Schöne neue Zahlen

Marcus Kracht, 4. Juli 2012

My make-up may be flaking
but my smile still stays on.

— Queen: The show must go on

Zahlenkosmetik

In der modernen Welt sind Zahlen etwas ganz wichtiges geworden. Zahlen haben den Mythos des Objektiven. Wer also nicht subjektiv erscheinen will, der trägt viele Zahlen im Tornister mit sich herum und verteilt sie großzügig unter die Menschheit. Denn was wäre die Wissenschaft ohne Statistik, mit der man aus einem Gewirr von Daten eine Aussage herausdestillieren und auf das Podest des Wissens heben kann? Abgesichert durch eine mathematische Disziplin, wohlgemerkt. Und was wäre eine moderne Verwaltung ohne ein Zahlenwerk, das ihr erlaubt, Entscheidungen objektiv und zielgenau zu treffen?

Wenn es denn so einfach wäre.

Ich will aber nicht den Kritiker der Zahlen spielen, auch wenn das gewiss nötig wäre. Ich will auf etwas Anderes hinweisen, das sich in die Köpfe und Herzen einschleicht: das ständige Starren auf Indikatoren und die damit einhergehende Verengung des Horizonts. Und zwar so lange, bis das eigentliche Ziel aus dem Blick gerät.

Nun ist es allgemein bekannt, dass die Zahlen nicht so heilig und objektiv sind, wie immer gerne von ihnen behauptet wird. Regierungen hübschen schon seit geraumer Zeit ihre Zahlen auf. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, die Inflation ebenso? Besser, es wird nichts offiziell bekannt. Die USA machen das seit ein paar Jahrzehnten sogar ganz offiziell und auf ganz professionelle Art, siehe die Seite Shadowstats. Man kann sich natürlich fragen, warum Regierungen das überhaupt nötig haben. Die Antwort ist schlicht die, dass sie Opfer der eigenen Politik geworden sind. Wer die Indikatoren ständig zum Beweis des eigenen Erfolgs hochhält, muss sich schon etwas einfallen lassen, wenn ebendiese Indikatoren nicht mehr so rosig sind.

Da passt ins Bild, was dieser Tage von der Barclay's Bank bekannt wurde. Offenbar hat die Bank (und nicht nur sie) den Interbankensatz (sogenannter Libor oder London Interbank Offered Rate) um bis zu 10 Prozent zu niedrig angegeben. Und dies mit Wissen der Bank of England, deren Aufgabe es eigentlich ist, die Banken zu beaufsichtigen. Aber wie gesagt: das Problem ist ja, dass schlechte Zahlen auch schlechte Stimmung verursachen, im Gegensatz zu guten Zahlen. Es reicht ja, wenn die Verantwortlichen die wahre Lage kennen. Also lieber nichts sagen. Jedenfalls nicht öffentlich.

Zahlenkosmetik hat also seine Ursache letztlich darin, dass die Zahlen, insofern sie einigermaßen unabhängig entstehen, nicht immer genehm sind. Wer aber gute Stimmung braucht, schweigt über sie. So hat die Regierung Bush 2005 plötzlich keine Angaben mehr über den Geldmengenindikator M3 gemacht; so war kürzlich geplant, keine Daten über Ölfördermengen durch die US Energy Administration mehr zu erheben (siehe den Artikel auf The Oil Drum). Und so weiter. Wer nicht schweigt, schönt die Zahlen ein wenig. Der Versuchung, sie frei zu erfinden, sind die westlichen Regierungen noch nicht erlegen, aber das kann noch kommen.

Good bye, Peak Oil?

Politiker wollen gute Stimmung, denn dann lässt sich leichter regieren. Darum sind so viele regierungs- und wirtschaftskritische Organisationen ganz schnell in der Defensive. Denn da sie gegen die Regierung argumentieren, sind sie ganz klar die Miesmacher. Und die haben schlechte Karten. Kein geringerer als Dennis Meadows hat die Peak Oil Szene davor gewarnt, immer nur schlechte Nachrichten zu verbreiten. Sie könnte sich dadurch nämlich schlicht marginalisieren, weil niemand solche Nachrichten auf Dauer hören möchte.

Aber das ist nur die eine Seite. Was da allerdings fehlt, ist die langfristige Perspektive. Was ist denn, wenn sich irgendwann das Gefühl einschleicht, mit den Zahlen stimmt etwas nicht? Wird dann nicht die Stimmung umschlagen und genau diejenigen werden ein Problem bekommen, die vorher keins gesehen haben? Kann es sein, dass sich Beharrlichkeit im Umgang mit Fakten auszahlt? Ich denke schon. Und das hat etwas mit Glaubwürdigkeit zu tun. Wenn wir nicht mehr von Peak Oil reden, verlieren wir unsere Glaubwürdigkeit, erst vor uns, und irgendwann auch vor anderen. Ob nun oder nicht Peak Oil etwas Schlimmes ist oder ob sich (wie ich glaube) durchaus sehr positive Aspekte finden lassen: ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie sich Peak Oil tatsächlich als positive Botschaft verkaufen lässt. Dafür bin zu wenig Stratege. Aber Glaubwürdigkeit beginnt viel früher: nämlich bei der Frage, ob wir den Tatsachen (oder was wir dafür halten) wirklich ins Auge sehen.

In dieser Woche machte die Nachricht die Runde, Citicorp habe ein neues Gutachten über Ölvorräte erstellen lassen und sei zu dem Schluss gekommen, es sei unglaublich viel Öl vorhanden und die Fördermenge könne man zudem bis 2020 auf sage und schreibe 110 Millionen Barrel am Tag ausdehnen. Peak Oil wäre damit bis auf Weiteres erledigt. Sogar George Monbiot vom Telegraph stellte irritiert fest, dass wir wohl genug Öl haben, um uns zu braten (We were wrong on peak oil. There's enough to fry us all). Dafür hat er viel Kritik und Häme einstecken müssen, siehe etwa die schöne Zusammenfassung von Norbert Rost.

Es gibt, wie man dort lesen kann, genug Gründe, die Zahlen anzuzweifeln. Ich tue hier aber etwas anderes: ich nehme sie hin und frage mich, was wir davon haben und warum eigentlich dieser Kampf nötig ist.

Zuerst die gute Nachricht: die Industrie hat verstanden! Das Thema ist da, es wird wahrgenommen, und man fühlt sich gemüßigt, darauf zu antworten. Und nun, wie angedeutet, die Frage: was haben wir davon, wenn die Welt 110 Millionen Barrel Öl fördert? Wird es noch mehr werden? Die Studie scheint irgendwie zu sagen, dass dann endgültig Schluss ist. Im Jahr 2020. Das ist gar nicht so weit hin. In diesem Jahr also wird China endgültig aufhören müssen, mehr Öl zu verbrauchen, und nicht nur China. Mit anderen Worten: das Wachstum wird weltweit zu Ende sein, wenn nicht schon vorher (siehe den Eintrag Wachstum — welches Wachstum?). Also noch 8 Jahre Zeit, und dann ist Schluss? Und was machen wir bis dahin? Noch mehr Kernkraftwerke bauen, wie Fatih Birol vorschlägt? Sämtliche Banken retten, damit es keine Depression wie 1930 gibt? Hat eigentlich irgendjemand einen Plan, was in dem Fall passieren wird, dass die Weltwirtschaft nicht mehr wachsen kann? Und wenn nicht, was ist jetzt eigentlich so schlimm daran, wenn Peak Oil jetzt ist im Gegensatz zu ein wenig später?

In seinem Aufsatz zu der Bakken Formation hat Robert Rapier die Frage analysiert, wieviel Öl jetzt eigentlich in den USA vorhanden ist. Wie dem Aufsatz zu entnehmen ist, ist viel von dem wunderbaren neuen Öl nur eines: entsetzlich teuer und umweltschädlich. Die folgende Analogie drängt sich auf. Sie haben sich ein schönes Grundstück am Fuße der Alpen gekauft, mit allem drum und dran, einschließlich eigenem Wasser vom Brunnen. Jahrelang geht das gut, bis der Brunnen anfängt zu versiegen. Sie sind besorgt, bis eines Tages jemand Ihnen freudig berichtet, dass es durchaus Wasser in der Gegend gibt, eine Quelle, 1000 Meter hangaufwärts von Ihrem Grundstück aus. Es gibt also Wasser — aber um es zu bekommen, müssen Sie beträchtliche Strecken gehen. Sofort ist Ihnen klar, dass das keine sehr attraktive Lösung ist. Warum? Weil Sie selber gehen müssen. Ganz im Gegensatz zum Öl, dessen Förderung wir anderen überlassen. Da fällt es leicht, sich mit der Feststellung abspeisen zu lassen, man könne ja irgendwo in Amerika noch unkonventionelles Öl fördern. Schließlich werden die ja wissen, wovon die reden. Und das wissen die auch, nur dass sie ihr Wissen nicht dazu benutzen, um uns einen Gefallen zu tun, sondern weil es ein Geschäft zu machen gilt.

Man bedenke es wohl: während die heutige Ölförderung immer noch eine Energierendite von um die 20 abwirft, ist die Energierendite von Öl aus Ölschiefer um die 1, so eine Studie von Cutler Cleveland. (Bei Biodiesel und ähnlichen Ersatzstoffen ist sie sogar noch schlechter.) Die Rendite misst wie bei Geld den Ertrag, den die Energiinvestition tatsächlich abwirft. Investieren Sie in Ölschiefer 1 Barrel Öl, bekommen Sie eines dazu, haben also jetzt zwei. Von diesem müssen Sie aber leider eines wieder zurücklegen, damit Sie diese Menge erneut fördern können. Anders ausgedrückt, bei der Förderung aus solchen Quellen müssen Sie die Hälfte (!) einbehalten, nur um die Produktion aufrecht zu erhalten. Bei einer Rendite von 20 sind es dagegen keine 5 Prozent. Der ganze Fetisch um die Fördermengen relativiert sich damit ziemlich schnell.

Die Verkümmerung des Denkens

Neulich überraschte eine Studie mit der Erkenntnis, warum die Tomaten heutzutage nicht mehr schmecken. Grund sei die Tatsache, dass Forscher nur geforscht haben, wie man schöne runde rote Tomaten bekommt. Der Geschmack war schlicht irrelevant. Hätte man Geschmack als Züchtungskriterium genommen, wären vielleicht andere Tomaten dabei herausgekommen. Hat man aber nicht. Und so bleibt es bei geschmacklosen roten Tomaten.

Und genauso sieht es überall aus. Niemand fragt mehr, ob die Zahlen irgendetwas bringen. Hauptsache, wir können etwas messen. Wissenschaftler werden also nach Publikationszahlen und Impact-Faktoren bewertet, und es ist völlig abzusehen, dass man bekommen wird, wonach man sucht: Forscher mit lupenreinen Impact-Faktoren und unglaublich vielen Veröffentlichungen. Alle wissen das eigentlich, aber Kritik wird abgebügelt. Besser ein schlechtes Kriterium als gar keines. Die unterschwellige Botschaft: wer keine Zahlen nimmt, um Forschung zu beurteilen, arbeitet völlig beliebig und subjektiv.

Auf diese Art schafft sich das Denken selber ab. Es bringt den Typus des Zahlenjongleurs hervor, der auf alles irgendwelche Zahlen liefern kann, die irgendwas belegen, man weiß nur oft nicht, was.

Und die Industrie spielt kräftig mit. Für alle unsere Bedenken hat sie Zahlen parat. Solche, die belegen, dass alles in Ordnung ist, wenn wir so weiter machen, wie bisher. Die belegen, dass die Zukunft rosig ist, vor allem, wenn wir den Kräften der Märkte vertrauen. Die uns Hoffnung machen sollen.

Es ist meiner Meinung nach völlig sinnlos, das Spiel mit Zahlen gewinnen zu wollen, auch wenn ich nichts lieber täte. Das Problem ist immer das Gleiche. Die Frage muss lauten: warum bekommen wir diese Zahlen? Warum gerade jetzt? Wer liefert sie uns? Was hat er davon? Was sagt uns das? Wer diese Fragen nicht stellt und trotzdem glaubt, ehrliche Antworten zu bekommen, liefert sich dem nächsten Kredithai in die Fänge. Oder glaubt halt alle möglichen rosaroten Geschichten über unsere Zukunft.

Die Zahlen von Maugeri sind nicht frei erfunden. Gönnen wir sie ihm. Aber die Geschichte, die er und vor allem andere daraus machen, ist ein Witz. Was haben wir eigentlich davon, dass Peak Oil nicht jetzt ist sondern in ein paar Jahren? Wird bis dahin die Energierevolution kommen, werden Bank- und Staatspleiten der Geschichte angehören? Und was soll es uns sagen, dass die USA auf absehbare Zeit ihr eigenes Öl fördern können? Das könnten sie ja auch schon jetzt, wenn sie nur weniger verbrauchten.

Aber das wäre ja wohl zuviel verlangt.