Was sollen wir tun?

Marcus Kracht, 3. Januar 2015

Phlegmatiker

Ich bin von Natur aus phlegmatisch. Die Grundziele der Umweltbewegung habe ich zwar durchaus geteilt, aber ich war nie der Meinung, dass sich der globale Trend irgendwie stoppen ließe. Die westliche Zivilisation erschien mir wie ein Großtanker, dessen Kurs man nicht so leicht ändern kann. Es mag auch an einem Generationenwechsel liegen, denn ich bemerke, dass viele meines Alters sich ähnlich skeptisch äußern. Ich bin kein 68er, die Aufbruchstimmung war schon vorbei, als ich anfing zu studieren, und man konnte bereits die Schattenseiten des 68ertums erkennen.

Die Grüne Partei war damals schon da, die Grünen haben sich seitdem in mehrere Richtungen entwickelt, die Pragmatiker haben, so sehen sie es zumindest, "Recht" behalten. Von den vielen Profiteuren der Revolte, die die Proteste letztlich nur für sich genutzt haben, will ich schon gar nicht reden.

Eigentlich habe ich stets mit der ökologischen Bewegung sympathisiert. Vielleicht war es nur so, dass ich nicht zu Aktivismus neige. Die anschwellende Besorgnis in Bezug auf Peak Oil hingegen hat mich ermutigt, denn doch aktiv zu werden. Denn, so sah ich es zumindest, der Ressourcenmangel hatte das Zeug, diesen Wahnsinn genannt Industrialisierung zu stoppen. Im Gegensatz zu allem, was die Politik aufgeboten hat, um den Status Quo zu retten, haben die Energie- und Rohstoffprobleme ein wichtiges Plus. Sie beruhen auf schlichter Physik. Rohstoffe sind da oder nicht, Energie ist verfügbar oder nicht. Timothy Geithner sagte einmal, er könne Geld drucken nicht aber Öl. Wie wahr. Die Naturgesetze sind eben nicht verhandelbar. Dass Peak Oil das Zeug hat, unsere Ordnung durcheinander zu bringen, diese Überzeugung habe ich immer noch. Es ist für mich eher die Frage, wann er kommt, denn ob er kommt. Jedoch haben die Jahre der Aktivität in mir wieder Zweifel aufkommen lassen, ob der Aktivismus die richtige Antwort ist.

Wie immer, wenn irgendetwas Unvorgesehenes und Dramatisches passiert, wenn schlechte Nachrichten kommen, fragt man sich, was man denn tun kann. Moralisch gesehen ist alles eindeutig. Krieg bricht aus, eine Tsunami zerstört Landstriche, ein Stück Regenwald wird zur Ausbeutung freigegegen. Und wir sitzen da und drehen Däumchen. Sind wir nicht selbstzufrieden? Sollten wir nicht die Zeit, die wir haben, zu Besserem nutzen? Vielleicht zu der Verhinderung dessen, das wir da gerade kommen sehen. Es sei nicht verschwiegen, dass es Leute gibt, die etwas tun und die auch etwas bewegen. Ich will ihr Engagement nicht schlecht reden. Wir brauchen sie. Ich bin jedesmal fasziniert von der Geduld, die einige Menschen aufbringen, um etwas Gutes zu bewirken. Und davon, wie viele es sind.

Was mich aber umtreibt ist die Frage, ob das alleine ausreicht. Ja sogar, ob wir nicht zuviel der Krisenhilfe tun, wo wir besser täten, die Krise nicht hochkommen zu lassen.

Wie aber kann das gehen? Was kann bewirken, dass eine Krise nicht kommt? Sind sie nicht alle unvermeidbar, diese Kriege und Zerstörungen und ist nicht das Einzige, was wir tun können, die Folgen zu lindern?

Was mich zweifeln lässt, ist, dass ich in diesem Engagement auch eine Schattenseite sehe, die ich verstehen will. Ich habe Menschen gesehen, die auf jede Unebenheit des Systems mit Aktionen, Arbeitsgruppen oder wenigstens mit Petitionen reagiert haben. Ihnen zuzuhören ist einerseits faszinierend. Aber ihr Umgang mit dem Leben ist nicht der meine. Für mich sind sie sowohl Lösung wie Problem. Sie sind, so sehe ich es, schlicht die lichtvolle Seite einer Gesellschaft, die im Nachdenken keinen Wert erblickt und die stets nur vom Machen redet. Nicht, dass ich den anderen das Nachdenken generell absprechen will. Was ich sagen will, ist, dass die Frage: Was sollen wir denn tun? eine Gefahr in sich trägt. Sie suggeriert, ganz nebenbei, dass wir etwas tun können. Denn nur wer etwas unternehmen kann, kann dazu in die Pflicht genommen werden. Und zweitens lädt sie mich immer zum Widerspruch ein: insofern man etwas dagegen tun kann, kann man auch etwas dafür tun. Dieselbe Gesellschaft, die Ehre auf sich lädt, indem sie die Herausforderungen der Zukunft anpackt, ist die gleiche, die uns diese Herausforderungen täglich einschenkt.

Das Machen ist ein Problem. Es ist das eigentliche Problem. Wir machen zuviel.

Wissenschaftler

Nun bin ich nicht nur Phlegmatiker, ich bin auch Wissenschaftler, also jemand, der beruflich nachdenkt. Insofern passt hier das oben beschriebene Ideal auf mein Berufsbild. Der Wissenschaftler ist der Mensch, der erst denkt und dann handelt. Wenigstens in der Theorie.

In der Praxis, der wissenschaftlichen Praxis also, ist das alles anders. Der Wissenschaftler ist nicht nur in den Augen der Gesellschaft sondern auch in seinen eigenen Augen, zunehmend ein Macher. Wo andere Produkte erschaffen, erschafft er Wissen. Und in dieser Selbstbeschreibung erhält er Zustimmung von allen Seiten, besonders der Politik. Denn die braucht Wachstumsraten und Wettbewerbsvorteile, und deswegen muss die Wissenschaft anschaffen gehen. Exzellenz und Leuchttürme sind gefragt. Was, warum, wozu, fragt lieber nicht sondern macht!

Das ganze Gerede um den Wissenschaftler im Elfenbeinturm ist nichts als Blödsinn. Stereotype eben oder Vorurteile. Wir könnten inzwischen froh sein, wenn es noch welche von der Sorte gäbe. Denn wie in der Medizin so auch in der Wissenschaft: was nichts nützt schadet wenigstens auch nicht.

Wie bitte? Der Autor möchte eine ineffiziente Wissenschaft, eine die nicht schaden kann, weil sie zu nichts nutze ist?

Nicht wirklich. Was ich will ist eine Wissenschaft, die sich ebenfalls die Frage nach dem wozu stellt. Und zwar bevor sie anfängt zu forschen. Forschen ist auch eine Form von Machen, mit allen Risiken und Nebenwirkungen.

In Wahrheit ist die Wissenschaft, genauer die in den Hochschulen und Forschungsinstituten des Landes praktizierte Forschung, alles andere als weltfremd. Sie dient sehr konkreten Zielen. Dass das so bleibt, liegt unter anderem an einem System, dass stets weniger Geld ohne Bedingungen austeilt und immer öfter vorher danach fragt, was denn das erstrebte Ziel sei.

Offiziell geht es da um Qualitätswahrung. Wenn es das wirklich ist, so sage man mir, welche Qualität da nicht gestimmt hat. Und vor allem: wenn Wirtschaftsdaten das Kriterium für Erfolg in der Bildung sind, was um alle Welt haben wir in Deutschland verkehrt gemacht? (Wolfgang Clement, heute morgen befragt, sieht es naturgemäß anders. Er, Kämpfer für die Hartz IV Reform, die jetzt 10 Jahre alt ist, sieht diese als die richtige Tat, die Bildungspolitik hingegen als Versagerin. Jeder, wie er's braucht.)

Die Antwort ist so schlicht wie bedrückend: nichts. Es ist eigentlich alles gut gelaufen. Worunter wir leiden, ist die Zunahme einer gesellschaftlichen Konkursverwaltung, die allen einredet, der Grund warum es weniger Geld geben wird, ist der, dass sie bisher nicht effizient genug gearbeitet haben. Arbeiter, Angestellte, Lokführer, Ärzte, Wissenschaftler — alle.

Die Schuldenbremse, die sinkenden Wachstumsraten, die zunehmende Verschuldung sind eben auch Formen der Krise, die in uns den immer gleichen Reflex hervorrufen, die Frage nämlich: Was sollen wir tun?

Und so wird auch die Wissenschaft in die Pflicht genommen zu tun. Mehr Studenten unterrichten, besser betreuen, mehr veröffentlichen, mehr patentieren, mehr Drittmittel. Stachanowisten bitte vortreten.

Und jetzt komme denen niemand mit der Antwort: wir sollen nachdenken. So etwas Altbackenes will hier niemand hören. Wir sind nämlich innovativ in jeder Hinsicht. Vom Nachdenken wird nichts, schon gar kein Wachstum. Und auch diese Retourkutsche wird kommen: seht her, kein Klimaabkommen ohne gesicherte Forschungsergebnisse. Wie bekommen wir die, wenn jeder hier macht, was er will? Nein, liebe Wissenschaftler, ihr müsst schon belastbare Zahlen liefern.

Und so sitzt der Phlegmatiker wieder in seinem Sessel und fragt sich, ob es das wirklich sein kann. Sind den Politikern die Forschungsergebnisse um den Klimawandel wirklich etwas wert? Brauchen sie die? Hängen davon die Verhandlungen ab? Nützt es etwas, all die Tierarten zu zählen und zu dokumentieren, damit wir "gezielt Artenschutz" betreiben können? Ist es wirklich wichtig, ganz genau zu wissen, welche chemische Substanz mit welcher anderen reagiert und giftige Stoffe erzeugt, wie viel genau man davon in den Boden schütten kann, bevor sie dem Menschen gefährlich wird?

Oder ist nicht die Wissenschaft der Türöffner der Industrie? Heißt nicht Wirtschaftswachstum immer auch Zerstörungswachstum? Sind die schönen Tierfilme nicht einfach nur niedlicher Zeitvertreib, allenfalls wecken sie in uns den Drang, selber dahin zu fliegen und mit eigenen Augen die Landschaft sehen zu können? Sind die Teilchenbeschleuniger nicht einfach riesenhafte Maschinen, deren Ergebnisse am Ende als Kuriositäten zu Gebäck und Tee gereicht werden?

Ja, ja und nochmal ja. Geben wir es zu: Wissenschaft ist schön, sie ist die einzige staatlich geprüfte Märchenerzählerin. Nur ihren Märchen hören wir zu, die anderen halten wir für Zeitverschwendung.

Und sonst? Geben wir auch dies zu: sonst ist nichts als Popanz. Die Wissenschaft, die den Planeten retten kann, gibt es nicht. Das ist Hokuspokus, Wichtigtuerei im Namen eines Systems, das nur praktische Erfolge belohnt.

Bücherwurm

Ich setze mich also in meinen Sessel und denke nach. Nicht als Wissenschaftler, denn der muss ja systemkonform funktionieren. Sondern als Privatmann, als Feierabendphilosoph. Und lese Bücher. In der festen Überzeugung, dass alles, was wir wissen müssen, bereits irgendwo steht. Und dass alles andere nur noch die Frucht beharrlichen Nachdenkens ist. Denn soviel ist klar: Lesen alleine bildet nicht. Es ist erstens klar, dass nicht egal ist, was wir lesen. Und auch nicht, wie wir lesen. Lesen ist Bewusstseinserweiterung, ist aber nur dann wirksam, wenn wir den Dingen hinterherdenken.

Das schwierigste am Studium waren meist nicht die Inhalte. Sondern den Denkrahmen richtig zu justieren. Das hat gelegentlich Jahre gebraucht. Immer noch versuche ich zum Beispiel zu verstehen, wie Wirtschaftstheorien funktionieren — oder ob sie vielleicht ja auch gar nicht funktionieren.

Bei der Philosophie ist das ja nicht anders. Die Themen haben die Philosophen der Antike vorgegeben. Jede Generation arbeitet sich erneut an ihnen ab. Sie kann nicht anders. Es gibt keine endgültigen Antworten, es gibt oft nicht einmal Antworten sondern manchmal nur Haltungen, die man einnehmen kann.

Was unsere Zivilisation angeht, ist ihre Zukunft auf der einen Seite ungewiss. Was kommen wird, weiß eigentlich niemand. Was wir kennen, sind die Zwänge unter welchen sie operiert. Energie- und Rohstoffe sind im Schwinden, die Wachstumsraten nehmen unerbittlich ab. Keine Regierung der Welt hat das verhindern können. Bilden wir uns nicht ein, wir wären schlauer als unsere Vorfahren.

Das Denken, richtig verstanden, hat den Vorzug, dass es ohne Kosten die Entwicklungen durchgehen kann. Eine nach dem anderen. Und sich im Stillen überlegt, was das bedeutet. Um dann, wenn es soweit ist, vielleicht eine halbwegs befriedigende Antwort zu haben. Ohne Garantie, aber wenigstens ohne, dass sie die Entwicklung noch unnötigt befeuert.

Die ganze Photovoltaik und Windkraft, schön und wichtig, hat nicht ein einziges Kraftwerk stillgelegt, weil unsere Industrie den zusätzlichen Strom anders zu verwenden wusste. All die Mühe für die Katz, denn immer noch wird uns erzählt, wie schrecklich das ist, wenn wir auf Kohlekraftwerke verzichten werden. Und was ist, wenn wir all diese Windräder und Photovoltaikanlagen ersetzen müssen, weiß ich immer noch nicht so recht.

Denke ich so bei mir.

Und dann gehe ich in den Garten und schaue nach meinen Pflanzen. Denn irgendetwas muss man ja tun.






Marcus Kracht, 2015-1-3