Aufstieg und Fall des Wachstums in Amerika

Marcus Kracht, 21. März 2016

Die drei industriellen Revolutionen

Robert Gordon hat nach seinem Aufsatz von 2012 (Is U.S. economic growth over? Faltering Innovations confronts the Six Headwinds) ein Buch veröffentlicht, das die Geschichte des Wachstums für ein breites Publikum erzählt: The Rise and Fall of Amerian Growth (University of Princeton Press, 2016). Der Autor ist Wirtschaftswissenschaftler, und ihn interessiert vornehmlich die Frage, wie es zu dem enormen Aufstieg der USA seit dem Jahr 1870 kam und warum dieser seiner Meinung nach nicht wiederholbar ist. Das Buch ist sehr umfangreich (653 Seiten + Anhang) und teilweise voller Zahlenmaterial und Statistiken. Und dennoch ist ein sehr wichtiges Buch. Ein Buch, das sehr viele Leser haben müsste. Denn im Kern erzählt es nicht eine Wirtschaftsgeschichte sondern die Geschichte unser technischen Zivilisation. Und es versucht, auf eine ehrliche Art zu zeigen, welche Veränderung sie für die Menschen gebracht hat. Das ist Stoff zum Nachdenken an, denn kaum jemand kann sich vorstellen, welche Zustände herrschten, bevor der Aufstieg Amerikas begann.

Gordon spricht von drei industriellen Revolutionen. Die erste ist im Jahr 1870 bereits Geschichte: die Dampfmaschine ist erfunden und mit ihr die Eisenbahn. Amerika nimmt Teil an der Durchsetzung dieser Technik. Die zweite beginnt gerade und wird die erste fast vollständig ersetzen: sie beinhaltet den Verbrennungsmotor, den Strom, das Öl und die Chemie. In der letzten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird sowohl der Verbrennungsmotor erfunden wie auch die Nutzung der Elektrizität mittels des Elektromotors — und der Glühbirne. Die Ausbeutung dieser Erfindungen wirkt noch hundert Jahre nach. Immer neue Formen werden gefunden, in denen man sich dieser Erfindungen bedienen kann, bis der Effekt etwa hundert Jahre später verschwunden ist. Zwanzig Jahre später setzen dann die Folgen der dritte Revolution ein, welche mit Beginn des 2. Weltkriegs bereits angeschoben worden war und jetzt so richtig die Industrie erobert: die Informationstechnologie hält Einzug.

Zwischen einer Erfindung und ihrer Ausbeutung können durchaus Jahrzehnte vergehen. Der Verbrennungsmotor war zunächst nur eine Kuriosität und nur etwas für Leute mit genügend Geld. Die Erfindungen haben zunächst viele Kinderkrankheiten, welche die Erfinder mit zäher Geduld überwinden müssen. Und die Kosten sind am Anfang eigentlich immer sehr hoch. Das Spezifikum Amerikas im Vergleich zu Europa mag deswegen vor allem darin zu finden sein, wie schnell eine einmal gemachte Erfindung serienreif und für eine breite Bevölkerung erschwinglich gemacht wurde. Das Auto konnte sich dank der unermüdlichen Arbeit von Henry Ford in Amerika durchsetzen. Der Preis des Ford T Modells sank von 1910 bis 1923 von 950 auf nur 269 Dollar! Im Jahre 1920 hat bereits jeder zweite Haushalt ein Auto.

Amerika um 1870

Aber greifen wir nicht vor. Im Jahre 1870 war der Bürgerkrieg gerade vorbei, und Amerika hatte endlich Gelegenheit, sich auf sein Fortkommen zu besinnen. Und das war bitter nötig. Die Verhältnisse waren Lichtjahre von dem entfernt, was ein Amerikaner heute für selbstverständlich hält. Um mit dem Einfachsten zu beginnen: Es gab kein fließendes Wasser. Wasser musste von den Frauen den ganzen Tag lang hinein und wieder herausgetragen werden, genauso wie Brennholz. Zum Waschen, Kochen, Baden. Gebadet wurde in der Küche, oft der einzige geheizte Ort. Keine Frage, dass ein Bad Seltenheitswert hatte. Zu Essen gab es überwiegend Brot (aus Weizen- und Maismehl gemischt) und alle Arten von Schweinefleisch. Hog'n'hominy hieß das. Was Gordon über Männer sagt, hat eigentlich für alle gegolten: sobald sie arbeitsfähig waren, haben sie von morgens bis abends gearbeitet (außer Sonntag), bis sie nicht mehr konnten, weil sie entweder arbeitsunfähig waren oder zu schwach. Der Tag dauerte so lange, wie die Sonne es erlaubte. Elektrisches Licht gab es nicht, nur irgendwelche Öllampen, deren Betrieb allerdings nicht ungefährlich war. Die meisten Häuser waren aus Holz und brannten leicht.

Die Kindersterblichkeit lag bei 22 Prozent. Mit anderen Worten: jedes vierte Kind starb, üblicherweise an einer Infektionskrankheit. Die Verbreitung dieser Krankheiten wurde durch verunreinigtes Wasser wie auch dadurch verursacht, dass es fast nirgendwo Insektengitter gab, sodass Fliegen und andere Insekten ungehindert von draußen nach drinnen schwirren konnten.

Was transportiert werden musste, wurde mit dem Pferd transportiert. Die Städte waren voll mit Pferden. Diese mussten gefüttert werden und verdreckten die Städte. Täglich mussten unvorstellbare Mengen an Pferdemist weggeschaufelt werden, nicht zu reden von dem gelegentlichen Pferdekadaver. Die Einführung der Eisenbahn, ja selbst die der Straßenbahn hat dem zunächst mal keinen Abbruch getan. Erst das Auto wurde zu einer wirklichen Konkurrenz für das Pferd.

Die meisten Menschen wohnten auf dem Land. Die Hälfte der Bevölkerung arbeitete irgendwo auf einem Bauernhof. Diese waren weit verstreut. Kontakte untereinander waren selten. Wer etwas brauchte, musste sich auf eine vergleichsweise lange Reise machen. Ärzte waren auf dem Land entsprechend selten gesehen, und es gab damals noch überhaupt keine formale Ausbildung. Jeder konnte sich Arzt nennen. Medizin gab es in der Apotheke, und man bekam sie ohne Rezept, solange man sie nur bezahlen konnte. Auch hier gab es keinerlei Kontrollen.

Der Aufstieg

Was dann geschah, ist für uns heute noch wenig begreiflich. Wenn es zwei Dinge gibt, die das Leben der Menschen auf den Kopf gestellt haben, so sind es die Vernetzung (also der Anschluss der Haushalte an Wasser und Strom) und die Einführung des Autos. Mit dem Wasseranschluss entfiel für Frauen ein großer Teil der Schwerarbeit: das Tragen von Wasser. Später, als es auch gelang, die Qualität des Wassers zu verbessern, sank die Kindersterblichkeit dramatisch. Im Jahre 1940 war sie bei 5 Prozent angekommen! Und dies, wohlgemerkt, ganz ohne medizinische Hilfe. Die kam dann in den 1940er Jahren in Form des Penicillins, welches noch einmal einen riesigen Fortschritt bedeutete.

Als Teil der Motorisierung wurde auch das Nahrungsangebot reicher. Obst und Gemüse aus Kalifornien erschienen auf dem Markt, seit man sie mit Hilfe von Kühlwagen frisch zu halten verstand. Der Kühlwagen kam im Übrigen auch den Stadtbewohnern zugute, denn er erlaubte es, Fleisch länger frisch zu halten. Bis dahin war die Qualität oftmals zweifelhaft. Die Bevölkerung insbesondere auf dam Land musste nicht mehr warten, bis die Produkte zu ihnen kamen: sie konnten selber zu ihnen fahren. Und sie mussten nicht mehr der Preisaufschlag des fahrendes Händlers bezahlen. Eine weitere Neuerung war der Katalog, mit dem Waren zu einem Festpreis bestellen konnte.

Und, um es nicht zu vergessen, die Einführung des elektrischen Stroms hat es ermöglicht, eine Vielzahl von Geräten zu betreiben, von der Glühbirne ganz zu schweigen. Niemand kann sich heute vorstellen, welche Erleichterung die Einführung des elektrischen Lichts bedeutet hat. Nunmehr konnte man so lange arbeiten (oder lesen), wie man wollte oder die Arbeit es erforderte, anstelle dass man mit einsetzender Dunkelheit einfach aufhören musste.

Und mit dem Strom kam der Kühlschrank, eine weitere wichtige Neuerung, die sich auf die Qualität der Ernährung auswirkte. Und dann kam die Klimaanlage, der Elektroherd, der Mikrowellenherd, und vieles andere mehr.

Und dann wären da noch die vielen Erfindungen der Kommunikation, angefangen vom Telefon, über das Radio, den Fernseher, den Plattenspieler, den Kassettenrekorder, bis hin zum CD- und DVD-Spieler.

Und natürlich dem Computer. Mit ihm beginnt ein gänzlich neues Kapitel im Aufstieg. Die großen Erfindungen der Jahre 1870 - 1940 benötigten keine Computerisierung. Sie entfalteten ihre Wirkung vor allem dadurch, dass sie uns Arbeit abnahmen. Und zwar physische Arbeit. Aus harter auszehrender Arbeit in Verhältnissen, die man heute vielleicht noch in Bangladesch oder Südostasien sieht, wurde Arbeit, die darin bestand, Maschinen zu dirigieren oder zu beaufsichtigen. Und, nur so nebenbei, befreite sie die Landbevölkerung von der Landarbeit und ermöglichte so, unglaublich viel intellektuelles Potential freizusetzen.

Der Computer sollte dies ändern. Zunehmend übernimmt er die Rolle, die die Menschen sich zugedacht hatten, nachdem Maschinen ihnen die Arbeit abgenommen hatten. Computer rechnen, verwalten und steuern. Und sie sind zunehmend selber vernetzt.

Amerika 1970

Die Wirkung der zweiten industriellen Revolution hielt bis etwa 1970 an. Dann begannen die Wachstumsraten zu schrumpfen. Die Umwälzung hatte innerhalb von hundert Jahren alle Bereiche des Lebens erfasst. Gordon spricht ständig von nicht wiederholbaren Erfindungen, die über die Menschen gekommen sind. Stets waren sie überschwänglich begrüsst worden, denn ihre Wirkung bestand in der Regel in einer großen Erleichterung.

Junge Menschen gingen jetzt nicht mehr mit 14 oder 16 von der Schule, sondern besuchten in der Regel eine Fachhochschule oder Universität. Bildung wurde ein zentrales Thema, seit es der unaufhörliche Fortschritt erforderlich gemacht hatte, immer mehr zu lernen. Der Beruf des Arztes war inzwischen zu einem Beruf mit hohem Prestige und hoher Kunstfertigkeit geworden. Vorbei die Zeiten, da jeder Quacksalber sich Arzt nennen durfte. Ab jetzt musste man eine lange Universitätsausbildung hinter sich gebracht haben.

Die USA hatten gerade eine Rakete auf den Mond geschickt. Die Lebenserwartung war so hoch wie nie, das Leben so gut wie nie. Jetzt sagte man dem Krebs den Kampf an, einem der großen Widersacher des Menschen.

Doch daraus wurde nichts. Zum einen war es vermessen zu glauben, mit dem Krebs könne man genauso verfahren wie mit der Raketentechnik. Zum anderen aber hatte die Entwicklung deutlich an Schwung verloren. Irgendwann in der siebziger Jahren wurde klar, dass es nicht einfach so weiter gehen würde. Es kam die Ölkrise, es kamen die Friedens- und die Umweltbewegung (man denke an die Wirkung des Buches Silent Spring). Es wuchs das Bewusstsein, dass der Fortschritt einen Preis hatte, der stetig stieg.

Für die Industrie allerdings hörte der Fortschritt nicht auf. Auch wenn sich die 70er Jahre als schwierig erwiesen hatten, es gab neue Dinge, auf die man hoffen konnte, allen voran der Computer. Die Einführung des Computers hat in der Tat den USA noch einmal einen Boom beschert. Allerdings — und da unterscheidet sich Gordon von einigen anderen — hielt dieser nach Meinung des Autors gerade zehn Jahre: von 1994 bis 2004. Danach war Schluss. Danach kam, wie sich Gordon in einem Aufsatz einmal ausdrückte, lediglich Gagdets. Also Spielzeuge. Deren Wirkung vor allem darin besteht, dass sie den Kindern den Kopf verdrehen.

Was bringt die Zukunft?

Es wird sicher kein Mangel an Innovationen geben. Es wird sich auch vieles ändern. Am Horizont kündigen sich die Entwicklungen bereits an. Das Absterben der fossilen Energie und mit ihr die Entwicklung hin zu einer dezentrale Energieversorgung sind gerade erst am Anfang. Ihre Wirkung werden sie ein bis zwei Jahrzehnte später entfalten.

Gordon hält denn auch Rezepte bereit, wie man sich für die neue Welt rüstet. In seinen Augen gibt es Gegenwinde, die die Entwicklung hemmen: die wachsende Ungleichheit, die mangelnde Qualität im Bildungswesen, die Überalterung, sowie die Schuldenlast. Man könnte ihnen begegnen, indem man die Politik ändert. Und dies ist sicher auch dringend geboten.

Hier endet allerdings das Gebiet des Wirtschaftswissenschaftlers. Denn es gibt auch noch Hemmnisse außerhalb des Wirtschaftsgeschehens, die nicht mit Politik zu bekämpfen sind. Als erstes wäre da die abnehmende Energierendite zu nennen. Der Aufstieg Amerikas, eigentlich der gesamten westlichen Welt, ist einer zunehmenden Ausbeutung fossiler Energie zu verdanken. Diese steht aber vor einem riesigen Problem: die Energierendite nimmt ab, gleichzeitig wird es immer schwieriger, neue Vorkommen zu erschließen. In Kombination bedeutet dies, dass die Grundlage der industriellen Revolution erodiert: die Maschinenarbeit ersetzt ja nur so lange die Menschenarbeit, wie es genug Energie von außen gibt, die man nutzen kann.

Dazu könnte man natürlich sagen, dass dies nicht das Ende der Entwicklung sein muss, man kann ja auch die Energie besser, oder wie einige sagen, intelligenter nutzen. Aber das würde bedeuten, den Wert der Maschinenarbeit zu unterschätzen. Ohne sie war das Leben schlicht und einfach anstrengend. Was jetzt die erneuerbaren Energien davon auffangen können, sei dahingestellt. Ich persönlich bin nicht optimistisch, dass wir ohne größere Einschnitte davonkommen.

Das zweite große Problem ist die Zerstörung der Umwelt. Gordon redet von Umweltschutzmaßnahmen korrekterweise als defensiv, weil sie nicht die Lebensqualität steigern, sondern nur deren Schaden abfedern. Trotz alledem sind diese Maßnahmen nicht nicht freiwillig. Inzwischen leiden die Menschen zunehmend an den Umweltauswirkungen der Technik, die damals für sie immense Vorteile gebracht hat. Das Auto hat uns von dem Gestank der Pferde befreit: jetzt müssen wir uns von dem Gestank der Autos befreien. Und das kostet nun mal Geld und geht auf Kosten weiterer Verbesserungen.

Das weitere Wachstum kommt also zu einem steigenden Preis. Und das ist meiner Ansicht nach der wahre Grund für das Ende des Wachstums. Wobei ich hier Gordon insofern folge, als ich mit Wachstum nicht einfach die Erhöhung des Bruttosozialprodukts meine, sondern eine Erhöhung der Lebensqualität der allgemeinen Bevölkerung.

Warum dieses Buch so wichtig ist

Das Buch ist so wichtig, weil es uns eine Geschichte erzählt, unsere eigene Geschichte. Der Aufstieg Amerikas ist ja ganz ähnlich der Europas und anderer Weltregionen eine Ausbeutungsgeschichte. In Frankreich spricht man von den trentes glorieuses, den glorreichen dreißig Jahren (1945 - 1975), nach denen die Akühlung kam. Und wir erfahren hier, wie viel Schichten die Technik über das alltägliche Leben gelegt hat, wie wenig von dem heute so Selbstverständlichen noch vor hundert Jahren selbstverständlich war.

Diese Geschichte ist keine Zukunftsutopie. Das war sie einmal. Deswegen wird sie auch nicht mehr erzählt. Irgendwie ist es halt spannender, von neuen Abenteuern zu erzählen. Stephen Hawking lässt uns als Ausweg aus der Malaise zum Beispiel neue Sterne erobern, ähnlich wie Thomas Grüter. Für mich allerdings eröffnet sich hier dennoch ein Abenteuer. Zum einen kann man die Technik, die uns umgibt, noch einmal Stück um Stück würdigen. Zum anderen aber kann man beginnen, eine Frage zu beantworten, die sich immer deutlicher hören lässt: Was von alledem ist uns wirklich wichtig?

Denn wenn es wirklich darum geht, eines Tages die eine oder andere Technik zu verabschieden, dann wollen wir uns insgeheim beraten und entschieden haben, welche das sein soll. Aber woher soll man wissen, was uns am wichtigsten ist? Woher soll man wissen, was uns am meisten fehlen wird, wenn es nicht mehr da ist?

Ein Blick in die Vergangenheit hilft da Wunder.

Nicht um sie zu kopieren, sondern um aus ihr Antworten auf die Zukunft zu schöpfen.





Marcus Kracht, 2016-3-20