Wie die Wissenschaft ihr wichtigstes Kapital verspielt — das Vertrauen

Marcus Kracht, 16. August 2017

Das letzte Glied in der Kette

Wissenschaft dient dem Fortschritt der Menschheit. Wenn es nach den Broschüren von Regierungen, Universitäten und vor allem Firmen geht, steht uns eine Zukunft bevor, in wir nicht arbeiten müssen, weil das die Roboter für uns tun, in der die Luft so sauber ist wie in den Alpen, man auch das Rheinwasser bedenkenlos trinken kann und die Autos nicht mehr stinken.

Wer dagegen argumentiert, bekommt meistens zu hören, dass man entweder keine Ahnung habe oder ein Wissenschaftsfeind sei. Wer auf Probleme hinweist, dem erzählt man, diese seien eine Sache der Vergangenheit; die Probleme, die noch bestehen, werden sicher demnächst gelöst werden. Alles sei eben nur eine Frage der Technik.

Als gäbe es im Leben Dinge, die nur eine — zudem noch positive — Seite hätten. Bisher war es so, dass der zunehmende Fortschritt immer mehr selbstverursachte Probleme erzeugt hat. Um dennoch nicht den Glauben an eine saubere Zukunft zu zerstören, wurden deswegen immer mehr Vertuschungsstrategien ersonnen. Hat man vor hundert Jahren den Betroffenen erzählt, ihr Leiden müssten sie im nationalen Interesse hinnehmen, so verneint man heute schlicht, dass das Leiden mit dem Tun der Industrie oder der Regierungen in Verbindung steht. An dem Krebs der Liquidatoren in Tschernobyl war folglich nicht die Radioaktivität schuld. Und die Kriegsveteranen aus Vietnam litten keinsfalls wegen der massenhaften Ausbringung von Agent Orange (das unter anderem Dioxine enthielt; die waren zwar unbeabsichtigte Nebenprodukte, aber man hat sich nicht sonderlich um deren Eliminierung bemüht).

Mit dem erhöhten Bedarf an Vertuschung wachsen allerdings auch die Gegenkräfte. Immer wieder machen Einzelne oder Organisationen die Dimension der Täuschung offenbar. Im Juli diesen Jahres nun gingen die sogenannten Poison Papers online. Sie enthalten über 20 000 Dokumente nicht alleine über die Giftigkeit von Chemikalien, die die Industrie seit Jahrzehnten herstellt. Die Dokumente sprechen eine eindeutige Sprache über die Zusammenarbeit der Industrie mit den Behörden in den USA, von denen sie eigentlich überwacht werden sollten.

Solcherart Enthüllungen sind zwar nicht neu, aber die enorme Zahl an Dokumenten ist schon bedrückend. Sie machen insbesondere eine mehr oder weniger systematische Zusammenarbeit offenbar. Und es geht dabei nur um die chemische Industrie, nicht um Gentechnik, der Nukleartechnik, die Arzneimittelindustrie. In diesem Sommer hatte man genug Anschauungsmaterial was den Umgang von Regierungen mit der Industrie angeht. Der deutsche Dieselgipfel gipfelte in einer Selbstverpflichtung, irgendwelche Softwareupdates kostenlos zur Verfügung zu stellen, damit der Schadstoffaustausch gesenkt werden kann. (Der Postillion berichtete.) Viele Beobachter haben darauf hingewiesen, wie strikt die amerikanischen Behörden mit Volkswagen umgegangen sind. Nun dürfen sie sich ansehen, wie schwer sich dieselben Behörden mit den eigenen Firmen getan haben — und vermutlich weiter tun.

Das wissenschaftliche Berufsethos

Ich will mich aber nicht mit der Frage auseinandersetzen, was da genau enthüllt wurde. Was mich interessiert sind die Auswirkungen, die dieser Umgang mit der Wahrheit auf uns alle hat. Denn was hier vorgeht, wird auf lange Sicht das Vertrauen in die Wissenschaft endgültig ruinieren.

Es soll niemand sagen, es sei ja gar nicht die Wissenschaft schuld, allerhöchstens die Wissenschaftler beziehungsweise eine korrupte Minderheit unter diesen. Und auch nicht, dass die Wissenschaft schon richtig sei, nur werde von interessierter Seite damit Schindluder getrieben. Wer so redet, verteidigt die Idee, Wissenschaft beruhe lediglich auf Wissen, und dies wiederum beruhe auf objektiven Tatsachen. So funktioniert Wissenschaft leider nicht. Wissenschaft ist ein Gemeinschaftsprojekt und beruht deswegen fundamental auf Vertrauen. Die gigantische Wissenspyramide, die wir gebaut haben, ist nicht das Werk eines Einzelnen, sondern von Millionen von Menschen. Nur indem sie zusammenarbeiteten, konnte all dies entstehen.

Niemand kann alle Studien überprüfen, die jeden Tag publiziert werden. Die meisten verstehen noch nicht einmal ihren Inhalt und müssen sich deswegen von anderen erklären lassen, was die Studien überhaupt hergeben. Aber auch die Fachleute in einem bestimmten Gebiet können nicht mit Gewissheit sagen, dass das, was sie von anderen lesen, wirklich wahr ist. Ein Experiment kann man nicht mal eben nachbauen und ablaufen lassen. Wissenschaftler führen oft die Experimente gar nicht selber durch (und wenn es nach den Träumen mancher Wissenschaftspolitiker geht, sollten die Professoren das auch gar nicht; sie sollten nur Geld besorgen und anderen die Arbeit — auch die Gedankenarbeit — überlassen). Die Wissenschaftler müssen sogar ihren eigenen Laboranten vertrauen, dass sie die Experimente oder Studien auch genau so durchgeführt haben, wie sie es behaupten.

Was einem berichtet wird, kann sich so oder eben anders zugetragen haben. Insofern ist das, was wir als unser Wissen betrachten, eigentlich etwas, das wir fest glauben, weil wir den Beteiligten vertrauen. Mit anderen Worten, ob diese oder jene Behauptung tatsächlich wahr ist — also im Endeffekt Wissen darstellt — ist offen; und das nicht nur, weil es uns prinzipiell nicht möglich ist, mit Hilfe der wissenschaftlichen Methode letzte Sicherheit zu erlangen, sondern auch, weil wir in letzter Konsequenz vielen Menschen vertrauen müssen. Deswegen ist es immens wichtig, dass Wissenschaftler auf ein Berufsethos verpflichtet sind. Wissenschaftliches Berufsethos ist es, Studien genau wie berichtet durchzuführen und nichts Wesentliches zu verschweigen. Kurz, ein Wissenschaftler ist der Wahrheit verpflichtet.

Aus vielen Gründen kann es aber geschehen, dass Menschen sich nicht an ihr Berufsethos halten. Einer der wichtigsten davon ist, dass es ihnen verboten wird. Ein anderer ist, dass ihr Lebensunterhalt davon abhängt. Man kann, wie der Fall von James Damore zeigt, dafür gefeuert werden, dass man die offizielle Unternehmensphilosophie der Diversität in Zweifel zieht, obwohl die Gründe aus psychologischer Sicht durchaus korrekt sind. (Jordan Peterson, Professor für Psychologie, der das Interview führt, hebt dies mehrfach hervor.) Und hier ging es noch gar nicht um giftige Chemikalien oder gefälschte Studien. Es ging darum, dass Google in letzter Konsequenz dazu aufforderte, bevorzugt Frauen oder Personen von sogenannten unterrepräsentierten Minderheiten einzustellen, weil man anders die Diversitätsziele nicht erreichen konnte. Wobei eben damit Rassismus mit Rassismus bekämpft wurde. James Damore hatte seinen Mut zusammengenommen und ein Memorandum geschrieben, eben weil er sich der Wahrheit verpflichtet fühlte. Er hat darauf hingewiesen, dass die Diversitätsziele möglicherweise auf falscher Grundlage beruhen, nämlich dass Frauen und Männer för praktisch jeden Beruf gleichermaßen motiviert bzw geeignet sind. Das Berufsethos, dessentwegen er eigentlich eingestellt wurde, erwies sich in seinem Fall als stärker als der Wunsch seiner Firma, er möge sich der offiziellen Linie beugen. Die meisten Angestellten von Google, die seiner Meinung waren, haben es dagegen vorgezogen zu schweigen.

Die stetige Zersetzung des Vertrauens

Wo Menschen am Werk sind, gibt es Interessen. Die Idee einer von Interessen unabhängigen Wissenschaft ist Unsinn. Umso muss mehr muss man betonen, dass es ein wissenschaftliches Berufsethos gibt, und dass diejenigen, die dagegen verstoßen, moralisch versagt haben.

Das eigentliche Problem aber ist dieses: Während sich alle darauf einigen können, dass es so etwas wie ein Berufsethos für Wissenschaftler gibt, das sie auffordert, ihre eigenen Interessen diesem zu unterwerfen, gilt für Unternehmen genau das Gegenteil: Sie sind darauf verpflichtet, ihre eigenen Interessen vor alles andere zu stellen, weil dadurch (angeblich) alle profitieren.

In dem Moment, wo Unternehmen also Wissenschaft und Technologie einsetzen, um Geld zu verdienen, sind sie auf Kollisionskurs mit der Allgemeinheit. Sie müssen die schädlichen Nebenwirkungen um jeden Preis verneinen oder, wo das nicht geht, kleinreden. Je mehr Forschung sie betreiben oder betreiben lassen, umso mehr müssen sie darauf achten, dass die Wahrheit nicht als Licht kommt. Dies ist ein klassischer Zielkonflikt. Es sollte also von vornherein klar sein, dass wir von Unternehmen nicht erwarten dürfen, dass sie uns umstandslos aufklären.

Leider dürfen wir auch von der eigenen Regierung nicht erwarten, dass sie dies tut. Denn wie sich zeigt, nehmen es die Behörden mit der Kontrolle nicht genau. Angeblich ist der Grund Mangel an Geld. Angesichts unseres unvorstellbaren Reichtums kann ich das aber nicht gelten lassen. Eher noch ist das Problem der Mangel an Willen. Und man sollte auch hier nicht vergessen, dass Firmen und Regierungen über persönliche Beziehungen eng verzahnt sind.

Dazu kommen nun eine ansteigende Technisierung unserer Welt und ein ansteigender Kontrollwahn, der sich nicht nur über die Menschen sondern auch über die gesamte Umwelt erstreckt. Warum sonst werden riesige Flächen mit Insektiziden oder Pestiziden besprüht (zB gegen Zecken, Heuschrecken, Mücken)?. Auch diese haben immer größere Nebenwirkungen.

Wir kommen damit zu dem fundamentalen Problem der Gegenwart an: Es gibt keinen Weg, die ansteigenden Probleme der Wissenschaft, Technik und der Industrialisierung durch mehr Technik, mehr Wissenschaft und mehr Industrie zu lösen. Das Problem ist genauer, dass es keinen gangbaren Weg gibt, keinen, den die Menschheit gehen kann, ohne sich selbst zu zerstören. Zumindest gibt es keine Evidenz, dass es ihn gibt. Je mehr wir die Welt vermessen, umso stellen wir fest, wie einst sicher geglaubte Technologien nur noch mehr Probleme geschaffen haben.

Gegen diese Erkenntnis sperren sich sehr viele. Selbst in vielen ansonsten zivilisationskritischen Kreisen herrscht die Meinung vor, wir könnten zum Beispiel auf erneuerbare Energien umschalten, die Kohle- und Kernkraftwerke abschalten und damit unser Energieprobleme ein für allemal lösen. (Außer natürlich bei der Produktion wie etwa bei Tesla und anderen Firmen.) Auch wenn dies für sich genommen plausibel ist, habe ich ernsthaft Bedenken, dass dies funktioniert, weil wir gleichzeitig mit der Bereitstellung der Energie immer noch die zerstörerischen Industrien füttern. Wir müssten in gleichem Atemzug die Meere vom Plastik säubern, die Pestizide und Herbizide weglassen (unter Verlust von Ernteerträgen), die Ausbreitung der Wüsten stopppen und so weiter. Wie dies in einer Gesellschaft gehen kann, die das Selbstinteresse zumindest der Industrie an erste Stelle gestellt hat, ist mir nicht erklärlich.

Inzwischen steigen die Probleme an, Klimaabkommen und Umweltlinien hin oder her. Ob nun Amerika beim Pariser Abkommen mitmacht oder nicht, ist eigentlich ziemlich egal. Das Abkommen ist in weiten Strecken nicht bindend, und wo es bindend ist, wird es vermutlich von den Unterzeichnerstaaten ebenfalls nicht eingehalten. Es wird wohl noch ein bisschen Zeit vergehen, bis die Frage aufkommt, warum wir eigentlich so viel Wissenschaft betreiben, wenn die Probleme immer zahlreicher und immer größer werden. Und dann werden die Enthüllungen wie die Poison Papers ihren Beitrag dazu leisten, dass die Menschen das Vertrauen in die Industrie, die Regierungen und in letzter Konsequenz auch in die Wissenschaft verlieren.

An dieser Stelle wird es dann müßig sein, darauf hinzuweisen, dass die ideale Wissenschaft frei von diesen Problemen ist und dass ja eigentlich die Wissenschaftler ordentlich Arbeit machen (woran ich nicht zweifele). Man wird angesichts nicht zu leugnender Probleme irgendwann das Kind mit dem Bade ausschütten und die Wissenschaft komplett verdammen. Wir sind auf dem besten Wege in das Zeitalter des völligen Vertrauensverlusts und damit der Irrationalität. Ich selber habe leider das Vertrauen verloren, dass wir von der technischen Entwicklung in der Medizin, der Gentechnik oder der Chemie eine bessere Zukunft erwarten dürfen. Im Gegenteil, ich rechne fest damit, dass alles bis ins Letzte wirtschaftlich ausgebeutet wird, um dann, wenn die ersten die Folgen sichtbar werden, die Hände in die Luft zu werfen und zu sagen: Das hätte man damals nicht wissen können.

Aber genau das ist falsch. Empirisch falsch. Wir vernachlässigen regelmäßig die Vorsorge, das ist alles.

Der aufgeblähte Wissenschaftsapparat ist Nutznießer einer zivilisatorischen Entwicklung, die er wiederum befördert. Die meisten Lehrstühle existieren aufgrund eines zu erwartenden wirtschaftlichen Nutzens in Form von Forschung oder Weitergabe von Bildung. Was immer man zur Verteidigung der (idealen) Wissenschaft vorbringen mag: Die real existierende Wissenschaft ist wohl oder übel Komplizin in einem Geschäft, von dem bereits jetzt feststeht, das es unseren Untergang herbeiführt. Wie ich schon sagte, gibt es meines Wissens keine empirische Evidenz, dass unsere fortgesetzte Technisierung eine substantielle Verringerung der von ihr selbst erzeugten Probleme hinbekommt.

Einstein wird immer wieder damit zitiert, dass man ein Problem nicht auf dieselbe Art lösen kann, auf die man es erzeugt hat. Leider schrecken die meisten vor der Konsequenz zurück, die dies für unser heutiges Leben hat: Die Probleme der Technik sind nicht durch Technik (und nicht etwa durch andere Technik) zu lösen.

Den Preis für diesen lässigen Umgang mit der Wahrheit werden wir bald zu zahlen haben.





Marcus Kracht, 2017-8-16