Wachstum — welches Wachstum?

Marcus Kracht, 25. Juni 2012

Gewisse Worte sind inzwischen gar nicht mehr so oft zu hören, obwohl sie bis vor Kurzem noch der Renner schlechthin waren. "Globalisierung", "Outsourcing", "Börsengang" — man findet sie jetzt nur noch, wenn man nach ihnen sucht, aus dem täglichen Diskurs haben sie sich heimlich verabschiedet. Warum eigentlich?

Um gleich mit der Nachricht herauszukommen: es gibt kein Wachstum mehr. Die Globalisierung hat sich im Wesentlichen erledigt. Wer nicht schon in China ist, denkt auch nicht mehr darüber nach, dorthin zu gehen, Outsourcing ist out, Insourcing ist in, weil das Transport- und Logistikkosten spart, und für Börsengänge fehlt momentan das Publikum. Wer etwas anderes denkt, sollte sich vielleicht mal mit den Rohdaten auseindersetzen. Wirtschaftsindikatoren sind dabei denkbar schlecht, denn sie messen nicht das, was die Menschen interessiert. Viel besser sind Rohstoff- und Energieverbrauch im Verhältnis zu den bekannten Reserven. (Für die Genauigkeit sage ich nur, dass Reserven das sind, wofür man in Berichten und Bilanzen geradestehen muss, weil sie den wirtschaftlichen Teil der Resourcen darstellen. Resourcen dagegen darf jeder ungestraft postulieren. Deswegen spreche ich hier nur von Reserven.)

China

Um die Brisanz der Situation zu sehen, helfen ein paar Zahlen. Laut einem Aufsatz von Raúl Ilargi Meijer benötigt China ein Wachstum von 7 Prozent, um stabil zu bleiben. Nun verbrennt China bereits jetzt die Hälfte der weltweit geförderten Kohle. (Siehe auch den Artikel von Euan Mearns, der nichts an Aktualität eingebüßt hat.) Ein Wachstum von 7 Prozent jährlich bedeutet, dass in 10 Jahren China sämtliche geförderte Kohle dieser Welt verbrennt. Es ist also mehr als klar, dass es so nicht kommen wird. Wahrscheinlichste Entwicklung: das Wachstum in China wird sich sehr bald abkühlen. Weitere Voraussage: in ein bis zwei Jahren wird nicht die Finanzwelt das große Thema sein und woher unser Geld kommt, sondern die Frage, woher wir die Stoffe und die Energie bekommen, die wir verbrauchen wollen. Diese Schätzung meinerseits beruht beruht einerseits auf den hier genannten Zahlen (mit einem Schuss Intuition), andererseits wurden sie auch von Chris Skrebowski und anderen genannt. Sie haben sich die Frage gestellt, wann der steigende Ölverbrauch in China und Indien nicht mehr durch Effizienzsteigerung anderswo aufgefangen werden kann. Die Koinzidenz verheißt nichts Gutes.

Zunächst einmal werde ich ein paar Gegenargumente gegen die Prognose diskutieren. Das erste lautet: die Kohleförderung könnte ja ausgeweitet werden. (Das obige Argument setzt implizit voraus, dass es nicht so kommt.) Tad Patzek und Greg Croft haben allerdings in einer Studie ausgerechnet, dass die Energie aus Kohle weltweit nicht mehr wesentlich zunehmen wird. Sie postulieren zwar auch eine schnelle Abnahme der Förderung, was nicht alle teilen, siehe die Diskussion in The Oil Drum, aber das Problem verliert nichts von seiner Brisanz, wenn die Förderung zumindest nicht zunimmt. Ferner hatte sich die chinesische Regierung vor 2 bis 3 Jahren ein Fördermaximum von 3,6 bis 3,8 Millarden Tonnen järlich auferlegt und liegt jetzt bei 3,9. Es ist aus mehreren Gründen nicht wahrscheinlich, dass weiteres Wachstum möglich ist.

  1. Der Verzicht ist vermutlich gar nicht freiwillig, sondern der Tatsache geschuldet, dass China die Kohle nicht so schnell abbauen kann.
  2. Inzwischen bietet der Transport von Kohle ein logistisches Problem, sodass China lieber Kohle importiert (die ja über den Seeweg geliefert wird).
(Siehe für diese und andere Zahlen den Aufsatz von Kevin Tu und Sabine Johnson-Reiser und den oben zitierten Aufsatz von Euan Mearns.)

Das zweite Argument ist die Entkopplung von Wachstum und Energieverbrauch. Es wäre ja möglich, dass die Wirtschaft wächst, ohne mehr Energie zu verbrauchen. Dazu muss man eigentlich nicht viel sagen. Die Fakten sprechen im Augenblick dagegen. Nicht nur, dass der weltweite wie nationale Energieverbrauch nicht nennenswert sinkt. Ich hätte auch gerne gerne eine Rechnung gesehen, wie das praktisch gehen soll. Gewisse Dinge sind unterhalb eines gewissen Energie- und Rohstoffeinsatzes schlicht nicht zu haben. Dazu gehören Nahrungsmittel (zumindest in der entwickelten Welt, mit einem Verhältnis von bis zu 10:1 an verbrauchter Energie zu erzeugter Energie), Transport, Heizung und die Herstellung von materiellen Gütern. Mit anderen Worten: weniger Energie bedeutet in aller Regel auch weniger Güter. Wirtschaftswachstum ohne Zunahme des Energieverbrauchs hieße, die Wirtschaft würde sich entmaterialisieren, das heißt, auf Güter ausweichen, für die man schlicht weniger Energie benötigt. Schön wäre das natürlich, aber ich sehe nicht, dass das geschieht. Wer Näheres wissen will, dem sei der Aufsatz von Gail Tverberg empfohlen. Ferner hat sich bei der ASPO Tagung in Wien Wolfgang Streicher zu der Frage der Energieautarkie Österreichs geäußert. Unterm Strich bleibt, dass es zwar im Prinzip möglich ist, aber enorme Anstrengungen erfordert und eigentlich nichts in diese Richtung geschieht und wohl auch in naher Zukunft nichts geschehen wird. Das betrifft sicher nicht nur Österreich.

Und drittens beschleunigt das Wachstum den Abbau der Ressourcen, ohne dass neue hinzukommen. Die statische Reichweite der Kohle wird für China mit 38 Jahren angegeben (das ist R/P, also Reserven/Produktion, siehe BP Statistisches Jahrbuch 2010)! Mit anderen Worten: bei bleibendem Verbrauch (und gleichbleibenden Reserven) ist der Kohlevorrat Chinas im Jahr 2050 erschöpft. Wer möchte angesichts dieser Zahlen noch Prognosen für das Jahr 2050 abgeben? Die Zeichen in China stehen anscheinend auf Sturm, so sieht es jedenfalls Ambrose-Evans Pritchard.

Zeitrahmen

Wenn man nur einen kurzen Blick über die obigen Daten wirft, sollte schon klar sein, dass der Zeitrahmen sehr kurz ist. Normalerweise wird von Verkündern des Peak Oil sehr schnell gesagt, dass Peak Oil nicht heißt, dass kein Öl mehr da ist, sondern nur, dass wir das Fördermaximum erreicht haben. Aber das bedeutet natürlich keineswegs, dass Entwarnung angesagt ist. Denn wie so oft ist schon die Aussicht, dass kein Wachstum mehr zu erzielen ist, für die meisten eine recht düstere. Denn alle wollen wachsen. (Genau genommen wächst der Energieverbrauch in der westlichen Welt, also Europa und Nordamerika, nicht mehr, er schrumpft sogar leicht. Aber das Wachstum der anderen macht das mehr als wett.) Genauso ist es bei der Kohle. Wenn die statische Reichweite besagt, dass wir die Kohle in einigen Jahrzehnten komplett verbrannt haben werden, so wird schon einige Zeit vorher die Förderung sehr schwierig werden (alle kennen das vom Auskratzen von Nutellagläsern her), was wiederum die Kohle verteuert und dazu führt, dass einige Kraftwerke stillgelegt werden. Wer bitte möchte als Erster davon betroffen sein? Nur am Rande erwähne ich, dass die statische Reichweite der Kohle in Deutschland laut BP Statistik 37 Jahre beträgt.

Insofern musste ich mich doch bei der diesjährigen ASPO Tagung in Berlin doch etwas wundern, mit welchem Elan bei der Abendveranstaltung die Energiewende diskutiert wurde. Ernsthaft wurde davon gesprochen, dass wir die Energiewende schaffen, wenn wir diese und diese Dinge tun. Auch wenn ich mit Vielem einverstanden bin, was diskutiert wurde, manche Zukunftsszenarien erscheinen mir doch etwas rosig. Ich bin der Meinung, dass wir die Energiewende auch dann schaffen, wenn wir nichts tun. In wenigen Jahren wird es nämlich einen gewaltigen Abwärtssog beim Verbrauch geben. Und je weniger wir verbrauchen, desto höher wird unser Beitrag an erneuerbaren Energien. Denn diese werden die einzigen sein, die uns mittelfristig (1 bis 2 Dekaden) zur Verfügung stehen werden. Auf die Frage, was passieren wird, wenn die Windräder und Photovoltaikanlagen ersetzt werden müssen, antworte ich an dieser Stelle allerdings nicht. Ich bin nicht sehr optimistisch, was deren langfristigen Nutzen angeht, aber vielleicht sollten wir auch nicht zu viel auf einmal verlangen. Worum es mit hier geht ist allein dies: das Maximum des Energiverbrauchs ist erreicht, und auch Dekaden in der statischen Reichweite sind kein Trost. Längst wirft der Mangel seine Schatten voraus. Denn wir haben in Wahrheit nicht allein und nicht fundamental eine Finanzkrise sondern eine Energie- und Rohstoffkrise. Wachstumspakete und sonstige Finanzideen sind reine Augenwischerei. Sie können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Deindustrialisierung Europas und Amerikas bereits im Gange ist. Der sinkende Energieverbrauch geht überwiegend auf das Konto der Auslagerung nach China und anderswo. Noch bringt es uns Geld ein, aber das wird sich rasch ändern.

Ein Wachstumspakt mit dem Ziel, Industrie aufzubauen, ist aus diesem Winkel betrachtet illusorisch. Die Bankenrettung wird es den Kapitalbesitzern vermutlich eher erlauben, eigentlich marode Investitutionen schadlos in Bargeld umzuwandeln, bevor sie sie abschreiben müssten. Man denke etwa an das Abwenden von Staatspleiten und die sagenhaften Rettungsschirme der EU, siehe dazu den Aufsatz von Penny Ciancanelli. Das erhöht ihre Kaufkraft, während die Lasten der Rettung umverteilt werden, und das wird in Zeiten der Knappheit eher noch dazu führen, dass sie den Rest der Bevölkerung finanziell an die Wand drücken können. Das wird die Preise für die meisten Güter, etwa Acker- und Bauland, in die Höhe treiben. Das sind keine guten Entwicklungen, und es ist schon etwas schwer zu verstehen, warum die Maßnahmen dennoch von allen befürwortet werden.

Geostrategie

Man sollte auf all diese Dinge immer auch mit einem strategischen Blick sehen. Die Frage, die im Raum steht, ist, was wem nützt. Und hier ist die interessante Situation, dass es zur Zeit zwei Länder gibt, die von der gegenwärtigen Situation am meisten profitieren können: die USA und Russland. Beide haben große Vorkommen von allen möglichen Rohstoffen. Die USA haben noch für sehr viel längere Zeit Kohle als China (R/P 245 Jahre). Außerdem sind die USA ein großer Exporteur von Nahrungsmitteln. Warum also nicht einfach warten? Die Zeit arbeitet in diesem Fall für die USA. Ein Stromengpass in China würde massive Auswirkungen haben ganz zu schweigen von Nahrungsmittelknappheit.

Europa allerdings sollte sich ernsthaft Sorgen machen: Rohstoffe und Primärenergieträger sind hier Mangelware. Es gibt kein Anrecht darauf, sie zu bekommen, auch wenn man Geld hat. Allein Nahrung und Wasser stehen in ausreichender Menge zur Verfügung. Ob wir, im Falle großer Knappheit, auf die Hilfe anderer rechnen können, ist nicht ausgemacht. Besser, man kommt alleine zurecht. Die Deindustrialisierung ist so gesehen das Beste, was uns passieren kann. In Deutschland ist das allerdings ein Tabu. Man kann also nur hoffen, dass uns das Leben nicht bestraft, wenn wir zu spät kommen, weil wir bis in die späte Nacht Autos produziert haben.

Kein Wachstum, nirgendwo

Es gibt also, wenn ich es richtig sehe, nicht nur kein Wachstum. Die ein, zwei Prozent kann man getrost als Kosmetik abtun. Geschönte Zahlen eben. Vielmehr beginnt in spätestens zwei Jahren die flächendeckende Abwärtspirale. Dann nämlich, wenn die letzten Finanzmaßnahmen verpufft sind und allen (aber auch wirklich allen) dämmert, dass Investitionen in Fabriken und Hochtechnologie sich finanziell gar nicht rechnen werden. Spannend wird, was dann als Nächstes kommt. Denn unweigerlich werden sich die Investitionen neue Wege suchen, und die werden dann wohl nicht in Richtung neue Hochtechnologie oder Energieverbraucher gehen. Nicht mehr Industrie, weniger Industrie wird auf dem Programm stehen. Und dies selbst dann, wenn prinzipiell noch ein paar Jahre Fettlebe drin wären.

Der Daimler in der Garage wird noch einige Jahre fahren, die Photovoltaikanlage noch ein bis zwei Jahrzehnte Strom liefern, doch was dann? Wird der Händler Ihres Vertrauens noch im Branchenbuch stehen, wenn der Wagen schrottreif ist oder die Anlage auf dem Dach in die Knie geht? Wird die Firma noch liefern (können), wenn irgendein Teil kaputt gegangen ist?