Von dem, das ist, und dem, das sein soll

Marcus Kracht

30. Dezember 2013




Widerspruch

Neulich bekam ich Post von ein Bekannten, der meinen letzten Aufsatz gelesen hatte und mir einiges zu Bedenken gab. Ich dachte: endlich einmal Widerspruch! Und in der Tat, auch wenn wir uns im Prinzip einig waren, so blieb doch viel übrig, was aus seiner Sicht bedenkenswert wenn nicht bedenklich war. Ich bin dankbar für solche Hinweise. Denn immer wieder muss auch ich sehen: so einfach, wie ich die Dinge denke, sind sie am Ende nicht, oder jedenfalls kann man es offenkundig auch anders sehen. Mehr als alles in der Welt habe ich viele Fragen, viel mehr noch als Antworten.

Heftigen Widerspruch erntete auch Niko Paech, den wir mit Transition Town Bielefeld an die Uni Bielefeld eingeladen hatten. Da der Sturm nahte, wurde die Universität vom Rektorat kurzfristig geschlossen und wir mussten auf einen anderen Raum ausweichen. Eigentlich hatten wir nur einen kleinen Haufen von der Größe des gallischen Dorfes erwartet. Doch nichts da! Der Raum war brechend voll, geschätzte 120 bis 140 Menschen kamen, um sich die Thesen anzuhören.

Auch wenn eigentlich alle irgendwie einen Wandel befürworteten, so war doch der Widerspruch groß. Um zum ersten Mal seit Langem erlebte ich eine dieser Diskussionen von früher, wo unablässig die Systemfrage gestellt wurde und der Blick immer wieder ins Politische, dann ins Gesellschaftliche, dann Philosophische und wieder zurück ging. Auch wenn man letztlich ein Ende setzen musste: dieser Widerspruch war wichtig, lebenswichtig. Wir brauchen ihn.

Ich könnte noch von ein paar mehr Momenten sprechen, in denen leidenschaftlich gestritten wurde. Das macht mich optimistisch; denn es ging in allen Fällen immer um die Sache, nicht um das Recht haben.

Was kommt und was wir uns wünschen

Worum also dreht sich der Streit? Oder genauer: was sind seine Ursachen?

Aus meiner Sicht kommt viel Dissens daher, dass man einige Dinge nicht unterscheidet.

Besonders die letzten beiden Punkte sind problematisch. Gail Tverberg sagte neulich in einem Interview, der Staat könne im gegenwärtigen Zustand eigentlich nur noch eine radikale Sparkur machen. Was natürlich bedeuten würde, dass viele Wohlfahrts- und Rüstungsprogramme gestoppt werden müssten. Dazu gehören also medizinische Versorgung von Arbeitslosen und Rentnern, Rentenzahlung, Studienkredite, Bürgschaften für den Hauskauf und vieles mehr. Und dass eine Monarchie bei allem Pomp doch recht sparsam sei im Vergleich zu einer modernen Demokratie.

Was sie nicht sagte war, dass ihr eine Monarchie oder die Kürzung der Sozialleistungen gefallen würde. Es ist ein feiner Unterschied: sie sagt, was sie für eine wahrscheinliche Entwicklung hält, nicht, ob sie das für gut hält.

Anders die Vorschläge von Niko Paech. Er möchte uns sagen, was er sich wünscht, auf dass wir es auch wünschen. Er sagt nicht: so wird es kommen. Auf die Frage, wie hältst Du es mit der Machtfrage, also: wie organisierst Du es, dass eintritt, was Du Dir wünschst, antwortet er natürlich nicht direkt. Er hat es sich nicht zur Aufgabe gemacht auszumalen, wie man das neue System auch tatsächlich erreicht. Natürlich wüsste er das gerne, aber schon die Aufgabe, einen realistischen Gegenvorschlag zum Bestehenden zu entwerfen, ist groß genug.

Ich denke, wenn man fragt, wie man das hinbekommt, dorthin anzukommen, wo man auch ankommen will, so werden die meisten Vorschläge ohnehin fragwürdig. Ich kenne keine, die vollkommen sicher, ja überhaupt einigermaßen konsensfähig wären. Denn man muss ja auch die anderen dazu bekommen, denselben Weg einzuschlagen, und hat oft noch nicht einmal gefragt, ob sie denn das Ziel überhaupt wollen. Aber jede Art und Weise, die anderen zum dem gleichen Ziel zu bringen kann ja auch von diesen benutzt werden, um uns auf ihren Weg zu bringen. Es ist einfach utopisch zu glauben, dass es einen Königsweg hin zu dem Ziel gibt. Es geht in Abwesenheit von Machmitteln nur dadurch, dass wir sie dazu bringen, dasselbe zu wollen wie wir. Wir müssen sie also überzeugen. Auf das Risiko hin, dass am Ende wir es sind, die überzeugt werden.

Dieses Risiko aber müssen wir eingehen.

Peak Oil

Die Diskussion kann uns dazu bringen, unsere Überzeugungen zu revidieren. Das ist nicht immer einfach. Nicht wegen der Fakten, sondern weil auch Stolz mitspielt. Wer gibt schon gerne zu, sich geirrt zu haben? Davon handelte nebenbei ein Vortrag von Steffen Bukold über die Analysen der IEA, dem jährlichen World Energy Outlook. Bukold sprach in diesem Zusammenhang von der relativ fruchtlosen Diskussion über Peak Oil. Ursprünglich hatten sich einige (unter anderem Colin Campbell und Jean Laherrère) aus dem Fenster gelehnt und einen frühen Punkt für Peak Oil angegeben, und hielten zum Beispiel 2006 auch retrospektiv für den Zeitpunkt. Dennoch hat die Ölförderung seitdem noch zugenommen. Die Rechtfertigungen, die danach erfolgten, mögen ja vielleicht nicht verkehrt sein (etwa, dass es eigentlich um Rohöl und Kondensat ging), so richtig zielführend sind sie auch wieder nicht. Denn Tatsache ist nun mal, dass es mehr flüssigen Treibstoff gibt als vorher. Das bedeutet aber, dass Peak Oil nicht 2006 eingetreten ist. Es ist nicht zu leugnen.

Was aber bedeutet das letztlich? Bukold wies auf etwas anderes hin, das dabei gerne übersehen wird. Die IEA geht nämlich davon aus, dass die Förderung noch um Einiges zunehmen kann. Die Länder, die dafür herhalten müssen, sind aber nicht bekannt für Stabilität: der Irak gehört an erster Stelle dazu ebenso wie Kasakhstan (S. 508 im WEO). Diese Länder könnten mehr fördern, wenn es denn politisch möglich wäre.

Mit anderen Worten: es kann so kommen, wie die IEA behauptet, aber wahrscheinlich ist es nicht. Und das wiegt immerhin ziemlich schwer. Möchten wir unsere Zukunft auf eine Energieprognose stützen, die gar nicht wahrscheinlich ist? Wäre es da nicht klüger, Sicherheitsmargen einzuplanen? Muss Peak Oil bedeuten, dass wir nicht mehr fördern können oder reicht eben auch aus, dass wir es einfach nur nicht tun?

Bei Ugo Bardi finden wir eine Kritik einer anderen Kritik des Peak Oil, die da lautet: wir haben gar kein Peak Oil, wir haben nur Peak Demand. Das ist einerseits nicht nachprüfbar, es sei denn, Nachfrage ist definiert als die Menge, die tatsächlich verkauft wird. Aber ist es ist schon so, dass in dem Fall, wo gewisse Länder zwar technisch fördern könnten aber aus politischen Gründen nicht dazu kommen, jedenfalls etwas anderes vorliegt als Peak Oil. Denn eines haben die Befürworter immer betont: es geht um geologisch und physikalisch realisierbare Fördermengen, die man eben nicht beliebig ausweiten kann.

Dem haftete natürlich immer etwas willkürliches an: ich weiß nicht, wie man das Limit der Förderung berechnet, ohne die Möglichkeit verstärkten Anlagenbaus mit einzubeziehen. (Für eine recht verständliche Diskussion der ökonomischen Faktoren siehe das Interview mit Steve Kopits.)

Man sieht bei diesem Beispiel als Außenstehender eigentlich schnell, dass es eigentlich um recht kleine Details geht, wenn wir die Frage stellen, was uns bevorsteht. Es lohnt wenig, auf der Frage herumzuhacken, ob nun oder nicht Peak Oil da ist oder vielleicht etwas später (vielleicht ja 2014?). Denn es gibt viel mehr Fragen, die wir uns auch noch stellen sollten:

Propheten des Untergangs

John Michael Greer macht sich gerne über Untergangspropheten lustig, nicht nur über die Religionsfanatiker. Seine Serie "Apocalypse Not" ist sehr unterhaltsam, schon weil es da sehr viele Zitate gibt. Aber es gibt sicher einen Unterschied zwischen einer Untergangsphantasie und dem, was die Wissenschaft im Augenblick zu Tage fördert. Dennis Meadows wird gerne vorgeworfen, er sei so pessimistisch. (Siehe dieses Interview der Volkswagenstiftung, die übrigens die Forschungen zum ersten Bericht des Club of Rome finanziert hat.) Die Denkweise folgt hier dem, was ich als Wunschlogik bezeichne: wir lieben die Vorhersagen nicht, also halten wir sie für falsch. Das ist kein Einzelfall. Viele Bücher, die über die Zukunftsentwicklung geschrieben werden, erscheinen mir oft positiver, als die geschilderte Bilanz hergibt. Wie ich mal irgendwo las, sind sich die Autoren dessen durchaus bewusst. Nur werden sie (oder fühlen sie sich) oft gedrängt, nicht zu offensichtlich die Bedrohung zu schildern — oder jedenfalls zu sagen, dass es noch nicht zu spät ist, gegenzusteuern usf. Und so wird gerne das, was wir sehen wollen zu dem erkl&auoml;rt, was wir sehen.

Wahrscheinliche Entwicklung

Wenn es darum geht, was wir denn eigentlich tun müssen, werden von (meist finanziell interessierter) Seite irgendwelche negativen Zukunftsszenarien mit dem Hinweis verworfen, dass es auch anders kommen könnte. Und dass man bittesehr nicht so negativ denken solle. Es muss ja keine Apokalypse kommen, den Menschen wird noch etwas einfallen, oder sie werden kurz vorher mit den gefährlichen Aktivitäten aufhören.

Möglich ist das alles. Aber ist es auch wahrscheinlich? Glaubt irgendwer, die ständige Zerstörung des Bodens oder die Verbrennung von fossilen Stoffen kann einfach spurlos vonstattet gehen, weil es eben auch so sein könnte? Und wird es noch einmal so gut klappen wie bei den FCKWs, wo wir kurz vor der Zerstörung der Ozonschicht aufgehört haben? Ist nicht der Arzt gut beraten, bei irgendwelchen Symptomen zunächst einmal auf die wahrscheinliche Ursache zu tippen anstatt immer nach irgendwelchen Grenzfällen Ausschau zu halten? Nach dem x-ten Test auf irgendwas entfernt Mögliches würden wir wohl glauben, der Arzt sei anderem hinterher als unserer Gesundheit.

Es gibt in England ein Institut für das Studium des existentiellen Risikos. Damit ist das Risiko gemeint, dass die Menschheit eine gewisse Zeitspanne, sagen wir dieses Jahrhundert, nicht überlebt. Ich wiederhole: die gesamte Menschheit. Und dieses Risiko ist nicht klein. Etwa ein Viertel (!), sagt Nick Bostrom. Wie hoch also sollen wir die Chance einstufen, dass trotz aller Umweltverschmutzung und Erschöpfung von Rohstoffen und Energiequellen kein größeres Unglück passiert?

Ich für meinen Teil denke, die Chance ist zu klein, um ernsthaft in Erwägung gezogen zu werden.

In der Mitte gibt es dagegen den wahrscheinlichen Weg, gezeichnet von mittleren und größeren Katastrophen, der uns langsamerhand fast die gesamte Technik aus der Hand nehmen wird und mit ihr die Verteidigungsmauern gegen die Willkür der Naturgewalten und unseren Maschinenpark.

Und wenn dies die wahrscheinliche Entwicklung ist, dann müssten wir uns wohl am ehestens darauf einstellen, als auf irgendetwas anderes. Es muss uns keinen Spaß machen. Ich betone noch einmal, dass es nicht um die Frage geht, ob man die Prognose beruhigend findet, und ob man anstelle solcher Studien nicht lieber anderes lesen würde.

Moralisch gesehen wäre dies aber nicht in Ordnung. Zu wissen, was uns bevorsteht und es nicht weiterzugeben, wäre unredlich. Natürlich mit der gebotenen Vorsicht. Ich sage nicht: so oder so kommt es garantiert. Sondern eben nur: das oder das wird wohl wahrscheinlich eintreten. Und wenn ich doch so spreche, dann ist es gewiss nicht so gemeint. Es kann nicht um Garantien gehen. Oder, wie es bei Asterix heißt: "Unmöglich ist nicht gallisch, meine Freunde!"

Das ist der Grund, warum Widerspruch so wichtig ist.



Marcus Kracht 2013-12-30