energie aber haben uns bisher nicht im Stich gelassen. Und wir brauchen Gentechnik für die Pflanzen von Morgen. Der Klimawandel, Sie wissen ja, man muss damit rechnen. Und der bringt Wetterveränderungen mit sich, auf die muss man vorbereitet sein. Die neuen Pflanzen werden zugleich resistenter, ertragreicher und schmackhafter sein als ihre Vorgängerinnen. Und, ja, billiger natürlich auch.

Es lohnt sich, an dieser Stelle mal ein Zitat von 1901 (!) zu bringen. "Demand for a proper automobile battery is so crying that it soon must result in the appearance of the desired [battery]. Everywhere in the history of industrial progress, invention has followed close in the wake of necessity" ["Die Nachfrage nach einer ordentlichen Autobatterie ist so laut, dass sie demnächst in der Entwicklung einer solchen enden muss. Überall in der Geschichte des industriellen Fortschritts folgte die Erfindung der Notwendigkeit auf dem Fuß." Electrical Review ♯38, May 11, McGraw-Hill, zitiert nach Alice J. Friedemann: When Trucks Stop Running. Energy and the Future of Transportation. Springer. 2016.]

Das war vor mehr als 100 Jahren. Bisher hat sich zwar Einiges getan, aber irgendwie haben wir das gesteckte Ziel nicht erreicht. Besagte Batterien fehlen jedenfalls immer noch. Womit nur soviel gesagt werden soll: immer gab es in der Geschichte des industriellen Fortschritts Wünsche, die einfach zu groß waren, um erfüllt werden zu können. Offenkundig häufen wir immer mehr davon an. Wir schieben sie wie eine Bugwelle vor uns her und sprechen uns gegenseitig Mut zu, dass diese demnächst kleiner wird.

Die Erfüllung dieser Wünsche, so sie denn stattfindet, hat aber immer auch Risiken, welche wir meist nicht vorher erahnen. Die Lösungen verkommen damit schnell zu einem Teil des Problems. Dass die Erfindungen, die wir so gemacht haben, in dem industriellen Großmaßstab hergestellt allesamt weder umweltverträglich noch ansatzweise nachhaltig sein können, hat bisher Wenige gestört, zumal es ja bedeutet, dass man damit ansonsten kein Geld machen könnte. Denn es sollte eigentlich Eines klar sein: eine Lösung muss irgendwie selbstlimitierend sein. Ansonsten könnte sie — und würde sie sofort — bis an die Grenzen des Planeten ausgebeutet werden. So wie etwa E10 oder Palmöl.

Eine Lösung unserer Probleme müsste also irgendwie Arbeit machen oder uns anderweitig ausbremsen. Anders geht es nicht. Aber genau das hieße ja, wir würden uns gegen den Fortschritt stellen, indem wir auf sie setzten. Und hier, genau hier, liegt unser Problem. Wir stecken mit der Faust in der Affenfalle. Wir geben keinen Zentimeter Fortschritt preis, koste es, was es wolle.






Marcus Kracht, 2015-12-26